Auf dem Olavsweg von Oslo nach Trondheim

Meine Pilgerroute auf dem Olavsweg verläuft nahezu entlang der heutigen E6, der Verbindungsstrecke von Oslo zu den Lofoten und zum Nordkap. Es war schon früher der Weg des Volkes, der Post, der Könige und der Pilger. Nidaros, das heutige Trondheim, war im Mittelalter ein bedeutsames Pilgerziel. Pilger aus ganz Europa pilgerten zum Wallfahrtsort, dem Dom zu Nidaros, um Buße zu tun, um Heilung zu erfahren, denn der Dom wurde auf dem Grab des heiligen Olav errichtet.

 

Wer war eigentlich dieser Olav, nach dem man einen Pilgerweg in Norwegen benannt hat? Nicht nur einen, sondern genau genommen den Pilgerweg in ganz Skandinavien. Wer war der Mann, dessen Namen noch heute der am häufigsten vergebene Vorname in Skandinavien ist?

 

Olav II. Haraldson wurde im Jahr 995 geboren und entstammte dem wikingischen Königshaus des Harald Silberhaar. Nördlich von Kristiania, dem heutigen Oslo, wuchs er auf und ging schon in jungen Jahren auf die durchaus bekannten wikingischen Eroberungsfahrten. Warum, wie und wann Olav zum Christentum konvertierte, ist heute nur schwer nachvollziehbar, und so bemüht man die Sagen und Legenden um ihn, die allesamt von seiner Taufe im Rahmen einer Eroberungsfahrt im französischen Rouen ausgehen. Schon kurz danach kehrte er zur Thronbesteigung nach Norwegen zurück und brachte erstmals in der Geschichte des Landes katholische Bischöfe mit, ein sicheres Zeichen seiner Absichten. Mit seiner Inthronisierung hatte er sich die Christianisierung Norwegens zur Aufgabe gemacht.

 

Aber nicht nur das macht Olavs Popularität im heutigen Norwegen aus, denn neben seinen vielen Missionsreisen durch das ganze Land gelang es ihm auch, das Land zu einen und zu vereinheitlichen, eine nationale Identität zu schaffen, den Weg von der Stammesgesellschaft zur Nation zu beschreiten. Ein steiniger Weg und nur ein Anfang, wie sich später erst zeigte, denn der Widerstand gegen seine Herrschaft wuchs unter den Stammesfürsten schneller als seine Reformen griffen. Am Ende musste Olav fliehen und ging ins Exil nach Kiew. Zu dieser Zeit wurde die Bevölkerung durch die Dänen geknechtet, weil die vielen kleinen heidnischen Stammesfürsten untereinander zu zerstritten waren, um sich gegen die übermächtigen Dänen zur Wehr zu setzen. Und das wollte König Olav ändern. 1030 kehrte Olav zurück, um seinen Machtanspruch erneut geltend zu machen, fiel aber in der sagenumwobenen Schlacht von Stikklestad am 29. Juli desselben Jahres, dem Tag, an dem heute noch in Trondheim das Olavs- oder Nidarosfest gefeiert wird. Seine Anhänger bargen den Leichnam vom Schlachtfeld und bestatten ihn am Fluss Nidelven, der Stelle, an der später der Nidarosdom errichtet wurde. Es dauerte nicht lange bis von wundersamen Dingen berichtet wurde. Eine Sonnenfinsternis, die als göttlicher Zorn gedeutet wurde, spontanes Genesen schwer Erkrankter und die Heilung eines alten Leidens einer derer, die Olav getötet hatten und mit seinem Blut in Berührung gekommen waren. Der Weg zur Heiligsprechung war geebnet. Der Papst erkannte an, dass Olav als Werkzeug Gottes galt. Die Folge war eine ungeahnte Popularität Olavs. Ein wahrer Pilgerstrom setzte seinerzeit ein, ließ erst spät nach und verebbte dann schließlich, als im Zuge der Reformation das Pilgern zwischen 1537 und 1953 unter Androhung von Strafe im protestantischen Norwegen verboten wurde.

 

Wird vom Olavsweg gesprochen, ist in aller Regel der Hauptweg, der sogenannte Gudbrandstalweg gemeint. Dieser ist der längste der Olavswege in Süd-Nord-Richtung oder, wenn man so möchte, als Fortsetzung der Jakobswege aus Dänemark und aus Schweden. Er führt zuerst über Oslo, später durch das romantische Gudbrandstal und folgt dem Lauf des Flusses Lagen über Ringebu, Vinstra und Otta. Dann durchquert er die weiten Hochebenen des Dovre Fjells und führt über Oppdal entlang der Orkla, um dann durch ausgedehnte Moore und Wälder in Trondheim zu enden. In Eidsvoll teilt sich der Weg auf einer Länge von ca. hundert Kilometern in die östliche und die westliche Route um den Mjösasee herum und trifft in Lillehammer wieder aufeinander. Dieser Weg war der erste, der 1997 wieder ins Leben gerufen wurde und vielleicht nicht zuletzt auch deshalb als „der“ Olavsweg gilt.

 

Zuverlässig überliefert ist, dass es schon zu damaliger Zeit eine gewisse Dichte von Unterkünften am Weg gab. Normale Herbergen, Gasthäuser und vor allem die Saelehuseter, die Glückshäuser, Herbergen der einfachsten Art und ohne jede Versorgung der Reisenden.

 

Die Frage ist, warum sich Könige in früheren Zeiten auf dem Weg zu ihrer Krönung im Nadarosdom im heutigen Trondheim über die Berge quälen mussten, statt auf einfachem Weg durch die Flusstäler voranzukommen. Früher waren die Täler nicht so wie heute. Da fielen entweder die Berge steil ab bis an den Fluss, an dem heute Straßen frei gesprengt worden sind, oder Sümpfe versperrten den Weg. Deswegen wurde der Königs- oder Pilgerweg hier oben über die Berge angelegt. So war es 1000 Jahre zurück schwieriger, an den Flüssen entlang zu gehen als über die Berge zu steigen.

 

Nicht alle Teile des Olavsweges entsprechen heute mehr den Routen, die die Pilger in all den Jahrhunderten zuvor zurückgelegt haben. Genau lässt sich heute über weite Strecken einfach nicht mehr nachvollziehen wie der damalige Pilgerweg verlief. Einiges ist im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, anderes hingegen genau dokumentiert und dort, wo der Wegverlauf eindeutig bestimmbar ist und heute auch noch benutzbar, geht man auf den Pfaden wie einst die Pioniere vor nunmehr fast tausend Jahren. Überall dort, wo es ging, benutzten sie die sogenannten „Tjodveien“, die öffentlichen Wege, die heute nicht mehr in dieser Form bestehen, weil sie – entweder vergessen und nicht mehr benutzt – wieder zu Feldern oder Äckern wurden, oder aber weiter ausgebaut wurden und heute Bestandteil des modernen Straßennetzes sind.