Zum Ende...

Wie schön! Als ich mich gestern Abend um kurz nach 20 Uhr nochmal zu einem kleinen Bummel aufmachte, lief ich unmittelbar vor dem Pilgerzentrum Barbara und Margreta in die Arme. Welch ein Hallo! Sehe ich die Beiden also auch nochmal wieder! Barbara hatte Margreta "nach Hause" gebracht, sie selbst sich in die Trondheimer Jugendherberge einquartiert. Während Margreta froh war, jetzt ins Bett gehen zu dürfen (sie hatte sich heute unterwegs noch einige Blasen eingefangen), wollte Barbara unbedingt noch mit mir ein Bier trinken. Da war ich nicht abgeneigt, wäre es doch das erste Bier (außer zwei Dosen Alkoholfrei in Herbergen), das ich mir in Norwegen gönne. Schnell fanden wir eine kleine Kneipe im Speicherviertel, und während sich unsere beiden 0,4-Liter-Gläser langsam leerten, berichtete Barbara von ihren Erlebnissen der vergangenen Tage. Nach dem Bier eine feste Umarmung und jeder ging seiner Wege. 


Heute Morgen bringen uns Corrie und Rien zum Bahnhof. Sie selbst reisen erst morgen zurück nach Oslo. "Uns", weil mein lieber Pilgerfreund Rupert denselben Zug nach Oslo nimmt wie ich, d.h. er wird schon in Gardermoen aussteigen und seinen Flieger nehmen, während ich nach Oslo durchfahre. So haben wir uns alle, die wir einige Tage zusammen auf dem Olavsweg waren und uns prima verstanden, nochmal am Ziel wiedergesehen. Ein Phänomen, das so häufig ist auf Pilgerwegen.


Während Zug und Flugzeug mich nach Hause bringen, bleiben die Gedanken und Erinnerungen noch auf dem Weg. Ich habe es wirklich geschafft! Beim Start vor 14 Wochen habe ich meiner Familie und Michelle versprochen, dass ich es schaffe - und es hat geklappt! 


Um es kurz dazwischen zu schieben: Das Ende meiner Wanderung ist für mich ein schöner Erfolg, aber die Spendenaktion für Michelle, die diese Wanderung immer irgendwie und täglich begleitet hat, ist mehr als erfolgreich. Ich schreibe bewusst "ist erfolgreich", weil immer noch bei mir Nachrichten über Spendenüberweisungen eingehen. Soviel Anteilnahme und Spendenbereitschaft überwältigt mich. Eins kann ich jetzt schon sagen: Die Therapiemaßnahme wird stattfinden können. Sogar mehr als das! Ich werde ein zusätzliches Konto einrichten, um darauf die Spenden einzuzahlen, die über die Finanzierungskosten der Therapie hinausgehen. Es wird für Michelle und ihre Eltern nämlich Zeiten nach der Therapie geben. Und ich denke, es wird für viele Dinge Geld nötig sein, das Michelles Leben lebenswert erhält. Ich bitte daher wirklich alle, die über eine Spende bisher nur nachgedacht haben, diese trotzdem noch in die Tat umzusetzen. Vor allem aber hoffe ich natürlich, dass alle, die bereits Zusagen gegeben haben, diese nun einhalten und auf das angegebene Spendenkonto (siehe Startseite/Ich laufe auch für Michelle/Mehr lesen) überweisen oder mir das versprochene im Rahmen meiner "Einsammel-Aktion" (beginnend in wenigen Tagen) zukommen lassen. Wieviel Geld im Endeffekt zusammengekommen ist, kann ich im Moment noch nicht sagen, weil mir die Einsicht in das Spendenkonto fehlt. Sobald ich darüber nach meiner Rückkehr informiert bin und auch das mir persönlich versprochene Geld eingesammelt ist, werde ich in diesem Blog umgehend davon berichten. Ich bitte daher noch um etwas Geduld!


Ein Fazit zu meiner Wanderung zu ziehen, fällt mir wie immer schwer. Ich will es dennoch versuchen: Trockene Zahlen stelle ich an den Anfang. Der Tag meiner Rückkehr ist gleichzeitig der 100. Tag meiner Reise. Davon bin ich 93 Tage gewandert, knapp 21 km im Durchschnitt jeden Tag. Insgesamt waren es 1.941 km und 24.640 Höhenmeter. Benötigt habe ich dafür 408:11 Stunden, die ich wandernd in Bewegung war (sagt mir alles meine Streckenaufzeichnungs-App "komoot"). 16 Kilogramm habe ich auf der Strecke liegengelassen. Das ist doch ein Anfang! In drei Ländern war ich unterwegs und habe mich bei Temperaturen zwischen -4 °C und 25 °C mit einem 18 kg schweren Wheelie und später mit einem 15 kg schweren Rucksack abgemüht. Ich kann nicht mehr aufzählen, wieviel Liter Wasser ich getrunken, wieviele Tütensuppen, Tafeln an Schokolade, wieviel Knäckebrot und Schmierkäse aus Tuben ich gegessen, wieviele Kaffeetütchen und Teebeutel ich mir zubereitet, und - wenn sie zur Verfügung standen - auch mal drei Eier auf einmal mir reingedrückt habe. Kurz gesagt, ich habe nicht gehungert und nicht gedurstet. Wenn das Trinken mal knapp war, dann konnte ich am Weg fragen, es auf Friedhöfen aus den Leitungen zapfen oder aus Bächen entnehmen.


Der Pilger, der Woche für Woche unterwegs ist, macht eine besondere Erfahrung. Jenseits des etwas kindischen Stolzes darüber, sich im Gegensatz zu den Achttageswanderern einer beachtlichen Anstrengung unterzogen zu haben, wird ihm eine schlichtere und tiefere Wahrheit bewusst: Ein kurzer Marsch genügt nicht, um die eingefleischten Gewohnheiten abzuschütteln. Er kann die Person kaum verwandeln. Der Stein bleibt roh, denn um ihn zu bearbeiten, braucht es ein längeres Bemühen, mehr Kälte, mehr Schwitzen und mehr Dreck, mehr Hunger und weniger Schlaf.


Diese Tage standen irgendwie bei mir alle unter dem gleichen Motto: "Ich will laufen und meinen Gedanken freien Lauf lassen - nicht reden, nicht ruhen, einfach laufen". Nein - das muss man nicht verstehen, doch ich denke, es gibt Pilger und Fernwanderer, die diesen Gedanken - diesen Wunsch, selbst schon hatten oder ihn verstehen können.


Was waren die Höhepunkte? Bestimmt die Tage, an denen mich Kinder und Enkelkinder auf dem Weg für einen oder sogar mehrere Tage begleiteten. Ich habe sie so genossen und ich glaube, sie können nun noch besser nachempfinden, was ihren Vater und Opa jedes Jahr wieder hinaustreibt. Bestimmt auch die Besuche von meinem Wanderfreund Reinhard aus Bochum, der auf einmal in Herdecke vor der Pensionstür stand und mich überraschte, und natürlich auch der Moment, als Michelle, ihre Eltern und ihre Schwester in Münster plötzlich um die Ecke bogen und mich anstrahlten.


Unvergesslich für mich mal wieder die Tage mit Dieter, der mich vier Wochen von Münster bis nach Flensburg begleitete. Ohne sein Lachen, seine Witze, seine politischen Statements und kritischen Bemerkungen zum Wetter wurde mein Weg ab der dänischen Grenze ruhiger. Während wir beide Wind und Wetter trotzten, verlegte ich mich aufs Trotzen und er sich aufs Wettern. Ich denke da mit Freuden an die Sturmtage auf den Deichen von Weser, Elbe und Stör.


Unvergessen auch meine Blasentage im Umfeld von Münster. Was mich nur etwa eine Woche ernsthaft behinderte, ist für viele Pilger ja oft ein alltägliches Los. Umso größer ist nun mein Respekt vor ihnen, wenn sie trotzdem durchhalten und ihr Ziel erreichen. Erst jetzt wieder kann ich das nachempfinden.


Manchmal nur kurze Momente prägen sich ein: die Pausen bei kleinen Kirchen und Friedhöfen, auf den Wiesen in Waldlichtungen oder auf aussichtsreichen Bänken. Ruhetage waren besondere Tage: in Schleswig, auf dem Campingplatz in Vammen (Dänemark) oder in meiner kleinen Hütte in Engelshus am Beginn des Dovrefjells, wo ich auf den Besuch von Basti wartete. Immer eine Erinnerung wert sind die Pilgerherbergen, in denen ich Aufnahme fand: die kalten und die warmen, etwas "rustikalen" oder die gemütlichen in Dänemark oder diese wunderbaren Übernachtungsstätten in den norwegischen Priester- oder Bauernhäusern und uralten Stabburs. Gerade in diesen norwegischen Herbergen bekommen Pilger oft mehr als nur ein Bett, Frühstück und Pilgerstempel. Sie bekommen eine Lektion in Gastfreundschaft, Fremdenfreundlichkeit, Engagement und Leidenschaft. Und die Lektion bleibt im Kopf, beim Weiterwandern am nächsten Morgen und darüber hinaus.


Begegnungen, wenn auch nur flüchtig, hinterlassen ihren Eindruck. Manchmal wie im feuchten Sand, verwischt nach wenigen Wellen. Manchmal wie in noch feuchtem Beton, verfestigen sich für lange Zeit, manchmal für immer. Verfestigen werden sich die Gesichter von meinen Mitpilgern auf Zeit Corrie und Rien, von Rupert und Barbara, von Simone und Magreta und von vielen meiner Gastgeber gerade in Dänemark und Norwegen, deren Namen ich an dieser Stelle kaum alle aufzählen kann.


Wunderbar waren die letzten drei Tage meines Weges bei herrlichem Wetter und schönster Landschaft, die Ankunft an der Nidaros-Kathedrale in Trondheim und der Abend dort in ihrer mystischen Atmosphäre und das Ankommen und Zur-Ruhe-Kommen im Pilgerzentrum, beim endgültigen Ziel.


Besonders schön und motivierend waren die beständigen Kommentare und Einträge ins "Gästebuch" meines Blogs. Sie haben mich weitergetragen, jeden Tag, meinen Wheelie zügiger rollen lassen und meinen Rucksack leichter gemacht. Vielen Dank dafür! 


Und nochmal auch einen großes Dankeschön an alle, die sich an der Spendenaktion für Michelle beteiligt haben. Immer wieder trafen die Nachrichten darüber bei mir ein und haben mich beflügelt. Gerührt war ich zum Schluss über die vielen Glückwünsche, die mich auf den verschiedensten Kanälen erreichten. Erst da wurde mir so richtig bewusst, wieviele Menschen mich auf meinem Weg "begleitet" und vielleicht auch ein wenig die Daumen gedrückt haben. Danke!


Zum Schluss noch einige Bemerkungen zum letzten Drittel, zum großen "Endspurt" meiner Wanderung, dem Olavsweg selbst: Pilgerwandern ist, wenn Menschenmassen der Jakobsmuschel nach Santiago de Compostela folgen. Oder aber: Wenn einsame Wanderer auf Sankt Olavs Spuren durch Norwegens Wildnis zum Nidarosdom ziehen. 


Unterschiedlichere Weg kann es kaum geben. Außer vielleicht der Intention der Pilger gibt es nichts, worin sich beide Wege gleichen. Der Olavsweg ist der Schwierigere - die Topographie, das Wetter, die Abgeschiedenheit...


Ich beginne mal mit dem "Weg", wie er sich mir präsentiert hat. Dass ich Weg mit Anführungszeichen versehen habe, ist durchaus nicht unbeabsichtigt. Es sind weite Strecken, vor allem von Oslo bis Hamar, auf Asphalt zu bewältigen. "Weg" kann aber auch bedeuten, mitten durchs Getreidefeld zu gehen, entlang Feldrainen, durch mannshohes Gras, durch Bäche. "Weg" bedeutet also nicht unbedingt ein unmittelbar erkennbares infrastrukturelles Etwas, sondern einfach, dass die norwegischen Pilgerfreunde anhand von Markierungen zu erkennen geben, dass man sich dort entlang begeben soll. Dennoch: Der Blick in die Ferne, die ungewohnte Ruhe um einen rum und diese Zufriedenheit mit sich selbst, sind auf diesem Weg ein tolles Gefühl. Es ist ein Pilgern auf oft schmalen Wegen und Pfaden, wo man selten nur Menschen begegnet und man Selbstgespräche führt, um wenigstens einmal am Tag eine menschliche Stimme zu hören. Der Olavsweg ist gegenüber dem Jakobsweg in Spanien ruhiger, anspruchsvoller, die Landschaft ist großartiger, man hat einen ganz anderen Kontakt zu den Herbergen. Viele Herbergseltern werden einem schnell zu Freunden, weil sie sich Zeit nehmen für die Pilger.


All das nehme ich mit und bin wieder ganz verzaubert und bezuckert von dieser langen Reise, dem Abschalten, dem Vergessen vom Alltäglichen, dem Erleben, Erfühlen und dem Geschenk einer solchen Reise. Dass ich all das erleben durfte, dafür bin ich sehr dankbar und ich kann nur jedem wünschen, diese Erfahrungen selbst einmal sammeln zu können.




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Bin ich noch Pilger?

Der heutige Morgen ist der vierte, an dem ich ausschlafe. Die anderen drei aber waren Ruhetage, der Kopf immer noch mit dem Pilgern beschäftigt, mit dem nächsten Tag, an dem es auf dem Weg weitergehen wird. Heute ist das anders. Ich muss nicht mehr laufen. Was fängt man an mit seiner Zeit? Wo ist ein Ziel? Ich habe keine Eile. Ich muss keine Sachen zusammen sammeln, nichts packen, nichts verstauen, nicht aufbrechen und nicht laufen. Entwurzelter Pilger. Oder bin ich schon gar kein Pilger mehr?


Ich denke mal, ich bin es mindestens so lange, bis ich am heutigen Morgen den Gottesdienst besucht habe. Ich glaube einfach, dass erst er meine Pilgerreise komplett macht. Die Geschichte des Nidaros-Doms reicht fast 1000 Jahre zurück. Die Arbeiten begannen im Jahr 1070 n. Chr. und dauerten bis ungefähr 1300 n. Chr. an. Seit dieser Zeit überstand der Dom mehrere Brände, wurde mehrfach restauriert und erweitert. Der Hochaltar, der über der ehemaligen Grabstätte König Olav Haraldsons errichtet wurde, trägt heute noch seinen Schrein, auch wenn er leer ist. Die Gebeine des Heiligen verschwanden im Zuge der Reformation - keiner sollte mehr an seinem Grab beten können. Das sollte die Einführung des Protestantismus in Norwegen beschleunigen. 


Im norwegischen Grundgesetz von 1814 wurde festgelegt, dass der Regent des Königreichs Norwegen in Trondheim gekrönt wird. Der Dom wurde zuletzt im Jahr 1906 als Krönungskirche genutzt, als Haakon VII. gekrönt wurde. Seit aber das norwegische Parlament die Krönungszeremonie 1908 abgeschafft hat, findet hier nur noch die Segnung des Königs statt.


Als ich die Kathedrale zusammen mit Corrie und Rien durch einen Seiteneingang betrete, merke ich bald, dass dies heute Morgen ein besonderer Gottesdienst ist. Mindestens die Hälfte der zahlreichen Besucher ist überaus festlich gekleidet, sehr viele in ihrer norwegischen Tracht. Die andere Hälfte besteht wohl aus ganz normalen sonntäglichen Gottesdienstbesuchern, einigen Touristen, die einen Gottesdienst in dieser besonderen Kathedrale mit in ihrem Besichtigungsprogramm haben, und wenigen Pilgern. Wir Drei setzen uns ziemlich weit nach vorne, ich mag mich bei solchen Gelegenheiten nie gerne weit nach hinten verkriechen. Als die Glocken den Beginn des Gottesdienstes ankündigen und mächtiger Orgelklang einsetzt, wird klar, was das Besondere an ihm sein wird. Junge Eltern tragen aus der Seitenkapelle, wo gestern Abend unsere Pilgerandacht stattgefunden hat, mit verklärten Blicken ihre Babys herein. Heute ist Taufe! Der gesamte Gottesdienst und erst recht die Zeremonie der Taufe sind ergreifend, auch wenn ich natürlich vom gesprochenen Wort nichts verstehe. Manche Situationen brauchen keine Übersetzungen. Alleine schon das sich beschwerende Geschrei der Täuflinge, als das Wasser über ihre Köpfchen rinnt, treibt mir Weichei die Tränen der Rührung in die Augen. Das Taufbecken steht erhöht und Pastor und Eltern mit Kind müssen auf einer Treppe zu ihm emporsteigen. Das Schöne daran: Alle Gottesdienstbesucher haben von unten einen wunderbaren Blick auf dieses Geschehen und als die Väter, die ihre Kinder hier offenbar traditionsgemäß übers Becken halten, auch noch die frisch Getauften in die Höhe heben, um sie der Gemeinde zu zeigen, hätte ich bald begeistert applaudiert. Ich denke an unseren kleinen Lenny, den Wonneproppen meiner Anni, und freue mich jetzt erst recht auf dessen Taufe in wenigen Tagen. 


Nach Ende des Gottesdienstes geleitet uns furioses Orgelspiel wieder aus der Kirche hinaus. Ich kenne jetzt beide Seiten dieses Gotteshauses: die dunkle, fast mystische und geheimnisvolle von gestern Abend und die hell erleuchtete, strahlende, von Menschen erfüllte von heute Morgen. Beides werde ich nicht vergessen.


Nach dem eineinhalbstündigen Gottesdienst brauche ich meine heutige Ration Bewegung, auch wenn es nur eine kurze ist. Wie ein ganz gewöhnlicher Tourist - und als solchen empfinde ich mich von nun an auch - schlendere ich durch die Stadt, planlos, ziellos, ich lasse mich einfach treiben. Trondheim wurde 997 vom Wikingerkönig Olav Tryggvason gegründet (es gab also noch andere Olavs!). Anschließend war die Stadt Sitz des Königs und somit Hauptstadt Norwegens. König Olav der Heilige starb während einer Schlacht ganz in der Nähe und wurde in Trondheim nahe dem Ufer des Nidelven begraben. Nach seinem Tod pilgerten viele zu seinem Totenschrein. Die Stadt wuchs und wuchs und wurde zur reichsten und größten Stadt des Landes. Durch die Reformation aber endeten die Pilgerzüge. Mehrmals brannte die Stadt ab, im Jahre 1681 wurde so die gesamte Altstadt vernichtet. König Christian V. ließ daraufhin eine neue Stadt anlegen. Als Vorbild galt Versailles. Vom riesigen Marktplatz gingen - und gehen heute noch - breite Straßen in alle Richtungen. Der historische Teil Trondheims liegt auf einer Halbinsel, die auf drei Seiten vom Fluss Nidelven und auf einer Seite vom Fjord begrenzt wird. Durch diese günstige, leicht zu verteidigende Lage und den natürlichen Hafen der Flussmündung konnte sich die Stadt zu einem blühenden Handelszentrum entwickeln.


Ich schlendere die eine lange Straße entlang, dann die andere, kreuze große Plätze und durchquere Grünanlagen, bewundere bunte Speicherhäuser an beiden Seiten der Nidelva und erfreue mich an einem kleinen Flohmarkt. Ich kaufe mir ein Sandwich und lande irgendwann wieder auf dem Vorplatz der Kathedrale. Menschen stehen vor der hohen Fassade und recken ihre Köpfe den Reihen von Heiligen entgegen, die sie schmücken. Ich setze mich noch einmal auf eine Bank und sauge dieses Bild in mich auf. Ich blicke nochmal zu Olav und zu Jakobus empor, auf dessen Wegen ich die letzten Wochen mehr als drei Monate unterwegs war. 


Dann sage ich nur noch "Tschüss!". Ich werde voraussichtlich nicht mehr hierhin kommen. Der Bahnhof, von dem aus ich morgen früh mit dem Zug nach Oslo zurückfahren werde, liegt in entgegengesetzter Richtung. Nachdem ich wochenlang nur gelaufen bin, wird es dann auf einmal ganz schnell gehen. Da kommt die Seele vielleicht nicht mit.




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Geschafft - I did it!!!

Beim Frühstück ist es lebhaft. Bereits gestern Abend, als Simone und ich hier unser Abendessen einnahmen, traf eine Gruppe von etwa 10 Personen ein: eine Mitarbeiterin von VisitNorway, der norwegischen Touristeninformation, eine vom Pilgerzentrum in Oslo und eine vom Pilgerzentrum in Trondheim, sowie Journalisten aus Belgien, Deutschland, England, Dänemark und Norwegen. Alle laufen sie unter der Führung der erstgenannten drei Damen exemplarisch einige Streckenabschnitte des Olavsweges ab, um anschließend in ihren Publikationen über ihn zu berichten. Gesponsert wird ihr "Pilgerweg" bzgl. Führung, Gepäcktransport und Unterkunft von VisitNorway, wohl in der Hoffnung, dass der Weg in Teilen Westeuropas nochmal ordentlich ins Gespräch gebracht wird.


Nach den ersten kürzeren Etappen, die sie sich im Gudbrandsdal und auf dem Dovrefjell gegönnt haben, wollen sie heute alle zusammen die letzte Etappe bis Trondheim unter die Füße nehmen. Simone und ich sind von Karon mit zu der ganzen Journalistentruppe an den langen Tisch gesetzt worden. Im Nachhinein vermute ich, steckte eine Absicht dahinter. Simone und ich unterhalten uns an dem einen Ende des Tisches natürlich über unsere Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Weg und prompt kommen Fragen aus den Reihen der Reisejournalisten. Als sie dann noch mitbekommen, wo ich gestartet bin, werden die ersten Notizzettel gezogen und Fotoapparate bzw. Handys auf uns gerichtet. Für die Herrschaften der schreibenden Zunft wird es jetzt ein Arbeitsfrühstück. "Können Sie mir bitte mal die Marmelade rüberreichen? Wie lange sind Sie denn schon unterwegs?" - "Möchten Sie noch Kaffee? Haben Sie schon öfter solche langen Touren gemacht? Wie kommt man auf so was?" - "Mir nochmal die Butter, danke! Wie lange laufen Sie denn so am Tag?" - "Bitte nochmal hierher sehen, Reinhard! Und lächeln bitte!" (Shot!) Der Abmarsch von Journalisten und Pilgern verzögert sich so um eine Dreiviertelstunde. "Wir gehen dann jetzt schon mal los", beschließt schließlich die Frau von VisitNorway resolut, "sie holen uns ja doch wohl bald ein."


In der Tat ist nichts mehr von der Truppe zu sehen, als Simone und ich bei John und Karon den Schlüssel von unserer kleinen Hütte abgeben und uns von ihnen verabschieden. "Schön, dass Sie bei uns waren und kommen Sie gut in Trondheim an!", geben sie uns noch mit auf den Weg und winken uns hinterher. Zusammen gehen Simone und ich nur wenige hundert Meter. Als es steil bergauf geht, lässt Simone mich ziehen. "Geh ruhig", sagt sie, "du bist schneller als ich. Wir sehen uns spätestens im Pilgerzentrum in Trondheim!" Sie hat recht. Gerade steil bergauf muss ich mein eigenes Tempo gehen.
Und das kann in der Tat nicht allzu langsam sein, denn bald darauf sehe ich schon die Nachhut der Journalisten sich den Berg empormühen. Kaum bin ich mit ihnen auf gleicher Höhe, drehen sich einige von ihnen mit ihren Kameras zu mir um. "Einen Moment, Reinhard, vor diesem Hintergrund ist es gerade sehr schön!" (Shot!) 500 m später habe ich auch den Rest eingeholt, der sich gerade auf Anweisung der Dame vom Pilgerzentrum Oslo zu einer Rast im Schatten einer alten Eiche versammeln soll. Prompt tönt es aus ihrer Mitte: "Kommen Sie, Reinhard, setzen Sie sich noch einen Moment zu uns, Sie müssen doch auch mal kurz verschnaufen. Außerdem haben wir da noch ein paar Fragen. Und für ein Foto ist hier unter dem Baum das Licht gerade sehr schön. Lächeln bitte!" (Shot!) In der Tat habe ich gegen ein paar Minuten im Schatten nichts einzuwenden, denn heute ist wirklich ein Sommertag mit mindestens 25 °C. Nach dem Arbeitsfrühstück kommt es also jetzt zu einer Interviewrunde unterm Eichenbaum und ich komme nicht voran. Die Herrschaften versprechen, mir per Email mitzuteilen, wann etwas in ihrem Journal erscheint, "... aber das kann noch ein paar Wochen dauern". Ich bin mir fast sicher, dass ich nichts von ihnen hören werde, aber Spaß gemacht hat es trotzdem, ein wenig bestaunt zu werden.


Nach einer Viertelstunde gehe ich weiter, die Herrschaften brauchen noch ein Weilchen zur Recreation. Mitten im Wald dann, direkt neben dem Pfad, mein vorletzter Meilenstein: "14 km til Nidaros" Mein Ziel rückt näher und näher. Jetzt wird der Weg so, wie ich ihn heute nochmal haben will: schmal, in kurzen Frequenzen sich rauf und runter schlängelnd, morastig an einigen Stellen, mit Bohlenstegen an anderen geht es durch verwunschene Wälder und vorbei an tiefblauen Seen. Doch die Schilder werden zahlreicher ("Nidarosdomen 10,8 km") und die Menschen auch. Inzwischen habe ich auch Corrie und Rien wieder "eingefangen". Die letzte Nacht haben sie in ihrem Zelt auf dem Campingplatz verbracht, von wo ich gestern Fährmann John angerufen habe. Sie haben also schon ein paar Kilometer mehr in den Beinen. Bei einer schönen Sitzgruppe machen wir im Schatten eine Rast. Simone kommt anmarschiert und setzt sich zu uns. In ihrem Gefolge kommen auch meine Journalistenfreunde und müssen zum Teil natürlich fotografieren, wie vier richtige Pilger rasten. Jetzt bin ich dran! "Sie haben mich bzw. uns nun schon so oft fotografiert, jetzt möchte ich Sie fotografieren! Also dann schnell mal da vorne sich aufstellen zum Gruppenfoto!" Sie tun es bereitwillig, lächeln beherzt in meine Kamera und marschieren fröhlich weiter. Die Dusche im Hotel lockt - bezahlt von VisitNorway.


Gemeinsam kommen wir Vier an die ersten Häuser, die bereits zu Trondheim gehören. Weite Teile von Trondheim tauchen vor uns auf, auch ein Teil des Trondheimfjords. Gar nicht so weit vom Weg weg lockt ein Badesee. Simone kann nicht widerstehen und steigt zu ihm ab, um sich in die Fluten zu stürzen. "Bis nachher im Pilgerzentrum!"
Immer mehr spüre ich eine starke innere Erregung in mir aufsteigen. Endlich ankommen! Am Aussichtspunkt Feginsbrekka sehen wir Drei ihn dann zum ersten Mal: den grünen Turm und die grauen Fassaden und Dächer des Nidaros-Doms. Schon aus der Ferne erahnt man die Pracht der größten gotischen Kathedrale Skandinaviens. Im Mittelalter war vermutlich hier der Ort, an dem die Pilger anhielten, um die Sicht auf den Dom zu genießen, auf die Knie zu fallen, zu beten und dafür zu danken, dass sie ans Ziel gekommen waren. Feginsbrekka wurde der Ort genannt, ein altes, nordisches Wort für "Freudenberg".


Der Weg zieht sich den Berg hinab durch Wohngegenden gut situierter Trondheimer, Menschen kommen uns entgegen, mähen in ihren Vorgärten den Rasen oder halten ein Quätschchen am Gartenzaun. Bei allen habe ich das Gefühl, dass sie mit einem kleinen Lächeln denken: "Kommt, Pilger, jetzt durchhalten, gleich habt ihr es ja geschafft!" Corrie wird langsam knurrig, sie will jetzt nicht mehr, will nur noch endlich ankommen. Rien ist ganz ruhig geworden, ich merke aber, wie ihm die letzten Kilometer richtig schwer werden. Langsam kommen wir dem Zentrum näher, der Verkehr nimmt zu. Dann nochmal etwas Ruhe, ein kleines Stück geht es am Fluss Nidelven entlang. Die kupferne Spitze der Kathedrale erhebt sich über die Dächer der anderen Häuser - dann stehen wir vor dem Nidaros-Dom.


Am Ziel weicht alles einer Flut aus Gefühlen: Erleichterung, Stolz, Demut und Respekt vor all denen, die das unter ungleich schwierigeren Bedingungen vor einem knappen Jahrtausend schon gemacht haben. Ich bin überwältigt und sitze schweigend einen Moment auf einer Bank auf dem Vorplatz des Domes und lasse das imposante Gemäuer mit all seinen zahlreichen Figuren und Verzierungen an der Westfassade auf mich wirken. Ich erkenne sofort den heiligen Jakobus mit seinem Pilgerstab und auch, ja, etwas links, eingerahmt von anderen Heiligen, den heiligen Olav mit seiner Streitaxt.
So erschöpft Rien auch ist, er besteht darauf, dass wir die Kathedrale, wie es im Mittelalter Tradition war, drei Mal umrunden. Corrie ist nicht sonderlich begeistert, schließt sich uns aber an. Andere Pilger können wir nicht ausmachen, so sind wir Drei die einzigen, die um den Dom kreisen und bei manchen Touristen bei unserem zweiten und dritten Zusammentreffen für etwas Verwunderung sorgen. In die Kathedrale können wir nicht, sie ist samstags ab 14 Uhr geschlossen. Eine eigenwillige Öffnungszeit, finde ich. Doch mir ist das im Moment sowieso egal. Ich möchte meinen Rucksack abwerfen, aus den verschwitzten Klamotten raus, duschen. Morgen ist für die Kathedrale auch noch Zeit.


Am Rand des Vorplatzes stoßen wir auf den letzten Meilenstein. Nicht mehr "... km til Nidaros" steht auf ihm eingemeißelt, sondern es prangt nur noch die dicke "0"! Im selben Moment kommt ein Priester auf uns zugeeilt, reicht uns allen die Hand und stellt sich als "Steffen" vor. Er sei der örtliche Pilgerpastor und es sei ihm eine Freude und Ehre, Pilger in Trondheim und hier vor dem Dom in Empfang nehmen zu dürfen. Wir plaudern ungefähr eine Viertelstunde angeregt mit ihm, er fotografiert uns mit dem Meilenstein und der Domfassade im Hintergrund und lädt uns zum Schluss zu der traditionellen Pilgerandacht um 18 Uhr in eine Seitenkapelle der Kathedrale ein.
Von unserem endgültigen Tagesziel, dem Pilgerzentrum von Trondheim, trennen uns noch 200 m. Kurz vor der Tür kommt uns Rupert entgegen und er strahlt, als er uns erkennt. Auch ich freue mich, den so überaus netten älteren Herren hier wiederzusehen. Er ist auf dem Weg ins Zentrum, um sich noch etwas zu beschäftigen. Seit zwei Tagen ist er schon hier, da kann einem in Trondheim als (ehemaliger) Pilger die Zeit etwas lang werden. Die erste Anlaufstation im Pilgerzentrum ist das Pilgerbüro, wo man die Pilgerurkunde ausgestellt bekommt. Liebenswürdige ältere Damen nehmen uns in Empfang, sofort steht eine Tasse Kaffee und eine Keksdose vor uns. Es ist so ganz anders als in Santiago de Compostela, wo man Schlange stehen muss, nahezu "abgefertigt" wird. Sie unterhalten sich angeregt mit uns, lachen, fragen, staunen, loben. Der Kaffee wird nachgegossen, während eine der Damen unsere Pilgerpässe "kontrolliert", sie abzeichnet, daraufhin die Urkunden ausstellt und sie uns mit einem "Herzlichen Glückwunsch zur vollendeten Pilgerreise!" feierlich überreicht.


Dann geht es zur Rezeption. Ich hatte vollkommen verdrängt, dass ich seinerzeit während meiner Planungsphase hier ein Einzelzimmer gebucht hatte. Was bin ich jetzt froh darüber! Herrlich! Zwei Tage bzw. zwei Nächte lang nun Privatsphäre, ein frisch bezogenes Bett, ein eigenes Bad, Ruhe zum Ankommen und Nachdenken. Kaum bin ich auf dem Zimmer, lasse ich mich in einen kleinen Sessel fallen. Abschied vom Olavsweg - das heißt Abschiednehmen von Bergen und Fjorden, von Wäldern und Fjell, von langen Sonnenuntergängen und hellen Nächten, dem norwegischen Mond und dem glitzernden Licht über den Wassern. Doch es ist ja nicht nur der Abschied vom Olavsweg, sondern von einem viel längeren Weg, auf dem ich über 14 Wochen hinweg gegangen bin. Ich muss mir die Zeit nehmen, ein anderes Mal über ihn nachzudenken, jetzt ist der Kopf zu voll, sind die Emotionen zu präsent. Ich kann das jetzt nicht in Worte fassen.
Um 18 Uhr sitzen Corrie, Rien, Simone und ein weiterer Pilger in der Seitenkapelle der Kathedrale. Ob gläubig oder nicht, spirituell gestrickt oder sportlich motiviert - der Faszination des finalen Pilgerziels kann man sich nicht entziehen. Pilger dürfen seit jeher den Nidarosdom, ein Nationalheiligtum in Norwegen, durch diesen speziellen Seiteneingang der alten Kapelle betreten, und nur sie. Hier dürfen sie bei farbigem Dämmerlicht, das durch schmale Glasfenster fällt, in Ruhe und Frieden ankommen. Am Wanderziel und bei sich selbst. 


Nach der kurzen Andacht bietet uns Pastor Steffen eine ganz private Domführung an. Über Treppen, durch schmale, dicke hölzerne Türen und enge Gänge betreten wir das Innere der Kathedrale - und stehen direkt hinter dem Hochaltar im alten Pilgerrundgang. Die Kathedrale ist nur spärlich beleuchtet, außer uns wenigen Pilgern und Pastor Steffen sind hier keine Menschen, es ist unendlich ruhig. Die Atmosphäre ist atemberaubend. Ich habe das noch nie zuvor in einem Gotteshaus so empfunden. Noch jetzt bekomme ich eine Gänsehaut. Obwohl sie von außen gar nicht so groß wirkt, erscheint sie mir von innen riesig zu sein. Wirklich himmelhoch streben die Säulen zu den Kreuzgewölben, ewig lang scheint mir das Hauptschiff zu sein, übermächtig die Orgel, dunkel und fast geheimnisvoll der Hauptaltar. Das Faszinierendste aber kommt am Schluss der Führung. Steffen bittet uns, sich hinzusetzen - dann schaltet er alle Lichter aus. Wir sind wie vom Donner gerührt und trauen uns kaum zu atmen. Ich habe noch nie so etwas Beeindruckendes in solch einer Umgebung erlebt. Genau so müssen die damaligen Pilger die Kathedrale erlebt haben: dunkel, nur etwas Licht fällt duch die vergleichsweise kleinen Fenster, etwas Kerzenschein. Dies ist für mich der Moment, an dem ich erst richtig an meinem Pilgerziel ankomme.


Corrie und Rien wollen noch etwas einkaufen, sich dann bald zu Bett begeben. Simone und ich beschließen, im Zentrum noch Essen zu gehen, unsere kleine Feier zum Ende meiner Pilgerreise. Etwa eineinhalb Stunden sitzen wir zusammen, lassen nochmal einiges Revue passieren. Zurück vor der Tür des Pilgerzentrums verabschieden wir uns voneinander. Wenn ich morgen frühstücke, sitzt sie schon im Zug Richtung Lofoten. Man trifft sich, man trennt sich! Was für ein Tag! Ich liege noch lange wach in meinem Bett und bin einfach nur... glücklich!




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Fährmann, hol über!

Na also, die Nacht auf der Matratze im Gemeindesaal war doch mal was ganz anderes...! Was natürlich nicht heißen soll, dass ich die Nächte in den urigen Herbergen mit der typisch norwegischen Gemütlichkeit missen möchte. Sie gehören eindeutig zu den großen Highlights des Olavsweges.
Von dem Pastagericht, das uns Corrie gestern Abend gekocht hat, ist noch eine Portion übriggeblieben. Nachdem ich diese vor dem Kompostmüll gerettet habe, verzehre ich sie heute zum Frühstück mit Genuss. Pappsatt, aber mit ungeheuer viel Power im Körper, marschiere ich meinen niederländischen Freunden hinterher, die es doch tatsächlich geschafft haben, heute mal vor mir loszugehen. Damit sind sie aber nicht die ersten aus der Gemeindesaal-Schlafgemeinschaft, die auf der Strecke sind. Um sage und schreibe 3.30 Uhr schon ist heute Morgen in aller Frühe (aber die Sonne schien bereits!) Michael, ein junger Deutscher, weggeschlichen. Aus den noch zugeklebten Augenwinkeln konnte ich gerade noch sehen, wie er die Tür hinter sich zuzog. Da er aber heute bis Trondheim durchgehen will und die Helligkeit der "Nacht" dazu fast einlädt, sei ihm der junge Morgen gegönnt.


Das Wetter ist wieder eine Wucht! Der norwegische Sommer scheint endlich Einzug zu halten. Aber mir hat er auch bisher ganz gut gefallen, und außerdem hat er ja gerade erst angefangen. Direkt vor dem Gemeindehaus steht der nächste Meilenstein. 38 km sind es jetzt noch "til Nidaros"! Hört sich nicht mehr viel an. Ist ja auch nicht mehr viel, aber die Quantität sagt bekanntlich nicht viel über die Qualität aus. Die Realität, die mich nach den ersten Metern erwartet, ist nämlich ein etwa acht Kilometer langer Aufstieg, der sich gewaschen hat. Schnell bleibt Skaun mit seiner alten Kirche im Tal zurück und es geht weiter auf einer kleinen Straße aufwärts, immer weiter. Corrie und Rien habe ich bald eingeholt und wir japsen uns nur ein "Bis später mal irgendwo!" zu, als ich an ihnen vorbeiziehe. 


Es kommt, wie es in den letzten Tagen immer so kam. "Verlassen Sie bei der nächsten Abzweigung die Straße und folgen Sie dem Waldpfad steil nach oben..." Es gibt die Waldpfade durch den lichten Wald oder durch den dichten, mit vielen matschigen Stellen oder nur wenigen, steil nach oben oder steil nach unten, mit weichem Tannennadelbett oder über Stock und Stein, die schnurgerade oder geschlängelte Variante. Seit gestern gibt es aber noch die Variante mit wenigen Fliegen oder mit Tausenden von Fliegen. Heute erlebe ich alle diese Formen von Waldpfaden, nur die Form "mit wenigen Fliegen" erlebe ich nicht. Kaum ist mein Körper auf Betriebstemperatur und im Schweißmodus, umschwirren sie mich wieder wie die Asteroiden die Erde. Meine Buffs kommen zwar wieder zum Einsatz, da aber die Temperaturen bei dem wolkenlosen Himmel auf fast 25 °C steigen, verschaffen sie mir auch nicht unbedingt Freude. Ich schwitze nur noch mehr, was die Fliegen wieder dazu animiert, noch mehr von ihrer Sippschaft herbeizurufen.


Irgendwann ist der höchste Punkt für heute überschritten und es geht kniezertrümmernd steil abwärts, was genauso anstrengend ist wie bergauf. Wer ist schon mal steil bergab über Felsen, Steine und Baumwurzeln geklettert und hat versucht, knöcheltiefe Matschlöcher zu umgehen, während ihm Myriaden von diesen hundsverdammten Fliegen um den Kopf schwirren? Man kann sich nicht ständig mit der Hand oder einem Taschentuch vor dem Kopf rumfuchteln, während man wie ein Luchs auf den Weg und die Markierungen achten muss. Also werde ich irgendwann einfach lethargisch, erkläre die Fliegen zu den Siegern und lasse sie gewähren. 


Nach drei Stunden im Wald öffnet sich auf einmal der Blick hinunter auf eine tiefblaue Fläche. Der Gaulosen breitet sich vor mir aus, ein Nebenarm des Trondheimfjords. Der Waldpfad wird fast unvermittelt zu einer Asphaltstraße und in weiten Bögen geht es auf ihr hinunter zur Bucht von Buvika. Ein leichter Wind steigt vom Fjord her auf. Das beste Mittel gegen Fliegen. Ich werde sie tatsächlich los. Auf Meereshöhe bin ich jetzt, das letzte Mal war das im Hafen von Oslo der Fall. Mal wieder schlägt die Wegführung des Olavsweges Kapriolen. Sie will mich nochmal 100 Höhenmeter emporschicken, um einen Bergsporn zu überqueren. Wahrscheinlich der schönen Aussicht wegen, die man von oben auf den Fjordarm hat. Wiedermal verweigere ich mich, gehe eine kürzere Strecke ohne jede Anstrengung mit ständigem Ausblick auf den Fjordarm - nur auf, nein, neben der Straße.


Direkt nachdem ich den Bergsporn umkurvt habe, steuere ich auf den Oysand-Campingplatz zu. Er ist aber nicht nur irgendein Campingplatz, sondern er liegt auch keine zwei Kilometer mehr von der Stelle entfernt, wo man auf John Wanvik stößt. Zur letzten Herberge auf der Strecke von Oslo nach Trondheim kann man nicht laufen. Ein Fluss, die Gaula, kreuzt den Weg und ein Fährmann, eben besagter John Wanvik, rudert die Gäste ans andere Ufer, wie das schon vor 1000 Jahren Sitte war. 50 Kronen nimmt er für die Überfahrt - und fügt sie der Übernachtungsrechnung bei. Wer nicht übernachtet, wird auch nicht mehr übergesetzt und muss einen langen Umweg über die nächste Brücke machen. 


Der Pilgerführer empfiehlt, John vom Campingplatz aus anzurufen, um nicht zu viel Zeit mit Warten zu verbringen. Ganz nach Vorgabe rufe ich also an, bekomme sofort einen sehr freundlichen John an den Apparat und wir verabreden uns für genau eine Stunde später an der Anlegestelle. Ideal! So habe ich also noch Zeit genug, um mir an der Theke des kleinen Cafés der Campingplatz-Rezeption mindestens zwei dieser Riesenlappen von Waffeln zu holen, die ich dort gerade gesehen habe. Sie und noch einen Kaffee dazu und ich komme gut über den Nachmittag. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich in der kleinen Badebucht des Platzes Kinder im Wasser umherhüpfen (es ist gerade Ebbe), viele Sonnenhungrige in Liegestühlen oder auf Decken liegen und einige Männer beim Grillen. Es sieht ein wenig nach Sommer aus.
Ich erreiche die Anlegestelle genau in dem Moment, als auf der anderen Seite des Flusses ein schlankgewachsener Mann ans Ufer geht und ein Boot losmacht. Er steigt rein und beginnt zu rudern. Das muss John Wanvik sein, dessen Familie schon seit 1659 auf Sundet gard lebt und der selbst - neben seinem Hofbetrieb und seiner     Pilgerherberge - seit 1980 auch diesen Fährbetrieb aufrecht erhält. Nach knapp zehn Minuten schiebt er auf meiner Seite sein Boot auf den Flusskies, begrüßt mich herzlich, befördert mich und meinen Rucksack in sein Boot und direkt geht es wieder zurück. Kraftvoll zieht er die Ruder durch und sieht dabei nicht im Geringsten angestrengt aus. Die Frage, die wahrscheinlich alle stellen, stelle auch ich: "Warum kein Motorboot?" - "Dann ist die Stille weg! Die Landschaft hier lebt von der Stille. Außerdem ist das eine Frage der Tradition. Früher wurden hier die Pilger auch gerudert."


Auf der anderen Seite angekommen, sind es nur wenige Meter bis zu seinem Hof. Ich hatte nicht ein Bett in der eigentlichen Herberge gebucht, sondern in einer nahegelegenen Hütte. Preiswerter und idyllischer. Als wir dort ankommen und ich sie sehe, bin ich mal wieder begeistert. Hier, bei meiner letzten Herberge auf dem Weg, ist alles genau richtig. Hier kann ich nochmal Kraft tanken für die letzte anstrengende Etappe, aber auch schon mal zurückdenken an all das, was auf dem Weg war. Was sind das einfach für schöne Herbergen...! 


Am späten Nachmittag kommt noch Simone dazu. Sie hat den ganzen Weg schon gemacht und ist eigentlich nur auf der Durchreise zu einem Wanderurlaub auf den Lofoten. "Da ich aber so schöne Erinnerungen an diesen Weg habe, will ich das letzte Stück - wenn ich schon hier oben bin - nochmal abwandern." Gemeinsam leisten wir uns ein von Charon, Johns Frau, gekochtes Abendessen im zum Pilgerhaus umgebauten Stabbur, einer Mischung von Puppenstube und Museum. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Wanderer nach einer Nacht im Bettkasten mit Vorhang und einem Morgenkaffee mit Blick auf den Fluss kaum von hier weg mag. Sogar der ehemalige König Haakon und die gegenwärtige Frau des Kronprinzen, Mette-Marit, haben hier eine Nacht verbracht. Aber wohl kaum im Bettkasten.


