Auf dem Westfälischen Jakobsweg

Auch wenn mit Sicherheit bereits im Mittelalter Jakobspilger die Sieg als Orientierungshilfe für ihren Weg nach Köln, dem deutschen Drehkreuz der Jakobswege in Richtung Santiago de Compostela, genutzt haben, so ist bis dato kein Weg markiert. Wenn ich also auf Jakobswegen in Richtung Norden gehen will, muss ich mir zunächst einen Jakobsweg suchen. Doch der ist schnell gefunden.

 

Bereits am Ende des vierten Wandertages stoße ich nach der Überquerung des nordöstlichen Teils des Bergischen Landes in Breckerfeld auf eine Alternativroute des Westfälischen Jakobsweges und am Tag darauf in Hagen-Haspe sogar auf seine Hauptroute.

 

Von nun an werden mich ausgewiesene Pilgerwege bis hinauf nach Norwegen bringen. Kleines Problem: Die Markierungen der Jakobswege in Deutschland sind im Prinzip für die Pilger an Bäumen, Telegrafenmasten, Hauswänden etc. befestigt oder aufgemalt, die in süd- oder südwestlicher Richtung unterwegs sind, also gen Santiago di Compostela. Ich aber nehme die entgegengesetzte Richtung. Werden mir die blaugelben Markierungsplättchen mit der Jakobsmuschel immer ins Auge fallen oder werde ich sie übersehen? Wird es dadurch zu Irr- oder Umwegen kommen? Also, Pilger, immer schön aufpassen! Aber wird schon!

 

Ein Schnellüberblick für die Jakobspilger, die von Norden kommen: Der Westfälische Jakobsweg beginnt am Dom von Osnabrück und verläuft von dort über den Teutoburger Wald ins Münsterland und weiter nach Lünen und Dortmund ins Ruhrgebiet. Dann kommt der Pilger über das Bergische Land nach Gevelsberg, Schwelm und schließlich nach Wuppertal-Beyenburg. Von dort geht es auf einem der Nordrheinischen Jakobswege über  Altenberg nach Köln, dem Zentrum mittelalterlicher Frömmigkeit.

 

Durch meine Brille gesehen, der ich in Gegenrichtung unterwegs sein werde, erwartet mich Folgendes:

 

Bei Hagen überquere ich die Ruhr, folge ein Stück der Uferpromenade des von der Ruhr gebildeten Hengsteysees und bin bald darauf in Dortmund. Auf die Pilgertradition muss bei dieser Industriemetropole vielleicht noch hingewiesen werden. Doch sollte diese eigentlich nicht verwundern, liegt Dortmund doch direkt am Hellweg, der wichtigsten mittelalterlichen Rhein-Elbe-Verbindung. Dementsprechend war Dortmund auch Pilgerstation.

 

Weiter geht es durch das östliche Ruhrgebiet, welches sich ungeachtet nationaler wie internationaler Vorurteile längst als moderne und grüne Landschaft darstellt, die aus einer einmaligen Mischung von Urbanität und naturnahen wie renaturierten Gebieten besteht. Die Zeiten, in denen weiße Bettwäsche nach dem Trocknen grau von der Leine geholt wurde, sind seit Jahrzehnten passé. Ich quere den Datteln-Hamm-Kanal und erreiche mit Lünen den südlichen Teil des Münsterlands. Der südlichste Vorposten des Bistums Münster, Werne, war eine alte Pilgerstation mit Hospital zur Unterbringung der Pilger.

 

Die weitere Wegführung nach Norden richtet sich nach Vermutungen, denn der genaue Verlauf des originalen Pilgerweges ist unbekannt. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden in der Gegend zwischen Werne und Münster erste steinerne Wege angelegt, vorher muss die Strecke von katastrophaler Qualität und wohl auch von wechselndem Verlauf gewesen sein. Ein Bericht aus dem 17. Jahrhundert erzählt davon, dass die Strecke für Wagen wie Pferd fast unpassierbar gewesen sein muss. Das gilt heute natürlich nicht mehr, die teilweise bestehende Nähe zur A 1 lässt manche Pilgerin und manchen Pilger vielleicht eher wünschen, dass die Gegend ein bisschen weniger gut an die Zivilisation angebunden wäre.

 

Auf Feld- und Wirtschaftswegen geht es weiter nach Norden. Neben den Feldern, die sowohl der Viehwirtschaft wie dem Ackerbau dienen, sind es hauptsächlich Obstbaumpflanzungen sowie Eichen-Hainbuchenwälder, durch die der Weg aufgelockert wird. Einzelne Höfe von meist nicht unbeträchtlicher Größe liegen verstreut in der Landschaft. Noch vor Überquerung des Dortmund-Ems-Kanals kommen die Türme von Münster in den Blick.

 

Anschließend erreiche ich das Naturschutzgebiet Boltenmoor. Dies ist ein etwa 10 ha großes, naturbelassenes Stück Torfmoor, das einen Eindruck davon gibt, wie es hier und in der norddeutschen Tiefebene bis vor wenigen hundert Jahren an vielen Stellen ausgesehen hat. Die Entwässerung der Moore hat seit dem 17. Jahrhundert zu einem dramatischen Wechsel des Landschaftsbildes geführt, welches das agrarische Münsterland in seiner heutigen Form aber erst ermöglichte.

 

Ich folge ein Stück dem Dortmund-Ems-Kanal und lerne dann auf Zickzack-Wegen  die für das Münsterland typischen Wallhecken kennen. Dies sind durch Knicken oder Einschlag der Triebe sehr dicht wachsende Hecken, die dem Windschutz und der Einfriedung der Marken dienen.

 

Teutoburger Wald und Tecklenburger Land sind weitere Stationen, bevor ich in Osnabrück, dem Start- bzw. Endpunkt des Westfälischen Jakobsweges, ankomme. Das im Mittelalter zu einer wichtigen wie auch reichen Handels- und Hansestadt herangewachsene Osnabrück war für die Pilger aus dem norddeutschen und skandinavischen Raum als Wegstation von großer Bedeutung, was sich unter anderem noch heute in Straßennamen und durch Funde und Sehenswürdigkeiten in verschiedenen Kirchen belegen lässt.

 

Die ersten fast 300 km liegen hinter mir. In den bisher durchquerten Landschaften wurde Industriegeschichte geschrieben und der Dreißigjährige Krieg beendet. Pilger und Händler zogen hier durch und sogar römische Kriegsheere. Für den Anfang doch schon ganz schön.