Aber wo bleiben Corrie und Rien?




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Im Sumpf

Eigentlich wollten Corrie, Rien und ich heute in unserer Luxus-Herberge mit Einzelzimmern länger schlafen, es gaaaanz ruhig angehen lassen. Die Strecke ist vier Kilometer kürzer als gestern, wir haben also Zeit. Doch dann geht es uns allen in den jeweiligen Einzelzimmern gleich. Die Morgensonne durchflutet die Räume und es hält uns nicht mehr in den Betten. Wir wollen raus, raus in dieses herrliche Wetter, in die Sonne, in die klare Luft, in diese wunderbare Landschaft. Selbst Rien, der sonst immer etwas länger braucht, bis er endlich seinen Rucksack auf dem Rücken hat, steht bald startbereit an der Tür. Doch die stille Übereinkunft bleibt erhalten: Erst ziehe ich um kurz nach 8 Uhr los, wenig später meine beiden holländischen Pilgerfreunde. Jeder geht seinen Weg! 


Der Countdown läuft! Noch drei Tage, dann bin ich in Trondheim. In zehn Minuten etwa habe ich meine 1900 km hinter mir, die nächsten Hundert bekomme ich nicht mehr voll. Um sich einzulaufen, sind die ersten Kilometer genau richtig. Über eine Hochfläche führt der Weg dahin, mit weitem Blick ins Tal hinab. Schmucke Höfe reihen sich aneinander. Die weißen Wohngebäude aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts sehen mit ihren verzierten Eingangsbereichen aus wie kleine Herrensitze, die Wirtschaftgebäude kontrastieren dazu in Ochsenblut-Rot oder Dunkelbraun. Die Wiesen sind gemäht und das Gras liegt in langen Reihen, Pferde wälzen sich mit Wonne auf ihren sattgrünen Weiden.


Doch dann ist Schluss mit Idylle, es geht zwischen die Bäume. Trampelpfade schlängeln sich durch zunächst lichte, dann aber recht bald immer dichter werdende Birken- und Fichtenwälder. Vorhin habe ich an der Straße noch das dreieckige Warnschild mit dem gemütlich daherschlendernden Elch gesehen. Jetzt würde es mich nicht wundern, wenn er mir hier entgegenkäme. Von der Hand zu weisen wäre das nicht, denn auf seine Losung stoße ich immer wieder und ab und zu auch auf Nadelbäume, die er als Scheuerbürste genommen hat, um sein Winterfell abzureiben. Graubraune Fellreste kleben noch an den Stämmen oder liegen verstreut auf dem Pfad.


So langsam wird es feuchter. Rinnsale strömen von überall herbei, verharren mit Vorliebe für ein Weilchen auf den Pfaden und bilden zuweilen einen kaum zu umgehenden Matschpfuhl. Meine Schuhe sind schon durchgeweicht, da habe ich das angekündigte Hochmoorgebiet noch gar nicht erreicht. Doch bevor es so richtig losgeht, erst noch eine besonders schöne Phase am See Solsjoen entlang. Tiefblau liegt er da, umgeben von einem hellgrünen Schilfring und dunkelgrünen Tannenwäldern. Einige Ruderboote dümpeln am Ufer. Auf einem Schotterweg laufe ich jetzt leichtfüßig halb um den See herum, steige auf ihm dann steil bergauf, sehe jetzt den nächsten See, Snotonvatnet, unter mir. Welch ein Bild: der rot-weiße Hof am blauen See, dahinter die Wälder und teilweise noch schneebedeckten Fjellberge. Zum Einlullen schön!


Die Moorlandschaft beginnt. Es ist kein flaches, dunkles Land, wie man sich ein Moor vielleicht vorstellt. Auf und ab gehe ich über die offenen Sumpfgebiete mit wenig Bewuchs, die sich mit kleinen Waldabschnitten abwechseln. Harmlos sehen die teilweise großen grünen Flächen aus, wie mit Moos überzogene Teppiche. In Wirklichkeit aber sind sie ein Schwamm. Anfangs liegen noch Bretter oder Bohlenstege über besonders nassen Abschnitten, das gibt sich aber. Bald gibt es keine Querungshilfen mehr und es wird immer nasser. Ich kann oft nicht fassen, wo mich die Markierungspfähle herleiten. Besonders nasse Stellen zu umgehen, ist meist nicht möglich. Irgendwann ist mir alles egal. Trockenen Fußes komme ich hier nicht mehr raus. Also Augen zu und durch. D.h., "Augen zu" natürlich nicht! Hier die Markierungen zu verlieren, könnte Irrungen und Wirrungen nach sich ziehen. Ich gehe daher immer erst von einer Markierung aus weiter, wenn ich die nächste eindeutig irgendwo erkennen kann. Dann aber gehe ich in direkter Linie. Das Wasser schwappt mir manchmal oben in die Schuhe, mich stört das nicht mehr.


Was mich kurzfristig doch stört, ist meine gekonnte Bauchlandung. An einer Stelle konnte ich meinen rechten Fuß nicht so schnell wieder aus dem Sumpf ziehen, wie es für das Gleichgewicht sinnvoll gewesen wäre, jedenfalls finde ich mich plötzlich mit dem Gesicht in unmittelbarer Nähe der Wasseroberfläche wieder. Der Rucksack sitzt mir im Nacken und drückt mich immer tiefer, während meine Ellenbogen unter seinem Gewicht immer mehr im Wasser versinken. Dem Abtauchen kann ich nur entrinnen, indem ich mich - wie, weiß ich nicht mehr - seitlich abrolle, mich mit aller Kraft hochstemme und daraufhin mit dem Hintern im Wasser sitze. Da dieses Wasser aber nun keinesfalls Badewannenqualität hat, sehe ich nach dem mühsamen Aufrappeln ungefähr so aus wie ein Wildschwein nach der Suhle - aber es hat erfrischt. 


Diese Frische am Körper bleibt mir nun noch eine ganze Weile erhalten. Aber alles halb so schlimm! Die Sonne hat die mich umgebende Luft inzwischen auf mehr als 20 °C aufgewärmt und ich erfriere dadurch nicht. Der mir anhaftende Modder trocknet allmählich und irgendwann brauche ich den Dreck nur noch von mir abstreifen oder aus den Klamotten klopfen. Bei der Olavsweg-Toilette ein paar Kilometer später, einem schmucken Herzhäuschen mitten im Unterholz bei einer schönen Rastbank, laufen Corrie und Rien zu mir auf. Rien sieht etwas schmutzig aus. Auf meine Frage hin, was passiert sei, kommt die Antwort, die ich erwartet habe: "Ich hab mich gerade im Sumpf hingelegt!" Ich könnte mich wegschmeißen. Willkommen im Klub!


Zum Ende des Hochmoores öffnet sich der Blick wieder über ein weites Tal. Auf harmlosen Trampelpfaden geht es hinunter, bis der Trampelpfad zur Schotterstraße wird und die Schotterstraße zur Asphaltpiste. Jetzt kommt der wirklich lästige Teil des Tages: Die ergiebige Mischung aus Moormorast- und Schweißduft lässt bis nach Skaun hinein "Wolken" von Fliegen um mich herumfliegen. Sie verfangen sich im Haar, klatschen gegen meine schweißnasse Stirn, versuchen, in Nase und Ohren zu krabbeln. Ich schlage anfangs mit meinem Taschentuch verzweifelt um meinen Kopf herum, um die Viecher zu vertreiben, und verbrauche damit fast mehr Energie als mit dem Laufen. Aber die kleinen Biester lachen nur. Ich höre das! Dann fallen mir meine beiden Buffs ein, die ich in der Anoraktasche bei mir trage. Einen ziehe ich mir über Hals, Nase und Mund, den anderen über Kopf, Stirn und Ohren. Damit wäre das Thema eigentlich gegessen - wenn die Augen nicht wären... Nur die kann ich nun wirklich nicht auch noch verhüllen! Also ergebe ich mich in mein Schicksal und lasse sie auf meinen Wimpern landen oder auf den Brauen rumkrabbeln. 


Als hätten sie dort "Hausverbot", hört in Skaun der Fliegenbefall schlagartig auf. Neben der alten Kirche steht das kleine Gemeindehaus, das Pilgern zur Übernachtung offensteht. D.h., offen steht die Tür nicht, im Gegenteil, sie ist verschlossen. Doch ein Hinweis neben der Tür zeigt mir, wen ich anrufen muss. Zehn Minuten später fährt ein Auto vor, ein großgewachsener Mann begrüßt mich ("Herzlich willkommen in Skaun!"), schließt auf und zeigt mir alles, was für mich und nachfolgende Pilger wichtig ist. An eins hat man hier besonders gedacht: an die mit Sicherheit nassen Schuhe der Pilger. Direkt beim Eingang stehen mehrere elektrische Schuhtrockner. Das ist schon mal gut. Toilette, Dusche, Küche - alles prima! Im großen Gemeindesaal stehen keine Betten. Der Mann zeigt mir, wo die Matratzen liegen. Heißt, der Gemeindesaal wird bei hohem Pilgeraufkommen zur Matratzenlandschaft. Herrlich, jetzt kommt mal original Camino-Feeling auf! Aber groß ist heute das Pilgeraufkommen ja nicht. Michael, ein junger Deutscher, und Corrie und Rien treffen noch ein. Unsere Matratzen verlieren sich bald in dem großen Saal.


Dann Pilgeralltag: duschen, etwas einkaufen, einen Entspannungskaffee trinken, draußen vor dem Haus in der Sonne die gewaschenen Klamotten aufhängen oder Tagebuch schreiben, sich unterhalten, kochen, essen, den nächsten Tag vorbereiten, schlafen.


Alle um mich herum sind mittlerweile bei Letzterem angelangt. Ich werde mich jetzt mal dazulegen.




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61 km til Nidaros

Heute ist mein 90. Pilgertag. 90 mal losgehen in dem Bewusstsein, jetzt musst du zu Fuß 15, 20, 25, 30 oder 35 km hinter dich bringen, egal, wie das Wetter gerade ist, wie du dich fühlst. 90 mal irgendwo ankommen, wo du nicht weißt, was dich erwartet. Dazwischen Neues sehen und erleben: Landschaften, Menschen, Unvorhergesehenes, Überraschendes, Langweiliges, Begeisterndes. Keinen dieser 90 Pilgertage will ich missen.


Margreta, Corrie und Rien sitzen noch beim Frühstück, als ich die Herberge verlasse. Kaum habe ich der Hofanlage von Segard Hoel den Rücken gekehrt, liegt das an dieser Stelle breite Orklatal vor mir, mit schneebedeckten Fjellbergen im Hinter- und mähenden Bauern im Vordergrund. Darüber ein strahlend blauer Himmel mit nur wenigen weißen Wölkchen. Das Bild ist so perfekt, dass ich es für eine kitschige Fotomontage hielte - wenn ich nicht selbst in der Kulisse stünde. 


Den ganzen Tag über führt der Olavsweg auf Schotter- und Asphaltstraßen entlang. Mein Olavsweg! Der richtige Olavsweg ist mal wieder nicht konsequent. Immer wieder muss der Pilger "geschont" werden und man jagt ihn in regelmäßigen Abständen von der schönen, ohne große Höhenunterschiede sich dahinschwingenden und wenig befahrenen Straße ins Gebüsch, schickt ihn über Baumwurzeln, dicke Steine, Schlammlöcher, keine zwei Steinwurfweiten von der Straße entfernt. Ich wiederhole mich: Nicht mit mir! So habe ich heute eine zwar nicht kurze, aber völlig unangestrengte Etappe. Jenseits des Dovrefjells scheint tatsächlich manches leichter zu werden. Liegt es daran, dass sich die Beine nun wirklich ans Laufen gewöhnt haben; oder daran, dass die "km bis Nidaros" jetzt rapide weniger werden? Oder einfach daran, dass ich mir in den letzten drei Tagen immer öfter meinen eigenen Olavsweg stricke? Ich denke mir: Auch die Pilger im Mittelalter gingen nicht im Gänsemarsch, jeder suchte sich zwischen den einzelnen Herbergen seinen eigenen Weg. Das Ziel war entscheidend! Insofern stimmt bei mir noch alles.


Das Orklatal bei Meldal ist eine weite Schwemmlandfläche, zu der ich erstmal mit weit ausholenden Schritten auf der Schotterstraße hinabsteigen kann. Ein großer Bauernhof reiht sich an den nächsten, Kuhherden überall. Und es wiederholt sich was, wovon ich dachte, es läge schon lange hinter mir. Nicht nur der Löwenzahn ist hier spät dran, sondern auch der Bauer mit dem Güllefahren. Ja, bin ich denn hier im Münsterland! Überall sind sie mit ihren Tankwagen auf den Feldern und spritzen das stinkende Zeug durch die Gegend. Da sind mir doch die anderen Bauern entschieden lieber, die auch mit ihren Traktoren unterwegs sind, aber mähen. Ein gutes Zeichen! Kein Bauer mäht seine Wiesen, wenn in den nächsten zwei bis drei Tagen Regen ansteht. Kommen wir vielleicht trockenen Fußes nach Trondheim?


Nach sieben Kilometern, genau richtig zu einer Rast, erreiche ich Meldal und mit dem kleinen Ort auch seine alte Kirche. "Alte Kirche" ist nicht ganz richtig. Die Meldal kirke von 1651 brannte am 16. Juni 1981 bis auf die Grundmauern nieder. Nach einer heftigen Diskussion in der Gemeinde, ob die neue Kirche ein modernes Gesicht bekommen oder nach dem Vorbild der alten Kirche wieder aufgebaut werden sollte, entschied man sich mit Mehrheit für eine Replik. Auf den Grundmauern der ursprünglichen Kirche entstand die Kopie, wobei möglichst viel des alten Materials wiederverwendet wurde. Eine der Kirchenangestellten, die ich zufällig antreffe, weist mich auf viele Einzelheiten der barock ausgestatteten Kirche hin, auf die Statuen (eine von ihnen Jakobus der Ältere mit dem Pilgerstab), den großen Altar, die prunkvolle Kanzel und die Wandgemälde mit all den Holzschnitzereien - und ich darf sogar kurz in den Aufenthaltsraum mitkommen zu Keksen und Limo. Und die Toilette im Kellergeschoss zeigt sie mir auch noch.


Wer in die Schwemmlandfläche absteigt, steigt auch wieder auf. Herrlich ist dabei der Blick zurück ins Orklatal, von dem ich mich nun aber auch verabschiede, weil die Orkla und ich von nun an getrennte Wege gehen. Mein Weg ist weiter die Straße, doch ich gehe sie gerne. Ich habe nichts gegen Straßentippelei. Schöne Natur zieht an mir vorbei, der Verkehr ist zu vernachlässigen, so gering ist er und - wer weiß - vielleicht beobachten mich sogar ein Paar Elchaugen. Die Landschaft hier ist ihnen sehr angemessen und Verkehrsschilder warnen sogar vor hier möglicherweise kreuzenden Exemplaren. Die Zeit geht jedenfalls schnell vorbei und mit ihr auch die zurückzulegenden Kilometer. Zwei Kilometer vor meinem Tagesziel, dem Hof Gumdal mit seiner Pilgerherberge, taucht schon wieder der nächste Meilenstein auf: "61 km til Nidaros". Viele von ihnen werde ich nicht mehr antreffen. Ich bekomme ein leichtes Kribbeln im Bauch...


Die letzten Kilometer sind oft die mühsamsten, so auch heute. Steil geht es aus einem Flusstal nochmal über 100 Höhenmeter hinauf, dann liegt der alte Gumdal- Hof vor mir. Es ist hier, wie auch schon bei all den letzten Pilgerunterkünften, die zu Bauernhöfen gehören: Schon von Weitem habe ich immer das Gefühl, hier kann es nur schön und gemütlich sein! So war es immer und so ist es auch heute. Wie ein Appartement ist im Erdgeschoss alles eingerichtet, in den vier kleinen Räumen im Obergeschoss steht jeweils ein einzelnes Bett. Jeder Pilger hat also ein Optimum an Privatsphäre. Im Bad steht sogar eine Waschmaschine - zur kostenlosen Nutzung. Hatte ich auch noch nicht!


Das Schönste an Gumdal aber ist der Blick ins Tal. Am späten Abend taucht die hinter dem gegenüberliegenden Berg untergehende Sonne alles in ein Meer aus warmen Strahlen. Ein goldener Weichzeichner legt sich über die weite Landschaft, und ich sitze auf einem Stein - die Belohnung für all die Mühen der letzten Wochen kann eben auch der einfache, pure Genuss eines solchen Moments sein.




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Bei Tante Emma

Beim Frühstück sitzt noch eine Person mehr am Tisch als gestern Abend. Margreta, eine deutsche Pilgerin aus Zittau, ist mit dabei. Seit vier Tagen schon wohnt sie auf Meslo gard, um dort ihre zerschundenen Füße auszukurieren. Bis zum Beginn des Dovrefjells ist alles bei ihrer Pilgerwanderung blendend verlaufen. Nach über 400 km bekam sie plötzlich Blasen an den Füßen, die für sie ein normales Vorankommen unmöglich machten. Um aber dennoch Trondheim zu erreichen, entschloss sie sich, das Dovrefjell mit dem Zug zu überqeren, bei irgendeiner Unterkunft ihre Füße auszuheilen und anschließend ihren Weg fortzusetzen. Die gesuchte Unterkunft wurde dann Meslo gard, wo sie ihren Aufenthalt praktisch als Küchen- und Hofhilfe finanzierte. Heute fühlt sie sich so weit wieder genesen, dass sie ihren Weg fortsetzen möchte.


Wir frühstücken zwar noch alle zusammen, aber dann hat jeder beim Packen sein eigenes Tempo. Barbara marschiert zuerst los. Sie will heute nur eine kurze Strecke machen, um ihre Reise um einen Tag zu verlängern. "Ich war jetzt schon zwei Mal in Trondheim, das reicht mir. Ich bleibe lieber einen Tag länger auf dem Weg." Wahrscheinlich sind damit die gemeinsamen Tage mit Barbara beendet, aber inzwischen kenne ich auch alle Geschichten von ihren verschiedenen Pilgerwegen. Wir verabschieden uns kurz und schmerzlos. Man trifft sich, man trennt sich. Nach Barbara mache ich mich auf den Weg, kurz nach mir Corrie und Rien, dann Margreta. Wir vier wollen uns spätestens in Segard Hoel wiedertreffen, unserer nächsten Pilgerunterkunft.


Ich renne förmlich auf der Straße los. Es ist sonnig und kühl, höchstens 8 °C, ein typischer Frühsommermorgen in Norwegen eben. Mein Wetter! Ich bin heute wieder gut drauf, ganz anders als gestern. Aber so einen kleinen Durchhänger muss man sich wohl auch mal nehmen. Mein Kreislauf ist gerade gut in Schwung, da werde ich ausgebremst: Ein Bauer sperrt gerade mit einem Seil die Straße und seine Frau treibt etwa 15 Kühe aus dem Stall des Hofes. Die Kühe haben ganz viel Zeit, lassen sich nicht hetzen. Bauer und Bäuerin machen auch keinen Stress, ab und zu mal einen Klaps auf einen breiten Kuhrücken und ein aufmunterndes "Hopp!", mehr nicht. Alles mit der Ruhe! Auch die Autofahrer, die inzwischen vor dem Seil halten, haben eher ein Lächeln im Gesicht. Das gefällt mir. Sobald die Kühe auf der anderen Seite der Straße ihre Weide erreicht haben, ein dankbares Kopfnicken des Bauern und ein Lächeln von der Bäuerin. Ich nehme wieder Tempo auf. Links - rechts - links - rechts - ... Schneller als gedacht bin ich in Rennebu.


Ganz bewusst habe ich von Meslo gard an wieder die Straße genommen und nicht den mühsameren Bergweg. Erstens habe ich ja sowieso vor, meine Kräfte zu schonen und diese nicht an (für mich) sinnlose kräftezehrende Bergpfade zu vergeuden, und zweitens möchte ich mir für Rennebu Zeit nehmen. Dort gibt es nämlich das Rennebu Bygdemuseum (Heimatmuseum) und die Rennebu kirke. 


Das Heimatmuseum, in das auch eine kleine Pilgerinformationsstelle integriert ist, ist nichts anderes als der ehemalige Kaufmannsladen des Dorfes. Fast genau hundert Jahre lang, von 1871 bis 1970, versorgte er das Dorf mit allem, was damals wichtig und notwendig war. Nachdem der Tante-Emma-Laden geschlossen wurde, hat man alles gelassen, wie es war: Waschpulver, Mausefallen, Garnrollen, Fischpudding, Stoffballen, Männermützen, Knöpfe, Reklameschilder und vieles mehr. Verblüffend ist für mich bei solchen Gelegenheiten immer wieder, dass die meisten dieser Produkte bzw. heutigen Exponate zu meiner Kinderzeit noch ganz alltägliche Gegenstände waren. Das kann doch nur bedeuten, dass ich selbst inzwischen auch museumsreif bin. Die junge Museumsmitarbeiterin kann einiges erzählen, z.B. dass man sich hier in einem Hinterzimmer auch die Zähne ziehen lassen konnte. Ein Laden für alles eben: "Was sie heute bei uns nicht finden, kommt morgen mit dem Wagen". 


Das junge Mädchen aus dem Museum ist auch für die alte Kirche von Rennebu zuständig. Nachdem mittlerweile auch Corrie und Rien eingetroffen sind, bietet es uns erst noch einen Kaffee und "some cookies" an und fragt uns dann, ob es uns die Kirche zeigen dürfe. Eine kostenlose Führung also, find ich gut.


Die Stabkirche wurde 1669 erbaut und ist die älteste der vier Y-Kirchen in Norwegen und damit der Welt. Das gleichseitige Dreieck aus Altar und den beiden Seitenarmen (das Y) steht für die Dreifaltigkeit Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Kirche mit wunderschönem Holz in Rot und Blau ist beeindruckend restauriert, die Schnitzereien, z.B. an der Kanzel, sind sehr detailverliebt.


Mehr als eineinhalb Stunden halte ich mich an diesen beiden besonderen Stationen von Rennebu auf. Vor der Kirche noch ein Erinnerungsfoto mit Corrie und Rien beim Meilenstein "101 km til Nidaros", dann zwinge ich mich zum Weitergehen. Nur noch 101 km!

 

Die Kilometer rasen jetzt nur so dahin.
Weiter auf der asphaltierten Landstraße, dann der Abzweig auf eine Schotterstraße, leicht bergauf, wieder diese alten Höfe, Pferde und Kühe auf den Weiden, schwere Traktoren, die mit Kreiselmähern ihre Bahnen ziehen. Das sieht nach zukünftigem besseren Wetter aus, sonst würden die Bauern nicht mähen. Noch ein paar sonnige Tage zum Schluss meiner Pilgerschaft wären nicht verkehrt. Am Anfang, damals war es Ende März, schien auch eine Woche lang die Sonne. Das wäre doch eine runde Sache! Noch ein Abzweig, jetzt doch wieder mal auf einen engen Pfad, durch dichten Nadelwald, dessen Boden dick mit Moos ausgelegt ist. Regenschauer gehen nieder, immer mal wieder. Der Pfad steil hinab wird wieder glitschig, ich muss aufpassen. Unten angekommen geht es an der Orkla weiter, wieder säumen einige Anglerhütten ihre beiden Ufer.


Bei einem weiteren Schauer erreiche ich den Hof Segard Hoel. Audhild bringt mich zum Herbergsgebäude, dem alten Vorratsstabbur hinter dem Haupthaus. Wieder gediegene Gemütlichkeit, Wärme, Gastfreundschaft. Corrie und Rien kommen eineinhalb Stunden später, sie sind ohne Absicht einen Umweg gegangen und ganz schön fertig. Ich mache ihnen schnell einen Kaffee, dann sieht die Welt schon wieder anders aus. Margreta erreicht Segard Hoel sogar erst am Abend, sie hat sich unterwegs verlaufen. "Der Weg war aber auch schlecht markiert!" Nein, Margreta, daran hat es nicht gelegen. Der Weg ist immer noch vorbildlich markiert. Du hast einfach irgendwann mal nicht richtig aufgepasst.


Nachdem ich den anderen den Vortritt gelassen habe, schlüpfe auch ich unter die Dusche. Dabei mache ich eine interessante Entdeckung an mir: Ich bin ja von Haus aus mit einem sehr schönen Bein - also eigentlich derer zwei - gesegnet, aber gerade im Unterschenkelbereich sind sie während des letzten halben Jahres vor Beginn meiner Tour doch sehr - sagen wir mal - ladylike (von den Haaren abgesehen) und unmuskulös geworden. Und siehe da: Die himalayaähnlichen Gebirge, die ich hier immer mal wieder durchwandere, haben inzwischen ihre attraktiven Spuren hinterlassen und mir jeweils einen ausgeprägten Musculus triceps surae beschert. (Dass der so heißt, weiß ich seit dem letzten Besuch bei meinem Orthopäden.)




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Kurze Psycho-Krise

Unverhofft kommt nicht allzu oft und das war jetzt sehr überraschend! Der Harndrang eines Ü-60ers während der Nacht hat auch mal seine besonders schönen Seiten. Der einzige Mangel, den diese urgemütlichen Pilgerherbergen in den alten Häusern der norwegischen Höfe haben, sind die fehlenden En-Suite-Badezimmer mit Dusche und Toilette. So auch auf Haeverstolen. Es ist also oft ein kleiner Weg über eine erfrischend kalte Wiese oder durch Wind und Regen, bis man endlich bei der Toilette ist. Etwa gegen 1.30 Uhr, als es hier so dunkel ist wie im Moment um 22 Uhr zu Hause, mache ich mich mal wieder im Halbschlaf dorthin auf den Weg - da sehe ich ihn! 


Ja, ich sehe ihn, aber an einer Stelle und zu einer Zeit, an der wir beide (ich und er) nicht damit rechnen konnten. Steht da doch so ein graues Etwas auf der Wiese jenseits des Holzzaunes im hohen Gras, ein Haus in der Nähe und nichts von totaler Einsamkeit. Ich: "Wer bist denn du? Graubraun, ein Esel in Norge? Wo bin ich hier?" Und der ominöse Esel dreht sich um, blickt voller Erstaunen auf mich und offenbart keine Abstammung vom Esel, sondern eindeutig seine vom "Älg". Sein Geweih ist zwar gewaltig, macht aber trotzdem nicht viel her. Andere Viecher lassen sich Geweihe mit vielen spitzen Enden wachsen, die im Profil prächtig aussehen und dem Feind Respekt abnötigen. Der Elch dagegen trabt mit einem Geweih durch die Gegend, das wie ein riesiger Handschuh-Topflappen aussieht. Wir beide sind über unser Zusammentreffen mindestens gleich erstaunt, er aber rafft die Situation als Erster und zieht Leine, hinein in den nahen Wald. So hat man den Höhepunkt seines Tages schon in der Nacht. 


Ich brauche einige Zeit, bis ich nach dieser Begegnung wieder in den Schlaf finde. Als ich mich beim Aufstehen - im Gegensatz zu sonst - doch ein wenig gerädert fühle, tröste ich mich mit dem Gefühl, dass es heute keine lange und sogar eine recht einfache Etappe werden wird. Während Barbara und ich frühstücken, trommeln dicke Regentropfen auf die Dachfenster der Herberge und ich finde nur mit Mühe die Motivation, mich auf die Strecke zu begeben. Ich lasse Barbara mal wieder ziehen, auf der Strecke kann ich heute wahrscheinlich keine anhaltenden Gespräche vertragen. Ich schütte mir noch einen dritten Kaffee auf, dann aber hilft keine Vermeidungsstrategie mehr, ich muss los. Als ich im prasselnden Regen ihren Hof verlasse, steht Unni Larsen am Fenster ihres Hauses. "Genau das richtige Wetter zum Wandern!", ruft sie mir verschmitzt zu und winkt mir hinterher. Ich lächle bemüht umd winke nur zaghaft zurück.


Ich aktiviere den Autopilot und trabe los. Glücklicherweise geht es immer leicht bergab, immer weiter noch auf dem breiten Gamle Kongevegen. Die Markierungen wollen mich mal nach links, mal nach rechts abzweigen lassen, aber ich verweigere mich. Ich weiß, dass ich immer wieder auf die Alte Königsstraße zurückkomme, also wieso soll ich bei Regen über schlammige Pfade, nasse Wiesen und glitschige Baumwurzeln kriechen, hangrauf, hangrunter? Ich bin müde, mein Kopf ist ganz träge, und auch meine Beine sind schwer. Bekomme ich jetzt eine Post-Fjell-Depression? Oder wehrt sich alles in mir gegen die Ankunft am Ziel? Mir fällt es unglaublich schwer, mich zum Weitergehen zu motivieren. Ich muss mich missmutig dazu zwingen, alles in mir ist von einer merkwürdigen Abschiedsstimmung erfüllt, die mir das nahende Ende der Wanderung schmerzlich vor Augen führt.


Ich spule die Kilometer ab. Der Gamle Kongevegen wird von einer Schotterstraße zur Asphaltstraße, führt vom aussichtsreichen Hang in den Wald hinein, immer weiter leicht bergab. Es könnte alles so leicht sein, und doch fällt mir irgendwas schwer. Ich freue mich doch auf zu Hause, auf die Familie, auf die Aufgaben und Ereignisse, die mich erwarten. Körperlich hat sich nichts verschlechtert, aber warum spielt dann meine Psyche verrückt? Oder ist es nur schlicht und ergreifend der Regen?


Es tritt dann etwas ein, was ich mir nicht erklären kann. Kaum bin ich dabei, mich so richtig aus vollstem Herzen zu bedauern, hört der Regen auf, die graue Wolkendecke bricht auf und die Sonne zaubert plötzlich eine vollkommen andere Stimmung. Jetzt muss ich mal den bequemen Weg verlassen, wenn ich nicht einen weiten Umweg gehen will. Obwohl der nun folgende Pfad steil nach unten geht und eher einem Rinnsal gleicht, die Knie anfangen, mir etwas weh zu tun, ich mich zwei Mal wegen rutschiger Baumwurzeln in den Schlamm setze, höre ich, dass ich ein Lied vor mich hin summe. Doch der Bach, der neben mir zu Tal donnert, übertönt es.


Als ich im Tal ankomme, fließt vor mir die Orkla dahin, ein Fluss, der manchmal recht ruhig, ein anderes Mal wie ein Wildwasser dahinfließt. Hier habe ich die Wahl: über die Brücke und anschließend über steinige Waldpfade steil den Berg hoch "zu schönen Aussichten" oder "gemächlich am Fluss entlang". Man trifft sich nach beiden Varianten auf der Landstraße, die an der Orkla entlang verläuft. Ab sofort steht für mich fest: Anstrengungen, die nicht nötig sind, werden auch nicht mehr gemacht. Ich gehe weiter den Olavsweg, aber Umwege lehne ich ab sofort ab. Die Pilger des Mittelalters waren nicht wegen "schöner Aussichten" unterwegs, und ich hab davon schon reichlich gehabt.


Meine Alternative ist also die am Fluss entlang. Schön ist dieser Weg. Angler haben ihn schon lange für sich entdeckt. Stege ragen immer wieder ins Wasser, Anglerunterstände finden sich alle 300 m. Einer dieser Unterstände ist besonders nett. Er steht unmittelbar am Weg, zu drei Seiten wind- und regengeschützt. Am Mittelbalken prangt ein mächtiger Elchkopf, an einer Wand ein Rentiergeweih. Eine Feuerstelle wärmt den Angler, der in einem ausrangierten Fernsehsessel die Angel im Auge hat, auf einem kleinen Tisch wird der Fang wohl aufbereitet und anschließend auf einem Holzkohlegrill direkt mundgerecht zubereitet. Auf einer Bank mit Schaffellen sitzen dann die Petrijünger und haben auf dem groben Holztisch ein fürstliches Mahl vor sich. Die passenden Plastikteller dafür finden sich in einem kleinen Hängeschrank. Sollte es dann doch mal etwas dunkler werden, spendet eine Kerzenlaterne ausreichend Licht, eine gewisse Sicherheit eine Rolle Toilettenpapier. Angleridylle!


Zwei Kilometer geht es an der Orkla entlang, dann wechsle ich auf die andere Flussseite. Nochmal zwei Kilometer am Rand einer Landstraße und ich habe Meslo gard erreicht, einen weiteren Bauernhof mit Pilgerunterkunft. Ingrid Meslo, die Bäuerin, kommt gerade mit dem Auto angefahren und hält vor ihrem Haus, wo ich gerade an der Tür klingeln will. "Ich komme von meiner Sommer-Alm. 50 Kühe habe ich gerade gemolken", ruft sie mir beim Aussteigen aus dem Auto lachend entgegen. "Komm, ich zeig dir schnell deine Hütte, dann muss ich ins Haus, mich umziehen. Gleich kommen 15 Leute, die wollen von mir wissen, wie ich meinen Hof mit meinem Engagement für Olavspilger in Einklang bringe." Mit zügigen Schritten marschiert sie vor mir her, zeigt mir zuerst Dusche und Toilette in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kuhstall, dann die Pilgerhütte. Wieder die pure Gemütlichkeit, wieder alles vorhanden, was sich ein müder Pilger erträumt. Und wieder wird ein Feuer im Holzofen angestocht.


Als Ingrid Meslo vor ein paar Jahren im Haupthaus ihres Bauernhofes die ersten Gästezimmer einrichtete, hatte sie an Lachsfischer gedacht, die in den umliegenden Flüssen einen guten Fang machen - und abends eine Schlafstatt brauchen. Mit den Pilgern hatte sie nicht gerechnet. "2004 stand der erste Pilger im Hof, aus England kam er", erinnert sich Ingrid, die in den Jahren danach auch die Blockhütten, in denen einst Vorräte lagerten, zur Herberge ausbaute. Inzwischen machen mehr als 250 Pilger jedes Jahr auf Meslo gard Station.


Etwa eineinhalb Stunden später kommt auch Barbara an und ist etwas erstaunt, dass ich schon da bin. Sie ist erklärtermaßen eine "Asphalthasserin" und nimmt eher vier Kilometer "Dschungelpisten" in Kauf als einen Kilometer Straße. Jedem das, was er (oder sie) braucht. 


Beide bestellen wir bei Ingrid ein Abendessen, weil ihr als Köchin ein besonders guter Ruf vorauseilt. Als Barbara und ich zum Abendessen erscheinen, hat aber nicht Ingrid eine leckere Suppe, ein großes Omelett und einen schmackhaften Salat gezaubert, sondern Janneke, eine Holländerin, die auf Meslo gard aushilft, solange Ingrid auf der Sommer-Alm so stark eingespannt ist. Ingrid versorgt also ihren Hof, ihre Alm und ihre Kühe, Janneke die Pilger.


Doch die Überraschung des Abends ist nicht das leckere Essen! Corrie und Rien sitzen mit am Tisch! Sie haben heute hier einen Ruhetag eingelegt. Der Regen am Morgen hat sie dazu gebracht. Wie schön, die Beiden, die im Haupthaus ein Doppelzimmer haben, hier wiederzutreffen. Sie erzählen von Anke, die sich zu viel zumutete, einen Ermüdungsbruch im linken Schienenbein erlitten hat und inzwischen wohl zu Hause in Schleswig ist. Anke wollte zwar sowieso nicht bis Trondheim durchlaufen, aber so musste das nun doch nicht enden.


Janneke serviert uns noch ein Eis und einen Kaffee zum Schluss. Bei uns vier Pilgern zieht nun langsam das Abschlussfieber ein. Werden wir zusammen Trondheim erreichen? 



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Auf der "Alten Königsstraße"

Zum Frühstück gibt es in unserem Quality Hotel Skifer reichlich. Reichlich was vom Buffet und reichlich viel Menschen im Frühstücksbereich. "Frühstücksraum" kann man nämlich nicht sagen, eher Bahnhofswartehalle 1. Klasse mit Verköstigung der Reisenden. Menschen strömen förmlich aus dem Treppenflur und aus dem Aufzug dem Buffet entgegen, Alte, Junge, Kinder. Die meisten haben höchst sportliche Kleidung an, auf manchem Funktionsshirt und etlichen Trainingsjacken wird dokumentiert, dass der Besitzer wohl Mitglied in einem Skiverein ist. Vielleicht sind das die meisten Norweger, die nicht gerade in Oslo wohnen. Basti findet mit seinem Smartphone sehr schnell heraus, dass an diesem Wochenende in Oppdal irgendwelche Meisterschaften im Orientierungslauf stattfinden, einem Volkssport in Norwegen. Mir ist es, gerade nach den Tagen im Fjell, hier jetzt wesentlich zu unruhig, zu hektisch, zu laut, zu viele Menschen und überhaupt. Nach Rühreiern mit Speck und Bohnen, Brot mit Lachs und Camembert, Pfannkuchen mit Marmelade, Joghurt, Orangensaft und Kaffee machen wir schnell, dass wir aus dieser quirligen Menschenmasse herauskommen, packen in Ruhe unsere Sachen und checken aus. Lieber in Ruhe draußen am Bahnhof noch ein paar Minuten in der Sonne sitzen, als hier mitten in diesem Ameisenhaufen.

 
Ich kann das ja jetzt wieder gar nicht haben! Ich muss mich nach einer wunderschönen Woche von meinem Sohn verabschieden. Abschiede sind überhaupt nicht mein Ding! Wie gerne wäre ich noch mit ihm weitergezogen. Doch bevor ich ganz rührselig werde, naht Ablenkung. "Das habe ich mir doch gedacht, dass der Vater seinen Sohn noch zum Zug bringt!", tönt es auf einmal nahe bei uns auf dem Bahnsteig des schönen Oppdaler Bahnhofs. Barbara kommt anmarschiert und grinst über das ganze Gesicht. "Da habe ich mir gesagt, dann kannst du ja auch noch Tschüss sagen!" Barbara ist am frühen Morgen gegen 7.30 Uhr in Plastoggo losgegangen und erscheint pünktlich zu Bastis Abschied auf dem Bahnsteig. Sie muss ihm doch dringend noch mitteilen, dass sie dank seiner gestrigen Hilfe gut auf dem Gasherd kochen konnte und irgendwann habe der Kamin auch nicht mehr gequalmt.


Mitten in den Erlebnisbericht von ihrer Übernachtung fährt die Dovrebahn am Gleis ein. Ich bin davon fast überrumpelt, habe gerade noch Zeit, meinen Jungen kurz in den Arm zu nehmen, da muss er auch schon zusehen, dass er seinen Zugwagen findet. Ich weiß gar nicht, ob ich ihm ein "Danke" zugeflüstert habe, ich schicke es ihm leise hinterher. Ein kurzes Winken noch, dann ist er weg. Schluck..., schluck...! Ich kann einfach damit nicht umgehen!!! Barbara scheint das zu merken und zieht mich einfach vom Bahnhof weg. "So, ich muss jetzt eben noch etwas einkaufen! Du geh aber ruhig schon, ich halte gar nix davon, wenn einer auf den anderen wartet. Jeder geht seinen eigenen Weg! Wir sehen uns in Haeverstolen!" Barbara biegt ab zum Supermarkt und ich mache mich daran, die Markierungen für den Olavsweg wiederzufinden.


Für mich beginnt nun der letzte Abschnitt meines langen Pilgerweges. Nach der Überquerung des Dovrefjells liegt nun der Endspurt auf Trondheim vor mir. Lächerliche 150 km sind es nur noch, am Samstag bereits werde ich ankommen. Dreizehn Wochen Fußweg liegen hinter mir, so viele Begegnungen, so viele Erinnerungen. Ich habe das Gefühl, die Besohlung meiner Schuhe hat inzwischen Kartonstärke erreicht, ich glaube manchmal, jeden Stein zu spüren. Auf der anderen Seite fühle ich mich topfit, nur meine Füße machen immer noch dieselben Probleme wie am Anfang. Nein, sie zwiebeln mittlerweile schon etwas mehr, waren aber nie ein Grund, meine Tour in Frage zu stellen. Im Mittelalter sind viele Pilger auf Krücken gen Santiago oder Rom oder Nidaros gezogen, weil sie auf Heilung hofften, da werde ich mich ja jetzt wohl nicht so anstellen. Ich werde den Rest schaffen, da bin ich sicher. Alle, die sich an meiner Spendenaktion für Michelle beteiligt und mir ein, zwei... fünf Cent pro von mir gelaufenem Kilometer versprochen haben, können die entsprechende Summe schon mal bereitlegen, sie wird bald fällig.


Oppdal ist ein Wintersportort mit einer eigenartigen Mischung aus urigen Holzhäusern und hässlichen Supermärkten und Geschäftszentren. Langsam lasse ich das Zentrum hinter mir und steige auf kleinen Straßen an Ferienunterkünften vorbei den unteren Hang des Berges hinauf, der mit seinen Skistationen, Seilbahnen und Abfahrtspisten den Ort überragt. Nach einer halben Stunde stoße ich auf den Gamle Kongsvegen, die "Alte Königsstraße", und die wird mich von nun an bis zu meinem Tagesziel führen.


Erst leitet diese historische Straße asphaltiert aus Oppdal hinaus und hält für den Pilger einen breiten Radweg bereit. Dann wird sie zu einem breiten Wiesenweg zwischen einem kleinen Birkenwald hindurch, lässt einen auch mal Zaungatter öffnen und hinter sich wieder schließen, damit die Schafe nicht ausbüchsen. Immer wieder öffnen sich für mich die Blicke in das weite Tal, ganz unten fahren wie Spielzeugautos PKW und LKW die E6 entlang, hinter mir bleiben die noch mit Altschneefeldern versehenen Hänge des Dovrefjells und seine höchsten Gipfel zurück, die Sonne scheint mir ins Gesicht - es ist herrlich!


Gerade rechtzeitig nach etwa acht Kilometern steht für eine Pause eine Rasthütte mit Lagerfeuerstelle am Weg. Hinsetzen, tief einatmen, Augen schließen, reinhorchen in die Natur, genießen. Mann, das hätte Basti auch gefallen! Stellt sich etwa so etwas wie Schwermut ein, jetzt, so kurz vor dem Ende? Nichts geht spurlos an einem vorüber, schon gar nicht so etwas wie die vergangenen Wochen. Alles in mir will eigentlich weiter auf diesem Weg und in diesem Denken. Ja, immer so weiter. Wie lange kann man bewahren, erinnern? Doch nicht nur Schwermut ist da, auch die Freude über das Vergangene und die Vorfreude auf das Kommende, was mich zu Hause erwartet.


Der Gamle Kongevegen wird wieder zur Straße, doch nicht in dem Sinne, was wir darunter verstehen. Denn viele Straßen, die nicht gerade Hauptverbindungsstraßen oder abseits der Besiedlung sind, werden nicht asphaltiert, sondern nur mit einem feinen Schotter versehen, bei denen zumindest die Fahrspuren irgendwann steinhart werden. Auf solch einem breiten Schotterweg, der mit nur leichtem Rauf und Runter ohne nennenswerte Steigungen oben am Berghang entlangführt, gehe ich nun dahin. Oder "lasse ich mich treiben", wäre wohl die bessere Bezeichnung. Pausenlos komme ich an Ferienhütten vorbei, und wo mal keine stehen, weisen große Schilder darauf hin, dass bald welche gebaut werden. Die Wintersportregion Oppdal boomt. Ab und zu treffe ich auch auf alte Höfe mit ihren mehreren dunkelbraunen Blockhäusern und Grasdächern. Dann auch mal Prachtbauten, die jedem nordischen Landhaus-Katalog zur Ehre gereichen würden. Sie alle eingebettet in hüfthoch bewachsene Wiesen, flankiert vielleicht noch von alten Nadelbäumen oder jungen Birken und mit den Bergen oder Berghängen im Hintergrund - das ist schon ein schönes Bild. 


Immer wieder höre ich ein Rauschen näherkommen und Wildbäche schießen die Hänge herunter. Bei der wärmenden Sonne spüre ich dann besonders die Kühle, die wie ein leichter Wind aus dem Wasser emporsteigt und mich für Augenblicke umgibt. Ich rieche den Harz der Nadelbäume, den Duft vieler Blumen und Pflanzen, deren Namen ich leider alle nicht kenne. Mir fällt auf, dass hier jetzt erst der Löwenzahn blüht, eine Tatsache, die bei uns zu Hause schon lange der Vergangenheit angehört. Und dann natürlich noch Schafe, Schafe, Schafe...


Kurz hintereinander melden sich Basti und Anni per WhatsApp. Basti bedankt sich bei mir für die schöne Woche, die wir gemeinsam auf dem Olavsweg verbracht haben, und schickt mir Fotos von Stationen unseres Weges, an denen er gerade mit dem Zug vorbeifährt. Mir schnürt es den Hals zu. Unmittelbar danach fragt Anni an, ob sie mich mit dem kleinen Lenny nach meiner Rückkehr für ein paar Tage zu Hause besuchen kann oder ob ich erst mal in Ruhe "ankommen" möchte. Welch eine Frage! Rührung überfällt mich, ohne dass ich das Geringste dagegen tun kann. Ich heule wie ein Schlosshund - mich sieht ja keiner. 


Das Wetter ist ein Glücksfall heute, so viel Sonne war nicht vorhergesagt. Doch langsam ziehen Schauerwolken auf, erst kleine, dann mächtige, zunehmend bedrohliche. Einige ziehen an mir vorbei. Es sieht so aus, als würden viele sich über Oppdal ausregnen. Doch dann trifft es auch mich. Wind frischt auf. Erste dicke Tropfen fallen, dann Hagelkörner. Jetzt noch Regenhose und Poncho rauskramen? Ich bin kaum mehr als einen Kilometer von meiner Unterkunft, der Pilgerherberge auf dem Hof Haeverstolen, entfernt. Jetzt bewährt sich wieder die "Geheimwaffe" - mein Schirm. Gerade noch rechtzeitig bevor es richtig losgeht bekomme ich ihn aufgespannt. Jetzt prasseln die Hagelkörner auf ihn herab, doch ich fühle mich gut "beschirmt". Wie gut, dass ich ihn habe...!


Meine Gastgeberin, Unni Larsen, hat mich wohl schon kommen sehen, jedenfalls steht sie lächelnd in der Tür und begrüßt mich. "Komm, ich zeige dir schnell alles, du willst ja wohl aus dem Regen raus!", sagt sie und zeigt mir erstmal Toilette und Dusche (alles vom Feinsten!) in einem kleinen Nebengebäude. Anschließend führt sie mich zwischen ihrem Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert und einem gleich alten Stall hindurch zum eigentlichen Pilgerhaus, ebenfalls alt, aber in hervorragendem Zustand. Drinnen dann das absolute Pilgerparadies: großer Gemeinschaftstisch mit fellbelegten Bänken, breite Betten, Teppiche, ein Kamin und sogar ein Schaukelstuhl. Durch einen lichten Vorhang kommt man in den Küchenbereich, wo zusätzlich noch zwei Betten stehen. Regale mit Lebensmitteln, ein Kühlschrank mit Getränken, sogar eine Gefriertruhe mit Brot und Pizza. Wieder solch eine Herberge mit Höchstnote! Dann noch die Zugabe: "Soll ich dir den Kamin eben anmachen? Habe sowieso gerade schmutzige Hände von der Gartenarbeit." Ich lehne natürlich nicht ab.


Barbara kommt etwa eineinhalb Stunden nach mir auf Haeverstolen an und ist von der Herberge genau so beeindruckt wie ich. Wir werden uns wohl noch ein paar Tage erhalten bleiben. Morgen will Barbara jedenfalls auch bis Meslo gard.




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Dovrefjell: Check!

Die Nacht in unserem Refugium Ryphusan, weit ab von jeder Zivilisation, ist geruhsam. Barbara, Basti und ich liegen entspannt in unseren Schlafsäcken auf den ausgelegten Matratzen und hören - wenn wir nicht gerade schlafen - dem vorbeirauschenden Bergbach Vinstra oder den bimmelnden Schafen zu. Außer uns gibt es hier keine Seele. 
Unmittelbar nach dem Aufstehen gehe ich zum "Badezimmer", obwohl es mir nicht leicht fällt. Leichter Nieselregen fällt aus grauen Wolken, die tief im Tal hängen und zwei Drittel der Berghänge verdecken. Es hat nicht viel mehr als drei bis vier Grad und ich stehe im Unterhemd an der Wasserstelle am Bach und versuche es mit etwas Körperhygiene. Wenn es physikalisch möglich wäre, würde ich sagen, das Wasser ist ca. -10 °C kalt. Jedenfalls gebe ich den Versuch einer ausgedehnteren Körperwäsche recht schnell auf und denke mir, Zähneputzen muss heute mal reichen, verbunden mit leichtem nassen Abtatschen von Gesicht, Hals und Oberarmen. Jetzt bin ich für den Rest des Tages abgehärtet.


Barbara ist inzwischen auch aufgestanden und hat das Kaffeewasser aufgesetzt, während Basti etwas länger braucht, um sich aus seinem Schlafsack zu wickeln. Letztendlich schafft er es doch, obwohl er es sich gut vorstellen könnte, sich noch das ein oder andere Mal umzudrehen. Bei Kaffee und Knäckebrot sprechen wir über die Pilgerwege in Europa, Barbara erzählt, welche sie schon mit wem gemacht hat und welche nicht. Gegen Barbara bin ich ein Pilger-Waisenknabe. Doch irgendwann geht es ganz schnell. Nach Ende des Frühstücks packt Barbara ihre paar Sachen und ist blitzschnell weg. "Ich werde wohl in Plastoggo übernachten. In Oppdal bekomme ich wahrscheinlich kein Bett mehr. Ihr könnt ja dort auf einen Kaffee Halt machen", ruft sie noch zum Abschied und hüpft raus in den Regen.


Wir tun es ihr eine halbe Stunde später nach. Natürlich regnet es immer noch, aber das ist uns relativ egal. Regenhosen und Ponchos halten die meiste Nässe von uns fern und von dem engen Vinstradalen, wo nur der Fluss und der Weg noch zwischen den steil abfallenden Hängen Platz haben, sehen wir bei Sonnenschein auch nicht mehr. Heute geht es im Prinzip nur bergab, bis nach Oppdal hinein. Ein Umstand, der Basti sehr gut gefällt. Seit gestern ist er ganz gut auf den Beinen, seine schweren Tage sind vorbei. Er selbst sagt zu mir: "Du wirst es nicht glauben, aber jetzt könnte ich noch eine Woche mit dir gehen!" Ich würde am liebsten antworten: "Dann mach es doch!", aber ich weiß natürlich, dass das nicht geht. Trotzdem freut mich seine Äußerung, sagt sie mir doch, dass die vergangenen Tage für ihn nicht nur Quälerei, sondern auch ein wenig Spaß und Freude waren.


Links und rechts von uns stürzen Wasserkaskaden von den Hängen herab, das letzte Schmelzwasser bahnt sich seinen Weg in die tief unter uns fließende Vinstra. Kleine, alte Almhütten liegen am Weg, mit Gras gedeckt und absolut verlassen. Verlassen aber nur von Menschen, denn irgendwohin müssen die Schafe gehören, die uns zusammen mit ihren Lämmern immer wieder über den Weg oder vor uns her laufen. So ganz gefällt ihnen der Regen auch nicht, denn immer wieder schütteln einige von ihnen ihr Fell. 
Der Regen hört erst auf, als sich bei der kleinen, modernen Kapelle St. Mikael das Tal von Oppdal vor uns öffnet. Die hölzerne Kapelle erweist sich für uns als perfekter Rastplatz. 2012 erst wurde sie geweiht und steht immer offen. Na also, es geht doch! Drinnen ist sie mit Schiefer ausgekleidet und mit zum kleinen Altar hin abfallenden Sitzstufen versehen. Das Tollste aber ist der Blick über den Altar hinweg durch ein großes, bodentiefes Fenster bis nach Oppdal hin. Und hoch im Fenster hängt ein blaues Glaskreuz. Wer ins Tal schauen möchte, kann das Kreuz nicht übersehen. Wir setzen uns eine Weile hin und genießen diese besondere Atmosphäre.


Ohne Poncho gehen wir weiter, denn inzwischen hat nicht nur der Regen aufgehört, sondern die Wolken haben auch der Sonne Platz gemacht, die uns nun für den Rest der Strecke bis Oppdal begleitet. Vom Fjell haben wir uns mittlerweile verabschiedet. Kleine Wälder stehen wieder an den Hängen, größere Bauernhöfe tauchen auf. Basti und ich haben das Dovrefjell überquert, wir sind in der Zivilisation zurück. Kurz hinter den ersten Höfen und jenseits der Bahngleise der Dovrebahn kommen wir zu dem kleinen Blockhaus von Plastoggo, einer jener kleinen Pilgerherbergen, die bald mehr als Rastplatz denn als Übernachtungsort genutzt werden. Vor dem Häuschen stehen einige hölzerne Sitzgruppen und die Tür steht auf. Da über der Lehne einer der Bänke ihr Anorak hängt, wissen wir, dass Barbara drin ist. Sie kommt auch sofort aus der Tür, als sie uns kommen hört - und sie ist etwas verzweifelt. 


"Ich glaube, ich kann nicht hierbleiben, ich bekomme das Gas zum Kochen nicht an. Auch das Gas am Heizer funktioniert nicht, deshalb habe ich schon den offenen Kamin angemacht. Aber der hat mir auch schon das ganze Haus vollgeräuchert. Was mach ich denn jetzt?" Immerhin gelingt es Basti, das Gas zum Kochen in Gang zu bringen, also steht der Tasse Kaffee nichts mehr im Wege. 


Doch, etwas schon! Es gibt in Plastoggo zwar Kaffeepulver, aber keine Filter und Filtertüten. Barbara und ich nehmen ersatzweise einen Plastikbecher und Zewa-Tücher, in die wir das Pulver füllen. Heißes Wasser drauf - das Zewa-Papier reißt und das Kaffeepulver landet im Plastikbecher. Kein Problem, dann filtern wir jetzt mit Zewa-Tüchern das Kaffeepulver aus dem Plastikbecher heraus und fertig ist der Kaffee! Na ja, der Kaffeesatz ist jetzt zwar raus, aber der Kaffee schmeckt... relativ. Nach diesem "Genuss" machen wir, dass wir weiterkommen und wünschen Barbara eine schöne, geräucherte Nacht in Plastoggo. Wahrscheinlich werde ich sie morgen Abend wiedersehen.


Das schöne Wetter hält an und wir nähern uns Oppdal durch schöne kleine Wälder, durch Wiesen mit hüfthohem Gras und an uralten Höfen vorbei mit guter Laune. Dort, wo ein Bach eine Wiese durchkreuzt, stehen auf einmal mehrere Kühe mitten auf dem Weg und trinken aus dem Bach. Nur widerwillig und ohne Eile machen sie für uns Platz. Nur eine von ihnen scheint so viel Gefallen an uns zu haben, dass sie stehenbleibt, uns freundlich anguckt, sich auf der Nase streicheln und aus nächster Nähe fotografieren lässt. Sogar die dicke Zunge streicht einmal über meinen ausgestreckten Handrücken.


Die letzten Kilometer nach Oppdal hinein geht es auf der Straße entlang, zwei davon auf der E6. Es zieht sich mal wieder endlos. War er den ganzen Tag über doch recht dynamisch unterwegs, so wirken auf den letzten Kilometern, auf seinen letzten Kilometern mit mir zusammen in Norwegen, seine Schritte etwas gequält. Aber er kommt an! Und darauf ist er stolz und ich bin stolz auf meinen Sohn.


Dank Bastis Freundin Dimi bekommen wir sogar in Oppdal ein komfortables Doppelzimmer im ersten Hotel am Platze, das letzte Zimmer, was in ganz Oppdal aufzutreiben war. Für Basti ein würdiger Abschluss, für mich ein Schlag in die Reisekasse.




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Refugium-Idylle

Von der Sonne, die mich morgens durchs Fenster anlacht und beim Frühstück durch die Fensterscheibe des Kongsvold Restaurants wärmt, bin ich überrascht. Der Wetterbericht hörte sich etwas furchterregender an, aber vielleicht haben wir ja Glück. Wenigstens diesen Tag im Fjell wettertechnisch noch gut überstehen, das wäre was.


Nach den letzten beiden Tagen, die für Sebastian keine Wanderoffenbarungen waren, stünde für heute direkt am Anfang wieder ein Abschnitt bevor, den nur Pilgerhasser markiert haben können. Durch den steil aufragenden Hang, der zur Driva abfällt, soll der Pilger sich quälen, auf und ab, durch hohes Gras, über umgefallene Bäume, über Bäche und Rinnsale, nur, um gute drei Kilometer später wieder auf die E6 zu stoßen. Diesen Blödsinn hätte ich alleine nicht gemacht und mit Basti mache ich das erst recht nicht. Also marschieren wir wieder die E6 entlang, sehen von dem schönen Driva-Tal und seinem rauschenden Fluss bestimmt mehr als der gequälte Pilger im Berghang-Wald und der Randstreifen neben der Straße ist breit genug, dass wir keinen Moment Sorge um unsere Sicherheit haben. Wir sparen Energie und Zeit und von beidem werden wir im Laufe des Tages noch genug brauchen.


Genau dort, wo der m.E. vollkommen überflüssige Streckenabschnitt wieder auf die E6 trifft, beginnt auch der Varstigen, ein besonderer Abschnitt des "Alten Königsweges". Bereits in Aufzeichnungen von 1182 wird er als Pilgerweg genannt. König Frederik IV. befuhr ihn 1704 mit einer zweirädrigen Kutsche, König Kristian tat es ihm 1733 mit einer vierrädrigen nach. Wenn man heutzutage den Weg begeht, kann man sich kaum vorstellen, dass hier mal Kutschen gefahren sind. Aber unten im Tal, wo jetzt die Autos auf der E6 entlangrasen, gab es außer dem Fluss noch nichts. Um aber das Nadelöhr des engen Driva-Tales zu meistern, musste man eben durch den Hang und selbst Könige forderten, förderten und kontrollierten den Bau dieser nicht ganz ungefährlichen Strecke. 
Für Basti und mich aber ist diese Strecke alles andere als gefährlich, sondern eigentlich nur schön. Sie führt zwar ab und zu steil aufwärts, teils aber auch durch niedrige Birkenwäldchen mit oftmaligen tollen Aussichten hinunter ins Tal am Hang entlang. An ihren höchsten Stellen erlauben freie Felsplatten spektakuläre Ausblicke durch das vor uns liegende enge Tal und allein für diese Ausblicke haben sich alle Schweißtropfen des Aufstiegs gelohnt.


Sowohl Bastis als auch mein Handy halten kurz darauf jeweils eine schlechte Nachricht für uns bereit. Auf Bastis Handy ist es das aufgerufene Regenradar, was Sorgen aufkommen lässt. Von den vorhergesagten Schauern am Morgen sind wir bisher verschont geblieben, jetzt wird ein voluminöses Wolkenband angekündigt, welches sich schnell nähert und uns mit reichlich Nässe versorgen wird. Und das im Fjell, zu dem wir gleich aufsteigen müssen... 


Ich bekomme eine Nachricht von dem Hotel, das morgen unsere Unterkunft sein sollte. Sie teilen mir "mit größtem Bedauern" mit, dass es durch einen Fehler im neuen Buchungssystem leider zu einer Doppelbuchung gekommen sei und sie uns leider nicht aufnehmen können. Aber in unmittelbarer Nähe von Oppdal gäbe es einen Campingplatz, in dem es für uns eine kleine Hütte gäbe. Wir sollen doch mal unter der Nummer XY anrufen. Mit freundlichen Grüßen! Spinnen die? Das Hotel 13 km außerhalb von Oppdal war die letzte Möglichkeit im Raum Oppdal, wo ich noch ein Zimmer ergattern konnte, im Februar! Alle anderen Unterkünfte: "fully booked"! Mir ist inzwischen bekannt, dass in Oppdal an diesem Wochenende ein größeres Event stattfindet. Da sind natürlich Gäste, die mindestens zwei Nächte übernachten und gut verzehren, eher willkommen als zwei "arme" Pilger. Bei der Telefonnummer des Campingplatzes meldet sich niemand und wir fordern per Email dieses Hotel auf, für uns die Hütte (die uns wegen Preis und Nähe zum Oppdal-Zentrum gar nicht so ungelegen käme) zu buchen und uns darüber eine Vollzugsbestätigung zu schicken. Auf diese warten wir immer noch!


Der Aufstieg zum Fjell ist schweißtreibend. Immer noch geht es höher als es zwischendurch immer mal wieder den Anschein hat. Blicke zurück bestätigen das Regenradar. Dicke, dunkelgraue Wolken kriechen heran, wirken immer bedrohlicher und lassen unsere Schritte schneller werden. Bis zu einer Hütte wollen wir es noch schaffen, bevor es mit dem Regen losgeht. Am besten vorher auch eine Rast dort einlegen und die komplette Regenkluft anlegen. Auch wenn es noch nicht regnet, wird es, je höher wir aufs Fjell kommen, immer kälter. Schafe liegen vereinzelt auf den Felsplatten oder auf den Moosflächen herum, schon zusammengekauert, als würden sie gottergeben den schweren Regen erwarten. 


Doch wir schaffen es bis zur Hütte, vor der eine ansehnliche Sammlung von Rentiergeweihen liegt und - die natürlich verschlossen ist. Ein Blick durch das kleine Fenster zeigt uns, wie schön gemütlich es dort drinnen hätte sein können... Hätte, hätte... Wir setzen uns in den Windschutz der Hüttenwand und holen unser Brot von gestern aus unseren Brotdosen. Während wir mit Appetit kauen und Wasser hinterherspülen, krabbelt - direkt Angst einflößend - eine dichte Wolkenwalze über den vor uns sich erhebenden Bergkamm langsam auf uns zu. Jetzt wird es höchste Zeit, die Regenhose anzuziehen und sich den Poncho überzuwerfen! Egal was uns erwartet, wir müssen jetzt weiter! 


Zu unserer gewissen Verblüffung erwartet uns eigentlich gar nicht so viel. Es beginnt zwar tatsächlich zu regnen, aber es hält sich überraschend in Grenzen. Der Pfad übers Fjell ist zunächst noch steinig. Rinnsale, die den Pfad kreuzen oder ihn stellenweise sogar einnehmen, sorgen für schlammige Stellen und schmatzende Schuhe. Doch nahezu unerwartet treffen wir bald auf einen breiten Schotterweg, der das Gehen einfacher macht. Er führt noch weiter das Fjell hoch, sogar bis zur höchsten Stelle des Olavsweges: 1314 m üNN. Der Blick von hier auf das weite Fjell mit seinen weißen Flecken mit Altschnee ist faszinierend. Schafe mit ihren Lämmern springen uns immer wieder vor die Füße. Der Wind greift uns unter die Ponchos, aber es gelingt ihm nicht, sie uns über die Köpfe zu ziehen. Außerdem muss ich sagen: In gewisser Hinsicht ist es sogar recht gemütlich unter dem roten, langen Regenschutz. Er hat etwas Behütendes.


Nach einiger Zeit schwenkt der Weg in ein Bachtal ein, wo wir, oben am Hang entlanggehend, tief unten einen Bach fließen sehen. Weit kann es jetzt nicht mehr sein. An diesem Bach treffen wir bald auf die Hütten von Ryphusan, und eine dieser Hütten ist unser Refugium. "Refugium" bedeutet in diesem Fall: Wasser aus dem Bach holen, keine Elektrizität, kein Netzempfang, kein Internet, Plumpsklo. Bedeutet in diesem Fall aber auch: Kochen und Heizen mit Gas, Proviantkauf möglich und urige Gemütlichkeit. 


Drinnen erwartet uns bereits Barbara, eine deutsche Pilgerin, die schon in Hjerkinn und Kongsvold mit uns in den Herbergen war. "Da seid ihr ja! Ich hatte euch schon fast auf der Vermisstenliste!", lacht sie uns entgegen, steht auf und fragt gleich hinterher: "Und jetzt wollt ihr bestimmt erstmal einen Kaffee!?" Diese Frau kann Gedanken lesen! Während wir auspacken und unsere nassen Sachen an die Leine hängen, beginnt das Wasser im kleinen Kessel zu kochen und wenig später sitzen wir mit Barbara am großen Holztisch und quatschen. Basti hat inzwischen das Proviantangebot entdeckt und beschließt spontan, uns Dreien Spaghetti mit Tomatensoße zu kochen. Ich muss sagen, ich habe selten so leckere Spaghetti mit Tomatensoße gegessen - oder ist nur die uns umgebende Atmosphäre die dazu notwendige Zutat? Als ich mich zum Spülen bereit erkläre, hat Barbara schon Teller, Topf, Tassen und Besteck in einer Schüssel zusammengerafft und erklärt: "Ich geh damit jetzt in unser Badezimmer!" Sprach's und stiefelt mit der vollen Schüssel an den Bach.




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Da steht einer!!!

Ich hüpfe aus dem Bett wie eine Toastscheibe am Sonntagmorgen aus dem Toaster. Sebastian fühlt sich, wenn er mich überhaupt hört, in diesem Moment wohl eher wie das halbe Brötchen, das mit der dick mit Butter bestrichenen Seite auf den Boden gefallen ist und nun auf dem Teppich klebt. Er hat sich für heute Morgen einige Mützen Schlaf mehr ausbedungen. Die soll er auch gerne haben. Während ich schreibe, kann er noch schlafen und sich von den gestrigen Strapazen ausruhen. Frühstück bekommen wir im Haupthaus noch bis 9.30 Uhr und erst eine Viertelstunde vorher stehen wir vor dem Buffet. Nur mit Mühe hat Basti sich bis dorthin vorgekämpft und seine Gangart entsprach dabei... ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll... er war jedenfalls langsam und beim Treppenrauf- und -runtersteigen... sagen wir mal... unbeholfen. Er frühstückt aber gut, hat eigentlich ganz gute Laune... ich bin vorsichtig optimistisch, dass er den Tag gut übersteht.


Um 11 Uhr (!) ziehen wir los. Direkt am Anfang kommen wir zur modernen Eysteinkyrkja. 1969 wurde sie gebaut und nach König Eystein Magnusson benannt, der die Saelehus entlang des alten Pilgrimsleden über das Dovrefjell hat bauen lassen. Schon in früherer Zeit gab es eine Kirche bei Hjerkinn, die während der Reformation abgebrannt ist. Den Erzählungen nach sollte damals das Läuten der Glocken den Reisenden bei Sturm und in der Dunkelheit helfen, den Weg über das Gebirge zu finden. Allen ist es aber nicht gelungen. Im Frühjahr war es die Aufgabe des Hüttenverwalters von Hjerkinn, die an den Strapazen des anstrengenden Weges Verstorbenen zu finden und für eine Bestattung auf dem Kirchenvorplatz zu sorgen.


Basti und ich gehen davon aus, dass es uns heute besser ergeht als diesen armen Seelen, und steigen - nach der kurzen Durchquerung eines lichten Birkenwäldchens - nun auf dem historischen Gamle Kongevegen - für drei Kilometer steil hinauf aufs Fjell. Je höher wir kommen, desto fantastischer wird der Ausblick. Tief unter uns bleibt der See Hjerkinsdammen hinter uns zurück, wir überblicken noch einen Teil des gestrigen Tages, sehen in der Ferne die höchsten Berge des westlichen und östlichen Dovrefjells und das alles bei klarer Luft und Sonnenschein. 
An der höchsten Stelle steht neben dem Weg einsam im Fjell der Meilenstein "208 km til Nidaros". Mein Ziel rückt unaufhaltsam näher. Gegenüber vom Meilenstein stehen Dutzende von Steinmännchen, Stein für Stein von Pilgern vieler Jahre zu kunstvollen kleinen Pyramiden gestapelt, bei denen man sich oft nur wundern kann, wie sie hier oben Wind und Wetter standhalten können. Auch wenn wir noch nicht weit gegangen sind, gönnen Basti und ich uns einige Momente an diesem Ort, von der Sonne beschienen und von der Ruhe des Fjells fast zugedeckt, und genießen den wunderbaren Rundumblick.


Mindestens genauso herrliche Blicke gestattet uns der Gamle Kongevegen auf der vier Kilometer langen Strecke hinab ins Driva-Tal. Auch wenn der doch recht steile Abstieg Bastis schmerzenden Knien nicht unbedingt guttut, so entschädigen diese Ausblicke doch für manche Mühsal, vor allem von gestern. Ein Highlight wäre jetzt natürlich noch, wenn wir irgendwo in der Nähe Moschusochsen sichten würden. Meine Augen zu engen Schlitzen auf optimale Schärfe eingestellt meine ich mittlerweile nämlich, in jedem Felsbrocken einen Moschusochsen zu erkennen. Jedoch beim Näherkommen macht sich wie gewohnt Enttäuschung breit.


Vor knapp 70 Jahren ist es im Dovrefjell gelungen, eine kleine Herde Moschusochsen anzusiedeln, deren natürlicher Ursprung eigentlich Grönland und der Norden Kanadas ist. Zwanzig Tiere wurden nach dem Krieg als kleiner Stamm aus Grönland hierhergebracht und haben sich bis heute zu einem recht ansehnlichen Stamm von 320 Tieren entwickelt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden bereits welche als Arbeitstiere hierher gebracht, aber alle im 2. Weltkrieg, als die Menschen hier dringend Nahrung brauchten, erschossen und als Nahrungsquelle genutzt. Hier herrschen für die zotteligen, stämmigen Tiere, die bei einer Körpergröße von ungefähr 150 cm ganze 200-300 Kilogramm Körpergewicht auf die Waage bringen, optimale Lebensbedingungen. Sie leben hier in kleinen Herden, ernähren sich ausschließlich von Pflanzen, wie den Blättern von Birken, Kräutern, Flechten und Moosen. Sie sind den Menschen selten gefährlich, trotzdem sollte man einen Abstand von 200 Metern einhalten. Das will ich ja gerne tun, aber erstmal sollen sie sich gefälligst zeigen!


Ein Blick auf Karte und GPS zeigt uns während des Abstiegs hinunter ins Driva-Tal und zur E6, dass die Wegplaner des modernen Olavswegs für die Pilger einen langen und gleichzeitig auch wiedermal mühseligen Umweg vorgesehen haben. Der historische Weg, der Gamle Kongevegen, dürfte mit Sicherheit seine historische Fortsetzung im Verlauf der heutigen E6 finden. Ausmarkiert für den Olavsweg ist aber erneut ein langer, mühsamer Trampelpfad über den östlichen Hang des Driva-Flusses hoch über der E6. Schnell bin ich mir mit Basti einig, dass wir fünf Kilometer Trampelpfad "opfern" zugunsten von drei Kilometern entlang der E6. Das ist nicht nur kürzer und kraftschonender, sondern verschafft Basti noch mehr die Gelegenheit, sich weiter von seinen gestrigen Strapazen zu erholen.


An der E6 entlang geht es so richtig zügig voran. Nach kaum 500 m stehen vier Leute neben ihrem Auto am Straßenrand und schauen gebannt alle in eine Richtung. Ich vermute zuerst, dass sie den Blick auf die dahinrauschende Driva genießen. Als wir näherkommen, springt eine Frau ganz aufgeregt mitten auf die Straße, gestikuliert und ruft uns etwas zu, wovon ein Wort so ähnlich klingt wie "Mosk". Sofort fällt bei mir der Groschen! Die haben einen Moschusochsen gesichtet. Ich schaue in die aufgeregt angedeutete Richtung, Basti natürlich auch. Und tatsächlich - da steht einer! Hoch auf einem Felsen oberhalb des reißenden Flusses. Genauer gesagt, Basti sieht ihn noch komplett, bis ich ihn richtig wahrnehme, hat er schon abgedreht und ich sehe noch so gerade seinen Hintern zwischen den Birken verschwinden. Na gut, ich kann jetzt behaupten, einen (Teil von einem) Moschusochsen gesehen zu haben, aber ein Hintern ist mir eigentlich zu wenig. 


Während wir nun weiter an der E6 entlangstiefeln, achtet eins meiner beiden Augen immer angestrengt auf den Verkehr, das andere aber mindestens genauso angestrengt auf den Waldrand oberhalb der Driva zu meiner Linken. Und dann - etwa 300 m weiter - bricht ein zweites dieser gewaltigen Tiere aus dem Unterholz bis an den Waldrand heran, zeigt sich erst von vorne, dann von der Seite, rupft hier Blätter von den Bäumen und dort Gras oder Farn aus dem Boden. Ich bin ganz rappelig hinter meiner Kamera, zoome hin und her, aber irgendwann habe ich den Beweis im Kasten. Man muss sich das vorstellen: Ich gehe stundenlang durchs einsame Fjell und höre höchstens mal einen Vogel zwitschern. Und wo treffen wir so einen fellbehangenen Kleiderschrank? Neben der E6! Moschusochse also: Check! Jetzt hätte ich noch gerne eine kleine Rentier-Herde und einen Elch!


Keine halbe Stunde nach dieser netten Begegnung sind wir an der Kongsvold Fjellstue, um einen schönen Weg und eine unvorhergesehene Begegnung reicher. Basti ist nicht unbedingt so fit wie der berühmte Turnschuh, aber zumindest sind nicht noch größere Probleme dazugekommen. Besser wäre, wenn die, die er ohnehin schon hat, bis morgen etwas abgeklungen wären, denn der morgige Tag hält wohl wieder so einige Prüfungen für uns bereit. Eine davon könnte anhaltender Regen sein, der für morgen und die nächsten Tage vorhergesagt ist.




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Bis in den Abend

Fokstugu hat seinen Ursprung als historisches Saelehus, einem "Glückshaus". Diese einfachen Gebirgshütten ließ im 12. Jahrhundert König Eystein Magnusson zum Schutz vor den Mächten der Natur für die Reisenden und das Vieh errichten. Der Pilger war glücklich, wenn er, vor allem in den Wintermonaten, eine Unterkunft dieser Art aufsuchen konnte. Über mehrere Jahrhunderte hat Fokstugu als Unterkunft und als Poststation im Gebirge gedient.


Die nächsten Häuser dieser Art liegen auch auf unserem Weg, Hjerkinn und Kongsvold. Doch während die letzten beiden sich heute hauptsächlich als Luxus-Beherbergungsbetriebe mit Nobel-Gastronomie auszeichnen, die in Nebengebäuden verbilligte Pilgerbetten bereitstellen, haben sich Christiane und Lauritz Fokstugu aus tiefer christlicher Überzeugung nur der Beherbergung von Pilgern gewidmet und leben dies auch mit Überzeugung. 


Das Besondere an Fokstugu ist das Guds Huset ("Gottes Haus"). Vor einigen Jahren hat Lauritz eine alte Blockhütte zu dieser kleinen Kapelle umgebaut, die immer und für jeden offensteht. Offenstehende Kapellen und Kirchen sind in Norwegen ja eher die Ausnahme und Christiane setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass sich das ändert. Gestern Abend bereits haben Sebastian und ich auf Einladung von ihr die Andacht besucht, die traditionell an jedem Abend um 20.30 Uhr stattfindet und ein Vers in der Sprache jeder Pilgernationalität gelesen wird, die vertreten ist. Heute Morgen um 8 Uhr bin ich nochmal bei einer Andacht, weil mich die Atmosphäre in dieser kleinen, mit einem großen offenen Kamin ausgestatteten und wohlig warmen Kapelle berührt. Wie mir Christiane später (in perfektem Deutsch) erklärt, sitzt man in der Kapelle auf Stühlen, die noch von den ehemaligen deutschen Besatzern stammen. "Ich bin der Überzeugung", sagt mir Christiane, "dass man etwas Schlechtes nicht bannen kann, indem man es verbrennt. Man kann es nur bannen, indem man es in etwas Gutes verwandelt." Zum Ende der morgendlichen Andacht, in der ich nur mit dem Ehepaar Fokstugu alleine sitze, betet Christiane für mich - dass ich einen guten äußeren Weg nach Nidaros und einen guten inneren zu Gott haben möge. Ga med Gud ("Geh mit Gott")...


Der Abschied vor ihrem Haus fällt sehr herzlich aus. Dann hat sie noch eine Bitte: "Wenn Sie nach Trondheim ins Pilgerzentrum kommen, wird man euch einen Fragebogen vorlegen mit Fragen, wie es euch auf dem Weg gefallen hat. Beschwert euch über die geschlossenen Kirchen. Seitdem das schon viele auf meine Bitten hin getan haben, sind mittlerweile mehr Kirchentüren offen, aber das ist noch lange nicht genug." Wir versprechen es ihr. Als wir das Hoftor hinter uns schließen, steht sie vor ihrem Haus und winkt.


Es geht sofort wieder aufwärts, von der tiefer gelegenen E6 hinauf ins Fjell. Es ist ein kalter Tag, auch wenn immer wieder mal die Sonne zum Vorschein kommt. Mehr als vier, fünf Grad werden es den ganzen Tag nicht, dafür aber ist die Sicht von oben hinab ins Tal der E6 und darüber hinweg auf das Bergmassiv des schneebedeckten Snohetta oder auf die langgestreckten Seen Valasjoen und Avsjoen fantastisch. Für mich ist es eine Natur, die um vieles schöner ist als sie wäre, sollte man sie selbst erfinden. Ausblicke, an denen man sich nicht sattsehen kann, und so drehe ich mich immer wieder um mich selbst, um auch ja nichts, keinen einzigen Eindruck zu verpassen. Nichts soll mir entgehen.


Bis auf zwei Ehepaare mit Hunden, die wahrscheinlich von einem der Park- oder Campingplätze an der E6 zu einem kleinen Fjellspaziergang aufgebrochen sind, ist niemand zu sehen, dem wir ein "God vei" mit auf den Weg geben könnten. Wer hier pilgern möchte, der sollte nicht nur ein erfahrener Wanderer mit guter Ausrüstung sein, sondern auch ein starker Charakter. Die Etappen sind von der Wegstrecke und vom Höhenprofil her sehr anspruchsvoll. Auch Sebastian muss das im Laufe des Tages immer mehr feststellen. Nur - was müssen den Pilgern früher für Wagnisse und Gefahren gegenüber gestanden haben? Diesen Gedanken an frühere Pilger, die vor Jahrhunderten ihre Füße auf denselben Pfad setzten, hänge ich nach, jeden Schritt hier oben genießend. Ich muss mich nicht einer solch extremen Herausforderung stellen, kann heute teilhaben an der großen Faszination, die von diesem Weg ausgeht.


Wie groß die Faszination bei Sebastian ist, kann ich nur schwer einschätzen. Ja, auch er ist beeindruckt von dem, was ihn umgibt, er fotografiert und filmt mit seiner Kamera, was das Zeug hält. Doch bald merkt er, dass er von Null auf Hundert gestartet ist. Mit Null Vorbereitung Hunderte von Höhenmetern zurücklegen, über Stock und Stein, rauf und runter, auf Bohlenstegen über Sümpfe balancieren oder im Matsch stampfen und das über 20 Kilometer am Tag und mehr, das fordert seinen Tribut. Basti wird immer langsamer, fühlt Stellen an seinem Körper, die ihm schon mal besser gehorchten. Seine Schritte werden langsamer, aber er beißt die Zähne zusammen. Bei 25 km, die heute anstehen, kann das ein langer Tag werden.


Ich trabe nur noch friedlich vor mich hin. Zwischen 900 und 1100 Metern Höhe schwingt der Weg im ständigen Auf und Ab vor sich hin. Ich atme immer wieder tief durch, achte aber beständig auf die steinige Piste vor mir, die Basti und mir beständig hohe Konzentration abverlangt. Wenn die Sonne scheint, wärmt sie angenehm, schieben sich Wolken vor sie, merkt man die 5 °C trotz körperlicher Anstrengung. An einigen Berghängen glitzert noch Schnee. Schmelzwasser und das Wasser des letzten Regens sammeln sich in kleinen Bächen, die wir auf Steinen, einzelnen Bohlen oder kleinen Brücken überqueren. Zwischen Zwergsträuchern, Moosen und Heidekraut in jeder Grün-und Braunschattierung liegen manchmal Schafe wie frisch gewaschene Wollknäuel, die mal hier mal da mümmeln. Helle Flechtenteppiche, die so aussehen, als ob ein Flugzeug eine Ladung Waschpulver verloren hätte, welches jetzt auf dem feuchten Grund aufschäumt, und das harte Rentiermoos bilden immer neue Muster, um dem Auge Vielfalt zu bieten. Ein Tag in dieser grandiosen Natur ist auch immer ein Jungbrunnen für die Seele.


Von diesem Jungbrunnen ist Basti, je länger der Wandertag dauert, meilenweit entfernt. Immer wieder bleibt er weit zurück, und wenn er wieder zu mir aufschließt, sehe ich, wie er kämpft. Beim Campingplatz von Hageseter müssen wir dringend nochmal rasten, obwohl es schon 18 Uhr ist. Und immer noch sind es fast fünf Kilometer bis zur Hjerkinn Fjellstue, unserer Unterkunft. Als wir weiterziehen, rufe ich sicherheitshalber dort an, um ihnen mitzuteilen, dass wir noch etwa eineinhalb Stunden brauchen werden. Weiterhin kennt der Weg mit Basti kein Erbarmen. Weiter geht es rauf und runter, auf engen Pfaden über Steine, Bohlenstege und durch Matsch. Erst kurz nach der Holzbrücke über den rauschenden Folla erreichen wir eine alte Asphaltstraße, die für die letzten zwei Kilometer keine große Konzentration mehr verlangt. Doch wie es oft so ist, sind die letzten Kilometer mindestens immer doppelt so lang wie angegeben, d.h. es zieht sich wie verrückt.


Um kurz vor 20 Uhr kommt endlich ein großes Holztor in Sicht: Hjerkinn Fjellstue. Sebastian schleicht nur noch die letzten Meter, körperlich wohl ziemlich fertig, aber immer noch mit einem kleinen Lächeln um die Mundwinkel. Ich bin stolz auf ihn. Im Haupthaus dieser alten Traditionsherberge am Pilgerweg wohnen heute nur noch betuchte Touristen in teuren Zimmern und speisen für viel Geld von großen Tellern mit wenig drauf. Ein paar Meter daneben steht eine kleine rot-braune Holzhütte für Pilger. Die ist für uns. Zwei weitere Pilger haben sich dort bereits eingerichtet. Gesprochen wird nicht mehr viel miteinander. Um kurz nach neun liegen sie bereits in ihren Betten - und wir eine Stunde später. 




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Hinauf aufs Dovrefjell

Basti und ich stehen früh auf, weil wir auch früh weg wollen. Der Weg heute wird anstrengend, wir müssen hinauf aufs Dovrefjell. Für mich so etwas wie eine Königsetappe. Doch das Frühstück bei Hildrun fällt wieder so reichlich aus, dass wir auch reichlich zulangen. Um 9 Uhr ist es eigentlich mindestens eine halbe Stunde zu spät, als wir abmarschieren. 


Basti bekommt an seinem ersten Tag an Vaters Seite eine kleine Galgenfrist. Die ersten drei Kilometer geht es wie von selbst an der kleinen Straße entlang, die ich vorgestern bereits bis Engelshus laufen konnte. Dann fängt der Aufstieg langsam an. Immer noch auf einer kleinen Straße weiter, die auch noch die letzten Häuser vor dem Fjell mit Autos erreichbar machen. Am Hang der Straße treffen wir auf eine weitere der zahlreichen Olavsquellen, aus der heiliges und heilendes Wasser sprudeln soll. An der Quellfassung stehen eine Frau mit fünf Kindern sowie ein älterer Mann. Wie sich im Gespräch herausstellt, ist es der Leiter des Dovrefjell-Pilgerzentrums von Hjerkinn, der eine Lehrerin mit fünf ihrer Schüler auf einer kleinen "Pilgerwanderung" begleitet und ihnen so einiges vom Heiligen Olav, vom früheren Pilgerwesen und vom heutigen Olavsweg erzählt. Da kommen Basti und ich als Anschauungsobjekte gerade recht. Die lieben Kleinen bekommen den Mund gar nicht mehr zu, als sie erfahren, dass ich schon 12 Wochen unterwegs bin.


Wir kommen am alten Hof Tofte vorbei, über 1100 Jahre alt und ein ehemaliger Königshof. Hier beginnt auch der "Gamle Kongevegen", wie uns ein großes Schild vermeldet. Der Begriff für den Weg übers Dovrefjell ist alten Ursprungs. Nach der Heiligsprechung Olavs begaben sich nicht nur das Volk, sondern auch alle norwegischen Könige auf Pilgerreise von Oslo zum Nidarosdom. Zu den Zeiten war es lebensgefährlich: Schnee, Stürme, Kälte und die schmalen, abfallenden Wege verursachten den Tod vieler Pilger. Nur wenige Abschnitte des Olavsweges befinden sich noch auf der tatsächlich historischen Route der "Alten Königsstraße", wie hier durchs Fjell. Eine eigene Wegmarkierung, die blaue Krone, weist von nun an zusätzlich zum Olavskreuz den Weg. 


Bei einem kleinen Eisentor verlassen wir die Straße und unser kleines Abenteuer "Überquerung des Dovrefjells" beginnt.Direkt geht es steil bergan. Die Holzschildchen mit dem Olavskreuz weisen nach oben. Wer behauptet, Norwegen hätte nur Hügel, der irrt. Die bekannten hölzernen Stufenkonstruktionen helfen uns über die letzten Weidezäune, dann lassen wir Zivilisation und Baumgrenze hinter uns. Die Vegetation ändert sich rasant schon nach wenigen Höhenmetern. Der Baumbewuchs wird immer kleiner und krüppeliger, knorriger und widerstandsfähiger, bis endlich auch diese Überlebenskünstler es nicht mehr schaffen, in der noch höher gelegenen Tundra des Fjells zu überdauern, in der es nur noch niedrige Büsche und Heidearten gibt, die ihrerseits noch etwas weiter hinauf den Gräsern, Moosen und Flechten weichen müssen. Das Olavskreuz prangt jetzt auf stabilen Schieferplatten, genau wie die blaue Krone des Kongevegen. Geräuschvoll plätschern eiskalte Bäche in ihrem steinernen Bett und geben Gelegenheit, die Wasserflaschen nachzufüllen. Je höher wir kommen, desto mehr ziehen die Temperaturen an. Schwere dunkle Wolken wechseln mit blauen Wolkenlücken. Schauer gehen weit hinten im Gudbrandsdal nieder und ich hoffe, dass wir im Fjell davon verschont bleiben.


Das Dovrefjell gilt als eines der heute noch ursprünglichsten und bislang von Menschenhand verschonten Gebiete Norwegens. Vielleicht durch die Unmittelbarkeit einer unbezwingbaren Natur oder durch die Schroffheit dieser Landschaft, wurde das Dovrefjell niemals durch menschliche Ansiedlungen in seiner Einzigartigkeit verändert oder urbar gemacht. Wenige Post- und Versorgungsstationen, wenige der sogenannten Saelehäuser, die sich heute noch im Fjell befinden bestehen als Gasthäuser oder Pilgerherbergen weiter oder haben zum Teil neue Aufgaben übernommen wie die Kongsvold Fjellstue, die in einem Gebäude eine Forschungsstation der Trondheimer Universität beherbergt. In dieser windzerzausten kargen Bergwelt leben Rentiere und Moschusochsen, deren Stammbaum bis in die Eiszeit zurückreicht. 1974 wurde das Fjell zum Nationalpark. Im Tal der Driva, die das Fjell in einen westlichen und einen östlichen Teil spaltet, verlief der alte, traditionelle Pilgerweg, dort, wo heute die E6 als Hauptverkehrsader Süd- und Nordnorwegen miteinander verbindet. 


Immer weiter stapfen wir bergauf Richtung Hochebene. Oben angekommen eröffnet sich uns ein grandioser Anblick. Weite Landschaft, Einsamkeit, Kargheit, Zeitlosigkeit. Ich muss mich erst sammeln. Ankommen dauert auch immer. Wir stoßen auf erste Steinmännchen: Schieferplatten von vielen Händen über viele Jahre Stein für Stein aufgestapelt geben Orientierung. Eine mächtige Steinpyramide am höchsten Punkt, Allmannroysa, zeigt, wer hier der Chef ist: Dovregubb, der König der Trolle, residiert hier. Wer sein Reich durchqueren will, muss ihm ein Türmchen bauen, sonst wirft er mit Felsbrocken. Stattdessen oder zum Troll-Zoll legen heute Pilger mit einem Stein aus ihrer Heimat alle Last ab. Auch ich suche nach meinem kleinen Kieselstein aus Helpenstell, den ich schon über zwölf Wochen mit mir herumtrage, finde ihn jedoch nicht mehr. Irgendwo steckt er. Ich habe ihn vor noch nicht langer Zeit in der Hand gehabt, ihn guuut weggetan, damit ich ihn, sobald ich an der mächtigen Steinpyramide bin, hervorholen und mit zu den anderen legen kann. Er sieht wohl keinen Sinn darin, ab heute hier in Einsamkeit und Kälte zu liegen und hat sich irgendwo vergraben. Vielleicht finde ich ihn bis Trondheim wieder und dann kommt er beim Dom ins Blumenbeet. Basti macht es sich da ein wenig einfacher. Er sammelt am Anfang des Wandertages einfach einen Kieselstein vom Straßenrand auf und legt ihn dann stolz auf die oberste Spitze des Allmannsroysa. Welche Last er damit sinnbildlich abgelegt hat, bleibt sein Geheimnis.


Vom höchsten Punkt des Olavswegs geht es nun immer bergab bis Fokstugu. Der alte Hof ist sogar schon von hier oben zu erkennen, aber es soll noch fast sieben Kilometer dauern, bis wir ihn erreichen. Doch der Blick geht weit über die E6 und Fokstugu nach Norden hinaus bis auf eine ganze Kette von schneebedeckten Fjellbergen, von denen der Snohetta mit seinen 2.286 m der höchste Berg im Dovrefjell ist. Wasserreiche Bäche sind auf Steinen zu überqueren, sumpfiges Gelände auf Holzbohlen zu überbrücken. Wo keine Bohlen sind, dafür aber das Wasser seit der Schneeschmelze ganze Flächen bedeckt, hilft manchmal nur, von Stein zu Stein zu springen oder einfach durchzuwaten.


So spät wie schon lange nicht mehr, komme ich bei meiner Unterkunft, Fokstugu, an. Eingebettet liegt der Hof da zwischen einem Fluss und den Hochweiden. Hier steht auch eins der Saelehus des Dovrefjells, mit dessen Bau bereits ein König um 1120 begann. Die mittelalterlichen (zunächst unbewirtschafteten) Unterkünfte boten Pilgern Schutz auf dem Weg nach Nidaros. 
Lauritz Fokstugu betreibt mittlerweile den Hof in der 11. Generation zusammen mit seiner Frau Christiane, eine herzliche und sehr gottesfürchtige Gastgeberin aus Schweden. Vor 12 Jahren hat das Paar die alte Tradition, Pilger aufzunehmen, wieder zum Leben erweckt. Gott sei Dank, wo hätten Basti und ich sonst unterkommen können?




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Hofführung

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass Rupert bereits um 6 Uhr Engelshus wieder verlässt. "Ich kann morgens sowieso nicht lange schlafen, zumal es schon so früh hell ist. Außerdem bin ich früh morgens immer nervös, bin gespannt, was mir der Tag bringt. Dann muss ich einfach los. Und die frühesten Stunden sind die schönsten in der Natur." Ich mag ihm da nicht widersprechen, aber ich mag auch nicht jeden Morgen sooo früh aufstehen. Sein Frühstück hat ihm Hildrun gestern Abend bereits in den Kühlraum gestellt, wo er sich selbst bedienen kann, denn selbst sie serviert ihren Gästen so früh das Frühstück noch nicht. Rupert und ich werden uns höchstwahrscheinlich in Trondheim wiedersehen. Er wird mir zwar in nächster Zeit um einen Tag voraus sein, dafür bleibt er aber auch länger in Trondheim. Wahrscheinlich fahren wir sogar mit demselben Zug zurück nach Oslo. 


Für Corrie, Rien und mich steht um punkt 8 Uhr in Hildruns Wohnzimmer das Frühstück bereit - und was für eins: Selbstgebackenes und Süßes, Elchwurst und Käse, Lachs und - Rollmöpse. Und ganz am Anfang... ja, bin ich denn hier in Schottland? - Porridge! Wir Drei essen uns langsam durch und anschließend bin ich richtig froh, mit diesem vollen Magen nicht auf die Strecke gehen zu müssen. Ruhetag - welch ein herrliches Gefühl! Corrie und Rien aber ziehen weiter nach Fokstugu, hoch oben ins Dovrefjell, wo sie Rupert wiedertreffen werden. Doch auch meine beiden niederländischen Pilgerfreunde werde ich vermutlich in Trondheim noch einmal treffen. Schön wäre es jedenfalls...


Gestern Abend fand Hildrun keine Zeit dazu. Das Abendessen für die Pilger zu kochen und hinterher der große Abwasch haben sie zu sehr beschäftigt. Jetzt, wo auf dem Hof Ruhe eingekehrt ist, nimmt sie sich die Zeit und fragt mich, ob ich Interesse an einer kleinen Hofführung hätte. So etwas braucht man mir ja nicht zweimal zu sagen und bald darauf gehen Hildrun und ich von Haus zu Haus. Jedes dieser Häuser im typisch dunkelbraunen Blockbaustil ist mindestens 250 Jahre alt, nur Hildrun und Magne selbst bewohnen ein etwas neueres. Bis auf ein Lagerhaus ist jedes auch eine Pilgerunterkunft. In zwei Häusern dürfen sich die Pilger über Doppelzimmer freuen. Die jeweiligen Aufenthaltsräume sind die reinen Museumsstuben: großer Kamin, handbemalte Türen und Schränke, handgeschnitzte Möbelverzierungen, große, alte Standuhren, ein Webstuhl und eine Drechselbank, große, grobe Tische, Holzbänke mit Fellen belegt, Spinnräder, alte Teppiche und Lampen, ehemalige Haushalts- und Alltagsgegenstände aus zwei Jahrhunderten. Vom Großvater noch handgemalte Bilder und alte Fotos von der damaligen Lieblingskuh und dem treuen Hund. Im Obergeschoss eines weiteren Hauses die Mehrbettunterkunft. Sechs Betten stehen hier, ein großer Tisch, Bänke drumherum, um sich zusammenzusetzen, kennenzulernen, sich auszutauschen. Im Untergeschoss das alte Kühlhaus: Regale, wo die Käselaibe lagerten, Fässer, Butterstampfer, all das, was von modernen Kühlgeräten überflüssig gemacht wurde. Hildrun erzählt mir an vielen Stellen eine kleine Geschichte und ich merke, dass ihr Herzblut an diesem alten Bauernhof hängt, auf dem sie seit mehr als 35 Jahren lebt.


Ich komme aus dem Fotografieren gar nicht mehr raus. Alles hier, drinnen die Atmosphäre in den liebevoll hergerichteten Häusern und draußen die Wiese mit der hohen Schaukel, die Blumen, die blühenden Fliederbüsche, die Fjellhänge drumherum und der Blick ins Tal, alles ist ein wirklich "engelsgleicher", friedvoller Ort. Genau der Richtige für meinen Ruhetag. Ich werde gleich meinen zweiten Kaffee trinken, mir mittags in der Selbstversorgerküche eine Suppe kochen, ein Mittagsschläfchen halten, mich draußen auf die Wiese legen und faulenzen, faulenzen, faulenzen... Nochmal richtig Kraft und Energie tanken für die Tage im Fjell und für den Endspurt nach Trondheim. Und vor allem werde ich mich auf Sebastian freuen, von dem ich weiß, dass er jetzt schon im Flugzeug sitzt. Gegen 18 Uhr wird er am nächstgelegenen Bahnhof in Dombas ankommen. Hildrun hat sich bereiterklärt, ihn von dort gegen ein kleines Entgeld mit dem Wagen abzuholen. Drei Monate habe ich ihn jetzt nicht mehr gesehen. Ob er nochmal ein wenig gewachsen ist? Komm, Junge, ich freue mich auf dich!


Stunden später: Magne klopft an der Tür meines kleinen Luxusappartements und fragt mich, ob ich Lust hätte, mit zu ihnen auf die Terrasse zu kommen, um ein paar Waffeln zu essen. Die Frage kann jetzt nur sehr rhetorisch gewesen sein, denn die Antwort ist ja klar: Natürlich hab ich Lust! Alle Pilger, die in Nidaros ankommen, wissen, dass Hildrun von Engelshus nicht nur eine gute Köchin, sondern auch eine begnadete Bäckerin ist. Jedenfalls schmecken die Waffeln köstlich, bestrichen mit ihrem selbstgemachten Rhabarbermus ein Gedicht. Dazu steht die Kanne mit dem dampfenden Kaffee auf dem Tisch - so ist Ruhetag!


Noch drei Stunden später: Magne fährt mit mir nach Dombas, um Sebastian vom Zug abzuholen. Das Wetter zeigt sich nicht von seiner besten Seite, und ich hoffe, mein Sohn wird nach tagelangen 30 °C zu Hause jetzt nicht einen Klimaschock bekommen. Mehr als 8-10 ° C sind das hier nämlich nicht. Der Zug kommt pünktlich an - und da kommt er auch tatsächlich den Bahnsteig entlangmarschiert. Himmel, wie schön, dass er jetzt für ein paar Tage bei mir ist. 




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Tiefenentspannte Kühe

Rupert ist ein erfahrener Jakobswegpilger und weiß, wie man sich als solcher verhält, wenn man früher als die anderen aufbrechen möchte. Ich hatte mir gestern Abend den Wecker bereits auf 6 Uhr gestellt (damit habe ich trotzdem achteinhalb Stunden geschlafen), dennoch höre ich mindestens eine halbe Stunde vorher, wie Rupert sich aus seinem Bett aufrappelt, alles leise zusammenrafft und dann zum Packen mit seinem Rucksack nach draußen verschwindet. Als ich kurz nach dem Aufstehen mit meiner Zahnbürste zum Wasseranschluss gehe, sitzt er unten auf der Bank, löffelt zum Frühstück (wie jeden Morgen) seinen großen Joghurt und grinst mich fröhlich an. "Bis nachher in Engelshus!", ruft er mir noch schnell hinterher und als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist Rupert schon wieder weg.


Während ich packe, rührt sich bei Corrie und Rien tatsächlich auch schon was. So früh habe ich sie noch nie aus den Federn kriechen sehen bzw. hören. Der Grund aber ist ganz einfach: Sie können schlicht gar nicht mehr schlafen (und haben das auch während der Nacht nur phasenweise gekonnt), weil ihre Betten zu kurz sind und einige Mücken ihr Zimmer als Revier zum Blutsaugen ausgesucht haben. Doch auf diese Weise bekomme ich zu meinem Knäckebrot-Frühstück wenigstens einen Kaffee, den Corrie mir auf ihrem kleinen Gaskocher zubereitet.


Bis meine beiden niederländischen Pilgerfreunde abmarschbereit sind, wird es erfahrungsgemäß noch etwa eine Stunde dauern. Ich mache mich auf den Weg. "Bis Engelshus!", ruft auch Corrie hinter mir her. "Bestelle für uns ein Abendessen mit!" Noch auf dem Gelände des Middelaldersenters, dort, wo gestern die Durchlaufprobe stattgefunden hat, treffe ich die junge Regisseurin, die bereits für die Probenarbeiten, die ab 11 Uhr beginnen sollen, Vorbereitungen trifft, und wir unterhalten uns ein wenig. Viele der Probleme, aber auch der Freuden und schönen Erfahrungen solch einer Open-Air-Theaterproduktion kenne ich sehr gut und ich kann ihr sehr gut nachfühlen, dass sie sich trotz des anstrengenden gestrigen Tages wieder auf die heutige Arbeit freut. Ich wünsche ihr viel Erfolg für die Aufführungen Anfang Juli, und für ihre Reaktion brauche ich keinen Übersetzer: "Um Himmels Willen, das ist ja schon bald!!!"


Der Verwalter des noch geschlossenen Museumsgeländes, der mit seinem Sitzmäher gerade die Grünflächen aller Probenbereiche mäht, ruft mir zu, dass er für uns Pilger die Kirche geöffnet habe. Sehr nett, Herr Verwalter, danke! Wenn schon die alte Holzkirche von Nord-Sel verschlossen ist, wie Ruppert und ich gestern Nachmittag auf unserem Weg zum Einkaufen feststellen mussten, so kann ich jetzt wenigstens in diese Replik des Filmsets reinschauen. Und ich bin fasziniert! Ist es das helle Holz um mich herum, das zaghafte Licht von kleinen Scheinwerfern auf die ausdrucksstarken Schnitzarbeiten und die dazu kontrastierenden himmelblauen Holzstühle? Oder ist es die unter die Haut gehende Musik mit dem Gesang einer Frauenstimme, die aus einem CD-Player kommt, der auf dem kleinen Altar steht und den Raum erfüllt? Ich wollte nur mal kurz reinschauen, aber sitze dann mindestens eine Viertelstunde auf einem der Kirchenstühle und lasse mich von dieser Stimmung gefangennehmen.


Auf etwas abenteuerlichen Pfaden geht es die ersten Kilometer in den Tag hinein. Nachdem ich Nord-Sel mit seinen uralten Gehöften (in einem davon verbrachte Sigrid Undset mal einige Urlaubswochen und ließ sich dort zu ihrer Kristin-Lavransdatter-Trilogie inspirieren) hinter mir gelassen habe, geht es zwischen die Bäume. Aber mal wieder so richtig! Entlang abfallender Hänge oberhalb des rauschenden Lagens, Kraxeln über Felsen und Klammern an Bäumen, um sicher tiefe Felsstufen hinunterzukommen, Holzleitern, die mich problemlos hohe Felsen ersteigen lassen, auf einem kaum erkennbaren Pfad durch ein steiles Rodungsgelände, der mich über einen Zugtunnel führt, Zaunteppen, Treppenstufen mit einer Tritthöhe von etwa 50 cm, die mich einen steilen Hang zu Bahngleisen hinunterbringen. Langeweile Fehlanzeige! 


Ich bin schon mehr als zwei Stunden unterwegs und doch erst knapp sechs Kilometer gegangen. Und doch kann ich nicht widerstehen, als auf einem anschließenden Waldweg eine sonnenbeschienene Sitzgruppe mich zum Rasten lockt. Schuhe aus, Hemd aus und zum Trocknen über den abgelegten Rucksack gehängt, lang ausstrecken auf der Bank, mich von der Sonne bescheinen und von den Vögeln besingen lassen und etwas weiter entfernt rauscht immer noch der Lagen - also im Moment ist das Leben ganz schön schön...!


Die nächsten Kilometer wird der Streckenverlauf einfacher, wenn auch nicht langweilig. Eichhörnchen huschen über den Weg, ein Fuchs schaut mal gelangweilt zur Seite, als er mich auf dem Weg näherkommen sieht, und die großen Waldameisen sind die wahren Herrscher des Weges, die alle zehn Meter links und rechts ihre Wohntürme aufgeschichtet haben. Direkt bei einem einsam gelegenen Hof, auf dem ich keine menschliche Bewegung vernehmen kann, stehen auf einmal etliche Kühe auf dem breiten Schotterweg vor mir, scheinen wie vom Donner gerührt und bewegen sich keinen Zentimeter, um dem Pilger eine Gasse freizumachen. Ruhig und gütig zusprechend nähere ich mich ihnen, in der Annahme, dass sie bei geringer werdender Distanz abdrehen - aber nichts da! Sie gucken mich weiter minimal intelligent an und keine Kuh zuckt auch nur. Meine berühmten Brüller könnten mittlerweile zu einer kleinen Massenpanik führen, die für mich nicht gesund ausfallen würde. So schlängle ich mich - ich finde, ganz schön mutig! - zwischen diesen ja nun doch ganz schön großen Tieren hindurch, streichle hier mal zaghaft eine Kuhstirn und da mal einen Rücken, und komme auf diese Weise irgendwann mal auf der anderen Seite der Herde an. Kein Tier hat seinen Körper in meine Richtung gedreht, nur den Kopf, das muss reichen. Das waren doch mal tiefenentspannte norwegische Kühe! 


Als nächstes sind es mal wieder Schafe, deren Aufmerksamkeit ich errege. Nun ist mir ja inzwischen bekannt, dass manchmal ganze Waldabschnitte vor Schafen nur so wimmeln, aber heute liegen sie kilometerlang auf dem Waldweg rum. Nun gibt es wohl zwei Gruppen von Schafen: Zum einen die etwas cleveren, die samt ihren Lämmern unter lautem Gebimmel und Protestgeblöke ins Unterholz ausweichen und mich vorbeiziehen lassen. Es gibt aber auch die anderen, die bei meinem Näherkommen aufschrecken und die Flucht auf dem Waldweg antreten. Und die hören mit dem Flüchten überhaupt nicht mehr auf...! Dabei scheuchen sie auch noch die nächsten Mutter-Kind-Gruppen auf, die sich ihnen blökend und bimmelnd anschließen, bis ich letztlich eine kleine Herde ungewollt vor mir hertreibe. Stopps von mir oder ein freundlich gemeintes Zurseitetreten nützen überhaupt nichts. Erst als sich unerwartet zu unserer Linken eine große Wiese auftut, die glücklicherweise nicht eingezäunt ist, ziehen sie diese statt einer weiteren Flucht vor.


Der Schotterweg führt mich hinab zur E6 und von dort ist es nicht mehr weit bis zum Campingplatz Vollheim am Ufer des Lagen. Dort hat die Saison noch nicht angefangen und deshalb bekomme ich dort auch nicht das in meinem Pilgerführer in Aussicht gestellte Eis. Ich komme mühsam darüber hinweg und raste dafür auf einer Holzbank am Lagenufer, wo mich allerdings einige Mücken schnell wieder vertreiben. 


Von nun an wird es wieder Straßentippelei, aber eine schöne Straßentippelei. Über Kilometer geht es am östlichen Hang des hier U-förmigen Gudbrandsdales dahin, von wo ich gut erkennen kann, dass der Lagen inzwischen bereits viel von seiner imposanten Größe verloren hat. Die Berghänge sind mittlerweile nur noch bis zur halben Höhe mit Wald bewachsen, darüber erhebt sich das baumlose Fjell mit seinen runden Kuppen und vereinzelten Schneeresten. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, in dieser Landschaft zu wandern. Übermorgen wird es so weit sein.


Irgendwann sehe ich die Dächer von Engelshus etwas unterhalb der Straße auftauchen. Ein Schotterweg führt zu der kleinen Hofanlage hinunter. Dass ich hier richtig bin, sehe ich an Rupert, der gerade mit Unterhemd und kurzer Hose und mit einem Handtuch unter dem Arm vom Duschen kommt. Er erzählt mir, dass er sich ein Bett im Mehrbettzimmer genommen hat, die Hausherrin Hildrun aber für mich, da ich ja zwei Nächte hierbleibe, eine kleine Hütte vorgesehen habe. Außerdem gäbe es zur Begrüßung von Hildrun Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Das reicht, da muss ich jetzt mal ganz schnell hin!


Hildrun und auch ihr Mann Magne begrüßen mich schon vor dem Haus und bitten mich sofort zu Kaffee und Kuchen hinein. Na bitte! Wir besprechen alles, was für die Dauer meines Aufenthaltes wichtig ist (Mahlzeiten, Ankunft Sebastian, Verhältnisse im Dovrefjell u.ä.) und dann führt mich Hildrun zu meiner kleinen Hütte. Wiedermal weiß ich sofort, dass Engelshus genau der richtige Ort für einen Rasttag ist, meine kleine Hütte eine Oase der Ruhe.


Dass Hildrun auch eine begnadete Köchin ist, stellen Rupert, Corrie und Rien, die ebenfalls mittlerweile angekommen waren, und ich beim Abendessen in Hildruns Wohnzimmer fest. Brennnesselsuppe; Braten mit Kartoffeln und Süßkraut; Reisauflauf mit Himbeersirup - zum Niederknien! Seit den Wandertagen mit Dieter in Deutschland habe ich nicht mehr solche Mengen verdrückt. 


Übersättigt und bierschwer mag ich nicht mehr die letzten zwanzig Meter über die Wiese zu meiner Hütte bis ins Bett auf mich nehmen. Kurz vorher setze ich mich auf "mein" Sofa und möchte diesen Zustand weiter genießen, herauszögern, verlängern, konservieren. Und erst als mir nach diesem Tag die Augen im Sitzen zufallen, lösche ich sehr spät erst das Licht und schlafe einen Schlaf, so tief, so fern, so herrlich.




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Achtung Probe!

Anke bleibt verschollen, auch heute sehen wir sie nicht mehr. Aber so ist das: Man sieht sich, man verliert sich. Vielleicht treffe ich sie irgendwann im Dovrefjell wieder. Nelli mit Sicherheit nicht mehr, denn für sie ist der Olavsweg für dieses Jahr beendet. Nach halber Strecke fährt sie heute nach Oslo zurück, im nächsten Jahr geht es von Otta aus bis Trondheim. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Rupert läuft zuerst los, ich folge eine halbe Stunde später und irgendwann machen sich dann auch Corri und Rien auf den Weg.


Die Strecke heute wird wieder unter "halber Ruhetag" verbucht, wieder unten durchs Tal, doch diesmal ist es auch die offizielle Streckenführung. Das Wetter hat sich gegenüber gestern vollständig gedreht. Tiefblau ist der Himmel, frisch die Luft, es wird eine Lust zu wandern. Über eine Fußgängerbrücke überquere ich den Lagen, der mit rasender Geschwindigkeit unter der Brücke hindurchschießt, gehe dann ein Stück auf dem Radweg weiter, der parallel zur E6 aus Otta herausführt. Bei der Sel kirke mit dem Meilenstein "284 km til Nidaros" ist das Asphalttreten für heute schon vorbei und es geht für fast zehn Kilometer auf einem Feldweg durch das Tal Selsvonne weiter, der "Kornkammer des Gudbrandsdals". 


Schön ist das Laufen, eine anhaltende Entspannung. Rechts rauscht der Lagen, links weite Getreidefelder, umgeben ist alles von steil aufragenden Bergen, deren Wälder keine Grüntönung auslassen. Auf den Bergspitzen hört der Wald auf und kahle Flächen lassen schon das Fjell erahnen, das sich dahinter erstreckt.


Weit vor mir sehe ich Rupert laufen. Er hat einen ordentlichen Schritt und es dauert lange, bis ich mich ihm so langsam nähere. Ich hoffe, dass ich mit 76 noch so gut drauf bin wie er. Bei einer Rast setze ich mich zu ihm und laufe anschließend mit ihm zusammen bis zum Jorundgard Middelaldersenter. Unterwegs erzählt er mir viel über seine Jakobswege in Spanien und Portugal, da kennt er jeden Meter. Manche dieser Wege ist er schon zwei Mal gegangen und auch hier auf dem Olavsweg war er vor zwei Jahren schon einmal. 


Als wir bereits mittags am Middelaldersenter ankommen, weiß er sofort, wo der rückwärtige Eingang ist, denn der Haupteingang ist für Publikum noch geschlossen. Erst ab Juli ist hier geöffnet. Das ganze Middelaldersenter ist nichts anderes als ein ehemaliges Filmset, wo 1994 der erste Teil der historischen Romantrilogie "Kristin Lavransdatter - der Kranz" der norwegischen Literatur-Nobelpreisträgerin Sigrid Undset unter der Regie von Liv Ullmann gedreht wurde. Die Produzenten des Films wollten für die Außenaufnahmen ein richtiges Dorf des Mittelalters aus dem Gudbrandsdal aufbauen und nicht nur Kulissenwände. 14 Häuser wurden errichtet und eine Kirche. Die Häuser stehen seit den Drehtagen hier, die Kirche ist nur eine Kopie. Das Original musste im Film einem Brand zum Opfer fallen. Das muss ein spannender Dreh gewesen sein, entweder die erste Klappe sitzt oder der komplette Drehort ist abgefackelt. Aber es scheint ja geklappt zu haben. Von den Innenaufnahmen in Oslo wurden nach Drehende alle Möbel und Einrichtungsgegenstände in mehreren LKW-Ladungen hierher gebracht und auf die Häuser verteilt. 


Während alle anderen Häuser nur während der Öffnungszeiten im Sommer besichtigt werden können und Führungen stattfinden, ist ein Haus für Pilger immer geöffnet. Eine schwere Holzleiter, gefertigt aus einem dicken Baumstamm, führt ins Dachgeschoss, wo in zwei Räumen fünf bzw. drei alte Betten stehen, natürlich wiedermal mittelalterlich kurz, dafür aber in Doppelbettbreite, so dass man sich diagonal hinlegen kann. Schwere Decken und Felle helfen demjenigen, der als Pilger ohne eigenen Schlafsack unterwegs ist. Strom gibt es nicht, eine Dusche auch nicht. Der Pilger kann froh sein, dass es eine Toilette und einen Außen-Wasserkrahn gibt. Kochgelegenheit ebenfalls Fehlanzeige.


Jorundgard ist dort gebaut worden, wo Sigrid Undset schon als Kind Ferien gemacht und später auch als erwachsene Frau Urlaubstage verbracht hat. In ihrer Trilogie kommen Bauernhöfe der Gemeinde Sel, in der der Filmset als heutige Museumsanlage steht, namentlich vor, nur den großen Hof Jorundgard hat es nicht gegeben. Laut Nobelpreisjury bekam Undset den Preis "... vor allem für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter". In allen drei Bänden der Trilogie spielt die Pilgerreise nach Nidaros eine wichtige Rolle. Ich muss die Bücher unbedingt mal lesen.


Am ersten Wochenende im Juli finden hier regelmäßig die Kristintage in Sel und auf der Anlage des Middelaldersenters statt. Konzerte, Vorträge, Wanderungen, Ausstellungen, Kinderprogramme und Theatervorstellungen. 


Als Rupert und ich die Herberge betreten, fällt uns auf, dass an einigen Stellen der Anlage emsige Betriebsamkeit herrscht. Kinder und junge Erwachsene vor allem stehen in Gruppen zusammen, scheinen gemeinsam Akrobatik zu betreiben. Eine Art von Kinder-Wochenendprogramm? Nachdem wir unsere Rucksäcke ausgepackt und unsere Betten belegt haben, fällt mir auf, dass einige junge Leute sich vor unserem Herbergshaus lautstark unterhalten. Ein Streit? Aber... der Streit wiederholt sich... mehrere Male. Auf einer anderen kleinen Rasenfläche bewegen sich drei junge Mädchen in einer Zwischenform von Ballett und nordischem Volkstanz. Mir dämmert es so langsam. Rupert und ich werden Zaungäste zu den Proben der Kristin-Lavransdatter-Open-Air-Theateraufführungen, die bald hier stattfinden werden. Immer mehr Kinder, Teenager, junge und alte Erwachsene treffen ein. Überall beginnen Proben in Kleingruppen, sogar ein Chor ist bei der Arbeit. Wie ich erfahre, proben sie seit einem Jahr, seit zwei Monaten intensiv auf dem Gelände des Jorundgardhofes, wo auch die Vorstellungen stattfinden werden. Die letzten drei Wochen treffen sich Teilgruppen jeden Tag, an den Wochenenden immer die komplette Truppe. 


Ab 15 Uhr etwa werden langsam alle Proben eingestellt und es wird sich ausgeruht, eine Kleinigkeit gegessen. Immer mehr Darsteller und Komparsen treffen ein, Musiker bereiten Instrumente vor, eine Requisiteuse schleppt Requisiten an. Dann gibt eine Frau lautstark Anweisungen, alle rennen herum. Langsam wird mir klar, was jetzt passiert. Zumindest ein Teil des Stückes wird durchgespielt und wir können zusehen. Ansprache des Regisseurs, es wird sich hochgepuscht, Körper- und Stimmübungen, dann - Auftritt! Mensch, wie gern würde ich das auch mal wieder machen. Ich gäbe was drum! 


Corri und Rien sind inzwischen auch da, schauen sich das Spektakel ebenfalls an. Nach Ende der Proben wird gefeiert, alle freuen sich auf die Proben morgen. Erst am späten Abend wird es ruhig auf dem Jorundgardhof des Middelaldersenters und alle außer uns Pilgern fahren nach Hause. Morgen früh kommen sie alle zurück und proben weiter. Ob die noch eine kleine Rolle für mich haben? Vielleicht den Taubstummen des Dorfes, der immer den jungen Mädchen nachstellt. Dann hätte ich einen angenehmen Job und keinen Text.




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Talwanderung

Wieder dieser Tee am Abend...! Ich sollte ihn wirklich weglassen, zumindest wenn die Toilette nicht unmittelbar um die Ecke ist. In der Nacht regnet es. Was normalerweise in einer trockenen und warmen Hütte fast zur Gemütlichkeit beiträgt, hemmt jetzt aber meinen Entschluss, 50 m zur Toilette ins Hauptgebäude zu gehen. Mir gelingt noch ein kurzer Schlummer, dann realisiere ich, dass kein Regen mehr aufs Dach trommelt und pelle mich aus dem Schlafsack. Wo sind meine Crocs? Die Crocs sind weg! Dann eben barfuß! Ich hätte es nicht tun sollen. Der sonst eher verschlafene und wankende Gang zur Toilette wird zu einem hüpfenden Jubellauf durch das eiskalte nasse Gras. Wieder einzuschlafen dauert nach diesem Kneipp-Erlebnis etwas länger.


Nach dem Aufstehen finde ich meine Crocs natürlich draußen auf meiner kleinen Terrasse unter dem Tisch, wo ich sie mir gestern Abend beim Schreiben abgestreift habe. Im Zelt von Corri und Rien rührt sich noch nichts, hoffentlich habe ich sie heute Nacht nicht mit meinen Jubelschreien aus dem Schlaf geholt. Rupert und Nelli sind bestimmt schon weg (auch wenn es erst 7 Uhr ist!) und Anke kommt genauso wie meine niederländischen Mitpilger immer erst etwas später in Gang. Als ich den Campingplatz verlasse, sitzen die Drei noch gemütlich beim Frühstück und das Zelt muss auch noch abgebaut werden.


Gegenüber meiner ursprünglichen Planung hat sich seit meinem Besuch im Dale Gudbrands Gard vor ein paar Tagen (Wann war das eigentlich?) etwas geändert. Eigentlich sollte es heute nur eine relativ kurze, aber auch sehr anstrengende Strecke bis Varphaugen werden. Da dort - wie mir aber bekannt war - keine Unterkunft zur Verfügung steht, wollte ich stattdessen mit dem Bus zurück zum Pilgerzentrum fahren, um dort zu übernachten. Problem: Um morgen wieder in Varphaugen meinen Weg aufnehmen zu können, wäre wieder eine Busfahrt nötig, aber morgen ist Samstag und es fahren keine Busse. Der Leiter des Pilgerzentrum gab mir - und den anderen - den Rat, noch 9 km auf der Straße bis nach Otta dranzuhängen, zumal es dort auch eine neue Pilgerherberge gäbe. Ich war mit der Lösung einverstanden und der freundliche Ratgeber reservierte mir telefonisch direkt ein Zimmer. Passt!


Nun war die gestrige Strecke ja wahrlich nicht einfach - und heute soll sie zu 70 % ihre Fortsetzung finden. Ich falle in ein kleines Motivationsloch! Ich will gesund und (möglichst) munter in Trondheim ankommen. Das bin ich mir und auch Michelle schuldig. Immer wieder studiere ich die Wegbeschreibung in meinem Pilgerführer. Hier nur eine kurze, unsortierte Stichwortsammlung: "sehr steile Pfade; ungemütlich zu gehen: Wurzeln, Sträucher, hohes Gras, Geröll, schräg am Hang laufende Wege - nicht einfach für Fuß und Kopf; Olavswegzeichen schwerer zu finden; schwer begehbar, dichter Bewuchs, z.T. hüfthoch; moosige Geröllhügel; unwegsam und rutschig; Brücke wirkt nicht so stabil; Nutzen Sie ihre Hände, gehen Sie Felstreppen rückwärts, benutzen Sie am besten den ganzen Körper". Da fängt man doch an, darüber nachzudenken, ob man das braucht, oder? Für mich fällt die Entscheidung: Ich brauche das nicht!
Schon gestern Abend hatte ich von einer heutigen "Talwanderung" gesprochen. So mache ich es auch. Corri und Rien werden mir folgen, die anderen gehen wieder "über alle Berge", aber die haben auch nicht schon mehr als 1600 km in den Knochen. 


Bis Sjoa gehe ich am Rand der E6, d.h. der alten E6. Zu der Zeit, als die Autorin des Pilgerführers hier unterwegs war, gab es noch in diesem Abschnitt die Monster-Baustelle mit dem Bau der neuen E6. Jetzt ist von einer Baustelle nichts mehr zu sehen, sondern nur, dass auf der alten E6, die jetzt Gudbrandsdalvegen heißt, nur noch sehr wenig Verkehr ist. Ob nun, wie in Kvam, alle Bewohner dieser Orte entlang dieses Abschnittes nur froh sind, dass es im Dorf etwas ruhiger zugeht oder ob Hotelbesitzer, Supermärkte, Campingplätze, Tankstellen u.a. wohl eher Existenzängste haben, weil der Verkehr und damit die Kunden an ihnen vorbeifahren, ist mir nicht bekannt. Ich merke nur: An der Straße entlang lässt sich ruhig und beschwingt wandern, der Lagen rauscht mit ungeheuer viel Wasser an mir vorbei und ab und zu kommt die Dovre-Bahn an mir vorbeigehuscht und erinnert mich jedesmal daran, dass Sebastian bald mit ihr zu mir hochgefahren kommt, um mich über das Dovrefjell zu begleiten. Ich gratuliere mir jetzt schon, für heute die geruhsame Variante gewählt zu haben.


Nach 9 Kilometern entlang der alten E6 kommt genau an der Stelle, wo ich bei Sjoa auf die andere Flussseite wechseln will, eine Tankstelle. Und an Tankstellen gibt es Kaffee und bestimmt eine Bank, um sich darauf für eine Rast niederzulassen. Beides trifft zu und wenig später sitze ich mit einem Kaffee auf einer Bank zwischen grob handgeschnitzten, großen Trollen und bin mit dem Verlauf des bisherigen Tages zufrieden. Doch während ich so sitze und schlürfe, kommen äußerst dunkle Wolken über die hoch aufragenden Berge hinter mir gekrochen und lassen Regen erahnen. Ich bin gerade fertig mit meinem Kaffee und will mich wieder in Gang setzen, da geht es auch schon los. Ich habe gerade noch genug Zeit, mir meinen Anorak anzuziehen, der immer über meinem Rucksack in Bereitschaft hängt (rein passt er auch gar nicht mehr), da muss ich auch schon flugs unter das große Tankstellendach flüchten. Mal abwarten, vielleicht ist es ja nur ein Schauer. Aber von wegen! Immer mehr hässliche schwarze Wolken schieben sich über die Bergspitzen. Doch den Poncho aus der Versenkung holen? Dafür wieder den Rucksack vom Rücken heben, rumkramen, Rucksack wieder auf, Poncho an... Ich habe da jetzt mal keine Lust drauf! Moment mal, da war doch mal was!? Mein Schirm! Ich habe doch auch noch einen Schirm! Solange ich in Norwegen bin, kam der schon nicht mehr zum Einsatz. Entweder es hat nicht geregnet oder aber der Poncho trat statt seiner in Aktion. Also: Ein Griff nach hinten und mein Schirm ist aufgespannt! Für einen Gang auf der Straße bei so gut wie keinem Wind genau das richtige Instrument!


Die Straße jenseits des Lagens ist zwar asphaltiert, hat aber die Breite eines Feldweges und dementsprechend noch weniger Verkehr als vorhin die alte E6. Für elf Kilometer gehört sie jetzt mir und nur sehr wenigen Autos, die alle sehr langsam und mit Abstand an mir vorbeifahren. Der Regen pladdert mittlerweile immer noch vor sich hin und ich gratuliere mir ein zweites Mal dafür, dass ich jetzt nicht über glitschige Steine oder durch nasses, knietiefes Gras gehen muss. Stattdessen schaue ich mir aus etwas niedrigerer Perspektive das Tal an, sehe Wolkenfetzen an den Berghängen entlangziehen, auf dem Lagen driften zwei Rafting-Schlauchboote unter den Jubelschreien der darin paddelnden Kinder die reißende Strömung hinunter, während Erwachsene an den Ruderpinnen stehen. Durch kleine Ortschaften geht es und vorbei an dunkelbraunen Holzhäusern, die mit dem Gras auf dem Dach aussehen, als hätten sie sich einfach aus dem Boden gedrückt und die Wiesenmütze niemals abgeschüttelt.


Ich laufe durch den Regen und versuche, drei Wochen bevor ich wieder zu Hause bin, herauszufinden, ob ich traurig bin. Ich weiß, dass ich ein Resümee ziehen sollte, einen Strich drunter machen, so ganz langsam. Das gleichmäßige Prasseln auf meinem Regenschirm bringt Ruhe in meinen Kopf. In den letzten Tagen ist so viel passiert. Ich erwische mich dabei, dass ich immer wieder ganz unvermittelt lächeln muss. In meinem Kopf spule ich kleine Filmchen der letzten Tage ab. Alles passiert wie in Zeitlupe. 


Auch dieser Weg hat ein Ende. Das erste Mal ist es spürbar. Urplötzlich steigen aus einem Wald vor mir Nebelschwaden auf und die kleine Straße wirkt im Moment noch stiller als sie es ohnehin schon ist. Ich hänge meinen Gedanken nach, in dieser Landschaft, die jetzt unter dem Nebel ihre so abwechslungsreichen Farben verbirgt. Für einige Momente beschäftige ich mich nur mit diesem einen Satz: Nur noch dreihundert Kilometer liegen vor mir, dann ist auch dieser Weg vorbei. Ich beginne mich zu fragen: Was wird nach dieser Wanderung fehlen? Die ausgedehnten Wälder? Der Gesang der Vögel? Die frei dahinströmenden Flüsse, der Anblick der Wolken am Tag und des Mondes in der Nacht, die kaum eine ist? Die Klänge und Farben der Insekten? Die neuen Bekanntschaften? Wie viel kann ich dieses mal bewahren und mit nach Hause nehmen?


Gegen 14 Uhr laufe ich in Otta ein. Auch wenn der Regen die ganze Zeit nicht richtig aufgehört hat, gestört hat er mich nie. Auch die neue Herberge ist schnell gefunden. Die Dame des Hauses ist ganz begeistert, als sie von mir hört, dass sie heute wohl mit noch mehr Gästen rechnen könne. Am Ende sind all ihre Zimmer von uns Deutschen belegt. Rupert kommt fünf Minuten nach mir an. Er ist den Originalweg gegangen, total erschöpft, nur halbwegs begeistert und triefendnass. Genau denselben Eindruck macht Nelli, die eine halbe Stunde später eintrudelt. Corri und Rien kommen erst gegen 17 Uhr, lange nicht so fertig wie gestern, aber sie haben ja wie ich die Straßenvariante genommen und sind froh darüber. Nur Anke taucht überhaupt nicht mehr auf. Sie wollte auch "über alle Berge" gehen. Ein wenig beunruhigt mich das. Aber in Otta gibt es noch eine Jugendherberge, vielleicht ist sie jetzt dort und wundert sich, dass wir nicht auftauchen.




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Haltungsnote 10

Nelli will heute früh los. Es ist gerade mal 6 Uhr, als das Gerödel anfängt. Auch wenn man versucht, ganz leise zu sein, um Schlafende nicht zu wecken, so ganz gelingt das nicht. Für mich ist jedenfalls auch die Nacht rum, auch wenn ich mich noch zwei, drei Mal hin und her wälze. Um kurz vor 7 Uhr ist sie verschwunden, um 7 Uhr stehe ich auf. Anke, Corri und Rien (so heißt er, "Ring" war falsch, er hat mich korrigiert) pellen sich aus ihren Schlafsäcken, da habe ich bereits gepackt. Gefrühstückt wird noch zusammen und als ich mich auf den Weg mache, stopfen sie gerade ihre Schlafsäcke in die Rucksäcke. Wir werden uns wieder treffen. Unterwegs ist unwahrscheinlich, sie werden mich nicht einholen. Bestimmt aber in Kvam auf dem Campingplatz, wo ich eine kleine Hütte gebucht habe.


Das Wetter ist herrlich! Keine Wolke am Himmel, noch nicht allzu warm. Aber in kürzester Zeit soll mir warm werden, sehr warm. Direkt bei Sygard Grytting beginnt ein happiger Aufstieg. Ich stöhne, ich jappse, mir fließt der Schweiß in die Augen. Solche Anfänge mag ich gar nicht, direkt von Null auf Hundert. Mein Kreislauf muss erst immer langsam in Fahrt kommen, damit er solche Anforderungen relativ problemlos gemeistert bekommt, aber aus dem Stand? Mein lieber Scholli...! Und dann nicht nur einfach steil! Wieder mal das volle Programm: steinig, rutschig, schlammig, hohes Gras mit unsichtbaren Kuhlen, schräg am Hang, mit Schafhinterlassenschaften oder gleich mit ganzen Schafen, Zauntreppen, Gatter, usw. 


Dann endlich durchatmen, etwas Gutes für die Seele: ein weiter, tiefer Blick hinunter ins Tal, das Fjell ist mit einigen Schneefeldern oberhalb der Talhänge mit ihren Mischwäldern bereits zu sehen, neben mir eine Wiese mit teils verfallenen Almgebäuden. Eines dieser Gebäude steht auf einer Felsplatte und ist eine "Perle". In alter Form wieder aufgebaut, ist sie jetzt eine weitere dieser kleinen Pilgerherbergen, die am Weg nach und nach entstehen und ihren eigenen Charme haben. Ein Schloss hängt vor der Tür, nur mit dem Eingeben eines Codes zu öffnen. Eine angeschlagene Telefonnummer muss man anrufen, um den Code und damit "Sesam öffne dich!" zu erhalten. Drinnen zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein kleiner Kaminofen und Kerzen. Wasser holt man sich an einer Quelle 10 m entfernt. Man sollte hier Urlaub machen, mindestens drei Wochen, zehn Bücher lesen... oder selbst eins schreiben. Was mache ich? Auf der Bank vor der Hütte raste ich zehn Minuten, hole wieder Luft und gehe weiter. 


Für zwei Kilometer etwa werde ich geschont, sogar verwöhnt von einem aussichtsreichen "Kurparkwanderweg" zwischen moos- und flechtenbewachsenen Felsen hindurch und auf mit Tannennadeln belegten Waldpfaden. Ich werde eingelullt. Dann geht es wieder zur Sache: steil, steil abwärts, Felspartien als unregelmäßige Treppenstufen, rutschiges Moos auf Felsplatten, Pfade, die mal eine Weile als Bachbett herhalten müssen, wacklige (um nicht zu sagen: baufällige) Holzbrücken über kaskadenartig zu Tal stürzende Wildbäche, schroffe Felswände zu meiner Rechten, links ein Abgrund. Aber immer weiter! Ich kraxle wieder über bemooste, große Felssteine, rutsche über glitschige Baumwurzeln, hangle mich steil, nach niedrig hängenden Baumzweigen greifend, bergauf und balanciere wie eine Ballerina auf den Fußspitzen noch steiler bergab. Ich bin umgeben von Bäumen soweit das Auge reicht, blicke gegen mit Flechten überwucherte Felsen und dann wiederum steile Abhänge hinab, nur einen Tritt breit vom Pfad. Alles wiederholt sich oft am heutigen Tag.
Was sich auch wiederholt, ist ein Sturz von mir. Ich lege mich also zwei Mal gekonnt auf die Klappe. Haltungsnote 10! Das erste Mal rutsche ich im Schlamm aus, habe aber noch Zeit mir zu überlegen, wie ich denn nun zu landen gedenke. Beim zweiten Mal ist es etwas kritischer: Ich stolpere auf den letzten Metern zu einer Wildbachbrücke über lockere Steine und vollführe so etwas wie einen Kopfsprung nach vorn. Künstlerische Ausführung: Note 0! Da ich kopfüber am steinigen Hang liege, habe ich etwas Probleme, wieder aufzustehen, der Rucksack tut das Seinige, mich daran zu hindern. Ich kann mir jetzt gut vorstellen, dass sich Schildkröten ganz schön doof vorkommen, wenn sie auf dem Rücken liegen. 


Aber jetzt mal Quatsch beiseite! Ist vielleicht der Akku so langsam leer? Über 1600 km sind ja auch kein Pappenstiel! Und gerade jetzt zum Schluss die höchsten körperlichen Anforderungen. Ich werde auf mich achten müssen! Zunächst mal verordne ich mir für morgen einen "Schongang". Ich werde mal nicht die normale Route gehen, die mindestens wieder genauso anstrengend werden soll wie die heutige, sondern mal einen Talspaziergang über 25 km machen, meist an der Straße entlang, aber auch am Fluss Lagen.


Ich bin wirklich froh, als ich auf dem Campingplatz Kirketeigen in Kvam ankomme. Nelli und Rupert sind schon da, Anke kommt zwei Stunden nach mir, Corri und Rien laufen erst am frühen Abend ein. Alle lecken wir ein wenig unsere Wunden. Alle Mitpilger sind im Hauptgebäude bei der Rezeption in Zimmern untergebracht, ich habe meine kleine Hütte und Corri und Rien haben ihr Zelt aufgeschlagen.


Ich habe gerade mit Schreiben angefangen, da liegen alle anderen bereits auf ihren Matratzen. Na, also sooo schlimm war es aber nun auch wieder nicht...!




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Auf Schaffellen

Als ich aufstehe, schlafen Anke, Corri und Ring noch, jedenfalls rührt sich nichts in den anderen beiden Zimmern. Ich decke schon mal den Tisch und setze eine Kanne Kaffee auf, denn es war verabredet, gemeinsam zu frühstücken. Wer den Tisch deckt und Kaffee kocht, braucht nicht zu spülen, also kann ich davon ausgehen, als erster auf der Strecke zu sein. 


Eine halbe Stunde später - ich habe in der Zwischenzeit komplett gepackt - sitzen wir tatsächlich alle um den Tisch herum und ich werde einiges gewahr. Anke wohnt in der Nähe von Schleswig an der Schlei, arbeitet noch und macht viele Fahrradtouren. Diesmal ist sie mit ihrem Rad von zu Hause aus durch ganz Jütland gefahren, ist von Hirtshals mit der Fähre nach Kristiansand übergesetzt, um von dort aus nach Oslo hochzustrampeln. Jetzt ist sie auf dem Olavsweg unterwegs, aber gar nicht unbedingt darauf aus, in Trondheim anzukommen. Sie kann sich auch sehr gut vorstellen, von Dovre aus über das Rondanemassiv eine Fjellwanderung zurück nach Lillehammer zu machen. "Das überlege ich mir noch!".


Ring und seine Corri sind schon gemeinsam von Rotterdam aus nach Santiago de Compostela und auf der Via Francigena nach Rom gegangen. Jeder kann sich vorstellen, dass uns da der Gesprächsstoff nicht ausgeht. Trotzdem sehe ich irgendwann zu, dass ich wegkomme, denn heute Abend haben wir nochmal dasselbe Quartier, da können wir uns weiter unterhalten.


Der Weg zurück auf den Olavsweg führt mich von der Pilgerherberge nochmal an der Stabkirche vorbei. Bei einer Sitzgruppe unterhalb des Parkplatzes treffe ich auf Nelli und Rupert, zwei weitere deutsche Pilger, die dort ihr zweites Frühstück während einer Rast einnehmen. Sie sind schon seit einer Stunde unterwegs und warten jetzt darauf, dass die Stabkirche aufgeschlossen wird. Auch bei ihnen bin ich mir sicher, dass ich sie nicht zum letzten Mal getroffen habe. 


Es wird eine leichte Wanderung heute. Es gibt sie, die Steigungen, aber sie halten sich in Grenzen. Keine schwergängigen Wald- und Wiesenpfade, sondern hauptsächlich festes Geläuf, die Seele erfreut sich am ersten Tag ohne Niesel oder Regen, dafür mit großen blauen Wolkenlücken und an den immer wieder auftauchenden Blicken ins Gudbrandsdal. Und doch muss ich mich mal kurz etwas aufregen.


Im idyllischen Örtchen Ringebu, keine Stunde von der gleichnamigen Stabkirche entfernt, muss ich Geld aus einem Automaten holen. Die dazugehörige Sparkasse ist schnell gefunden, aber ein Kunde ist vor mir dran. Jetzt kommt's! Aus einer Butterbrotdose holt er einen mächtigen Stapel Kronenscheine und beginnt damit, diese in den Geldautomaten einzuzahlen. Ich Landei habe bisher überhaupt noch nicht gewusst, dass man das überhaupt machen kann. Oder geht das nur hier bei den norwegischen Sparkassen? Jedenfalls, in die Klappe, aus der ich immer die Geldscheine rausnehme, steckt er seinen Stapel hinein, drückt auf den Knöpfen rum und -schwupp! - sind sie weg und der Apparat rattert. Im Prinzip! Bei ihm klappt das nicht so und immer wieder spuckt der Automat Scheine wieder aus. Es seien eben alte Scheine, gibt er mir bedauernd zu verstehen und ich bedauere, dass diese ganze Prozedur nun ewig dauert. Immer wieder kommen Scheine raus und er drückt Knöpfe, geschlagene 20 Minuten lang. Es ist ihm sichtlich peinlich, aber unterbrechen kann er den Prozess, die Einnahmen aus seinem Sportgeschäft von gestern (erfahre ich) auf diese Weise zur Bank zu bringen, nicht. Sagen wir mal so: Auf diese Art habe ich meine erste Rast.


Nach zwei Stunden habe ich fast die Hälfte der Tagesstrecke hinter mir und laufe das Pilgerzentrum von Dale-Gudbrands-Gard an, eine historische Hofanlage, wo sich ein Hotel, eine Pilgerherberge und ein Pilgerzentrum harmonisch miteinander verbinden. Grundsätzlich gibt es bei einem Pilgerzentrum - ich kenne das ja mittlerweile von denen in Oslo und Hamar - jede Menge interessante Informationen, unmittelbare Hilfeleistungen und vor allem - Kaffee. Die wichtige Information, die ich jetzt brauche: Das Dovrefjell ist begehbar! Es gibt zwar noch Schnee, aber keine akute Gefahr bei der Überquerung. Stichwort "unmittelbare Hilfeleistung": Der Leiter des Zentrums vermittelt mir eine Übernachtung in einer neuen Pilgerherberge, und Stichwort "Kaffee": Ich bekomme auch zwei und dazu eine Banane. 


Nach und nach laufen alle ein: Rupert und Nelli, Ring, Corri und Anke. Für alle wird neuer Kaffee aufgesetzt, Ring kauft sich in der Zentrums-Boutique ein Olavsweg-T-Shirt und Rupert checkt in der Herberge ein. Alle anderen wollen, wie ich, nach Sygard Grytting weitergehen. Alle meine Mitpilger sind mir sehr sympathisch, aber ich gehe lieber alleine, also mache ich mich wieder auf den Weg, während die anderen noch ihren Kaffee schlürfen.


Inzwischen ist es richtig warm. Soll es wirklich einen Tag ohne Regen geben? Über fast acht Kilometer geht es von nun an auf dem Radweg der E6 entlang, bis auch der irgendwann mal aufhört. Doch genau an dieser Stelle verschluckt ein neues Tunnelloch die neue E6, während ich auf der alten weiterziehe, kaum behelligt von Autos oder LKW. Dann ein Abzweig, den Hang hinauf, doch nochmal über Wiesenpfade und Zauntreppen, an Schafen und Lämmern vorbei - und dann liegen die alten dunkelbraunen Gebäude von Sygard Grytting vor mir.


Als ich den Hof betrete, kommt mir Stig Grytting entgegen, der mich wohl schon hat kommen sehen. Da er offensichtlich meine Bewunderung für dieses schöne Anwesen bemerkt, beginnt er sofort mit einer Art Führung. "Sygard Grytting" bedeutet so viel wie "Hier stehen Pfähle fest im Stein". Auf dem Gehöft findet sich ein mittelalterliches Gebäude, das auf dem mehr als 700 Jahre alten Hof zu mittelalterlichen Zeiten als Pilgerherberge gedient hat. Darauf besann sich Stig Grytting, als er den denkmalgeschützten Familienbesitz in den 90er-Jahren zusammen mit seiner Frau in ein kleines, stilvolles Hotel umbaute. Kein Zimmer im Hotelgebäude gleicht dem anderen, antikes Mobiliar, Bilder von den Altvorderen und historische Tapetenmuster vereinen sich zu einer bewohnbaren Geschichtsstunde. Schon König Harald hat hier geschlafen, als er in der Nähe ein Ski-Event besuchte, Feinschmecker-Zeitschriften berichteten bereits über die Kochkünste von Frau Grytting und sogar der NDR war mal hier und hat Drehaufnahmen gemacht.


"Kommen sie, jetzt zeige ich Ihnen die Herberge!", sagt Stig und schreitet mir zügig voran, zu einem imposanten, aber auch sehr alten Gebäude. Über knarrende, steile, alte und ausgetretene Holztreppen erreichen wir die Schlafräume im oberen Stock. Die niedrigen, schweren Holztüren lassen sich ächzend und knarrend mit riesigen Schlüsseln öffnen - und ich blicke ins Dunkle, denn die Räume haben nur einige wenige, sehr kleine Fenster. Die Wände bestehen aus dicken, durch die Zeit gealterten und nachgedunkelten Holzbohlen, durch die ab und an etwas Licht und Luft durch die Ritzen dringt. "Hier werden Sie schlafen, wenn Sie möchten", sagt Stig, " die anderen verteile ich auf die anderen Zimmer. Die Selbstversorgerküche ist im übernächsten kleinen Holzhaus. Ich denke, da finden Sie alles, was sie brauchen. Willkommen auf Sygard Grytting!"


Die schwere Tür fällt knarrend hinter ihm ins Schloss. Was umgibt mich, was für ein Geist herrscht hier, was für Geschichten könnten mir diese Wände erzählen? Und sie tun es, wenn man sich nur ganz still verhält und alle Sinne öffnet für das, was sie einem mitteilen. Tische, Betten und Truhen sind aus altem, massivem Holz gefertigt! Und auf einer Holzstange über den Betten hängen riesige Schaffelle, auf denen geschlafen wurde in früherer Zeit, und wer mag, kann sie auch heute noch benutzen. In einer Ecke steht ein Webstuhl unter einem kleinen Fenster, steht dort, als sei jemand gerade erst zu einer kurzen Pause schnell einmal verschwunden. Zwar stehen mir alle Betten zur Verfügung, und eigentlich könnte ich mir ein beliebiges aussuchen, aber wie alles andere an Einrichtungsgegenständen, scheinen auch die Betten hier einer anderen Epoche entsprungen. Keines, in das ich bequem hineinpassen würde. Alle sind entschieden zu kurz und so nehme ich zwei Schaffelle von den Holzstangen und lege sie auf dem Boden aus. Ich denke mehr als ein Mal: Das ist doch eigentlich wie im Museum mit "Nichts-Anfassen"-Schildern, und wir dürfen hier übernachten!?


Inzwischen sind alle anderen auch angekommen und haben sich in ihren beiden Zimmern eingerichtet. In der Selbstversorgerküche wird gekocht und gegessen. Alles dauert nicht lange. Jeder möchte sich in sein Zimmer zurückziehen und diese Räumlichkeiten genießen. Ich bin als erster aus dem gesprächigen Kreis verschwunden und schließe hinter mir die knarrende Tür ins Schloss. 


In der Mitte des Raumes auf den beiden Schaffellen liegend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, schaue ich an die Decke, tauche ab in eine Fantasie und stelle mir vor, wie es hier vor vielen Jahrhunderten zugegangen sein muss, ausgesehen und gerochen hat, als alle Betten belegt waren, am Abend, in der Nacht. Ein leiser Windhauch aus den undichten Wänden streicht mir über das Gesicht. Wo kamen all jene her, getragen von einem ganz anderen Traum, das Ziel in Nidaros zu erreichen als ich heute. Was hat sie motiviert, diese Reise, die zu jener Zeit um ein Vielfaches beschwerlicher gewesen sein muss als heute, zu wagen? Von welchen Träumen und Wünschen, von welchen Erlösungsideen und -gedanken wurden sie getragen? Welche Gespräche fanden statt von einer Schlafstelle zur anderen, welche Geschichten über den bisherigen Weg haben sie ausgetauscht? Wie wurden sie am Morgen weitergetragen, vom Mut, von der Verzweiflung oder vom Ziel in der Ferne, das zu erreichen nicht so sicher war wie heute? Was haben sie miteinander geredet, was geflüstert?


Nebenan ist es schon lange ruhig, nur draußen die Schafe ziehen noch über die große Wiese und bimmeln mit ihren Glocken.


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Wasser marsch!

Das Essen auf dem Frühstücksbuffet ist nicht gerade üppig. Zu zwei Sorten Wurst und einer Sorte Käse gesellen sich ein Glas Marmelade und - eiskalte Rühreier. Das habe ich auch noch nicht gehabt: eiskalte Rühreier. Wahrscheinlich gestern Abend schon gemacht und im Kühlschrank über die Nacht gebracht. Dafür sind aber die Brötchen noch warm vom Aufbacken und der Kaffee sogar heiß. Was will ich mehr!?


Das Wetter sieht in den letzten Tagen morgens gar nicht schlecht aus, entwickelt sich dann zum Nachmittag hin oft etwas unerfreulich. Das soll heute nicht anders sein. 

Von Glomstad aus geht es zunächst steil bergab zum Fluss, so steil, dass ich dabei sogar ins Schwitzen komme. Steinige Waldpfade, rutschige und feuchte Wiesen, eine Inflation an Zauntreppen, Spuren über Weiden, auf denen die umherstreunenden Schafe letztendlich ihre Verdauung abgeschlossen haben, Bäche, die auf Steinen zu überqueren sind - alles kompakt auf etwa drei Kilometern in der Falllinie. Fast widererwartend komme ich unfallfrei unten an der E6 an. Das hätte nochmal schiefgehen können, wenn ich die alte Rolla-Brücke trotz Warnhinweis und Umleitung benutzt hätte, die als schwer einsturzgefährdet gilt und damit für den Pilger offiziell gesperrt ist. Da ich vernünftig bin, nehme ich diese Umleitung sogar.


Die Vernunft zieht sich aber wieder zurück, als ich vor der Entscheidung stehe, von nun an weiterhin rustikales Terrain mit wiederholtem Rauf und Runter zu betreten oder lieber für drei Kilometer den Randstreifen der E6 zu benutze, um mal einen ordentlichen "Sprung" vorwärts zu machen. Ich entscheide mich natürlich für den "Sprung". Nun muss ich dazusagen, dass hier mittlerweile die E6 keine Autobahn mehr ist, sondern nur noch eine vielbefahrene Landstraße und der Randstreifen mehr als einen Meter breit. Ich komme also unversehrt an der Stelle an, wo mir mein GPS nahelegt, jetzt die Böschung hochzuklimmen, um dort wieder auf den markierten Olavsweg zu gelangen. 


Langsam geht es von nun an wieder den Hang hoch, dabei sind es mehr die schmalen Asphaltstraßen an den Höfen vorbei als die kurvenreichen Waldpfade, auf denen ich die Kilometer "mache". Weiter oben kleidet dichter Mischwald die Hügel zu beiden Seiten des Gudbrandsdals und immer wieder rauschen ergiebige Wassermassen in Wildbächen die Hänge herunter und stürzen dem im Tal blaugrün mäandrierenden Lagen entgegen. Zu beiden Seiten säumen ihn saftige grüne Wiesen und nur einige einzeln stehende dunkelrote Holzhäuser mit weißen Fensterläden verraten, dass hier auch Menschen wohnen. 


Die ganze Zeit schon präsentiert der Himmel großes Wolkenkino und wird bald in einer Sondervorstellung das Drama "Der große Regen" abspielen. Wenigstens kann ich mich darauf vorbereiten. Ich nutze die Zeit einer Rast, um mich einigermaßen wasserresistent zu machen, wohlwissend, dass dies nie so ganz gelingt. Bevor ich mich wieder auf Wald- und Wiesenpfade mache, geht es tatsächlich wieder los. Erst ganz langsam, dann ergiebig. Von der Ponchokapuze fließt das Wasser auf meinen Hutrand, vom Hutrand auf meine Brillengläser, von den Brillengläsern in den Bart und vom Bart in den Kragen. Welchen Weg es sich weiter nimmt, kann ich nicht exakt ergründen, weil es sich mit dem rinnenden Schweiß mischt. 

Bis auf das Knacken von Ästen unter meinen Füßen und dem Geräusch der auf meine Kapuze trommelnden Regentropfen ist es im Wald totenstill. In der Ferne ruft mir ein Rabe zu. Mittlerweile bin ich pitschnass von oben bis unten, schwitze, friere, leide ein wenig vor mich hin, halluziniere vom Geist eines vollkommen überheizten Wohnmobils mit bequemen Sitzen und mit 80 Kilometern pro Stunde über die Landstraße und ab und an eine heiße, leckere Suppe und eine Tasse Kaffee und ab, sich in die Federn verkrümeln. 


Doch stattdessen taucht vor mir auf dem ansteigenden Waldweg ein blauer Kleiderschrank auf zwei Beinen vor mir auf. Als ich zu ihm aufschließe, entpuppt sich der Kleiderschrank als die Pilgerin, die ich im Osloer Pilgerzentrum vor Tagen getroffen habe. Hier treffe ich Anke wieder, kaum wiederzuerkennen im uns umgebenden Wasser. Wir tauschen uns auf ein paar hundert Metern kurz aus, wie es jedem von uns bisher ergangen ist, dann geht jeder wieder in seinem Tempo weiter. "Wir sehen uns in Gildesvollen! Bis nachher!"


Gildesvollen ist die Pilgerherberge in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stabkirche von Ringebu, der einzigen auf dem gesamten Pilgerweg. Als wolle Petrus nicht, dass ich gleich wie ein nasser Pudel diese berühmte alte Kirche betrete, stellt er den großen Wasserkran ab und lässt mich den letzten Kilometer im vermeintlich Trockenen gehen. Dass es noch ordentlich von den Bäumen pladdert, bedenkt er nicht. Zwei Touristenbusse verlassen gerade den Kirchenparkplatz, als ich um die Ecke komme und die Kirche vor mir sehe. Sehr gut! 


"Pilger haben freien Eintritt!", sagt mir der nette junge Mann am Eingang und drückt mir sogar einen Stempel in meinen Pass und ein Info-Blatt in die Hand - auf Deutsch. Ich glaube aber fast, den Pilgerpass hätte es gar nicht zur Identifikation gebraucht. Hier ist sonst keiner bei solchem Wetter mit so einem Rucksack unterwegs. Was lerne ich? Die Stabkirche wurde 1220 errichtet. Das Besondere an Kirchen dieses Typs ist, dass sie nur aus senkrecht stehenden Holzstäben und ohne Nägel angefertigt sind, sie wurden nur verzapft.  Während der Übergangszeit von der heidnischen Religion zur Reformation 1537 wurden rund 1000 Stabkirchen in Skandinavien gebaut. Heute ist die Kirche von Ringebu die größte der noch 28 in Norwegen erhaltenen. Der Innenraum ist reich verziert und besticht durch einen prunkvollen Altar und durch gewaltige Bilder und Statuen. Die blau-roten Farben und Holzsäulen schaffen eine besondere Atmosphäre. Von außen kontrastiert das tiefe Schwarz des Pechanstrichs auf den Holzschindeln mit dem warmen Braun der bereits ausgeblichenen Hölzer. Norwegens Sonne hat über Jahrhunderte Hand angelegt und der Kirche ihr so typisches Aussehen verliehen.


Nur 200 m von der Kirche entfernt liegt die Pilgerherberge Gildesvollen. Anke ist bereits da und unterhält sich gerade mit der Besitzerin, die nebenan mit ihrem Mann auch noch eine Holzwerkstatt betreibt. Später kommen noch Corri und Ring aus Rotterdam dazu, die mir in den letzten zwei Tagen auch schon öfter begegnet sind. Also, es gibt sie doch, die Pilger auf dem Olavsweg!


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Richtig schön abwechslungsreich!

Wenn man abends zu viel Tee trinkt, rächt sich das in der Nacht. Jedenfalls bei mir. Ist der Weg zur Toilette dann auch noch recht weit, zögert man den Entschluss, sich aus dem warmen Bett zu erheben, immer wieder hinaus. Doch irgendwann geht es nicht mehr. Fünfzig Meter bis zur Kellertoilette im Haupthaus von Skaden gard müssen ja vielleicht nicht sein, da tut's auch der Wiesenrand neben meiner Hütte. Als es dann soweit ist und meine Erleichterung fortschreitet, werde ich andächtig. Da hier in diesen Bereichen von Norwegen inzwischen die Zeit ist, in der es nachts nie vollständig dunkel ist, sehe ich vor mir... , nein, eher unter mir, die Wolken im Gudbrandsdal wie einen gigantischen Streifen dichter Watte liegen, während die gegenüberliegenden Bergspitzen blaugrau über sie hinausragen. 


Ich bin mal wieder - nachts gegen drei Uhr - über den Wolken und habe sofort den Song dazu im Kopf. Ich mag vieles von Reinhard May sehr und erlebe hier das Entsprechende live. Hier nachts auf Skaden gard bin ich also über den Wolken und das sogar, ohne mich vorher mit Reinhards Flugzeug in die Lüfte begeben zu haben. Auch hier auf der Erde, wenngleich noch immer recht weit oben, empfinde ich meine Freiheit als grenzenlos und alle Ängste und Sorgen bleiben für mich unter der Wolkendecke ebenfalls symbolisch verborgen. Der einfühlsame Barde mit der Gitarre singt weiter, dass alles, was uns groß und wichtig erscheint, nun plötzlich nichtig und klein wird. Recht hat er. Inmitten dieser Natur ist alles nicht mehr wichtig und ich erfahre in diesem Moment große Ehrfurcht vor der Schöpfung. Auf dem Weg zurück in meine Hütte und unter die Bettdecke singe ich fröhlich den Song vor mich hin und nehme mir vor, zu Hause die Best-Of-CD nochmal aus dem Regal zu holen.


Zum Frühstück habe ich eigentlich noch genug in meiner Provianttüte, doch wenn ich das Gefühl habe, dass es vielleicht etwas bringt, ein Frühstück zu bestellen, dann tue ich das auch. Frau Skaden hatte mich gestern Nachmittag gefragt, ob ich mit ihr und ihrem Mann zusammen frühstücken möchte und in solchen Fällen sage ich selten "Nein". Meist ergeben sich in solchen Situationen immer nette Gespräche. Als sich herausstellte, dass sich auch ein Dauergast dazugesellen wird, der gut Englisch spricht und damit als eine Art Dolmetscher mit am Tisch sitzen wird, war die Sache abgemacht. Und was Frau Skaden da auf den Tisch zaubert, ist jeden der 50 Kronen (etwa 5,50 €) wert. Allein vom Lachs, den Rühreiern und der selbstgemachten Marmelade hätte ich mir gerne zwei Proviantdosen vollpacken lassen. Wir sprechen viel zusammen, von Trump bis Angela Merkel, von den Flüchtlingsproblemen in Deutschland und Norwegen, von der königlichen Familie in Oslo und den letzten Terroranschlägen in London. Drei Themen bleiben mir besonders in Erinnerung: Wölfe sind auch im Gudbrandstal zurück. Vor wenigen Tagen haben sie nicht weit von hier auf entlegenen Hängen fast hundert Schafe gerissen. Im Dovrefjell sind in den letzten Tagen Wandertouristen von mächtigen Moschusochsen überrascht worden, die auf einmal mitten auf dem Weg standen und gar nicht weichen wollten. Diese beiden Geschichten sind zwar interessant, verblüffen mich aber nicht allzusehr. Amüsant aber finde ich die Aussage von allen Dreien, die mit mir am Tisch sitzen, dass die relativ guten Deutschkenntnisse vieler Norweger nicht nur aus dem Schulunterricht stammen, sondern von Horst Tappert. In den 70er-Jahren war "Derrick" in Norwegen ein "Straßenfeger". Die Serie wurde im deutschen Originalton übertragen, nur ein mitlaufender Untertitel half, den Wortsinn zu verstehen. So kann man doch auch Sprachen lernen... !


Dank dieses schönen und unterhaltsamen Frühstücks komme ich erst eine Stunde später als üblich weg und meine drei Frühstückspartner winken mir fröhlich hinterher. Ich liebe solche Momente! Kurz vorher sind die drei Berliner aufgebrochen. Der Baggagewagen fährt wieder vorweg. Das Wetter hat sich etwas verändert, die Wolken sind ein wenig aufgestiegen und die Sonne reißt immer wieder ein Loch ins Grau. Dieses Sonnenloch wird mich fast den ganzen Tag begleiten. Vor und hinter mir toben sich heftige Schauer aus, ich aber wandere im Hemd. So ist das, wenn man im Namen des Herrn unterwegs ist.


Der Weg hat viel von gestern, und ich nehme an, das wird in den nächsten Tagen auch so bleiben. Trampelpfade sind die spannendsten Abschnitte, aber auch - zumindest für die Konzentration - meist die anstrengendsten. Fehltritte über glatte Steine oder Baumwurzeln können verhängnisvoll sein, ein Abrutschen bei besonders schmalen, schrägen Pfaden an steilen Hängen wäre auch nicht gesund, abgebrochene und auf den Weg ragende Zweige könnten im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen oder den Regenschutz meines Rucksacks zerreißen und das Übersehen einer kleinen Markierung und ein daraus resultierender Irrweg könnten viel Zeit kosten. Butterweiche und zentimeterdick mit Tannennadeln ausgelegte Waldpfade, die durch ein "Meer" von hellgrünem Klee führen, der den Waldboden bedeckt, sind da eher die Ausnahme. 


Wieviel einfacher sind da die breiten Wege oder sogar Straßen, die hier oben am Hang des Gudbransdals fast ohne den Verkehr auskommen, der sich unten im Tal abspielt. Ständige Gäste auf diesen Besiedlungs-Verbindungswegen sind Traktoren und Postautos, ab und zu auch mal ein Rover mit seinem Hänger, in dem Mutterschafe mit ihren noch nicht sehr alten Lämmern vom Hof zur Weide transportiert werden. Diese meist gar nicht asphaltierten, sondern nur steinhart festgefahrenen Schotterwege, die immer wieder wunderbare Blicke hinunter auf den Lagen freigeben, trudle ich hinunter und oft liegt mir dabei ein flottes Lied auf den Lippen. Gehen sie allerdings langgezogen bergauf, fehlt mir dazu meist schon nach fünfzig Metern die Puste. 


Die Wege im offenen Gelände sind im Moment allerdings noch eher begehbare Sümpfe, bedeckt von kniehohen Gräsern und niedrigen Sträuchern. Bei bestem Wanderwetter quäle ich mich da manchmal durch, und das Schmatzen der Schuhe wird zum Soundtrack des Tages. Willkommen in der Zeit kurz nach der Schneeschmelze!


Schon mein Pilgerführer kündigt für wenige Meter vor der Pilgerunterkunft Stalsbergsvea einen Wasserhahn direkt am Weg an einer besonders aussichtsreichen Stelle an. Schon ein toller Service! Natürlich mache ich mir die Flasche neu mit dem frischen kalten Wasser voll, obwohl ich noch kaum etwas von meinem Wasser aus dem Skaden gard Bad getrunken habe. Gegenüber der Wasserstelle steht eine Bank und von ihr aus ist der Blick ins Tal in der Tat umwerfend. Eher zufällig entdecke ich neben ihr an einem dicken Birkenstamm einen Briefkasten. In ihm liegt, eingewickelt in eine durchsichtige Plastiktüte, eine Art Gästebuch. In einer Herberge gehören diese Bücher dazu wie der Pilgerstempel und der Wasserkocher, an einer Aussichtsbank habe ich das auf dem Olavsweg noch nicht gesehen. Ich krame das Buch aus der Tüte hervor, öffne es - und bin platt. Da steht eine Nachricht für mich! Adressiert ist sie zwar an "Rainer", aber der weitere Inhalt lässt keinen Zweifel zu. Maika aus der Nähe von Drochtersen an der Elbe, die ich im Pilgerzentrum von Hamar vor einigen Tagen getroffen habe, grüßt mich und bedankt sich herzlich dafür, dass ich sie überredet habe, ihre komplette Zeltausrüstung nach Hause zu schicken und auf die Möglichkeit der Übernachtungen in den Pilgerherbergen zu vertrauen. Der so viel leichtere Rucksack sei eine Wohltat und sie sei guter Dinge. Sie ist damals nach Lillehammer mit dem Zug vorgefahren und damit drei Tage vor mir auf der Strecke. Wieso zapfe ich mir hier Wasser, wieso setze ich mich auf die Bank, obwohl ich gleich, keine 50 m weiter, sowieso eine Rast einlegen möchte und wieso entdecke ich dieses Buch, wo ich doch den Briefkasten fast übersehen hätte? Welch ein Zufall - aber ein Zufall, wie sie so viele auf Pilgerwegen passieren.


Die Pilgerunterkunft Stalsbergsvea ist nicht größer als ein Bauwagen, aufgeteilt in zwei Zimmer mit Stockbetten. Das Plumpsklo steht etwas abseits. Neben den Betten liegt auf einem kleinen Tisch das obligatorische Gästebuch, in das sich auch Pilger eintragen, die nicht hier übernachten, sondern bei Regen hier einen Moment Zuflucht suchen oder einfach hier rasten wollen. Für sie alle stehen ein kleiner Heizkörper, ein Kanister mit Wasser, ein Wasserkocher, ein Glas Nescafé und eine Schachtel Teebeutel bereit, das alles kostenlos. Diverse Süßigkeiten kosten eine Kleinigkeit und ein Paar Ersatzwanderstöcke ist für 20 Kronen zu erwerben ("Geld bitte in den Plastikbecher! Danke!"). 


Noch während ich mich begeistert umsehe, stehen auf einmal die Berliner im Türrahmen. Irgendwo muss ich sie überholt haben. Merkwürdig! Bei der Plastiksitzgruppe vor der Mini-Herberge rasten wir gemeinsam, nicht ohne uns zuvor einen Kaffee gekocht zu haben. Anschließend gehen wir wieder ein Stück gemeinsam, aber nach etwa einer halben Stunde laufe ich wieder vor. Meine Geschwindigkeit ist eine andere und es ist immer wichtig, weder langsamer noch schneller zu laufen, als es die persönliche Geschwindigkeit vorgibt. Beides würde unweigerlich schnell zu Ermüdung führen.


Wie die Drei allerdings die Stelle meistern, auf die ich wenig später treffe, würde mich schon interessieren. Den Wald nämlich, durch den ich mich laut meinem Pilgerführer nun "schlängeln" soll, gibt es nicht mehr. Vor mir liegt ein großes gerodetes Areal, wo von einem Pfad aber auch gar nichts mehr zu sehen ist, nur noch Stümpfe, kreuz und quer übereinanderliegende Zweige und Schlamm. Mit GPS versuche ich, den Pfad zu lokalisieren, aber alles ist zwecklos. Jetzt mache ich es nach Gefühl, schlage mich durch das Gehölzchaos und komme irgendwann mit schlammigen und Tannennadeln panierten Schuhen auf der anderen Seite der Rodung an. Auch dort ist von einem Pfad nichts zu erkennen. Doch dass hier der Pfad stark überwachsen und wohl kaum zu erkennen sei, findet sich auch in meinem Pilgerführer wieder, aber der Pfad ist nicht nur stark überwachsen, er ist überhaupt nicht da. Nur dichtester, fast undurchdringlicher Wald. Wie fein!


Meter um Meter kämpfe ich mich durchs dichte Unterholz, über überwachsene Geröllfelder, wo ich echt Sorgen habe, mal irgendwann in einen Spalt zu rutschen. Außerdem fängt es genau jetzt noch an zu regnen. Na Mahlzeit! Irgendwann komme ich tiefer unten an einen hohen Holzzaun, der eine Kuhweide begrenzt. Überklettern unmöglich! Der Zaun stand wohl schon hier, als König Olav vorbeiritt, jedenfalls wäre er mit mir beim Übersteigen zusammengebrochen. 50 Meter weiter dann ein Gatter! Wieso ist ausgerechnet hier ein Gatter. Kein Mensch, geschweige denn eine Kuh, geht notwendigerweise mal durch dieses Gatter! Doch - ich! 


Die Kuhweide ist voller Kühe mit ihren Kälbern. Nun weiß ich, dass es da auch schon mal Probleme gegeben hat, wenn Wanderer sich zu forsch Kühen mit ihren Kälbern genähert haben, also mache ich einen weiten Bogen um die lieben Tierchen. Die lieben Tierchen finden das aber sehr merkwürdig, wer da über ihre vollgeschissene Weide spaziert und kommen im Rudel angaloppiert. Hallo? Was geht hier im Moment ab? Eine kleine Prüfung, Olav? Als die Viecher noch zehn Meter von mir entfernt sind, versuche ich es zur Einschüchterung mit einem meiner gefürchteten Brüller. Zumindest bleiben sie irritiert stehen. Das war es dann aber auch, weitere Brüller stören sie nicht. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Drahtzaun zu meiner Linken so hoch ist, dass ich vielleicht so gerade noch drübersteigen kann. Fast widererwartend gelingt mir das sogar und ich habe schon mal die Kühe vom Hals. Jetzt noch einen zugewachsenen steilen Hang hinunter, über den unter Wasser stehenden Straßengraben - und zack! - stehe ich auf einer Straße! Nur auf welcher, weiß der Himmel! Ich habe keine Ahnung, wo ich bin! Die Richtung, die ich einschlagen muss, ist klar: nach Norden! 200 m etwa gehe ich und komme an eine Kreuzung, an einer Ecke ein Schild: "Glomstad - 600 m"! Meine Unterkunft! Donnerwetter, saubere Orientierungsleistung! 


Jetzt ist mir auch der Regen egal, den ich die ganze Zeit kaum wahrgenommen habe. Jetzt mag er mich durchnässen, auch egal! Mit dreckigen Schuhen (da muss auch etwas Kuhscheiße dabei sein) und nass wie ein Pudel stolpere ich wenig später bei meiner Unterkunft durch die Tür. Ein schöner Tag war es! So richtig abwechslungsreich!


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Hinein ins Gudbrandsdal

Ellen ist beim gemeinsamen Frühstück in ihrem Wohnzimmer ganz aufgekratzt. Die Premiere ihres Musicals war ein voller Erfolg. Im Gegensatz zu Lillehammer hat es am Veranstaltungsort nicht geregnet und die Premierenfeier war ein Knaller. Jetzt freut sie sich auf die heutige Vorstellung, um zwei Uhr muss sie wieder losfahren. "Gleich werde ich mich noch etwas hinlegen", lacht sie und lässt einen beherzten Gähner folgen. "Die Nacht war kurz!" Ich glaube aber, sie ist dazu viel zu aufgeregt. Beim Abschied vor dem Haus muss sie mir unbedingt noch kleine Teile aus ihrer Choreographie vortanzen.


Ab heute bzw. ab Lillehammer gibt es keine zwei Wege mehr, die Richtung Trondheim gehen. An der Lillehammer kirke sind der Ostweg (auf dem ich seit Oslo unterwegs bin) und der Westweg zusammengekommen. Von jetzt an ziehen alle Pilger auf einem Weg. Selbst die allerletzten sind wohl noch dazugestoßen, die meinen, so richtig lohnt sich der Weg ja erst ab Lillehammer. Jeder soll es machen, wie er meint.


Für die kommenden Tage führt der Olavsweg noch zusätzlich einen weiteren Namen, der den nächsten Abschnitt beschreibt. Den ersten würde ich mit "Großraum Oslo" titulieren, der bis Eidsvoll ging. Der nächste war die Teilstrecke am Mjosasee entlang, die nächsten Tage bin ich auf dem "Gudbrandsdalweg", anschließend ist es die Überquerung des Dovrefjells und den letzten Abschnitt könnte man "Endspurt nach Trondheim" nennen. Die nächsten Tage werden durch die Ausblicke über das Gudbrandstal und den mäandrierenden Fluss Lagen bestimmt werden, vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Es soll auch schon vorkommen, dass tiefe Wolken durchs Tal ziehen und der Pilger hoch oben von seinem Weg aus den Fluss gar nicht sieht.


Als verlange der Olavsweg, dass man dem Lagen erstmal seine Aufwartung machen müsse, führt er einen an der Universität von Lillehammer vorbei zunächst mal an sein Ufer. Bei dem alten Hof Sundgarden erreiche ich es. Der Hof war schon im Mittelalter eine ganz wichtige Stelle am Fluss. Hier gab es eine Furt, wie auch der Name schon sagt: sund + gard (Furt + Hof). In einem historischen Archiv von 1480 wird der Hof bereits erwähnt, wahrscheinlich ist er aber älter. Das Gudbrandsdal war die Hauptverkehrsroute von Kristiania (Oslo) nach Nidaros (Trondheim) seit der Bronzezeit und ist es bis heute. Frühere Könige und Königinnen haben hier Quartier bezogen, wenn sie auf der Reise durch ihr Land waren. 1960 wurde der Hof aufgegeben, Möbel und Einrichtungsgegenstände wurden rausgeräumt und er verfiel zusehends. Dank einer Initiative von Studenten der nahen Universität und von Privatleuten wurde ein Restaurationsprojekt begonnen, das 1991 zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnte.

Weit vor der Hofaufgabe hat hier ein besonderes Drama stattgefunden. Am Morgen des 11. Dezember 1816 setzten sich bei Sundgarden 14 junge Mädchen in ein Boot, um im Ort Faberg, auf der anderen Seite des Flusses, den Konfirmandenunterricht zu besuchen. Auf halber Strecke schlug das Boot leck und es kenterte. Bis auf zwei Mädchen konnten alle anderen nur noch tot geborgen werden. Die Opfer wurden Seite an Seite in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt. Viele junge Frauen der Umgebung, alle in weiß gekleidet, standen neben dem langen Grab. Niemals zuvor seien an einem Grab so viele Tränen vergossen worden, berichtet die Chronik von Faberg. 


Bei meiner ersten Rast treffe ich auf drei Wanderer, zwei Frauen und ein Mann. Wanderer oder Pilger? Sie gehen denselben Weg wie ich, aber jeder trägt nur einen Mini-Rucksack auf dem Rücken. Wir kommen ins Gespräch und schnell stellt sich heraus, dass es Deutsche sind. Sie gehen den Weg ("Ja, wir wollen schon bis Trondheim!") mit leichtem Gepäck, weil der notwendige Rest gefahren wird. Sie haben sozusagen einen Bagagewagen dabei, den der nicht wanderfähige Ehemann von Unterkunft zu Unterkunft fährt. Das können Pilgerherbergen sein, aber auch Zeltplätze. Zeltausrüstungen haben sie nämlich auch mit. "Ab und zu mal ein höheres Dach über dem Kopf oder eine wohlige Wärme ist ja auch nicht zu verachten", sagt eine der Frauen und lächelt dabei schelmisch. Mal sehen, wie oft die Zelte zum Einsatz kommen. Na ja, wenn man sie nicht tragen muss... Der wandernde Ehemann sieht diese Tour als so etwas wie eine Probe an: Wenn er diesen Weg schafft, zieht er den Jakobsweg in Erwägung - aber von zu Hause aus. Und sein Dialekt klingt schwer nach Berliner Schnauze. "Aber dann ohne Baggagewagen!", versichert er mir. Im Laufe des Tages treffen wir uns noch zwei, drei Mal. Ein Mal davon in meiner heutigen Unterkunft Skaden gard.


Von der Raststelle aus geht es den Tjodvegen bergauf. Anstrengend, aber abwechslungsreich und wunderschön! Von den Berghängen rauschen Wildbäche heran. Sie führen mächtig viel Wasser. Genauso wie einige Wasserfälle, zu denen ich einen kleinen Abstecher mache und die sich immer schon mit einem Grollen ankündigen, bevor ich sie erreiche. Kühle Luft weht mir entgegen, wenn mir das Wasser in etlichen Kaskaden dort entgegenstürzt. Nur von dem wenigen Regen der letzten paar Tage können diese Wassermassen nicht sein. Ich hoffe, dass oben im Hafjell ordentlich der Schnee schmilzt, und wenn er das dort tut, tut er das im Dovrefjell vielleicht auch. Holzbrücken führen über diese Bäche, kleine und größere. Nicht alle machen einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck, hängen schon etwas schief über den brausenden Wassern. Da sich alle zudem noch im Wald befinden, sind sie äußerst rutschig, dafür aber auch nicht alle mit Geländer.


Trampelpfade durch dichten Wald, teilweise etwas nebelverhangen, tropfend, von moosbewachsenen Felsen begleitet, Bündel von Sonnenstrahlen manchmal, die schräg in Lichtungen stehen und die Bühne für Schwärme von tanzenden Mücken darstellen, Trolle überall, schaut man nur ganz genau hin, alles wechselt sich ab mit grandiosen Aussichten durch das Gudbrandsdal und hinunter zum Fluss, der silbrig glänzend seine Bahn zieht. Nur kurze Abschnitte geht es mal auf einem Schotterweg einigermaßen eben voran oder sogar kurz bergab, doch dann kommt bald wieder der Abzweig: hinein in den Wald oder durch die kniehohe Wiese, gegen die sich meine Gamaschen noch erfolgreich wehren können, aber meine "mit Sicherheit wasserdichten" Schuhe schon nicht mehr. Auch wenn ich bei meist bedecktem Himmel im Hemd unterwegs bin und mir der Schweiß in Strömen fließt, bin ich begeistert von der heutigen Strecke. So kann sie bleiben!


Die Aufstiege bleiben mir tatsächlich bis zur Hofeinfahrt der Gebäudegruppe von Skaden gard erhalten. Beim Anblick des Hofes sind die Anstrengungen aber vergessen. Wieder diese alten dunkelbraunen Blockhäuser in unterschiedlicher Größe, die kleine Hofkapelle mit dem Glockentürmchen, kleine Hütten. Bei der Hofeinfahrt wieder ein Meilenstein: noch 392 Kilometer. Die alte Frau Skaden empfängt mich an der Tür. Englisch greift bei ihr nicht, aber trotzdem bekommen wir alles "besprochen", was notwendig ist. Ich habe es gehofft und es klappt: Ich bekomme die kleine Hütte als Nachtquartier, nicht größer als eine Puppenstube sieht sie aus. Jedenfalls noch aus 20 m Entfernung. Als ich (fast auf allen Vieren) durch die niedrige Tür krieche, stelle ich aber schnell fest, dass alles da ist, was ich brauche: ein (Doppelstock-)Bett, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Sofa. Auf dem Kühlschrank steht eine kleine Herdplatte und auf einem kleinen Board eine Schüssel und zwei große Wasserkanister. Sogar eine Elektroheizung hängt an der Wand, die sofort losfeuert, kaum habe ich den Schalter gedreht.


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Mit der Schwerkraft in die Quelle

Die Augen noch nicht geöffnet, dafür aber die Ohren gespitzt. Es liegt ein Rauschen in der Luft. Ja, und jetzt gesellt sich auch noch ein stetiges Tropfen von Wasser aus irgendeiner Regenrinne auf die Holzterrasse vor meinem Zimmerfenster hinzu. Es regnet - nein es gießt in Strömen. Ich befürchte einen schlimmen Tag. Ich bleibe einfach im Bett liegen und höre das monotone Geprassel, welches durch das geschlossene Fenster zu mir hereindringt. Regen, Regen... nichts als Regen! Die Schlechtwetterfront hat mich wohl jetzt endgültig erreicht. Selten habe ich mich so antriebslos gefühlt, war meine Unlust aufzustehen so groß wie jetzt. "Du musst ja noch gar nicht aufstehen. Die Strecke heute ist nur kurz. Also noch ein bisschen..." Ich drehe mich um - und wache erst eine Stunde später wieder auf. Kein Geprassel mehr! Ich schaue aus dem Fenster. Graue Wolkenstreifen ziehen zwar immer noch am gegenüberliegenden Berghang entlang, aber die Wolken über Johannesgarden haben wieder Konturen. Es regnet nicht mehr. So werden Probleme also nicht ausgesessen, sondern ausge-schlafen! 


Trotzdem beeile ich mich nicht sonderlich. Ich bummle bewusst, vergleiche mich mit einem störrischen Muli, das sich nicht von der Stelle bewegen will und muss darüber lachen, dass ich mich selbst erwische - zumindest meine Miene hellt sich auf. Ist doch Quatsch, auch bei diesen Verhältnissen draußen kann ich locker eine Weile laufen, ich muss nur die Handbremse im Kopf lösen.


Einiges später als sonst trotte ich los. Dabei fällt mir ein, dass ich gestern meine 1500-Kilometer-Marke im wahrsten Sinne des Wortes "überschritten" habe, und bin im selben Moment etwas stolz auf mich. Genau elf Wochen bin ich inzwischen unterwegs, davon 73 Tage wirklich jeden Tag auf den Beinen. Und ich bin es immer noch nicht leid, nein, mit Sicherheit nicht! Daran kann auch das momentan nur suboptimale Wetter nichts ändern. Also mache ich es wie beim Theater: Hinfallen - aufstehen - Krönchen richten - weitergehen.


Auf der festgefahrenen Schotterstraße steht das Wasser in den nicht wenigen Schlaglöchern, Regenwürmer winden sich zu Hunderten zu meinen Füßen, an einigen Stellen rauscht Wasser von den Wiesenhängen herunter in den Straßengraben, aber es geht bergab, stetig zum Mjosasee hinab. Ich sage ihm aber nur mal kurz "Guten Tag!", dann geht es auch schon wieder die Schotterstraße bergauf den Hang hoch. Die wenigen Autos, die an mir vorbeifahren, tun dies bewusst langsam und verschonen mich damit vor Wasserduschen, die sie mir unweigerlich verpassen würden. Fahren durch tiefe Pfützen ist für sie kaum zu vermeiden.


Wasser steht an einer Stelle auch vermehrt direkt neben der Straße. Ein kleines Schild sagt mir, dass es die St. Olavskilden (Olavsquelle) ist. Unterhalb eines großen Steins befindet sie sich und jederzeit sprudelt Wasser aus ihr hervor. Sie gehörte zu den heiligen Quellen, die man im Mittelalter aufsuchte, um von den verschiedensten Krankheiten geheilt zu werden. Man trank das Wasser und wusch sich in ihm. Diese Quellen wurden oftmals Heiligen gewidmet und diese war eben Olav geweiht. Die Legende sagt, dass die Quelle sichtbar wurde, als der Heilige sein Pferd dort tränkte. Es sollen Hufspuren sichtbar sein, am großen Stein. Ich jedenfalls sehe nichts von einer Hufspur, doch möglicherweise sind sie nur von dem dort wachsenden Moos verdeckt. 


Weniger weil ich von irgendwas geheilt werden möchte, sondern weil ich Durst habe und meine, auf diese Weise etwas von meinem Wasservorrat zu sparen, knie ich mich vor dieses Quellbecken und nehme ein paar Schluck. Die Geräusche, als Olav sein Pferd tränkte und die, die ich von mir höre, können sich nicht so sehr unterscheiden, glaube ich. Während ich so schlucke, setzt sich bei meinem schweren Rucksack fatalerweise auch die Schwerkraft in Gang, jedenfalls schlägt er mir auf einmal und hinterhältig in den Nacken, so dass ich mich plötzlich unvermutet mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Wasser wiederfinde. Also wenn dieses Wasser heilende Wirkung hat, kann mir an den Unterarmen in Zukunft schon mal nichts mehr passieren. Glücklicherweise hatte ich auch die Anorakärmel - wie meistens - hochgezogen, so dass das Frischeerlebnis nicht lange anhält.


Kurz hinter der Quelle bin ich auch bald auf der Straße angelangt, die mich über vier Kilometer hinweg geradewegs nach Lillehammer hineinführt. Die Strecke ist von nun an weniger romantisch. Nieselregen hat eingesetzt und hört auch bis Lillehammer nicht mehr auf. Der Autoverkehr ist recht erheblich, und erst als mich ein die Straße begleitender Radweg aufnimmt, bin ich vor den Wasserspritzern der vorbeifahrenden Autos geschützt. Für einen kurzen Moment sehe ich die große Skisprungschanze aus den über Lillehammer liegenden Wolken auftauchen, dann ist sie auch schon wieder verschwunden. 


Da kommen die Erinnerungen wieder hoch. Ich habe schon mal auf dieser Olympiaschanze gestanden und von oben auf Lillehammer heruntergeblickt. Damals war Sommer und schönstes Wetter. Der Veranstaltungsort der Olympischen Winterspiele 1994 war Ziel meiner zweiwöchigen Fjellwanderung durch das Rondanegebiet, welches sich im Grenzbereich zu Schweden südlich ans Dovrefjell anschließt. Übernachtet habe ich seinerzeit in der Jugendherberge der Stadt direkt neben dem kleinen Bahnhof, wo mich auch heute meine ersten Schritte hinführen. Diesmal werde ich dort nicht übernachten, aber die Touristeninformation liegt ebenfalls direkt beim Bahnhof. Ich brauche einen kleinen Stadtplan, um meine heutige Unterkunft zu finden, einen Stempel - und einen Kaffee. Den gibt es im Stasjonen-Café, an das ich mich auch noch gut erinnern kann. Und weil es Mittagszeit ist, gibt es auch noch eine "Soup of the day" dazu. 


Jetzt geht es quer durch das Zentrum, was bei Lillehammer aber keine große Sache ist. An der Lillehammer kirke treffe ich auf den nächsten Meilenstein. Noch 417 km bis Trondheim! Damit habe ich das erste Drittel des Olavswegs geschafft. Doch die höchsten Anforderungen an den Pilger liegen auf den folgenden zwei Dritteln. Aus einem kleinen Park direkt gegenüber von Kirche und dem dazugehörigen Friedhof höre ich Trommeln, Pauken und Trompeten sowie Mikrofondurchsagen, jubelnde Menschen, Beifallklatschen. Ich eile hin. Was mag da los sein? Dann sehe ich es: Kinderspielmannszüge marschieren nacheinander unter Tschingderassabumm auf, frenetisch beklatscht von den anwesenden Zuschauern (was zu 99,9 % Eltern sein werden), und versammeln sich auf einem großen Platz nahe dem Parkspringbrunnen zu einem gemeinsamen Lied. Da es leider immer noch nieselt, kommen die schönen Uniformen so gar nicht recht zur Geltung, da sie unter Ganzkörperkondomen verschwinden. Was mich beeindruckt: Es wird in Reihe und Linie marschiert, die Augen streng auf die angeklemmten Noten gerichtet, was dazu führt, dass so ziemlich keine Pfütze ausgelassen wird. Da lobe ich mir doch die Veranstaltungen der Kinder-Musikschule von früher, wo wir Eltern trocken und warm auf den Stuhlreihen einer Aula saßen und voll Stolz den ersten musikalischen Versuchen unserer Kleinen auf der Bühne lauschten. Was anderes als erste musikalische Versuche sind das hier nämlich auch nicht.


Auf der Storgata, der Einkaufszone, ist trotz feuchtem Wetter ganz schön viel Betrieb. Neben den olympischen Sportstätten, vor allem der Sprungschanze, ist diese kleine Einkaufsmeile mit den heimelig aussehenden Holzhäusern für Touristen auch die Hauptattraktion. Schon damals, während der Olympischen Spiele, hat dieser Bereich für ein besonderes und beliebtes Flair gesorgt. Nicht umsonst nannte man damals Lillehammer voll Sympathie: das "Olympiadorf".


Doch in der Stadt mit ihren Hotels, Restaurants und schönen Geschäften wird mir schnell klar, wie unbedeutend, ja beinahe unsichtbar ich bin. Einen Pilger bemerkt man hier nicht. Er zählt nicht. Seine Präsenz ist flüchtig, man kann ihn vernachlässigen. Weder in den Gastronomien noch in Geschäften wird er Geld lassen. Die Menschen in den Straßen gehen ihrer Beschäftigung nach, und selbst die Spaziergänger, Flaneure und Jogger scheinen den schmuddeligen, schlecht rasierten Habenichts zu übersehen, der schief dahertrabt, gebeugt von der Last seines Rucksacks.


Meine Unterkunft, die Casa de Solsikke, liegt am nördlichen Rand der Stadt, zwei Kilometer außerhalb vom Zentrum direkt am Olavsweg. Wie fein, dann habe ich für morgen diese zwei Kilometer und eine erste, nicht unerhebliche Steigung schon mal hinter mir! Auf einer kleinen blauen Holzwand vor dem Haus prangt zwar das typische Herbergsschild, aber eigentlich ist es keine Herberge im ursprünglichen Sinn, sondern ein Privathaus. Ellen Kolberg, die mich an ihrer Haustür freudig begrüßt, vermietet nur Zimmer an Pilger, weil sie dies eben gerne tut, zu Herbergspreisen. Ellen ist aber ganz aufgeregt. Sie hat gehofft, dass ich so früh komme, denn sie muss weg. Heute ist Premiere zu einem Open-Air-Musical, in dem sie als Statistin mitwirkt. Und dahin muss sie sich jetzt auf den Weg machen, denn zum Veranstaltungsort fährt sie mit ihrem Wagen über eine Stunde. Schnell führt sie mich durch ihr Haus, zeigt mir mein Zimmer, das Bad, ihr Wohnzimmer und die Küche und reißt den Kühlschrank auf. "Benutze die Küche, wie du willst, bediene dich aus dem Kühlschrank, mach es dir im Wohnzimmer gemütlich! Da steht auch noch eine Flasche Rotwein! Sollten wir uns heute nicht mehr sehen, schlaf gut! Ich komme spät nach Hause, aber mache dir auf jeden Fall morgen früh dein Frühstück!" Peng - die Tür ist zu und Ellen entschwindet! Ich habe das Haus für mich alleine. 


Ich nehme mir von allen Annehmlichkeiten, die Ellen mir angeboten hat, aber vor dem Duschen kommt das Beste: Unter dem Waschbecken steht eine Waage. Endlich kann ich mal kontrollieren, wie viele Kilogramm ich mir schon abgelaufen habe. Wow! 14 Kilo weniger als beim Start, das kann sich sehen lassen! Und ich habe noch einige Anstrengungen vor mir...




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Langsamer Abschied vom Mjosasee

Ich werde mal den Verlag meines Pilgerführers anschreiben und für die nächste Auflage um eine Korrektur bitten. Beim Abschied berichten mir Sovi und Harald etwas traurig, dass nicht viele Pilger hier bei ihnen die Nacht verbringen. In DIESER Herberge! "Viele laufen vorbei!", lächelt Sovi etwas gequält. "Manchmal sitzen wir morgens draußen auf der Bank und sehen oft Pilger vorbeigehen. Wir winken sie dann heran und laden sie auf einen Kaffee ein. Wenn sie unsere Herberge sehen, sind sie oft traurig und meinen: Hätten wir das gewusst..." 


Ich glaube, es liegt u.a. am Pilgerführer. Eigentlich bin ich mit diesem sehr zufrieden. Die Autorin beschreibt darin den Weg sehr präzise. Aber - sie gibt eben auch die jeweiligen Etappenziele, was bei dem Olavsweg eben meist die Pilgerherbergen o.ä. sind, vor. Als Etappenziel von gestern nennt sie den Campingplatz Steinvik am Mjosasee mit seinen Hütten. Ich bin gestern über diesen Campingplatz gelaufen und habe auch die Hütten gesehen. Ein gepflegter Platz in schöner Lage, auch die Hütten sind nett - und haben ihren Preis! Und ein Pilgerrabatt wird nicht gewährt. Außerdem wird hier in der Sommer- und Urlaubszeit ordentlich was los sein. Ob dann immer Betten oder gar die ganze Hütte zur Verfügung stehen? Für eine Nacht? Ganz abgesehen davon wäre bei einer Übernachtung auf diesem Platz die Strecke von Veldre nur 14 km lang. Ist ja grundsätzlich in Ordnung, aber die nächste bis Johannesgarden käme dann auf gut 25 km, inkl. ordentlicher Höhenmeter. Ginge man aber - wie ich gestern - vom Campingplatz aus sechs Kilometer weiter bis zur Herberge Ringli, die im Buch nur mit einem kurzen Vermerk angesprochen wird, wären die Etappen in etwa ausgeglichen lang, die Kosten garantiert geringer und man hätte diese wunderschöne Herberge erlebt. Ich meine, das muss im Buch geändert werden. Als ich das Hoftor schließe, bringen Solvi und Harald ihre beiden Pferde auf die Weide hinter ihrem Haus. Was für nette und gastfreundliche Menschen! 


Direkt am Hoftor beginnt ein vier Kilometer langer Aufstieg. In einigen Serpentinen schlängelt sich die Straße hoch und mein Kreislauf kommt ordentlich in Schwung. Doch ich nehme das gar nicht als große Anstrengung wahr, denn ich werde die ganze Zeit über mit einem herrlichen Ausblick belohnt. Anfangs ist es noch der Blick hinunter auf das Anwesen Ringli mit seinen braunen Blockhäusern und ihren Grasdächern, dann weitet sich das langgezogene Tal mit dem Mjosasee immer mehr vor meinen Augen, als wolle es sich nochmal in seiner ganzen Pracht vor mir ausbreiten, denn morgen, in Lillehammer, ist der See zu Ende. Schade nur, dass wieder dunkle Wolken tief hängen, nur manchmal durchbricht sie die Sonne und vereinzelte Strahlen treffen auf einen noch regenfeuchten Boden. Es ist eine ganz besondere, gedämpfte Stimmung, die leicht bedrohlich wirken kann, mir aber das Gefühl gibt, ein Teil des Ganzen zu sein. Ich fühle mich hier oben wohl, richtig lebendig und unendlich frei.


Am fast höchsten Punkt angekommen kocht mir etwas das Wasser im Hemd und wie auf Verabredung steht oben ein alter, aber neu herausgeputzter Milchbock (Ein lieber Mensch hat mir mitgeteilt, wie man diese Dinger nennt, wo früher die vollen Milchkannen abgestellt wurden) für mich bereit, der zum Verschnaufen auffordert. Doch lange kann ich nicht bleiben, denn schnell wird aus einem feucht-warmen Hemd ein feucht-kaltes Hemd und das könnte gefährlich werden.


Die nächsten Kilometer ist Genusspilgern angesagt. Die Straße ist breit, später in einen gut begehbaren Schotterweg übergehend und so gut wie nicht befahren, Postkartenhöfe links und rechts, die wegen ihrer traumhaften Ausblicke eigentlich eine Zusatzsteuer zahlen müssten. Aber hat man noch einen Blick für den Ausblick, wenn man hier oben wohnt und seiner täglichen Arbeit nachgeht? Haben die Athleten, die gerade auf ihren Rollerskiern an mir vorbeiflitzen (Das Wintersportzentrum Lillehammer liegt nur eine Trainingslauf-Strecke entfernt), noch einen Blick dafür, in welcher herrlichen Umgebung sie ihren Sport betreiben? Irgendwie ein putziger Anblick. Ich schaue unauffällig an mir herunter (seit vorgestern laufe ich mit abgezippten Hosenbeinen herum!), taxiere meine Beine und Waden im Vergleich zu denen, denen ich gerade hinterherschaue und tröste mich damit, dass ich mir einrede, mental ein starker Typ zu sein.


Bei einem kleinen Haus, es kann ein Ferienhäuschen sein, fängt auf einmal hinter einer hohen Hecke ein Hund an, hinterm Zaun wie verrückt zu bellen. Aber es ist nicht dieses Wenn-du-hier-zu-nahe-kommst-zerreiß-ich-dich-Bellen, sondern eher ein "Frauchen, Frauchen, komm schnell raus, da ist mal wieder ein Pilger!" Ich bin gerade an dem Haus vorbei, höre ich das Quietschen des Eisentores und jemanden "Helloooo!" rufen. Ein weißer Königspudel kommt aus dem Tor geschossen und mir schwanzwedelnd entgegengeeilt. Dahinter erscheint strahlend eine junge Frau. "That's for you! ", ruft sie lachend und überreicht mir ein buntes Eis am Stil. "Not a nice day for an ice-cream but have a nice trip!" Prompt drehen sich die Frau und der Hund wieder um und eilen ins Haus zurück, als würde drinnen auf dem Ofen eine Hundemahlzeit anbrennen. Ich kann nur noch hinterherrufen: "Every day is a nice day for an ice-cream!" und bin dann erstmal sprachlos. Was war das jetzt? Nachdem mir keine andere Antwort als "Es gibt halt nette Menschen!" einfällt, schlecke ich das Eis mit Genuss. Meinetwegen das gleiche in Zukunft alle drei Kilometer! Erst dann glaube ich an ein Wunder.


An zwei kreisenden... , ja, ich bin mir sicher: Seeadlern... und an drei über eine Wiese stolzierenden Kranichen vorbei, trudle ich langsam, aber beständig dem Dorf Brottum entgegen. Da Brottum zwar nicht groß ist, aber trotzdem eine Schule hat, von der mir Kinderstimmen entgegenschallen, vermute ich hier auch einen kleinen Laden, wo ich mir auf die Schnelle eine Rolle Kekse zum sofortigen Verzehr kaufen kann. Ich habe Glück! Gleich gegenüber der Brottum kirke gibt es einen und schnell bin ich drin verschwunden. Eine Rolle Kekse wollte ich mir holen, mit einer "Wanne" Kartoffelsalat komme ich wieder raus. Nahe beim Laden steht ein dicker Holztisch mitsamt Bank und nahezu mit Heißhunger falle ich über den Kartoffelsalat her. Über den Anteil an Mayonnaise brauche ich mir keine Gedanken zu machen, denn vorläufig nehme ich auf dieser Tour nicht zu. Wieviele Kilogramm ich allerdings mittlerweile schon verloren habe, kann ich nicht sagen, aber es wird schon einiges sein. Den Gürtel kann ich jedenfalls immer enger schnallen.


Während ich so auf den Kartoffeln kaue, beginnt es zu nieseln, langsam aber sicher immer stärker und ich bin der Meinung, ich sollte mich mit dem Essen beeilen, sonst muss ich gleich noch meinen Löffel aus dem Rucksack holen, um eine Kartoffel-SUPPE zu essen. Doch bevor diese Konsistenz eintritt, habe ich den Salat auch mit meiner Gabel geschafft und mache mich wieder auf den Weg. Die letzten zwei Kilometer verläuft er nochmal über Feldwege an einem ausgedehnten Rodungsgebiet vorbei, auf Trampelpfaden durch einen kleinen Wald - und dann stehe ich unvermittelt vor dem Hof Johannesgarden. Ein wenig vom Haupthaus abgelegen und oberhalb eines kleinen Teichs steht das kleine braune Holzhaus, das irgendwann mal zur Herberge umgestaltet worden ist. Zuerst schaue ich aber in das benachbarte kleine Gebäude, das auf dem ersten Blick wie eine kleine Scheune aussieht, bis man auf dem First ein Türmchen mit einer kleinen Glocke entdeckt. Es ist die Hofkapelle von Johannesgarden. Karen, die Betreiberin des Hofes, hat diese Kapelle selbst entworfen und zusammen mit anderen errichtet. 


Als ich durch die niedrige rote Tür gehe, empfängt mich eine intensive Stille. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bis das Licht von drei kleinsten Fenstern ausreicht, um das Innere der Kapelle zu erkennen. Wer zuerst etwas Altes erwartet, wird enttäuscht. Der Innenraum ist mit hellem Holz ausgekleidet, mit einer modernen Holzschnitzarbeit in Form eines Engels direkt über dem kleinen Tischaltar. Im Halbkreis vor dem Altar stehen einfache Stühle, vielleicht zehn an der Zahl. Wann wird hier Gottesdienst gehalten? Wer betet hier? Ich weiß, dass immer wieder kleine organisierte Pilgergruppen, auch oder vor allem deutsche, auf dem Olavsweg unterwegs sind. Johannesgarden ist bestimmt ein bevorzugtes Ziel von ihnen, gerade auch wegen der Kapelle.


Inzwischen hat mich auch Karen entdeckt, kommt aus dem Haus und begrüßt mich. Sie führt mich in die Herberge - und dann beginnt das sich immer wiederholende "Spiel": Ein kleines Gespräch, ein Rundgang durch die Herberge mit Einweisung, Pilgerstempel in den Pilgerpass drücken und das Geld für den Aufenthalt kassieren. Zum Schluss immer wieder: "Wenn du noch irgendwelche Fragen oder Probleme hast, du weißt, wo du mich findest!"


Ich habe ein Drei-Bett-Zimmer, kann mich wieder ausbreiten. Im kleinen Aufenthaltsraum kann ich von dem großen Tisch mit den Kerzen durch breite Sprossenfenster in den weitläufigen Garten sehen, in der Selbstversorgerküche koche ich mir gleich meinen dritten Tee und im Bad läuft die Waschmaschine mit meiner Mal-wieder-alles-richtig-sauber-Wäsche. Es ist warm, alles pieksauber und ich höre nur mein eigenes Atmen.


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Alter Tannenbaum

Weltuntergang ist heute Morgen zwar nicht, aber die Wolken sind so tiefgrau und hängen so tief, dass ich etwas Sorgen habe. Zum Frühstück muss ich sogar das Licht anmachen, sonst denkt mein Körper vielleicht, es wäre noch Nacht und Schlafenszeit. Aber ich kann den See noch klar unter den Wolken sehen, was eigentlich ein Zeichen dafür ist, dass es vorläufig nicht regnet. Also die Zeit nutzen, fertigmachen und aufbrechen!


Die Strecke heute soll einfach werden, in der Tendenz den ganzen Morgen sachte bergab und 20 angesagte Kilometer sind ja nun auch nicht sooo viel. Also Attacke! Von der Veldre kirke an bis zur elf Kilometer entfernten Ringsaker kirke gehe ich jetzt nicht nur auf dem Olavsweg, sondern auch auf dem Prestvegen, dem Priesterweg. Dies ist heute nicht nur eine Wanderwegbezeichnung, sondern auch eine immer wieder anzutreffende Straßenbezeichnung. Der Prestvegen ist die alte Wegverbindung zwischen den Kirchen von Ringsaker und Veldre. Der Pfarrer von Veldre wohnte nahe der Kirche von Ringsaker und musste bis 1876 diesen Weg zurücklegen, um zu seinen Pfarrgemeinden zu gelangen. Der Weg trug dazu bei, den Kontakt zwischen den Dörfern aufrecht zu erhalten. Da kann man mal sehen, im Kleinen klappt das. Zwischen Köln und Düsseldorf hat man auch eine Autobahn gebaut, trotzdem haben die Bewohner untereinander immer wieder kleine Vorbehalte.


Die Priester von damals sind allesamt auf ihrem Weg von Ringsaker nach Veldre und zurück regelmäßig an einem Baum vorbeigekommen, der wegen seiner Geschichte eine gewisse Berühmtheit in der Region ist: die Tokstadkiefer. Sie wird auf das Jahr 1516 datiert und war damit bereits ein kleines Bäumchen, als 1537 die Reformation in Norwegen ihren Einzug hielt und Pilgerwanderungen verboten wurden. Seit 2008 ist sie offizielle "Pilgerkiefer" und jedes Jahr führt eine Pilgerwanderung von der Kirche in Veldre hierher, wo ein Gottesdienst abgehalten wird. Ihren Namen hat die Kiefer vom Hof Tokstad, auf dessen Grund und Boden sie steht. Es gab Zeiten, da war mal viel Leben um die Kiefer herum. 1878 wurde angefangen, auf einem Teil des Grundstücks von Bauer Tokstad, in unmittelbarer Nachbarschaft zur damals schon mächtigen Kiefer, auch eine Schule zu bauen, die "Tannenbaumschule". Der Schulrat hatte das mit dem Bauern abgeklärt, denn der Prestvegen, die Hauptstraße des Dorfes, hatte eine verkehrsgünstige Lage. Im Herbst 1883 wurde die Schule offiziell eingeweiht. Doch kaum 30 Jahre später wurde sie auch schon wieder abgerissen, anstelle dessen erbaute man einen größeren und neuzeitlicheren Schulkomplex. Um die alte Kiefer herum wurde es still. Damit sie durch den Neubau nicht ganz in Vergessenheit geraten würde, schlug man vor (u.a. Bauer Tokstad), sie unter Natur- bzw. Denkmalschutz zu stellen, was 1918 durch königlichen Erlass dann auch geschah. 1991 wurde die Kiefer zum größten Nadelbaum in der Provinz Hedmark gekürt.


Von einer "Hauptstraße" kann heute bei der berühmten Kiefer keine Rede mehr sein. Wo früher Menschen zu Pferd, mit der Kutsche oder - wie die Schulkinder der "Tannenbaumschule" - in größerer Zahl zu Fuß unterwegs waren, führt mich heute nur ein enger Trampelpfad durchs Gebüsch zu den Häusern von Rudshogda. Der Ort ist eine der wenigen größeren Häuseransammlungen in der Umgebung. Große, wohlhabende Höfe mit ihren Ländereien waren mehr verbreitet. Kleinhöfe wurden mit der Zeit aufgegeben und verfielen. Immer wieder komme ich an Wüstungen vorbei, die ab und zu nochmal ein paar Reste eines Kleinhofes zeigen. 


Der Kleinbauernhof (auch "Häuslerhof") Proysen gehörte zum nahen Großhof Hjelmstad. Hier wuchs Alf Proysen auf (1914 - 1970). Der Häuslersohn wurde in der Nachkriegszeit einer der beliebtesten Dichter Norwegens und hatte ein großes Repertoire für Erwachsene und Kinder. Nicht zuletzt ist er in Norwegen bekannt für die Beschreibung der Wirklichkeit und Gedanken des einfachen Volkes und für die Schilderung der harten Realität des Häuslerlebens. Zum Häuslerhof Proysen gehörten etwa 1,5 ha Land, davon ein Drittel landwirtschaftlich betrieben und der Rest war Weideland. Es gab eine Stube, Stall und Scheune, eine Kuh, ein paar Schafe, ein Schwein oder zwei und ein paar Hühner. Vater Olav hatte Arbeitspflicht auf Hjelmstad, 60 Tage im Jahr. In der Winterzeit war er oft kilometerweit weg zum Bäumefällen.


Kurz nach Unterquerung der E6 komme ich an dem Ort vorbei, wo Alf Proysen seine Kindertage verbracht hat. Es sind nicht mehr die Originalgebäude, auch die sind irgendwann verfallen. Doch in Nachbarschaft zu dem Museum, das über das Leben und Wirken von Proysen berichtet, steht eine originalgetreue Nachbildung des Hofes. "Urig" würde man heute vielleicht dazu sagen, ich würde das auch gerne als Pilgerherberge nehmen, aber sein Leben hier verbringen unter den Bedingungen von vor 100 Jahren...?


Weiter geht's! Feldwege, Schafweiden, Dutzende von Lämmern und ihr Geblöke begleiten mich. Grandiose Ausblicke auf den Mjosasee, auf weite Wälder, aber auch auf viele Wolken. Manchmal wird es pechschwarz hinter mir und ich rechne mit dem Schlimmsten, zehn Minuten später ist von der schwarzen Wolke nichts mehr zu sehen. Kurzfristig reißen die Wolken sogar auf und geben ein Stück blauen Himmel frei. Hinter einem Hügel sehe ich die Spitze der Ringsaker kirke aufragen und ich habe das Gefühl, als würde gleich eine Wolke von ihr aufgerissen. 


Seit mehr als 20 Jahren ist nun Norwegen wieder Pilgerland, aber eins scheint man hier noch nicht begriffen zu haben. Viele Pilger würden gerne die Kirchen besuchen, an denen sie vorbeikommen, aus welchen Motiven auch immer. Der größte Teil der Kirchen ist aber verschlossen. So geht es mir (nicht zum ersten Mal) bei der Kirche von Ringsaker. Sie soll eine der schönsten und ältesten Gebäude im Lande sein. Wahrscheinlich ist sie um 1100 gebaut worden, aus Kalkstein, wahrscheinlich von denselben Leuten ausgeführt, die auch den Hamardom gebaut haben. Das Ungewöhnliche an der Kirche ist, dass sie wie eine Miniatur-Domkirche gebaut wurde und mit dem Vergleich der Architektur der Domkirche wurde ihr Status markiert. Selbst die Turmspitze, die heute noch zu sehen ist, ist von 1694.


Es wird unter anderem erzählt, dass sich hier ca.1030 fünf Kleinherrscher bzw. Stammesfürsten zusammentaten, um gegen Olav Haraldson zu kämpfen. Natürlich, Olav hatte das Land geeint und christianisiert, aber nicht nur im christlichen Sinne, sondern mit Waffengewalt. Der ist auf einen Hof gegangen und hat gesagt: Entweder ihr lasst euch morgen taufen oder ich fackle euch den Hof ab. So einfach war das. Das war zwar Wikingerart, aber so ist das gewesen. Wer sich also nicht unterordnen und den neuen Glauben nicht annehmen wollte, wurde hart bestraft. Die Tradition erzählt, dass die Kirche an dem Ort gebaut wurde, wo Olav die Aufmüpfigen besiegte. Prompt wurde die Kirche dem heiligen Olav geweiht. Pilger früherer Zeiten hatten hier einen wichtigen Anlaufpunkt, Gebets- und Ruheort. Ich aber stehe davor und komme nicht rein.


Direkt am Ufer des Mjosasees gehe ich weiter, ein schöner Weg, an kleinen Badestellen vorbei, Boote sind festgemacht, ein steiniger und vermooster Pfad schlängelt sich durch das Unterholz eines kleinen Wäldchens. Irgendwann ist diese kleine Idylle vorbei und die Straße hat mich wieder - da fällt Wasser vom Himmel. Aber reichlich! So gerade noch kann ich mich in eine Tankstelle retten. Mhm..., trifft sich eigentlich jetzt ganz gut. Ich brauche schon seit einiger Zeit eine Rast und in der Tanke gibt es Hotdogs. Ich hole mir gleich zwei und kaum habe ich sie verdrückt, ist der Regen vorbei. Passt!


Es sind nur noch zwei Kilometer bis zu meinem Nachtquartier, der Pilgerherberge Ringli. Als ich sie erreiche, bin ich erstmal baff! So könnte mein nächstes Traumhaus aussehen: alte norwegische Blockhäuser eines alten Hofes mit Gras auf den Dächern und einem umwerfenden Ausblick hinunter zum See. Solvi steht schon am Hoftor, winkt mir zu und nimmt mich direkt mal in den Arm. Sie führt mich in das alte Gebäude, in dem früher die Bauern wohnten und das jetzt - neu renoviert - für die Pilger gedacht ist. Mir bleibt der Mund offenstehen: wunderschöne Holzmöbel mit Schnitzereien, ein großer Kamin, alte Teppiche auf dem Boden, kleine Sprossenfenster mit Butzenscheiben usw. Dabei eine kleine Selbstversorgerküche, ein sauberes Bad. Außen geht eine Treppe ins obere Stockwerk. In einer kleinen Schlafkammer stehen zwei Betten. Ich verkneife mir mein Ankomm- Nickerchen. Diese Unterkunft will ich genießen. 


Während ich meinen Rucksack auspacke umd mich organisiere, verschwinden draußen die grauen Wolken immer mehr und die Sonne kommt heraus, als wolle sie die Schönheit dieses Fleckchen Erde noch unterstreichen. Nach der heißen Dusche koche ich mir einen Kaffee und setze mich damit nach draußen vor das Haus in die Sonne und schaue auf den langgezogenen See hinab.


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Männlein oder Weiblein?

Die Nacht habe ich etwas unruhig geschlafen. Zu sehr beschäftigte mich wohl das Schneeproblem im Dovrefjell. Irgendwie will mir Schnee immer ein wenig die Highlights auf meinen großen Pilgerwanderungen klauen. Auf dem Jakobsweg haben sich Anni und ich nicht getraut, wegen der Schneelage über die höchsten Höhen der Pyrenäen zu gehen, sondern haben stattdessen eine sichere Variante genommen. Auf meinem Weg nach Rom war der St.-Bernhard-Pass wegen noch meterhohem Schnee gesperrt und ich konnte mit dem Bus durch den Tunnel ins Aostatal fahren - und jetzt das! Aber mal sehen, vielleicht fügt sich wieder alles und es klappt doch.


Sobald ich früh am Morgen die Augen aufhabe, bin ich darauf gefasst, draußen ergiebigen Regen zu hören. Aber ich höre - bis auf etwas Wind - nichts! Ich spähe vorsichtig aus dem Fenster und sehe - Sonnenschein über dem Mjosasee. Der Wetterbericht sagte aber zweifellos für den heutigen Mittwoch anhaltenden starken Regen voraus. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Regenfront ist heute Nacht schon durchgezogen. Glaube ich aber nicht, das hätte ich in meinen Schlafpausen mitbekommen. Oder die Front ist erst auf dem Anmarsch und ich kann mich über jede Stunde freuen, die es trocken bleibt. Und wenn sie sich etwas Zeit lässt, bin ich vielleicht schon am Ziel, wenn es unangenehm wird.


Mein Knäckebrotfrühstück nehme ich natürlich wieder alleine zu mir, auch vom Pilgerzentrumspersonal ist noch niemand erschienen. Beim Kauen fällt mein Blick auf die große Info-Wand, wo sich jeder hier ankommende Pilger über den Streckenverlauf, über mögliche Unterkünfte, den Wetterbericht, die Möglichkeit des angebotenen Gepäcktransports usw. schlau machen kann. Darüber hängen fünf Uhren. Während ich hier esse, weiß ich nun, dass es in Trondheim, Santiago de Compostela und Rom auch viertel vor sieben ist, in Jerusalem und Mekka aber schon viertel vor acht. Ich finde, diese Info ist ganz wichtig!


Als ich die Tür des Pilgerzentrums hinter mir schließe, scheint die Sonne tatsächlich immer noch. Aber es ist nicht diese von einem blauen Himmel strahlende Sonne, sondern eine, die sich viel Mühe gibt, durch einen (noch) milchig weißen Schleier zu dringen. Ganz weit draußen über dem Mjosasee tauchen auch schon die ersten grauen Wolkengeschwader auf und kriechen von nun an langsam den See hinauf auf mich zu. Na, denn mal los, schauen wir, ob ich diesmal das Rennen gewinne. Der Poncho hängt aber zur Sicherheit über meinem Rucksack in Bereitschaft.
Eine dicke Wegmarkierungsstele, die in der Rangfolge der Markierungszeichen des Olavswegs die zweite Stelle hinter den Meilensteinen einnimmt, weist mir am Eingang des Freilichtmuseums (Teil des Hedmarksmuseums, genau wie der Glaspalast der Domruinen auch) den Weg. Ganz abgesehen davon, dass überhaupt noch niemand an der Kasse sitzt, könnte ich hier jetzt als Pilger erneut ohne zu bezahlen durchrauschen. Vielleicht sieht man das mit dem Eintritt zu dieser Uhrzeit auch gar nicht so eng, denn entlang der herrlichen alten Museumshäuser laufen auch viele Jogger und Gassigeher herum. Eine schöne Strecke für diese Frühaufsteher, so zwischen diesen Postkartenensembles hindurch und am Seeufer entlang...


Vom Seeufer geht es dann aber bald weg, ich mache Höhenmeter. Ich komme hoch ins Naturreservat Furuberget, einem Naturschutzgebiet auf dem Berg gleichen Namens. Der Berg ist eine Kalksteinformation, auf der schnell Wasser abfließt. Daher ist der Boden nährstoffarm und so behaupten sich dort hauptsächlich die genügsamen Kiefern, speziell Pinien. Nicht nur Füchse, Rehe, Hirsche und Dachse gehören hier zum gängigen Wild, sondern auch - Elche! Doch so sehr ich mich beim Bergaufsteigen auch anstrenge, ich sehe nur Kiefern. Von dem Kalkgestein unter mir ist übrigens der alte Hamar Dom gebaut worden, der große Steinbruch liegt etwas abseits des Weges.


Nach dem dichten Kiefernwald dann offene Höhen und wieder ein weiter Blick zum Mjosasee. Der Blick könnte fantastisch sein, bei blauem Himmel und blauem See. Aber die graue Wand ist weiter herangezogen. Doch ohne Hast gehe ich weiter, wenn mich der Regen erwischt, auch gut. Wenn nicht, eigentlich besser. Ich lasse Höfe, Felder, Schafweiden hinter mir, hänge meinen Gedanken nach, als diese plötzlich von einem unheimlichen lauten Brüllen eines noch nicht sichtbaren Rindvieches abrupt durchkreuzt werden. Ich halte Ausschau nach dem Tier und entdecke unten an einem Bach das immer noch laut brüllende Viech. Es steuert jetzt ziemlich schnell den Berg hoch, direkt auf mich zu. Mein Blick richtet sich flugs zwischen die Beine des Tieres - Männlein oder Weiblein??? Eindeutig Männlein! Mir wird etwas mulmig. Nichts anmerken lassen, einfach ruhig weitergehen. Ein Viech kommt aber selten allein, und tatsächlich, hinter der nächsten Biegung kommen mir weitere Tiere entgegen, alle männlichen Geschlechts, und beäugen mich neugierig. Mir wird ganz anders. Ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht so ganz männlich auch nicht mehr sind, außerdem scheinen sie mir auch noch etwas jung zu sein. Die Truppe hat wohl irgendwo ihren Zaun gesprengt und ist jetzt auf Erkundungstour. Auch der Kollege vom Bach hat sich mittlerweile zu ihr gesellt. Jedenfalls stehen sie jetzt da, mitten auf meinem Olavsweg - und rühren sich nicht. Ich mich auch nicht. Aber irgendwie muss das ja nun mal hier weitergehen. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, setze einen Fuß vor den anderen. Olav, jetzt zeig mal, was du kannst! Ich bin vielleicht noch fünf Meter von ihnen entfernt, da treten die Ersten zur Seite und gaaanz langsam tut sich eine Gasse auf. Tiefes Atmen und Schnauben (der Tiere) begleiten mich nun auf den seit langem längsten 30 Metern meines Lebens. Dann drehe ich mich um und gehe nochmal ungefähr 20 m rückwärts, bis ich das sichere Gefühl habe: Die Nummer ist durch! Ich drehe mich wieder um und gehe zügig weiter. Erst jetzt merke ich, dass mir im Moment mehr Schweiß auf der Stirn steht, als es bei dem Geländeprofil nötig wäre.


Hinter dem nächsten Hügel liegt die Furnes kirke vor mir. Im Mittelalter sahen die Pilger eine Holzkirche etwas weiter rechts stehen, wo heute der Garten eines Bauernhofes ist. Die "neue" Kirche wurde 1708 fertiggestellt, als "Abklatsch" der alten. Als Baumaterial dienten übrigens die Kalksteine der Domkirchenruine von Hamar, schön nach dem Motto: "Wenn es hier keiner mehr braucht, ich nehme es gerne!" Ich wäre gerne in die Kirche reingegangen, um mich mit Olav über die gerade überstandene Situation auszutauschen, aber leider ist die Tür versperrt. Na gut, er wird auch so wissen, dass ich ihm dankbar bin.


Der Weg ins Zentrum des recht großen Städtchens Brumunddal zieht sich endlos. Der Himmel sieht inzwischen bedrohlich aus und ich habe die Hoffnung, dass es dann regnet, wenn ich im Supermarkt bin und nicht früher. Der Wind frischt schon auf und der Poncho flattert etwas unkontrolliert auf meinem Rucksack herum. Der Supermarkt ist direkt am ersten Kreisverkehr, sagt mir mein Pilgerführer. Aber der Kreisverkehr kommt und kommt nicht näher, sagt mir mein Handy-GPS. Mein Pilgerführer spricht auch davon, dass es durch ein ruhiges Wohngebiet geht. Doch unter mir vibriert der Boden vor lauter Rasenmähern, die hier durch die Vorgärten wirbeln. Und das an einem Mittwoch Nachmittag! Vielleicht wird in Brumenddal zwei Mal in der Woche gemäht: mittwochs und samstags.
Dann kommt tatsächlich der Kreisel und daneben steht auch ein Superkasten von Supermarkt. Es ist immer dasselbe: Ich komme mir in so einem Ding immer irgendwie fremd vor und fühle mich deplatziert. Ich bin mit der Situation überfordert. Mein Platz ist nicht hier, die vielen Leute und die Hektik mit der lauten Kaufhausmusik und den Durchsagen, von denen ich doch nichts verstehe, machen mich wahnsinnig. Ich will nur noch raus aus der Stadt, meinetwegen vollgeregnet werden, im Matsch stehen und mir den Allerwertesten abfrieren. Schnell drei Teile in den Korb, bezahlen und raus!


Von Brumunddal an, das wieder auf gleicher Höhe wie der Mjosasee liegt, muss ich wieder bergauf, deshalb wird es mit dem Allerwertesten-Abfrieren nichts. Genauso lang, wie es sich nach Brumunddal hineinzog, zieht es sich jetzt den Berg hoch. Ich koche. Es regnet immer noch nicht. Obwohl häufige Blicke über die Schulter mir klarmachen, dass es nicht mehr lange dauern wird. Über dem See hängen schon die Regenschauer, starker Wind schiebt mich die letzten hundert Meter bis zu meiner Unterkunft, der Pilgerherberge Veldre Konfirmantsalen, direkt neben der relativ neuen Kirche von Veldre. Diesmal gewinne ich den Wettlauf gegen den Regen. Auf den letzten zwanzig Metern fallen die ersten Tropfen - dann bin ich drin in der Herberge. 


Die Herberge ist immer geöffnet, sagt der Pilgerführer. Unten im Erdgeschoss die Toiletten und Duschen - alles recht neu und prima sauber. Eine Holztreppe hoch die kleine Selbstversorgerküche - alles da, was ich brauche (und das ist ja eh nicht viel). Durch die zweite Tür dann der Schlaf-/Wohnraum. Drei Betten stehen an den beiden Längswänden, in einer Ecke liegen dreizehn Matratzen gestapelt. Die würden im Ernstfall auf dem Boden ausgebreitet. Dazu eine Polsterecke, ein Esstisch mit sechs Stühlen und ein Regal mit pilgerrelevanter Literatur zum abendlichen Schmökern. Direkt in der Ecke neben der Tür ein kleiner Schreibtisch mit einem Anwesenheits- und einem Gästebuch, dem Pilgerstempel und einer Handvoll Briefumschläge, in die der Kostenbeitrag kommt, um dann in den stabilen Holzbriefkasten geworfen zu werden. Urige Gemütlichkeit ist anders, aber es ist warm, sehr zweckmäßig eingerichtet und ein museumsmäßig ausgestattetes Stabbur kann man nicht immer haben.


Ich packe gerade meinen Rucksack aus, da ist draußen ein bisschen Weltuntergang. Ich liebe dieses rechtzeitige Ankommen!




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Ergreifender Gesang

Ich hatte schon meine Not mit den lieben Fliegen! Sie haben mich unendlich genervt. Sobald ich gestern Abend das Licht ausgemacht habe und tief unter die Decke gekrochen bin, ging es ja. Sobald aber der Morgen graute (und der graut ja zu dieser Zeit hier früh), genügte ein unter der Bettdecke rausgestreckter Fuß und alle 200 Fliegen stürzten sich drauf. Unter der Decke wird es mir aber zu warm, also versuchte ich immer mal wieder ein paar Zentimeter Haut an die Luft zu halten, aber das Ergebnis war immer dasselbe. Ganz abgesehen davon, dass Stirn, Ohren und Nase den Biestern grundsätzlich durchgehend ausgeliefert waren. Ich bin richtig froh, als der Wecker klingelt und ich aufstehen darf.


Als ich in meinen Crocs stehe, wird mir bewusst, dass ich in einem Monat schon wieder aus meinem eigenen Bett aufstehen werde. Vier Wochen nur noch und ich bin wieder zu Hause. "Vier Wochen noch" ist schön, "zu Hause" ist auch schön. Im Moment weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Heute gehe ich jetzt erstmal wieder.


Zitat Pilgerführer (Outdoor, Norwegen: Olavsweg, S. 85): "Zu Beginn stehen Ihnen zermürbende 4,6 km auf der Landstraße bevor...". Wie gesagt: Peanuts! Es handelt sich um eine wenig befahrene schmale Straße, die noch dazu wie ein langgestreckter Aussichtsbalkon nahe am Mjosasee entlangführt. Sengende Hitze bringt mich auch nicht um, ganz im Gegenteil: Gamaschen, Regenhose und Poncho sind am Mann und könnten jeder Zeit zum Einsatz kommen. Die knappe Stunde auf der Landstraße vergeht also wie im Fluge, bevor ich dann doch auf einen Feldweg abbiege, der mich, mitten über einen Golfplatz, direkt ans Seeufer bringt. Bei der Atlungstad Brennerei, die einen eigenen Landungssteg hat, könnte ich mir noch etwas Proviant einkaufen, denn seit 1856 bis heute wird dort norwegischer Aquavit gebrannt. Die Vernunft verbietet mir das dann zwar doch, aber... zumindest ein kleines Tasting hätte ich mir ja gönnen können. Vor allem weiß ich überhaupt nicht, wie Aquavit schmeckt, denn er stand bisher noch nicht auf meiner Getränkeliste.


Für ein paar Kilometer schlendere ich nun am Seeufer entlang, stöbere Enten und Schwäne auf, höre den Wellen beim An-Land-Schwappen zu und sehe jede Menge Treibholz am Ufer liegen. Es sind nicht nur kleine Hölzer, die da rumliegen, sondern klafterweise ganze Stämme, die wohl schon eine weite Reise auf dem See hinter sich haben. Und siehe da! Ganz da hinten kommt auch der Skibladner, der älteste Schaufelraddampfer der Welt im regelmäßigen Linienverkehr, angeschaufelt. Ich dachte, er führe erst ab Juli wieder. Komisch, aber auch nicht mein Problem! 


Irgendwann ist der schöne Uferweg zu Ende, und kaum komme ich aus einem kleinen Wäldchen heraus und nähere mich Hamar, ändert sich die Umgebung von ländlich auf städtisch. Jenseits des Sees sehe ich die Häuser der Stadt, aber bis dahin sind es noch ein paar Kilometer. Über einen langen Damm überquere ich eine Wasserzunge des Mjosasees, die hier weiter ins Landesinnere hineinreicht, und sehe dabei die ganze Zeit die Vikingskipet-Arena, die während der Olympischen Winterspiele von Lillehammer als Eislaufstadion diente und in ihrer Form einem auf dem Kopf stehenden Wikingerschiff nachempfunden ist.


Nach dem Damm habe ich zwar den Kern von Hamar erreicht, aber am Ziel bin ich deshalb noch lange nicht. Wie Kaugummi ziehen sich weitere fast vier Kilometer bis zu meiner Unterkunft, dem Pilgerzentrum der Stadt, dahin. Einen davon absolviere ich in der Fußgängerzone, den Rest auf einer Uferpromenade, die mich unmittelbar in den ältesten Teil Hamars mit seinen historischen Gebäuden bringt. Zunächst ist es der ehemalige Bischofspalast, der mich alleine wegen seiner Größe beeindruckt. Heute ist das Hedmarks-Museum in ihm untergebracht. Nicht weit von diesem aber steht ein besonderes Bauwerk, ein immenser Glaspalast. Und unter diesem Glaspalast liegen die Ruinen der alten Hamar Domkirche.


Die Lage auf dem höchsten Punkt der Landzunge, die in den Mjosasee hinausragt, machte die Domkirche im Mittelalter zu einer mächtigen Landmarke, in all seiner Pracht von Weitem bereits sichtbar, wenn man als Pilger (vor tausend Jahren bereits) über den Mjosa gesegelt kam und ganz in der Nähe anlegte. Mit dem Bau des Doms von Hamar begann man 1152, rund 1200 wurde er fertiggestellt und im frühen 14. Jahrhundert nochmals erhöht und erweitert. Er entwickelte sich zu einer wichtigen Zwischenstation für Pilger, die aus Oslo kamen und auf dem Weg nach Nidaros waren. 1323 wurde der Hamar Dom vom damaligen Papst mit den gleichen Ablassprivilegien versehen wie der Nidarosdom. Wer als Pilger zu den größten Festtagen vorbeikam, konnte sich über ein ganzes Jahr Ablass (Verringerung des Aufenthaltes im Fegefeuer) freuen, 100 Tage gab es allerdings nur bei kleineren Festen im Kirchenjahr. 1567 wurde nebenan die Bischofsburg von schwedischen Truppen in die Luft gesprengt und der entstehende Brand weitete sich bis zum Dach der Domkirche aus. Nichts wurde wieder aufgebaut und die nachfolgenden 100 Jahre dienten die Ruinen lediglich als Steinbruch für andere Bauprojekte in der Region. Erst in neuerer Zeit kam man darauf, dass diese historische Stätte geschützt werden muss - der ausgefallene Glasbau von 1998 ist das Ergebnis davon.


Als ich dieses besondere Bauwerk betrete, habe ich sofort das Empfinden, mitten in einem gläsernen gotischen Dom zu stehen. Auch wenn ein klassisches Kirchengewölbe in diesem Glaskasten fehlt - eingewölbt ist diese Kirche dennoch. Der Himmel überspannt den Sakralbau im Glasmantel. Ein einzigartiger Gebetsort, hell und offen. Als Pilger habe ich hier freien Eintritt und die beiden Damen in ihren mittelalterlichen Kostümen winken mich am Eingang freundlich herein. Anfangs bin ich alleine, kurz darauf aber kommen einige Touristen zusammen mit einer Reiseführerin und nehmen auf bereitgestellten Stühlen Platz. 


Nach einigen kurzen Worten der Reiseführerin passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hätte: Nacheinander singen die beiden Frauen je ein mittelalterliches geistliches Lied. Ihre Stimmen sind... fantastisch! Die Akkustik in diesem Raum ist unglaublich! Ich bin ergriffen von dem, was ich da höre, und muss mich ebenfalls setzen. Geistesgegenwärtig schaffe ich es noch, mein Handy zu zücken und den Gesang mit meiner Diktiergerät-Funktion aufzunehmen. Ich werde es heute nicht zum letzten Mal benutzt haben. 


Nur 200 m von der in Glas eingefassten Ruine steht das Pilgerzentrum. Wanya, die heute dort Dienst hat, kommt zur Begrüßung nahezu herausgestürmt und bietet mir sofort einen Kaffee an, den ich natürlich nicht ablehne. Während er durch die Kaffeemaschine läuft, zeigt sie mir mein Mehrbettzimmer (wo ich wieder alleine bleibe), Küche, Toilette und Dusche, quetscht mich nach dem Verlauf meiner bereits absolvierten Strecke aus und wird nicht müde, mir Informationen für den Rest des Weges zu geben. Kaum steht der Kaffee vor meiner Nase, muss sie sich um den Nächsten kümmern. Eine weitere Pilgerin, Maika, auch Deutsche, möchte zwar nicht hier schlafen, sich aber Informationen darüber einholen, welche Strecke des vor ihr liegenden Weges sie am besten mit dem Zug fährt, damit sie spätestens in drei Wochen in Trondheim ist. Ergebnis: Erstmal morgen direkt nach Lillehammer fahren, dann zu Fuß weiter bis Dovre, die Überquerung des Dovrefjells weglassen (Wer weiß, ob da nicht sowieso noch zuviel Schnee liegt und damit der Weg unkenntlich und nicht ungefährlich ist! - Ups!!!), von Dovre nach Oppdal mit dem Zug fahren und den Rest bis Trondheim wieder wandern. 


Kaum ist das geklärt, betritt ein junger Mann mit schwerem Rucksack den Raum. Er möchte sich nur ein wenig umsehen - und hat prompt auch einen Kaffee vor der Nase. Jürgen ist vor einer Woche mit einem Freund aufgebrochen, um die Hardangervidda zu durchqueren. Wegen zu viel Schnee (Ups!!!) mussten sie abbrechen und der Freund ist vollkommen frustriert vorzeitig nach Hause gefahren. Jetzt will Jürgen ersatzweise noch bis Lillehammer auf dem Olavsweg wandern, dann geht es wieder nach Hause zur Familie und an den Bankschalter.


Nachdem jeder von uns auch die zweite Tasse Kaffee getrunken hat, möchten sich Maika und Jürgen gerade verabschieden, doch Wanya hält für uns alle noch eine Überraschung bereit. Sie sänge auch gerne und möchte ihre Sympathie uns Pilgern gegenüber zum Ausdruck bringen, indem sie zum Abschied ein Lied singt, teils in Norwegisch, teils in Englisch. Was dann folgt, ist nocheinmal ein besonderer Moment meines Weges. Alle drei sitzen wir da mit offenem Mund und lauschen diesem jungen Mädchen, das mit geschlossenen Augen da vor uns steht und voller Hingabe ihr Lied singt. Es gibt Momente, die kann man einfach nicht beschreiben. Wer auch etwas von ihr hören möchte, höre doch mal bei youtube unter "Wanya Hamre" rein.


Als Maika und Jürgen gehen, dauert es auch nicht mehr lange, bis Wanyas Dienstzeit für heute vorbei ist. Alleine bleibe ich im Pilgerzentrum zurück und blättere in einem ausliegenden Bildband über das Dovrefjell. Die mögliche Schneelage dort macht mir etwas Kopfzerbrechen. Aber noch sind es fast zwei Wochen bis Sebastian und ich dieses Hochfjell überqueren wollen. Bis dahin kann noch viel Schnee schmilzen. Aber für die nächsten Tage sind hier ordentlich Regen und zurückgehende Temperaturen vorhergesagt. Och nöö, ne!?


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Verlorener Wettlauf

Auf meinem Gang zum Plumpsklo, das von meiner Unterkunftshütte etwa 30 m entfernt steht, sehe ich vom Mjosasee mal wieder so gut wie nichts. Die Wolken berühren praktisch die Wasseroberfläche und decken sie zu. Mit meinen Crocs stapfe ich durchs nasse Gras und bekomme prompt nasse Füße. Auch nicht schlimm, denn die werden gleich sowieso nass. Meine Schuhe waren bei ihrem Trocknungsprozess nämlich nicht so sehr erfolgreich. Ich konnte sie ja nicht zum Trocknen über den Blechschirm der Schreibtischlampe hängen, wie ich es mit meinen Socken mit Erfolg betrieben habe. Jeder kann sich vorstellen, dass das Einsteigen in nasse Schuhe zu den weniger schönen Wanderfreuden gehört.Das Wetter lädt zum Hierbleiben ein. Aber es soll gegen Mittag etwas besser werden, also nicht schwächeln und los!


Ich stehe mit meinem Rucksack auf dem Rücken in der Tür, als ich feststellen muss, dass es regnet. Also wieder rein und präventive Maßnahmen ergreifen. Da ich gestern mit dem Poncho und meinen Gamaschen ganz gute Erfahrungen gemacht habe, kommen sie jetzt wieder zum Einsatz, zusätzlich aber auch meine Regenhose, damit die restlichen drei Zentimeter Hose am Knie auch trocken bleiben. Mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Waldwichtel marschiere ich los.


Für die ersten Kilometer gehe ich auf einer schmalen Straße am Mjosasee entlang. Inzwischen kann ich ihn überblicken, sogar die Höhen auf der anderen Seite des Sees kommen hinter dem grauen Vorhang hervor, der langsam zur Seite geschoben zu werden scheint, aber einige Fetzen bleiben an den Bergwäldern hängen. Der Blick auf und über den See könnte selbst jetzt schön sein, nur die Kabel der Eisenbahnlinie, die sich zwischen mir und dem See die Schienen entlang schwingen, verderben dieses Bild etwas. Hinter Espa steige ich auf Feldwegen beständig aufwärts und der Schweiß rinnt von meiner Stirn, ähnlich wie die Regentropfen von meiner Poncho-Kapuze. Als ich mich kurz vor Tangen mal umdrehe (auch um mal kurz zu verschnaufen), ist der Blick zurück auf den langgezogenen Mjosasee fantastisch.


Früher als erwartet lockert der Himmel auf und lässt ab und zu mal blaue Lücken erkennen. Die Aussicht auf Wetterbesserung und eine... ich nenne sie mal... beschwingte Strecke lassen meine Glückshormone jubilieren. In einem ständigen Auf und Ab zieht sich eine Schotterpiste für Kilometer dahin. Dabei sind die Aufs immer ein wenig länger als die Abs und so steige ich immer mehr an. Wieder liegt Wald rechts und links neben mir, nur kann ich mich mit Hilfe der breiten Piste wunderbar treiben lassen und muss nicht bei jedem Schritt aufpassen, wohin ich meinen Fuß setze. Immer wieder auch wieder Häuser, Höfe, Ferienhütten. Ich kann mich ergötzen an den Motiven, die alle geeignet wären als wunderschöne Postkartenidyllen. Bauernhöfe im typischen Ochsenblutrot der nordischen Länder, aufgeräumt, wohlbestellt, und es scheint Schaffenspause zu herrschen, denn ich begegne niemandem. Diese Kilometer belohnen mich mit dem, was dieser Pilgerweg so reichlich bietet: ein Unmaß an unberührter Natur und Ruhe, an Einsamkeit und der ausschließlichen Gesellschaft mit sich selbst. 


Immer mehr nähere ich mich auf der Waldpiste nun Ekeberg gard. In meinem Pilgerführer ist eine kleine Holzhütte abgebildet, an der man nicht nur rasten, sondern in der man auch übernachten könnte. Putzig sieht die Hütte auf einem Bild aus - und in echt ist sie noch putziger. Etwas abseits des Hofes steht sie da, davor ein kleiner Tisch mit einem Stuhl. Sogar eine Feuerstelle und ein Grill gehören zum Angebot. Drinnen gerade mal zwei Betten und ein Tisch und der schon fast obligatorische Wasserkocher mit Nescafé-Dose und Teebeutel. Ich setze mich draußen auf den Stuhl in die Sonne, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und gebe ihnen die Möglichkeit, wenigstens etwas zu trocknen. Ich stöbere etwas in dem dicken Gästebuch, in dem sich aber auch alle, die sich hier verewigt haben, vor Lob auf dieses Kleinod von Pilgerherberge nahezu überschlagen. Ich lese von Pilgern, die morgens im Regen hier ankamen und blieben, von zwei Frauen, die eigentlich nur hier rasten wollten, aber aus der Rast wurden drei Tage. Ich kann es wirklich verstehen, es ist herrlich hier. Sonne, Ruhe, Ausblick, nebenan, hinter dem Zaun, die Stute mit ihrem Fohlen und daneben der malerische Bauernhof.


Ekeberg gard wurde schon zur Wikingerzeit gebaut und ist immer noch in Betrieb, auch nach der Pest, die im 14. Jahrhundert in der Region wütete. Alle Höfe südlich von Ekeberg und Stange (einige Kilometer nördlich) wurden verlassen und stillgelegt, 61 von 62. Die Überlebenden sammelten sich auf den besten Höfen im Umkreis der Stange kirke, während die stillgelegten Flächen als Weiden und die alten Höfe als Almen dienten. Pilger, die im Mittelalter also hier herzogen, durchquerten mehrere Kilometer unbewohntes Gebiet, ein großes Stück davon dichten Wald. Unter diesen Umständen war der Pilgerstab sehr nützlich, um frei herumlaufende Tiere und vor allem Räuber abzuwehren.


Irgendwann trenne ich mich von diesem friedlichen Ort, erfreue mich am schönen Wetter, das am Morgen doch noch gar nicht so aussah und laufe auf Stange zu. Bei Stange Vestbygd ist auf einmal der Wald zu Ende, die Landschaft öffnet sich. Links von mir sehe ich die blaue Fläche des Mjosasees, zwischen uns weite Felder und geradeaus vor mir erkenne ich ganz weit hinten die Kirchturmspitze von Stange kirke. Auch für die alten Pilger war es großartig hierher zu gelangen, aus dem gefährlichen, einsamen Wald in das üppige Kirchendorf, das im Mittelalter Skaun hieß (Schönheit). Wir sollten uns daran erinnern, dass unserer heutigen Auffassung nach alles, was schöne Natur bedeutet, der Romantik des 18. Jahrhunderts entspringt. Davor wurden Wald und Berge eher als hässlich, bedrohlich und gefährlich angesehen. Die landwirtschaftlich betriebene Fläche galt als schön.


Von hier sehe ich nicht nur den Mjosasee und die Stange kirke, sondern ich sehe auch, wie sich unmittelbar über dem See ein gewaltiger Schauer bildet. Während ringsherum die Sonne scheint und nur einige dicke Wolken ziehen, scheint eine dieser Wolken das Wasser des Sees in großen Mengen fast anzusaugen, um es hinterher mir, ja, genau mir, aufs Haupt zu werfen. Noch scheint die Wolke mit Tanken beschäftigt zu sein, aber gleich wird sie sich in Bewegung setzen, da bin ich ganz sicher. Weit und breit gibt es nichts, wo ich mich unterstellen könnte, nur vereinzelt ein paar Bäume. Die sind mir im Ernstfall auch keine Hilfe. Ich habe aber keinen Bock, mir jetzt wieder die gesamte Regenmontur anzulegen, derer ich mich während der Rast bei Ekeberg gard so schön entledigt habe. Also muss ich schneller sein als der Schauer! Ich fliege der Kirche von Stange entgegen - und genau jetzt setzt sich auch die Schauerwolke in Bewegung. Es wird ein Wettlauf! Die Wolke mit der nassen Fracht kommt immer näher, die Kirche aber nicht. Das kann doch nicht wahr sein! Immer noch eine Kurve und noch eine Kurve - und die Wolke schön gradlinig auf mich zu. Dann die ersten Tropfen... dicke Tropfen... noch 50 m bis zu einem Baum... der Regenschleier erreicht mich... ich schaffe es bis zum Baum, werfe mir den Rucksack von den Schultern, zerre den Poncho raus, werfe ihn über mich und den Rucksack und hocke mich hin. Fünf Minuten verweile ich nun wie eine Glucke auf dem Ei, das Wasser rauscht auf mich hinab - aber eigentlich ist es unter meinem Poncho ganz gemütlich! Dann ist der Spuk vorbei.


Als ich - bei Sonnenschein - endlich an der Stange kirke ankomme, sind die Türen verschlossen, ich hätte also sowieso hier keinen Schutz bekommen. Der Blick von hier auf den See entschädigt mich aber für die (fast) unterlassene Hilfeleistung. Eine halbe Stunde ist es jetzt noch bis zum Hof Store Gillund gard, wo ich im bestens erhaltenen und urig eingerichteten Stabbur mein heutiges Quartier beziehe. Der Sonnenschein des Tages hat ihn aufgewärmt, der Kaffee steht bereit und die Bäuerin Helle macht mir ein leckeres Abendessen.


Und dennoch habe ich bis in den späten Abend hinein mindestens 100 Morde begangen. Aber mindestens 200 weitere Fliegen lassen sich dadurch nicht stören. Wie soll ich dabei schlafen???


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Gamaschen und Poncho im Einsatz!

Nach einer ersten Schlafphase - ich weiß nicht, wieviel Uhr es ist, aber draußen ist es immer noch ein wenig hell - scheppert irgendwas im "Wohnraum". Postwendend sitze ich im "Schlafraum" senkrecht in meinem Bett und lausche. Nochmal ein Rascheln - dann Stille. Sind noch Wanderer gekommen? Laut Gästebuch soll es immer wieder vorkommen, dass hier noch sehr spät abends Leute reingestolpert kommen. Sicherheitshalber frage ich nach: "Halloooo?" Keine Antwort, so dass ich einfach mal davon ausgehe, dass sich kein Mensch im Nachbarraum befindet. Aber wer oder was hat gescheppert? Die Frage wird unbeantwortet bleiben. 


Ich schlafe den Rest der Nacht recht gut. Mit vollen Klamotten, meinem Schlafsack und einer Decke ist es warm genug. Nur als der Wecker klingelt, muss ich mich echt überwinden, dieses warme Nest zu verlassen und wieder in die klamme Kälte einzutauchen, die einen in dieser Waldhütte umgibt. Nur ein dringendes Bedürfnis treibt mich dann doch hoch und nebenan zum Plumpsklo. Kaffee bleibt mir zum Frühstück verwehrt, denn Wasser über einer Kerze zum Kochen zu kriegen, ist mir doch zu mühsam. So spüle ich mir eben das Knäckebrot mit kaltem Wasser hinunter. Jaaa, die Zeiten von Roggen- oder Schwarzbrot sind vorbei, von nun an gibt es Knäckebrot. Ihren fluffigen Toast können die Norweger selbst essen! Da die Wikinger ja auch an Schottlands und Englands Küsten gelandet sind, nehme ich an, dass sie zur Schwächung der Menschen in den eroberten Landesteilen diese Brotsorte dort eingeführt haben. Ein nachhaltiger Exportschlager, würde ich mal sagen.


Lysjohimet verlasse ich mit dem Bewusstsein: Sowas muss auch mal sein, muss sich aber nicht oft wiederholen. Ich werfe mir meinen Rucksack über die Schultern und tappse sofort wieder auf dem Waldweg entlang. Apropos Rucksack! Eines meiner größten Bedenken bei der Vorbereitung dieser Tour lag in der Frage: Wie schaffe ich die Umstellung vom Wheelie (An dieser Stelle einen schönen Gruß an Willi im Osloer Pilgerzentrum!) zum Rucksack. Bis jetzt muss ich sagen - ohne Probleme. Schultern, Hüften und Knie haben die neue Belastung bisher gut angenommen, nur die Füße rufen jetzt noch etwas eher nach einer Pause. Die verschaffe ich ihnen und hoffe, dass sie mich zur Belohnung ohne Quälerei nach Trondheim bringen.


Den ganzenTag über sehe ich wieder vor lauter Bäumen den Wald nicht. Auf breiteren Wegen ziehe ich an den Seen Lysjoen und kurz darauf Granerudsjoen entlang, die so schön sind, dass außer mir auch andere Menschen sie aufsuchen. Kleine Ferienhütten liegen an den Uferhängen, Ruderboote liegen nahe am Wasser und private Badestege führen an einigen Stellen in die Seen hinein. Wer hier Urlaub macht, will nichts anderes als sich erholen - und angeln. Drei Petrijünger sehe ich fast bis zu den Hüften im Wasser stehen. 
Vom See geht es wieder hinein ins Dickicht. Ich komme nicht schnell voran, aber das Naturerlebnis ist sehr intensiv. Der Trampelpfad ist sehr schmal, zum Teil überwachsen von Blaubeersträuchern. Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, die durch den Regen der vergangenen Nacht wie Schwämme vollgesogenen Flechten und Moose, die mancherorts flächendeckend den Waldboden und die Steine bedecken, wie in einem Zauberwald, mit meinen Händen zu ertasten. Da ich mittlerweile ganz schön aufgestiegen bin und die Wolken tief hängen, ziehen vereinzelt Nebelschwaden durch die Bäume und geben dem Ganzen noch eine besondere Stimmung. Trotzdem singen die Vögel aus Leibeskräften, nur die Ameisen haben sich tief in ihre großen Haufen zurückgezogen. Manchmal riecht es für Momente nach Wild, aber ich sehe natürlich keines. Was ich aber sehe, sind Dunghaufen auf dem Pfad, die mich in ihrem Aussehen schwer an die Elch-Losungen in Schwedisch-Lappland erinnern. Sollte es hier eventuell...? Einsam genug ist es dafür.


Nach zwei Stunden Wald, Wald, Wald kommt - noch mehr Wald. Nur, dass ich mich jetzt mal nicht auf engen Pfaden zwischen Bäumen durchquetschen, über Steine balancieren und auf Steinen kleine Bäche überqueren muss. Auf einmal werden die Wege breiter, so breit wie kleine Landstraßen, nur nicht asphaltiert, sondern mit Schotter ausgelegt. Auf ihnen kann ich wieder raumgreifend gehen und komme an Abzweigungen vorbei, wo Hinweisschilder in Richtung Nordre und Sondre Spitalen zeigen. Die Namen deuten darauf hin, dass Spitalen ein interessanter Ort in Hinsicht auf das Pilgern ist. Der Name könnte entstanden sein, weil es hier oben ein "Hospital" gab, also eine Herberge und Pflegestelle für Pilger. 
Eines der wenigen Häuser von Spitalen ist die alte Schule. Manfred, ein Deutscher, hat sie gekauft und eine Pilgerherberge in ihr eingerichtet. Als ich an dem Haus vorbeikomme, sitzen zwei junge Leute davor auf einer Holzbank und strahlen mich an. "Hallo, Pilger!", ruft die junge Frau mir zu. "Möchtest du dich nicht einen Moment ausruhen? Setz dich doch zu uns!" Der junge Mann lockt mit ganz anderen "Waffen": "Brauchst du frisches Wasser oder möchtest du einen Kaffee?" Tja, was soll ich denn da sagen? "Natürlich!" natürlich. Die Beiden sind französische Studenten an der Uni Oslo, forschen im Rahmen eines Projekts hier in der Nähe und wohnen für drei Monate bei Manfred. Umsonst, nur für ihre Verpflegung müssen sie selbst sorgen. Der Deal ist aber: Immer, wenn Manfred außer Haus ist - und das ist häufiger der Fall - müssen Andre und Julie ankommende Pilgergäste empfangen und einweisen. Und ich glaube, alle bekommen sogar einen Begrüßungskaffee von ihnen. Toll, dass ich auch einen bekomme, obwohl ich gar nicht hier übernachten werde. Als mir Andre schließlich noch eine Dusche anbietet - "Ich weiß, du kommst von Lysjohimet...", grinst er - schnappe ich mir dann doch ganz schnell meinen Rucksack, sonst bleibe ich noch hier hängen.


Wieder auf der Strecke höre ich auf einmal wieder die vertrauten Glöckchen von gestern. Also auch hier: Ich sehe die Schafe schon an den Hängen grasend, durch die Bäume kurvend, doch einige haben sich als bevorzugten Lebensraum den Pilgerweg ausgesucht. Ich sehe es an ihren Hinterlassenschaften, die mich teilweise zu einem kleinen Slalom zwingen. Ab und zu aber stehen sie - Mutterschafe mit ihrer zahlreichen Kinderschar - mitten auf dem Pilgerweg und schauen mich (relativ blöd) an. Ich erfreue mich so an den Pullovertieren, dass ich fast den Abzweig nach Romsaetra übersehe. D.h., ich übersehe ihn und nur Jakobus oder Olav flüstern mir ins Ohr: "He, Pilger, willst du dir das nicht nochmal überlegen? Könnte doch falsch sein, oder?" und ersparen mir damit möglicherweise überflüssige Kilometer. Ich gehe die zwanzig Meter zurück und sehe das Zeichen genau dort, wo es hingehört. Es ist einfach so: Die Markierung des Olavswegs ist von Oslo an und zumindest bis hierher einwandfrei. Ob in der Stadt, durch Dörfer, an Straßen entlang oder im dichtesten Wald, wenn man die Augen aufmacht und konzentriert schaut, sieht man zumindest eine der verschiedenen Markierungen und ist damit sicher auf dem Weg aufgehoben. Wer unkonzentriert und damit unaufmerksam ist, läuft in die Irre. Ich lese selbst noch in jüngeren Einträgen der Hüttenbücher von Pilgern, die sich über eine schlechte Markierung beklagen. Stimmt nicht, Freunde, nur schön aufpassen und nicht für die eigene Unaufmerksamkeit andere verantwortlich machen!


Zum selben Zeitpunkt, als ich die verlassene Alm Romsaetra auf 454 m Mehreshöhe mit Almhütte, Holzstall, Viehstall und Plumpsklo erreiche, beginnt es erst leicht, dann aber immer stärker zu regnen. Hier oben ist sowieso eine Rast fällig, also ziehe ich mich unter den Vorbau der Almhütte zurück, schaue eine Weile dem Regen zu und komme zu der Überzeugung, dass es ab jetzt eine ziemlich feuchte Angelegenheit wird. Meinen breiten Schirm kann ich vergessen, den würde ich mir hier im dichten Tann verbiegen oder gar zerreißen oder im günstigsten Fall andauernd steckenbleiben. Also müssen jetzt Schutzmaßnahmen getroffen werden, die ich bis jetzt noch nicht bemühen musste. Gegen die über den Weg wachsenden Blaubeersträucher, die meiner Hose einen intensiven Waschgang unterziehen würden, helfen meine großen, bis zu den Knien reichenden Gamaschen. Für den Oberkörper samt Rucksack kommt der große Regenponcho in Funktion, den ich mir von Anni ausgeliehen habe und der mir, wie die Gamaschen, ebenfalls bis an die Knie geht. Fast bis an die Knie geht! Ein Streifen von vielleicht drei Zentimetern bleibt den Unbilden des Wetters ausgesetzt. Auf den Kopf kommt mein Hut, darüber noch die Kapuze des Ponchos. Na bitte, ich bin gewappnet!


Poncho und Gamaschen haben eine ordentliche Feuerprobe, nein, Wasserprobe zu bestehen. Die über den Weg wachsenden Blaubeerbüsche streifen all ihr Wasser an meinen Gamaschen ab, der Poncho bekommt, zusätzlich zu dem, was von oben kommt, auch noch die ganze Nässe der in den Weg hängenden Zweige vor den Bug. Aber - ich habe nicht das Gefühl, unter dem Poncho, und erst recht nicht unter den Gamaschen nass zu sein. Nur die drei Zentimeter am Knie, die weder vom einen noch vom andern bedeckt sind, verschaffen mir einen feuchten Ring ums Bein. Mein Schuhe allerdings verlieren den Kampf gegen die auf sie einströmende Nässe. Goretex hin oder her!


Schwer vor mich hin tropfend trudle ich zu meiner Herberge, Hestnes Nordre gard, hinunter. D.h., alle Höhenmeter, die ich mir seit Eindsvoll mühsam erarbeitet habe, werden hinfällig, denn der Hof mit seinem Herbergs-Stabbur liegt unten am Mjosa-See, gleich an der E6. Ich glaube das jedenfalls, denn als ich an der Tür des Bauernhofs klingele, sehe ich vom See nichts, nur eine mächtige graue Wolke, aus der immer noch das Wasser fällt. Eine alte Dame öffnet die Tür und schaut mich freundlich, aber auch bedauernd an. Noch bevor sie mich zu ihrem Stabbur bringt und mir dort alles zeigt, muss ich ihr versprechen, ihr gleich all meine nassen Sachen rüberzubringen. "Sonst werden Sie noch krank und kommen nie in Trondheim an!", lächelt sie gütig. "Ich nehme an, in unserem Stabbur ist es gemütlich, nur heizen kann man dort nicht", fügt sie noch hinzu. Die Aussage trifft mich nicht hart, habe ich diese Information doch bereits meinem Pilgerführer entnehmen können. Auch eine heiße Dusche werde ich mir wiedermal verkneifen müssen. "Zum Waschen bringt Ihnen mein Mann gleich zwei Kanister Wasser rüber." Kaltes, versteht sich!


Trotzdem fühle ich mich wohl in der Herberge. Es ist nicht halb so kalt wie in Lysjohimet, alles ist sauber und gemütlich eingerichtet. Wasser in Verbindung mit einer Elektroplatte ergibt zwei heiße Kaffee und zwei heiße Tee. Nur der Blick aus der offenen Tür zum Mjosa-See verspricht für morgen nicht unbedingt Gutes. Zwar hat es aufgehört zu regnen und der See ist jetzt zu erkennen mitsamt den gegenüberliegenden Berghängen, doch die Wolken hängen immer noch tief. Erlebe ich jetzt die norwegischen Regentage?




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Bei Schafen und Mäusen

Ich putze mir gerade die Zähne, als Klaus Uwe und Hans ihr Zimmer verlassen und die Treppe hinunterpoltern. Wenn ich nicht schon wach gewesen wäre, jetzt wäre ich es mit Sicherheit. Ich bin gespannt, ob wir uns auf der Strecke nochmal begegnen.


Über den Friedhof und an der Eidsvoll kirke vorbei mache ich mich dann auch auf den Weg. Vor der Kirchhofmauer entdecke ich mal wieder einen der "Offiziere" unter den Wegmarkierungen, einen Meilenstein. "560 km bis Trondheim" sollen es noch sein. Na ja, könnte ungefähr hinkommen. Und noch eine Entdeckung der ganz anderen Art: Auf dem Aushangbrett am Kirchhofseingang hängt ein Zettel, auf dem dringend darum gebeten wird, die Friedhofsruhe zu respektieren und dort keine Pokemon-Jagden mehr zu veranstalten. Was es heute nicht alles gibt...


Das eigentliche Zentrum von Eidsvoll liegt einen viertelstündigen Fußweg von der Kirche entfernt. Bergab geht es bis zum breiten Fluß Vorma, der in den großen Mjosa-See führt. Direkt bei der Straßenbrücke, die mich danach unmittelbar ins Zentrum bringt, liegt die Anlegestelle des Skibladner, dem ältesten Raddampfer der Welt im täglichen Einsatz, sagt die Tourismuswerbung. Im Moment jedenfalls ist von ihm nichts zu sehen. Wahrscheinlich liegt er irgendwo im Dock und wird überholt, denn seine Saison beginnt erst Anfang Juli. Mit und auf ihm kann jeder die Landschaft rund um den See von der Wasserseite erleben. Er ist sogar ein Pilgerschiff, welches heutigen Pilgern die Möglichkeit gibt, sich mit Pilgerrabatt etwa drei Tage des Weges durch die nun folgenden dichten Wälder zu sparen und mit dem denkmalgeschützten Dampfer direkt und äußerst bequem nach Hamar zu gelangen. Die Hälfte der Strecke am Mjosa-See entlang von Eidsvoll bis Lillehammer, wo das Gudbrandstal beginnt, hätte man dann schon kräftesparend hinter sich gebracht. Der Mjosa hat als Transportader schon zu allen Zeiten eine wichtige Rolle gespielt, ob Sommer oder Winter. Auch die Pilger im Mittelalter schlugen ihre Route in Richtung Nidaros den Mjosa überquerend ein. Mit kleinen Schiffen oder Ruderbooten wurden sie über den See gefahren. Aber anders als die sonstigen Reisenden wählten die Pilger meistens den Fußmarsch, obwohl das Reisen per Boot weitaus bequemer war.


In Eidsvoll muss ich dringend einkaufen und mir Geld besorgen. Meinen Proviant habe ich gestern Abend komplett aufgebraucht und muss mich jetzt für die nächsten zwei, drei Tage neu versorgen. Unterwegs gibt es sonst keine Gelegenheit mehr dazu. Mich erwartet in den nächsten Tagen nur Wald, Wald, Wald. Mit dem Versorgen von Bargeld (die Betreiber der Herbergen wollen Cash sehen!) wird es noch problematischer. Finde ich keinen Geldautomaten, könnten meine Finanzen knapp werden. Die nächste Möglichkeit gibt es erst wieder in Hamar, und da bin ich erst in vier Tagen. Es gibt also immer zu überlegen: Für wie viele Tage versorgt man sich, sowohl was Lebensmittel anbetrifft als auch Bargeld. Zu wenig Lebensmittel dabei haben ist schlecht, aber zu viel auch. Muss man ja schleppen. Und wie lange hält sich z.B. Käse bei höheren Temperaturen? Und dann kommt noch ein Sonn- oder Feiertag dazwischen. Zu wenig Bargeld ist ebenfalls schlecht, zu viel am Mann zu haben aber vielleicht auch nicht so günstig. Also immer schön im Voraus planen...! Mit Beidem habe ich aber in Eidsvoll Erfolg und werde die kommenden Tage daher wahrscheinlich "überleben". 


Dann kommt der Moment, den eigentlich alle Pilger auf dem Olavsweg herbeisehnen. Nach Eidsvoll beginnt Norwegen erst richtig, jedenfalls, wenn man es von der landschaftlichen Seite betrachtet. Eine halbe Stunde geht es von der Seehöhe nun bergauf, die Straßen reduzieren sich auf ein Minimum, die Hügel werden zu Bergen und die Wiesen und Äcker machen immer mehr ausgedehnten Wäldern Platz. 


Bei den letzten Häusern im äußersten Randbereich von Eidsvoll komme ich nochmal an einer kleinen Pilgerherberge vorbei. Ein kleines Holzhaus ist es, die Tür leider nur mit einem Zahlencode zu öffnen, den man sich telefonisch einholen kann. Der Clou ist aber von außen zu sehen. Wenn das Haupthaus belegt ist, kann man auch in einem Gewächshaus schlafen. Unmittelbar neben dem Haus aus Glas stehen Plumpsklo und Außen-Dusche für die sanitären Bedürfnisse bereit. Sind noch genug Betten frei, stehen Polstermöbel im Gewächshaus und man kann es sich dort unter (fast) freiem Himmel bequem machen.


Auf einer letzten kleinen Straße komme ich noch an einigen kleineren Höfen vorbei - wo ich bei einem auf einmal Kleinkinderstimmen vernehme - auf Deutsch. Ein Junge, vielleicht gerade acht Jahre alt, spricht mit seinem Vater, während beide zusammen gerade über eine Wiese zu einer Scheune gehen. Ich grüße laut und gebe mich ebenfalls als Deutscher zu erkennen. Wie ich im folgenden etwa viertelstündigen Gespräch erfahre, ist der Mann, der als Kind im Windeck nahen Much aufgewachsen ist, vor 15 Jahren mit seiner Frau hierhin ausgewandert, teils aus beruflichen Gründen, aber auch, weil er einfach nach vielen Reisen durch Norwegen in dieses Land verliebt war. Doch während der Mann seinen Traum lebte, kam die Ehefrau mit dieser Lebensumstellung nicht zurecht. Beide trennten sich, auch wenn mittlerweile zwei Kinder da waren. Jetzt kommen Johannes und Tim nur noch in den Ferien zu ihrem Vater, wie z.B. im Moment, auch wenn die Pfingstferien nicht lang sind. Sehr nachdenklich gehe ich weiter.


Unmittelbar darauf bin ich von Wald umgeben, und das wird sich in den nächsten zwei Tagen auch nicht mehr ändern. Manchmal auf breiteren Wegen, aber meist auf schmalsten Trampelpfaden bewege ich mich voran. Breite Bäche begleiten mich, die Pfade führen über Felsen und Baumwurzeln, Baumstämme liegen manchmal quer, über matschige oder moorige Stellen helfen mir kleine Bohlenstege hinweg. Es ist wunderbar und kurzweilig, hier zu gehen, auch wenn ich vorsichtig sein muss. Kleine Brücken bringen mich hier und da über den Bach und an anderer Stelle wieder zurück. 


Plötzlch vernehme ich ein immenses Rauschen und Wassermassen stürzen über eine Staustufe hinweg. Ich erreiche den aufgestauten See Floyta, der auf einmal erhaben und ruhig vor mir liegt und an dem nun wieder ein breiterer Weg entlangführt. Immer wieder geben Baumlücken am Rand des Weges den Blick auf den See frei, Enten, Haubentaucher und Kanada-Gänse ziehen über das Wasser und die Stimmung wäre fast perfekt, würden nicht doch auch immer wieder die Flugzeuge zu hören sein, die vom immer noch nicht weit entfernten Flughafen Gardermoen starten. Bei einer schönen Badestelle, die sich auf einer Landzunge in den See hinein befindet, mache ich meine erste und für heute auch wieder einzige Rast. Wenn mal kein Flugzeug im Anflug ist, ist es hier so ruhig, dass mir selbst mein Kauen auf dem Schokokeks ungeheuer lärmend vorkommt. Ich lasse es für eine Weile einfach und höre nur noch in die Natur hinein. 


Weiter geht es an dem Bach entlang, der in den See hineinfließt. Wieder sehe ich nichts anderes als Bäume. Dann auf einmal helles Glöckchengebimmel! Nein, ich bin nicht im Allgäu, und das können auch keine Kühe sein, hier gibt es keine Wiesen. Ich habe darüber gelesen: Hier laufen Schafe im Wald frei herum. Die letzten drei Kilometer begleitet mich dieses Gebimmel die ganze Zeit. Ab und zu sehe ich die Mutterschafe auch mal, wie sie mit ihren Lämmern durch den Wald streifen oder ganz in der Nähe des Weges unter den Bäumen liegen. Angst vor mir scheinen sie nicht zu haben. Sie heben nur den Kopf, schauen mich einen Moment prüfend an, blöken und fressen weiter.


Dann erscheint meine Herberge für diese Nacht vor mir, die Hütte Lysjohimet. Am Weg zwar, aber mitten im Wald. Handyempfang habe ich schon lange nicht mehr, Internet auch nicht. Ich bin gespannt, wann sich das wieder ändert. Die Nutzung der Herberge ist kostenlos. Oh ooooh, wie heißt es doch: Was nichts kostet, ...! Sagen wir so: Mein Pilgerführer beschreibt sie als "... simple und gerade deshalb geruhsame Hütte... ". Zunächst mal ist es drinnen klamm und kalt. Auf den Sitzmöbeln haben wahrscheinlich schon mittelalterliche Pilger gesessen und von der "Kücheneinrichtung und -ausstattung" ist nichts mehr zu gebrauchen, wenn man beabsichtigt, die Pilgerreise noch gesund zu beenden. Im Pilgerbuch steht, dass man den offenen Kamin um Himmelswillen nicht anmachen solle, da er die ganze Hütte verräuchert, höchstens bei dem kleinen Gussofen daneben könnte es klappen. Aber außer ein paar dünnen Zweigen vor der Haustür ist überall kein Brennholz aufzutreiben, auch nicht in dem Schuppen, wo laut Pilgerführer etwas zur Verfügung stehen müsste. Außer zwei Sägen und einer Axt sehe ich da nix. Doch, in der Ecke sehe ich noch das Plumpsklo. Strom und Wasser gibt es natürlich auch nicht, aber eine Kerze und einen Eimer, mit dem ich mir gleich Wasser aus dem Bach hole. An der Wand neben dem Kamin hängt ein Zettel, dem ich entnehmen kann, dass Mäusegift ausliegt. Also alles in allem - richtig kuschelig hier! Und dann noch draußen die bimmelnden Schafe und heute Nacht wohl die trippelnden und fiependen Mäuse - es ist doch schön zu wissen, dass man nicht ganz alleine im tiefen Wald ist.







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Kirchen-Konzert

Als ich gestern Abend in unser gemeinsames Schlafgemach kam, drang schon sonores Schnarchen an mein Ohr. Helmut und Jürgen ließen ihre Gaumensegel flattern und das sogar in gewisser Weise rhythmisch aufeinander abgestimmt. Es klang irgendwie richtig gut. Trotzdem steckte ich mir meine Ohropax, sobald ich beide Beine nebeneinander liegen hatte, in die Ohren - und hörte nichts mehr.


Beim Frühstück sitzen wir in der Küche zusammen, ich decke den Tisch, Jürgen kocht uns Eier und Helmut den Kaffee. Dann bekomme ich mit, dass beide mit Sicherheit auch aus tief religiösen Gründen den Olavsweg gehen. Als ich gerade mein Messer in die Margarine versenken will, hantiert Jürgen an seinem Handy und beginnt unmittelbar darauf, eine Losung daraus vorzulesen, die uns den Tag über begleiten möge, spricht ein Gebet und erst dann "Guten Appetit!". Eine fromme Losung aus dem Handy - na ja, warum nicht? Da gibt es ja auch Kochrezepte... und überhaupt alles. Ich bin nur ein wenig überrascht, das so zu erleben. 


Die Beiden packen noch, als ich mich mit einem "Wir sehen uns ja bestimmt unterwegs!" verabschiede und auf den Weg mache. Heute wird es eine Erholungswanderung werden. Fast die Hälfte an Kilometern von gestern, die Hälfte an Zeit und die Hälfte an Asphalt und Autolärm. Ich versuche also, Geschwindigkeit herauszunehmen, was mir aber nicht durchgehend gelingt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich wieder in meinen Galopp verfalle. Und je mehr oder je länger ich mich entlang von Landstraßen bewege, desto mehr galoppiere ich. 


Nach einer Stunde etwa wird aber mein Galopp etwas gezügelt. Ich sehe in weiterer Distanz vor mir eine größere Menschengruppe, die gerade aus einem Bus ausgestiegen ist, auf dem Radweg entlanggehen. Nur die Altersgruppe kann ich nicht ausmachen. Können das alles Pilger sein? Eine Pilger-Gruppenwanderung? Das Pfingstwochenende steht vor der Tür. Wieso soll da nicht eine norwegische Kirchengemeinde eine Senioren-Pilger-Gruppenwanderung organisiert und heute damit begonnen haben. Für einen Moment mache ich mir Sorgen um meine Unterkünfte in den nächsten beiden Herbergen. Je näher ich der Gruppe komme, desto deutlicher erkenne ich, dass keiner einen Rucksack trägt..., dass einige durcheinanderspringen..., dass die alle noch ganz jung sind. Das ist eine Schulklasse! Jetzt wird mir auch klar, wohin die will. Der Besuch von Eidsvollsbygningen steht auf dem Programm, der Geburtsstätte der norwegischen Verfassung. Der Besuch der nationalen Wallfahrtsstätte der Norweger als eine Pflichtveranstaltung einer jeden Schulklasse - zumindest - der Region! 


Eidsvollsbygningen erhielt seine enorme nationale Bedeutung am 17. Mai 1814. An diesem heutigen Nationalfeiertag wurde hier auf der Reichsversammlung die erste norwegische Verfassung verabschiedet. Norwegen war nun erstmals ein eigenständiger Staat mit einer konstitutionellen Monarchie, abgekoppelt vom absolutistisch regierten dänisch-norwegischen Reich. Neben dem dänischen Prinzen Christian Frederik, der zur Zeit des Umbruchs das norwegische Land regierte und 1814 zum König von Norwegen gewählt wurde, ist der historische Augenblick dem Politiker und Besitzer des hiesigen Eisenwerks zu verdanken. Carsten Anker, der lange in Kopenhagen lebte und ein Freund und enger Berater des dänischen Prinzen war, stellte sein hölzernes Gutshaus, das Eidsvollsbygningen, für die Reichsversammlung zur Verfügung. Im größten Raum, dem heutigen "Reichssaal", saßen damals 112 Delegierte zusammen, die aus allen Bezirken und Landesteilen zum Teil wochenlange und beschwerliche Anreisen in Kauf genommen hatten. Noch heute stehen an den Längswänden des Saales die jeweils drei Stuhlreihen der Delegierten, sogar noch mit dem jeweiligen Namensschild.


Heute ist das ehemalige Gutshaus ein Museum. Offensichtlich aber viel interessanter und wichtiger als das Museum ist für die etwa 13-14jährigen Jugendlichen das Café nebenan, wo es Eis und Cola gibt. Hier sehe ich ihre Gesichter strahlen, im Museum sah das deutlich anders aus. Auch für mich wird das Café interessant. Nicht nur, weil ich dort als Pilger zu meiner Waffel einen kostenlosen Kaffee bekomme, sondern weil ich dort auch weitere Pilger treffe. Alles Männer! Wo bleiben die Pilgerinnen? Einmal sind es Vater und Sohn aus Bayreuth, die anderen beiden sind zwei ältere Herren aus - Köln! Alle sind sie gerade erst ein paar Kilometer unterwegs.


Genau wie Jürgen und Helmut sind sie "Seiteneinsteiger". Es muss ja nicht jeder, wie ich, zu Fuß von zu Hause bis zum Startpunkt des Olavswegs gelaufen sein. Aber wenn dieser Weg doch in Oslo beginnt, dann möge man ihn doch auch dort anfangen, denke ich. Ich bin aber überzeugt, dass nur die Wenigsten das auch wirklich tun. Dafür gibt es wahrscheinlich unterschiedliche Gründe: Die mit der Fähre aus Dänemark kommen, wollen sich vielleicht gar nicht erst ins Großstadtgetümmel von Oslo werfen und fahren gleich mit dem Bus weiter, "wo es schon mal etwas grüner ist". Andere scheuen den Weg aus Oslo hinaus, der im Prinzip drei Tage dauert. Wieder andere haben keine Lust, wenn sie schon in Gardermoen (und damit auf Höhe von Jessheim) sind, nochmal bis Oslo (praktisch in die falsche Richtung) zurückzufahren. Und die meisten meinen, dass die Natur wohl erst ab Eidsvoll richtig in Fahrt kommt und fahren vom Flughafen aus direkt dorthin. Jeder für sich hat ein wenig Recht, aber auch der, der sagt: "Wenn, dann alles!"


Nach Eidsvoll setzt sich tatsächlich die Natur immer ein wenig mehr durch. Am Flusslauf des Andelva geht es eine Weile entlang, auf dem folgenden Stück Straße sieht man wenigstens in der Entfernung bewaldete Bergrücken und einmal ist die umgebende "Natur" sogar so unmittelbar, dass ich mitten über einen geeggten Acker gehe. Nein, nein, ich habe mich nicht verlaufen und stehe hier nun zwischen den Ackerkrumen, nein, die Markierungen führen den Pilger ganz offiziell darüber. Der Grund erschließt sich mir nicht, denn zu der Ecke des Ackers, wo der Pfad in einem Gebüsch verschwindet, hätte ich auch anders gelangen können.


Bis nach Eidsvoll, meinem Tagesziel, ist es jetzt nicht mehr weit. D.h., bevor ich den eigentlichen Ort erreiche, stoße ich auf die Eidsvoll kirke mit ihrem großen Friedhof, und nur wenig weiter steht Eidsvoll Gamle prestegard, das ehemalige weiße Pfarrhaus aus Holz, jetzt meine Pilgerherberge. Die beiden Kölner Pilger sind schon da, gerade auch erst angekommen. Sie haben schon alles ausgekundschaftet und zeigen es mir. Die Räume im Erdgeschoss sind dem örtlichen Theaterverein als Proberäume vorbehalten. Nur die große Essküche müssen sie sich mit den Pilgern teilen. Im Obergeschoss dann die drei Schlafzimmer, jedes mit drei Betten ausgestattet. Das größte Zimmer ist der Gemeinschaftsraum: Plüschsessel, alte Tische und Schränke, Stehlampen, Fenster mit Blick in den Garten. Ich muss schon sagen, Herr Pastor hat fürstlich gewohnt, sogar noch bis vor vier Jahren, als er sich ein Privathaus baute und aus seiner alten Behausung eine Pilgerunterkunft wurde. 


Während die beiden Kölner Klaus Uwe und Hans nach dem Duschen noch ins Örtchen zum Provianteinkaufen wollen, möchte ich nochmal kurz in die Kirche - und ich soll es nicht bereuen. Von der ursprünglich um 1200 erbauten Kreuzkirche blieben nach mehreren Bränden nur noch die Wände des Altarraumes und des Querschiffes erhalten, alles andere wurde neu gebaut. Trotzdem gilt sie als älteste Steinkirche Norwegens in Kreuzform. 


Als ich sie betrete, nimmt mich sofort wunderschöne Musik gefangen. Drei Männer, um die 40 Jahre alt und modern gestylt, sowohl was Kleidung als auch Körperschmuck anbetrifft, sitzen in der Nähe des Altars. Einer spielt am Klavier, einer Gitarre, ein weiterer hat eine Trommel zwischen die Knie geklemmt. Der Klavier- und der Gitarrenspieler singen zweistimmig, moderne Lieder, die mich schlicht weghauen. Ich setze mich vorne in die erste Reihe und höre ihnen zu. Sie proben eigentlich nur, aber sie spielen fantastisch, ausdrucksstark, gefühlvoll. Als ich mich mal umdrehe, weil ich ein Hüsteln hinter mir höre, sehe ich Helmut und Jürgen sowie einen weiteren Pilger in den nächsten Bänken sitzen, wie sie andächtig lauschen. Seitlich des Altars, verdeckt von der Orgel, stehen auf der Orgelsitzbank Kannen mit heißem Wasser, ein Glas Nescafé, daneben liegen auch noch Teebeutel und eine Tüte mit etwas Gebäck. Irgendwann stellt sich der Klavierspieler als der örtliche Diakon vor und bittet uns, sich zu bedienen. Eine Stunde lang können wir Zuhörer uns nicht von hier fortbewegen. Bis wir es dann doch tun - um ein besonderes Erlebnis unserer Pilgerwanderung reicher.


Helmut und Jürgen teilen mir mit, dass sie sich entschlossen haben, nicht im Gamle prestegard zu übernachten, sondern noch weiterzugehen. "Wir haben gerade Flügel bekommen", sagen sie strahlend.


"Aber die Pilgerherberge möchten wir uns doch noch ansehen, zeigst du sie uns?" Als ich sie durch die Räume führe, sind sie ganz begeistert, fotografieren jeden Raum, möchten von mir auch im Plüschsofa fotografiert werden. "Da war meine Pastoren-Dienstwohnung in Leipzig aber etwas kleiner!", sagt Helmut und schüttelt sich vor Lachen. Dann sind sie weg.


Abends sitze ich noch mit Klaus Uwe und Hans zusammen. Wir erzählen uns Geschichten vom Jakobsweg, den wir alle Drei kennen umd mutmaßen über den weiteren Verlauf des Olavsweges. Morgen jedoch wollen sie weiter gehen als ich, viel weiter, weil sie die Übernachtung in der nächsten Herberge (ohne Strom und Wasser, dafür mit Plumpsklo) fürchten. Wir werden sehen, ob sie damit gut beraten sind.




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Endlich Pilger in der Herberge

Die Schwalben wecken mich. Ungefähr 500 von ihnen nisten wohl keine zwei Meter von meinen Ohren entfernt hinter der Dachrinne. Nun werden Vögel ja munter, wenn der Morgen graut. Aber der graut zu dieser Zeit hier oben in Norwegen schon gegen 3 Uhr. Für den Menschen, der noch schlafen will, ein Grauen. Daher wohl die Bezeichnung "Morgengrauen"...


Nach dem Regen und dem Gewitter gestern Nachmittag hatte es schon am Abend aufgeklart. Im Laufe der Nacht hatte dann mein dünner Schlafsack immer mehr Mühe, meinen Körper warmzuhalten, aber als ich die Schwalben höre, bin ich sicher, nicht erfroren zu sein. Die Bäuerin hat mir ins Erdgeschoss bereits das Frühstück bereitgestellt, ich muss es nur noch raufholen und mir den Kaffee selbst kochen. Die Sonne scheint wie eine riesige Taschenlampe durch eins der kleinen Fenster genau auf einen Teil des Esstisches und so liegt es nahe, dass ich mir genau dort den Tisch decke. Ein paar wärmende Strahlen fallen sogar noch für mich ab und mit ihrer Hilfe, verbunden mit meinem Anorak und einer Tasse heißem Kaffee, hört das Frösteln bald auf.


Bei tiefblauem Himmel, aber einstelligen Temperaturen, ziehe ich bereits um 8 Uhr los. Fast 30 Kilometer sollen es heute werden und die werden auch nicht sehr attraktiv sein. Ich bin eben immer noch im Großraum Oslo und da sind immer noch größere Siedlungsbereiche, stark befahrene Landstraßen und Autobahnen an der Tagesordnung. Hinzu kommt, dass ich mich Gardermoen nähere, Oslos Großflughafen. Dann mischt sich Autolärm von der E6 mit dem Fluglärm. Aber so ist das nun mal. Ich bin darauf vorbereitet und es wird während meiner Tour auch wahrlich reizvollere Strecken geben. Deswegen stürme ich voran, je schneller ich es hinter mir habe, desto besser.


In der Tat sind es heute mehr als 80 % Landstraßen, zum Glück der größte Teil davon mit begleitenden Radwegen. Nur Radfahrer sind gar nicht so viele unterwegs, eher schon eine Spezies, mit der ich es bisher überhaupt noch nicht zu tun hatte: die Rollerskifahrer. Im Land der Skilangläufer nicht verwunderlich, aber dass die mit solch einem Tempo hier herflitzen, damit hätte ich nicht gerechnet. Nicht unbedingt gerechnet habe ich mit der Spezies, vor der auf Schildern gewarnt wird: den Elchen! Hier Elche? Aber warum nicht? Ich war schon wochenlang in Norwegen oder Schweden in den einsamsten Gegenden unterwegs, ohne jemals Elche gesehen zu haben. Als ich mit dem Überlandbus aus Lappland nach Stockholm zurückgefahren bin, standen am Rand der Autobahn kurz vor Stockholm gleich zwei im Straßengraben. Trotzdem rechne ich heute nicht unbedingt damit, dass mir hier das Gleiche passiert.


Auch in Norwegen gibt es die Gegenden mit Äckern und Wiesen und nur wenigen Wäldern. Diese hier in der Gegend um Jessheim ist wohl eine davon. Auf vielen Äckern steht noch kein Halm, andere sind nur spärlich grün überzogen. Wogende Getreidefelder, wie ich sie in Dänemark schon gesehen habe, gibt es hier noch nicht. Wald ist heute spärlich vertreten. Einmal für eine halbe Stunde ein Pfad durch ein dichtes Birkenwäldchen, dann mal niedrige Fichten und mit Flechten überzogene Felsblöcke - immer nur kurze Zeit, immer nur ein wenig. So, als will mir die Natur sagen: "Hier, heute mal nur ein paar Häppchen, bald gibt es mehr!"


Ich marschiere fast wieder durch, will es heute hinter mich bringen. Doch beim Hof Elstad, vier Kilometer vor meinem heutigen Ziel, stehen direkt am Wegrand zwei weiße Bänke und ein runder Tisch, darauf ein Topf mit Blumen. Am Stamm der großen Tanne hängt ein kleines Schild: "Pilgrimsrast". Es dauert nur Sekunden, da liegt mein Rucksack auf der einen Bank und ich sitze auf der anderen. Einfach eine schöne Geste: ein Stück seines Grundstücks für Pilger herzurichten, weil man weiß, dass es dankbar angenommen wird. Eine halbe Stunde sitze ich dort, schaue über ein Feld in ein kleines Tal hinab, wo Kühe auf einer Wiese stehen. Meinetwegen könnte die Strecke für heute auch erledigt sein, aber ein Stück ist es noch.


Weiter auf Asphalt, ohne Radweg, eng am Straßenrand, in Kurven geht es bergauf, Autos kommen mir entgegen oder überholen mich, manchmal beides gleichzeitig, dann wird es eng. Dann endlich sehe ich die Häuser von Risebru vor mir. Das erste davon könnte meine Herberge sein, ich hätte nichts dagegen. Und sie ist es tatsächlich, direkt bei der kleinen, steinernen Risebru (Rise-Brücke). Das große Haus daneben war ganz früher mal ein Bauernhof, dann das Haus eines Gerichtsvollziehers. Später wurde es ein Heim für "verwahrloste" Kinder und Jugendliche. In dem Gebäude, wo jetzt die Herberge untergebracht ist, mussten sie in einer Schuhmacherwerkstatt arbeiten.


Jan, der Besitzer von Haus und Herberge, bringt mich in diese alte Werkstatt. Unten ist es wie ein nettes kleines Appartement eingerichtet, sogar mit Waschmaschine und Wäschetrockner, aber eine Etage höher sieht es noch fast so aus wie früher, nur dass heute fünf Betten dort stehen. Die Deckenschräge hat noch ihren Originalzustand: Die Holzverkleidung ist teilweise mit Farbe verschmiert, aufgetragen mit groben Pinseln. Jahreszahlen sind zu lesen, aus der Zeit, als die Kinder hier arbeiten mussten: 1887, 1893... Jetzt stehen diese Farbkleckse und Jahreszahlen unter Denkmalschutz, Jan darf nichts dran ändern.


Für mich ändert sich heute was. Am frühen Abend kommen Helmut und Jürgen mit schweren Rucksäcken hereinspaziert, beide, wie die Namen vermuten lassen, Deutsche, beide vielleicht noch ein, zwei Jahre älter als ich, beide wollen sie auch den Olavsweg gehen. Der Anfang einer längeren Bekanntschaft? Wer weiß!


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Heftig durchgeschüttelt

Mich schüttelt es! Warum? Später!


In der Nacht werde ich drei Mal wach und bin jedesmal der Überzeugung: Jetzt wird es Zeit aufzustehen! Der Blick auf den Handywecker lässt mich aber immer wieder ins Kissen sinken. Es ist draußen einfach immer noch oder schon wieder so hell, dass ich meine, die Nacht sei rum. Daran werde ich mich gewöhnen müssen - und es wird sogar noch krasser. Mittsommernacht ist erst in drei Wochen und ich bin dann noch weiter im Norden.


Das Hotel-Restaurant, wo das Frühstücksbuffet steht, ist mit etwa 50 Menschen fast voll besetzt. Vier davon sind Touristen, das sind zwei ältere Ehepaare, ein älterer Pilger, das bin ich. Der Rest ist durchweg männlichen Geschlechts und der ist garantiert der Kategorie "Handelsreisende" zuzurechnen. Alle mit weißem oder hellblauem Hemd und Krawatte, alleine oder in Grüppchen. Als sie mich in meinem Hemd, Marke Wander-Ķariert, sehen, schauen sie mich etwas irritiert über ihre Kaffeetassen hinweg an. Nach ihrem Frühstück starten sie durch. Ihre Wagen (der gehobenen Klasse) stehen draußen auf dem Hotelparkplatz und von diesem sind es nur wenige Meter zu einer der Osloer Stadtautobahnen oder zur Autobahn E6. Ich glaube zwar nicht, dass sie auf der Letzteren bis zum Nordkap wollten (das ginge nämlich!), aber Hamar, Lillehammer oder Trondheim ginge ja auch. Eigentlich könnte ich mich ja mit dem erhobenen Daumen an die Parkplatzausfahrt stellen. Ich sympathischer älterer Herr würde von einem der Jungs bestimmt mitgenommen, dann wäre ich viel früher am Ziel... Nein, nicht für Geld und Blumen!


Zunächst geht es für mich wieder etwas auf Straßen entlang. Alle haben nicht viel Verkehr, nur das Rauschen der Autobahnen höre ich noch lange. Erst bei der Kirche von Skedsmo ist es endlich deutlich ruhiger. Nicht weit vom Kirchenportal entfernt steht der nächste Pilgerweg-Meilenstein. 608 Kilometer sollen es von hier bis Trondheim noch sein. Ich war zwar in der Schule in Mathematik nie eine Leuchte (ganz im Gegenteil, ich war immer eine Niete!), aber 35 km bin ich seit Oslo noch nicht gewandert. Damit weiß ich aber jetzt schon mal, was ich von den Kilometerangaben auf diesen Meilensteinen zu halten habe. 


Die Kirchentür steht offen. Putzt die Frau Pastorin wieder die Kirchenbänke? Vielleicht ist ja von höherer Stelle großes Reinemachen verordnet worden... Ich gehe gerade Richtung Tür, da ertönen die Glocken und die Tür wird mir vor der Nase zugemacht. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Grund: Etwas abseits des Portals steht ein Sargwagen und wartet auf seinen Einsatz. Oh, jetzt wäre ich hier bald in eine Beerdigung geplatzt. Zeit für eine Rast auf dem Friedhof ist sowieso noch nicht, also weiter! 


Boah, mich schüttelt's immer noch...!!!


Am Farseggen-Hof stoße ich das erste Mal auf eine aufgehübschte ehemalige Milchkannen... , wie heißt das eigentlich?... auf ein Milchkannengestell? Milchkannenablage? Milchkannen...tisch? Jedenfalls auf so ein Ding, wo der Bauer früher immer seine gefüllten großen Milchkannen draufgestellt hat, damit ein Molkereifahrzeug sie dort abhole. Die Pilgerwegsorganisatoren haben wohl durchgesetzt (und bezahlt), dass diese ??? neu instandgesetzt wurden und für Pilger als windgeschützte Raststätten oder sogar als Übernachtungskojen genutzt werden können. Ideen muss man haben!


Im Dorf Farseggen die ersten alten typisch norwegischen Holzhäuser im Postkartenstil und in Ochsenblutrot, das ein oder andere mit einem alten Stabbur, jenen hoch auf Steinen gesetzten Vorratshäusern, bei denen selbst die Treppenstufen einen Abstand zur Tür bewahren, um Mäusen und anderen Kleinräubern keine Chance zu geben. Es norwegelt immer mehr! Das wird auch nicht anders, als ich wieder eine Zeit lang an einer breiteren Straße entlang muss. Die Autorin meines Pilgerführers spricht an dieser Stelle eine Warnung aus: "... es steht Ihnen ein langes, zermürbendes Wegstück entlang einer Landstraße durch offene Landschaft bevor. " (Outdoor, Norwegen - Olavsweg, S.54) Pffff..., über knapp zwei Kilometer mal an einer wenig befahrenen Landstraße entlangzugehen, kann doch wohl kein Problem sein! Da bin ich aus Deutschland und Dänemark anderes gewohnt.


Dennoch freue ich mich, dass bald nach meiner Rast auf dem Friedhof der Frogner kirke heute nochmal ein schöner Waldabschnitt kommt. Und der ist - das merke ich - erneut ganz schön "norwegisch": engste Pfade durch dichten Wald, Blaubeerbüsche, Felsplatten, Stock-und-Stein-Wege, Moose und Flechten. Ich muss sehen, wohin ich meine Füße setze, wo die Markierungen sind. Inzwischen kann ich das sagen: Es gibt mehrere Arten von Markierungen, und der Pilger lernt schnell, sie auszumachen. Sie zu entdecken, wird ihm zur zweiten Natur. In einer detailreichen Landschaft voller Vorder- und Hintergründe erspäht sein Auge sofort den klotzigen Meilenstein, den Holzpfahl mit der Tontafel, das Stück Dachlattenholz, das mit seinem aufgeschraubten kleinen Blechschild in den Bäumen hängt, den Aufkleber an den Laternenmasten, den gelben aufgemalten Pfeil. Die Zeichen befinden sich hier und da, ohne dass man - mit Ausnahme der Meilensteine - einen konstanten Abstand zwischen ihnen definieren könnte. Dank der jahrhundertelangen Erfahrung auf den Jakobswegen nach Santiago de Compostela sind sie nun auch hier auf dem Olavsweg nach und nach an die entscheidenden Stellen gerückt. Hier ein schnurgerader Abschnitt, der ein wenig zu lang ist, sodass Zweifel aufkommen und der Pilger am liebsten umkehren möchte: Ein Holzpfahl mit der Tontafel beruhigt ihn und fordert zum Weitergehen auf. Dort eine Straßengabelung, an der der Vorbeikommende zögernd stehen bleibt: Ein gelber Pfeil gibt unmissverständlich an, wo es langgeht. Die großen gelben Pfeile, die sich leicht aufmalen lassen und nicht viel kosten, sind die einfachen Soldaten der Wegmarkierungen, während die Meilensteine eher wie Offiziere wirken.


Kurz bevor der Wald endet komme ich an einem der großen Unterstände vorbei, die es wohl auch immer mal wieder geben soll. Die Hütte Rulla ist einer von ihnen. Nur an drei Seiten geschlossen und mit einer Plane ausgelegt, bietet sie mindestens für zehn Personen Platz für eine Schlafsackübernachtung. Davor zwei Holzbankgarnituren und eine offene Feuerstelle - es könnte alles schön und romantisch sein. Ich bezweifle nur, dass speziell diese Hütte Anlaufpunkt von Pilgern ist. Einweg-Grillschalen fliegen herum, leere Bierdosen und Schnapsflaschen, eine noch halbvolle Literflasche Cola, der Boden vor der Hütte übersät mit Zigarettenkippen. Über sowas könnte ich mich fürchterlich aufregen!


Als ich ganz aus dem Wald heraustrete, muss ich einmal tief durchatmen. Völlig unerwartet kommt mir - nach einem schönen sonnigen, aber nicht zu warmen Tag - eine schwarze Regenfront entgegen. Wenn die mich trifft... na danke! Glücklicherweise habe ich es nicht mehr weit bis zu meiner nächsten Unterkunft, der Pilgerherberge Arteid Vestre gard. "Gard" steht für Bauernhof und Bauernhöfe haben entlang des Olavsweges oft Herbergen für vorbeiziehende Pilger eingerichtet. Gerade die Stabburs boten sich dafür an, wurden sie doch als Lagerräume für Lebensmittel im Zeitalter der Kühlschränke nicht mehr gebraucht und in den Scheunen, Ställen und Schuppen des Hofes gibt es Lagermöglichkeiten genug. Also wurden sie nochmal ein wenig auf Vordermann gebracht, mit alten Möbeln und Einrichtungsgegenständen von früher gemütlich gestaltet und fertig war die Pilgerherberge. 


Im rotbraunen Stabbur von Arteid Vestre gard ist das nicht anders. Ich bin hin und weg, als mich die Bäuerin hinbringt und alles zeigt, während draußen der Regen beginnt: In der oberen Etage eine voll ausgestattete Wohnküche mit Schlafsofa sowie zwei Räume mit jeweils zwei Betten und nochmals zwei Schlafplätze im Dachstuhl, zu dem eine breite Sprossenleiter hochführt. An der Wand hängt ein riesiges Wildschweinfell und ein alter Rucksack, von der Decke hängt ein kleiner, alter Pflug, am Treppenaufgang lehnt ein altes Wagenrad, auf den beiden Tischen stehen dicke Kerzen, neben dem Herd unter der Anrichte ist neckisch ein ausgestopfter Fuchs aufgestellt und vom Dachstuhl schaut ein Bussard auf mich herab. Strom gibt es auch, nur für Wasser muss ich mit einem Kanister über den Hof. Dort ist ein Anschluss direkt neben Dusche und Toilette. 


Und dann noch das Beste: Unter dem Wildschweinfell steht... Achtung!: ein Fußmassage-Sessel! Seitdem ich angefangen habe mit Schreiben, lasse ich mir die Füße massieren. Jetzt reicht es aber auch!




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Nur ein Stück "richtiges" Norwegen

Frau Samsung verabschiedet sich von mir mit einem breiten Lächeln, als ich gerade aus dem Bett steige. Ich nehme an, ihr Zug fährt früh, wo immer es auch hingeht. Umso besser, so kann ich mit voller Konzentration nochmal meinen Rucksack kontrollieren und dann die Tür meines Hostelzimmers hinter mir schließen. An der Rezeption frage ich sicherheitshalber nochmal nach, ob mit meiner Buchung für den 3. Juli, dem Tag meiner Rückkehr nach Oslo, alles klar ist, und als mir dies bestätigt wird, gehe ich beruhigt in mein nächstes "Abenteuer". 


Ich hatte es befürchtet: Der Start zu meiner Olavsweg-Wanderung beginnt im Nieselregen. Der Wetterbericht hatte ihn schon angekündigt. Aber eigentlich hat er sich dafür einen günstigen Tag ausgesucht. Der Tag wird davon bestimmt sein, den Weg aus Oslo herauszufinden und die landschaftlichen Highlights finden heute noch nicht statt. Also Anorak zugezogen und Hut auf! Das Thermometer bei einer Apotheke zeigt 13 °C, also exakt 10° weniger als gestern. Für mich die angenehmeren Temperaturen. Nach 500 m nochmal wie gestern: Schnellfrühstück in einer - was man in Italien oder Spanien Bar nennen würde. Ich nehme an, fast alle, die reinkommen, haben zu Hause nicht gefrühstückt und gönnen sich jetzt hier eine Kleinigkeit zu essen und vor allem einen Kaffee, um anschließend zu ihrer Dienst- oder Arbeitsstelle zu eilen. 


Ich mache mich auf den Weg durch das Zentrum, entlang der modernen Gebäude, der neuen Oper, entlang der großen Baustellen, Norwegen boomt. Ich quere stark befahrene Straßen über Fußgängerbrücken, Autolärm und Abgase, Lärm von Presslufthämmern belästigen mich. Ist das auch schon wieder pilgern? 


Irgendwann bin ich dann tatsächlich dort, wo der Olavsweg offiziell beginnt: bei den Ruinen der im frühen 12. Jh. gebauten St. Hallvard Kathedrale, die nach einem der wichtigsten Heiligen in Norwegen benannt ist. Hallvard Vebjornsson ist heute noch der Patron Oslos. Da die alte St. Hallvard Kathedrale eine sehr wichtige Rolle in der Wallfahrtsgeschichte des Landes einnimmt, wurde beschlossen, den Olavsweg hier beginnen zu lassen.

Der erste Meilenstein aus Granit steht vor mir mit der Inschrift "643 km til Nidaros". Sechshundertdreiundvierzig Kilometer - ab jetzt wieder zu Fuß. Ich bin wieder auf dem Weg! Eigentlich sollte jetzt das schnelle Abschieds- oder Startfoto gemacht werden. Betont lässig müsste ich mich jetzt auf die Steintreppe neben den Meilenstein setzen, die Ruine im Rücken, nicht ohne vorher den Selbstauslöser betätigt zu haben und dann zur Treppe gewieselt zu sein. Noch einmal im Bild festhalten. Statischer Moment. Ich finde aber nichts, wo ich - in Ermangelung eines Stativs - günstig meine Kamera drauflegen könnte und noch dazu dieser Nieselregen... Also, zack!, ein schnelles Foto von meinem Rucksack, lässig angelehnt an den Meilenstein - fertig!


Von jetzt an auf Bürgersteigen weiter, Verkehrskreisel, Autobahnauf- und -abfahrten, Unterführungen, Zebrastreifen, Ampeln, Tankstellen, Bürogebäude, Werkhallen, Recycling-Anlagen, Autobahnbrücken. Entspannend für mich ist, dass die Strecke aus Oslo heraus exakt markiert ist, nie kommen Zweifel auf. Sehr angenehm auch und neu für mich, dass ich den Pilgerführer in Laufrichtung lesen kann, das war bei den vorherigen Wegen bisher ja immer anders. 


Durch ein kleines Wohngebiet bergauf stehe ich auf einmal vor einem großen Friedhof, mitten drin an der höchsten Stelle die Ostre Aker Kirke. Die Tür steht weit offen. Keine schlechte Vorstellung, dem Nieselregen für einen Moment zu entkommen, und die Zeit für eine Rast ist sowieso. Da offene Kirchen - im Gegensatz zu Dänemark - in Norwegen eher die Ausnahmen sind, gerade auch entlang des Pilgerweges, schaue ich vorsichtig hinein. Eine Frau wischt mit einem Tuch gerade die Kirchenbänke ab und ich frage sie auf Englisch, ob ich eintreten dürfe. Die Frau durchschaut mich und fragt mich - auf Deutsch -, ob ich Deutscher sei und bittet mich lachend hinein. Wie sich bei unserem Gespräch herausstellt, ist sie auch Deutsche aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn und hier die Pastorin. Während des Theologiestudiums in Tübingen war ein Norweger aus Oslo einer ihrer Kommilitonen, jetzt sind sie beide verheiratet und als evangelische Seelsorger tätig. "So kommt man nach Norwegen und wird dort Pastorin", lacht sie und beginnt dann mit einer kleinen Führung durch die Kirche, die 1860 erbaut worden ist. "Das Besondere an unserer Kirche ist nicht das Alter oder eine spezielle Ausstattung, sondern... aber schauen sie selbst...", dabei führt sie mich vor die Kirchentür. "Dort das Haus innerhalb unserer Kirchenmauer war das Haus der Totengräber, und dort, das langezogene Holzgebäude ist bzw. war der Kirchenstall. Immer wenn die wohlhabenden Bauern zu Pferd oder mit Kutschen zum Gottesdienst kamen, stellten sie dort ihre Pferde unter. So etwas gibt es in ganz Norwegen nur noch vier Mal!" Wieder in der Kirche stempelt sie mir noch meinen Pilgerpass und füllt meine Wasserflasche auf ("Nicht von der Toilette, ich hole besseres Wasser aus der Sakristei!").


Die Vorstädte dünnen sich nach einigen Kilometern langsam aus, machen hier und da Platz für allein stehende bunte Holzhäuser. Parkanlagen, Kindergärten, Schulen, McDonalds, IKEA und ein Harley Davidson-Shop sagen mir, dass ich den wahrscheinlich belebtesten Teil meines Weges in Norwegen hinter mir gelassen habe. Dennoch sollte ich daran erinnern, dass der Pilger kein Tourist ist. Er kann nicht verlangen, überall das Erhabene und Wunderbare zu finden, und wenn ihn später die Pfade an den Hängen des Gudbrandstals oder über das Dovrefjell mit ihren Schönheiten vielleicht verwöhnen werden, ist das noch lange kein Grund, dasselbe von allen norwegischen Regionen zu erwarten.


Wenig später komme ich bei einer viel befahrenen Straße an einem deutschen Soldatenfriedhof vorbei. Allesamt Gefallene der Jahre 1942 - 45. Es stimmt nachdenklich, hier zu stehen und es stimmt traurig. Inmitten von Toten. Von toten Jugendlichen, ja fast toten Kindern. Liest man die Geburts- und Todesdaten auf den Grabsteinen oder Kreuzen, wird der Gedanke Soldat obskur und pervers. Soldatenfriedhof. Da sind 17-jährige und 20-jährige begraben, Kinder, ohne jemals die Chance auf ein Leben gehabt zu haben. Ohne Träume, ohne Perspektiven und ohne Zukunft. Getrieben in einen Krieg im Wahn. Vielleicht haben sie sich treiben lassen, über die Gründe ihres Hierseins verbiete ich mir das Denken. 


Hinter Furuset dann das erste Mal ein Stückchen "richtiges" Norwegen! Ich muss durch das Gebiet Gjellerasen. Ein Pfad durch ein lichtes Birkenwäldchen, ein recht ordentlicher Anstieg, Holzpfosten mit dem Olavskreuz stehen am Rand. Stock-und-Stein-Wege, die bei anhaltendem Regen wohl auch schon mal kleine Bachläufe sind, überzeugen mich jetzt bereits davon, dass die Entscheidung, von Wheelie auf Rucksack zu wechseln, richtig war. Zwischendurch verläuft der Weg immer wieder über große Granitsteinplatten, die wegen der Feuchtigkeit recht glatt sind. Dann geht es von der Kuppe wieder hinunter, weiterhin über die Platten, über Felsblöcke, lockere Kieselsteine. Ich muss vorsichtig und konzentriert sein, sonst ist meine Norwegen-Tour beendet, bevor sie richtig angefangen hat. Weiter! Ich umlaufe Matschpfützen, balanciere langsam über schlüpfrige Bohlenstege, muss dabei genau auf die kleinen Markierungen achten, die - auf kleine Hölzer aufgeschraubt - wie Weihnachtsbaumschmuck in den Bäumen hängen. 


Das Stück "richtiges" Norwegen bleibt ein einstündiges Intermezzo. Nach Überschreiten des kleinen Gebirgszuges hat mich im Tal die Straße wieder. Auf dem Radweg an ihrem Rand marschiere ich den letzten Kilometer nach Skjetten zu meiner Unterkunft, dem Hotel Olavsgard. Dieses ist nun weit von der Urigkeit einer norwegischen Pilgerherberge entfernt, gibt aber Zimmer an Pilger zu verbilligten Konditionen ab. Eine andere Unterkunftsmöglichkeit gibt es nach einem Tagesmarsch-Abstand ab Oslo eben nicht, da muss man mal in den sauren Apfel beißen. Und nahezu alle Pilger tun das.


Ein flüchtiger Blick auf die Speisekarte des hauseigenen Restaurants am Abend lässt meinen Hunger zusammensinken wie einen misslungenen Hefeteig. Nein, das ist leider nicht meine Preiskategorie. Außerdem schleppe ich ja meinen Proviantbeutel nicht umsonst mit mir herum...!


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Der König kommt! Der König kommt!

Im Anker Hostel hatte ich ein Bett in einem 4-Bett-Zimmer gebucht, war auch so schon teuer genug. Im Laufe des Abends, während ich mir meine Zeit mit dem Durchforsten meiner Sachen nach der Devise "Unbedingt nötig - überflüssig" und dann dem Umpacken vom Wheelie in meinen Rucksack vertreibe, beginne ich mit jeder Stunde, die es später wird, darauf zu hoffen, dass ich eventuell sogar alleine bleibe. Als um 22 Uhr immer noch keiner erscheint, bin ich mir sicher, dass ich auch diese Nacht wieder alleine bin. Um kurz nach Mitternacht lösche ich sehr zufrieden das Licht - und ich bin gerade eingeschlafen, da rumpelt es an der Tür. Das Licht geht an und es erscheint ein kleines weibliches Wesen, das nicht viel größer ist als sein Koffer. Unter leisen Selbstgesprächen, die eindeutig japanisch klingen, räumt sie ihren Koffer leer und bezieht ihr Bett. Dann kichert Madame Butterfly noch ein wenig am Handy, bis sie sich endlich bequemt, das Licht auszumachen.


Heute Morgen, als wir ziemlich gleichzeitig aufstehen, stellt sich heraus, dass sie Koreanerin und drei Wochen auf Europareise ist, schon in Belgien (Gent, Brügge, Brüssel) war und nach Oslo noch Prag, Wien und Rom besuchen möchte. Englisch spricht sie kaum, stattdessen lächelt sie viel. Die nächste Nacht werden wir auch noch zusammen verbringen.


Frühstück gibt es im Hostel nicht, und da meine Vorräte aufgebraucht sind und erst heute wieder aufgefrischt werden sollen, werde ich es machen wie auf dem Jakobsweg: Erstmal raus, draußen was suchen, wo es Kaffee und ein Baguette (oder so) gibt, dann sehen, wie es weitergeht. Auf dem Weg zum Pilgerzentrum werde ich schon was Passendes finden. - Ich finde nichts!


Das Pilgerzentrum ist für mich ein ganz wichtiger Anlaufpunkt, weil ich dort meinen Wheelie deponieren werde. Ich bin dort angemeldet und Pilgerpastor Jensen, der das Zentrum leitet, begrüßt mich im Hof, wo etliche neue Olavsweg-Markierungspfosten stehen, freundlich. "1997, also vor genau 20 Jahren", sagt er mir in gutem Deutsch, "hat unser Kronprinz Haakon den Olavsweg offiziell neu eröffnet. Dennoch haben wir, als streng protestantisches Land, vom Staat keine finanzielle Unterstützung zur Installation eines Pilgerweges bekommen. Jetzt, zum Jubiläum, hat er uns eine Millionen Kronen (ca. 120.000 €) zur Verfügung gestellt. Damit können wir u.a. unsere Wegmarkierung optimieren." Ich muss ihm gestehen, dass ich erst seit etwa zwei Jahren weiß, dass Trondheim - bzw. Nidaros, wie der damalige Name lautete - im Mittelalter unter Pilgern genauso bedeutend war wie Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Das war eine überraschende, unbekannte Tatsache für mich, obwohl schon damals in der Schule Geschichte eins meiner Lieblingsfächer war, ich historische Romane mag und auf Reisen auch gerne durch Museen streife. "Die Reformation und andere Faktoren ließen den Olavsweg etwas in Vergessenheit geraten - bis ein Pilgertrend den Jakobsweg "zu voll" werden ließ und die Olympischen Spiele in Lillehammer den Tourismus in dieser Region mitten in Norwegen ankurbelten.", lacht Pastor Jensen mich an. "Und wir als Evangelische Kirche haben uns diesem Gedanken der Wieder-in-Wert-Setzung des alten Pilgerweges gerne angeschlossen und unterstützen ihn sehr aktiv."


Drinnen in seinem Büro, wo mein Wheelie die nächsten Wochen einen angemessenen Ehrenplatz erhält, fragt er mich, ob ich schon einen Pilgerpass habe (Natürlich!), ob ich einen der Pilgerführer habe (Noch natürlicher!), ob ich Kartenmaterial habe (Jau, jau!). Inzwischen sind zwei deutsche Pilgerinnen ebenfalls im Büro erschienen. Es wird gefragt, geantwortet, erklärt, gefachsimpelt. Als alles klar zu sein scheint, bietet uns Pastor Jensen seinen Pilgersegen an - und keiner von uns Dreien lehnt ihn ab. Mit einem kurzen Gebet, dem Vaterunser und den Irischen Segenswünschen schickt er uns auf den Weg, jeden auf seinen ganz eigenen.


Ich werfe Willi nochmal einen Blick zu, bevor ich das Büro von Pastor Jensen verlasse und bin sicher, dass es ihm die nächsten fünf Wochen hier gutgehen wird. Dann beginnt der zweite Teil des Tages. Nach einem Sandwich und einem großen Kaffee in einem Laden, von denen es dann doch alle fünfzig Meter in Oslo einen gibt, stürze ich mich ins touristische Getümmel. Nach vier Wochen dünnbesiedeltem Agrarland Dänemark, wird es hier für mich regelrecht körperlich eng. Alles drängt und verdrängt und fließt in Oslo und ist geschäftstüchtig und man schwimmt mit, man kann sich dem nicht entziehen, wird ohne es zu wollen zu einem Teil all dessen. Wie wohl in fast allen Metropolen dieser Welt.


Schwärme von Japanern (oder Koreanern?) stehen mit ihren Selfiestangen vor dem Schloss, staunen über die Wachablösung und hoffen wohl insgeheim, einen Blick auf den König werfen zu können. - Und jetzt kommt's! Sie können es tatsächlich! Und ich auch! Auf einmal greifen sich die Wachhabenden ans Ohr (da stecken wohl Kopfhörer!), Sicherheitsgorillas erscheinen aus dem mittlerenTorbogen des Schlosses, bitten die anwesenden Touristen energisch, eine Gasse freizumachen, ein dicker Mercedes bleibt kurz im Torbogen stehen, dann rollt er an, die Japaner fechten mit ihren Selfiestangen - und König Harald und Kronprinz Haakon rollen, huldvoll lächelnd und winkend, langsam an uns vorbei Richtung Stadt - ohne Polizeieskorte, nur noch mit einem Wagen (wahrscheinlich mit Sicherheitsleuten) im Gefolge. Ja, dass ich das nochmal erleben darf! Wahrscheinlich holen Opa und Papa jetzt die Kinder vom Kindergarten ab und Mama Mette Marit (wird die so geschrieben?) muss kochen.


Schön ist es, im immer wärmer werdenden Oslo die Prachtstraße vom Schloss hinunter in die Stadt zu laufen, teilweise eine schattenspendende Allee entlang, vorbei am Nationaltheater und der Universität. Am Weg zu den Hafenanlagen der Ausflugsschiffe bei Akerbrygge liegt das monumentale Rathaus, jedes Jahr im Dezember Schauplatz der Überreichung des Friedensnobelpreises. Natürlich lasse ich mir die Große Halle, wo das immer geschieht, auch nicht entgehen. 


Am norwegischen Parlament und am Hauptbahnhof vorbei komme ich letztlich zu einer erst in den letzten Jahren entstandenen baulichen Attraktion, die mich fast noch am meisten beeindruckt. Eine Meisterleistung der modernen Architektur: das neue Opernhaus. Umgeben von riesigen Baustellen (u.a. sollen in der Umgebung eine große Bibliothek und das neue Munch-Museum entstehen) liegt dieses Prachtstück in strahlendem Weiß vor mir. Dieser Oper kann man im wahrsten Sinne des Wortes "aufs Dach steigen". Und die Menschen tun das auch. Über eine Art riesiger Rampe, die gleichzeitig auch Teil der Dachkonstruktion ist, steigen Menschen hoch - oder legen sich auf dieser schiefen Ebene hin, um sich zu sonnen oder um von ganz oben einen fantastischen Blick auf den Fjord, die Hafenanlagen, die Stadt, die futuristischen Neubauten in Oslos Osten oder die gigantischen Baustellen in unmittelbarer Umgebung zu genießen. Ich bin schwer beeindruckt.


Nichts ist ja ermüdender, als so durch eine Stadt zu schlurfen. Und dann noch einkaufen müssen, ist auch nicht prickelnd. Muss aber sein...! Geht auch vorbei! Um 17 Uhr bin ich froh, wieder auf dem Hostelzimmer zu sein. Außer meinem ist nur das Bett der Koreanerin bezogen, heißt also, NOCH ist keiner (oder keine) dazugekommen. Vielleicht ist es aber hier auch gute Sitte, dass Neuankömmlinge erst ab 24 Uhr aufschlagen. Trotzdem lege ich erleichtert meine Bauchtasche ab - und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass sich darunter noch mein Wheelie-Bauchgurt befindet. Himmelsacra...! Da habe ich Ochse doch im Pilgerzentrum vergessen, dieses Ding abzunehmen und es dem Willi anzuklicken...! Und jetzt? Das Pilgerzentrum ist geschlossen. Morgen früh wird erst wieder um 10 Uhr geöffnet und es wäre zudem ein Riesenumweg und damit ein weiterer Zeitverlust. Bleibt nur das Hostel. Ich gehe nochmal runter zur Rezeption und bitte um eine Lagerungsmöglichkeit. "Kein Problem! Da vorne hinter der orangen Tür ist unser Lagerraum. Da stehen zwar im Prinzip nur Koffer drin, die nur kurzfristig hier gelagert werden, aber dieses kleine Teil nimmt ja keinen Platz weg."


Also, das muss ich ja sagen: Der Willi hat es eindeutig besser bei Pastor Jensen im Büro angetroffen als sein Gurt hier im dunklen Lagerraum..., aber da kann ich jetzt auch mal nix dran ändern!


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Rüber nach Oslo!

Um 8 Uhr spaziere ich die etwa 700 m lange Gangway hinunter, die mich von der Touristeninformation in Frederikshavn bis zum Terminal der Stena-Line bringt. Am Ticketschalter ist gar nicht so viel los, wie ich vermutet hatte. Erst etwas später wird mir klar, dass sich hier nur die Fahrgäste aufhalten, die - wie ich - zu Fuß, mit dem Bus oder Zug nach Frederikshaven angereist sind oder ihren Wagen auf einem der Parkplätze der Stadt zurückgelassen haben. Die anderen sitzen alle in ihren Autos und warten darauf, auf die Fähre fahren zu dürfen.


Zwanzig Minuten nach Erhalt des Tickets bin ich auch schon auf der Fähre - was mich ein wenig wundert. Keine Gepäck-, keine Personenkontrolle! Ich erinnere mich noch an die Fährüberfahrt im letzten Jahr von Aberdeen auf die Shetland Inseln zum Beginn meiner langen Schottland-Tour. Da wurde das Gepäck noch einer sehr gewissenhaften Sicherheitskontrolle unterzogen. Was ja auch in Ordnung und in den heutigen Zeiten bestimmt sinnvoll ist. Wo liegt denn der gravierende Sicherheitsunterschied zwischen einem Flugzeug mit zweihundert Passagieren und einer Fähre mit mehr als doppelt so vielen? Nur eine Ausweiskontrolle erscheint mir da etwas wenig, ja sogar leichtsinnig.


Mein erster Weg führt mich an den Schalter des "Passenger-Service". Zunächst hätte ich noch gerne einen Stempel für meinen Pilgerpass. In Frederikshavn, dem Anfangs- bzw. Zielort des Heerweges, war nirgends ein Stempel aufzutreiben, noch nichtmal in der Tourist-Info, denn die hatte zu. Doch hier kriege ich einen. Und was für einen! Den größten der ganzen Tour. Dann möchte ich noch bitte meinen Wheelie irgendwo lagern. Den ganzen Tag mich mit ihm auf der Fähre zu bewegen, wäre ein wenig lästig. "Kein Problem, gleich nebenan ist ein kleiner Gepäckraum. Kostet allerdings 40 Kronen Lagergebühr." Bei umgerechneten ca. 5 € kann ich damit leben und Willi muss zu seinen Halbbrüdern, den Koffern. 


Dann ein erster Rundgang durch die Fähre: Salon, Cocktailbar, Disco, Spa, Sauna - mal sehen, wahrscheinlich eher nicht. Sonnendeck vielleicht auch nicht, jedenfalls vorerst nicht, denn es sind sehr dunkle Wolken aufgezogen und beim Auslaufen beginnt es auch zu regnen. Aber der Kapitän spricht bei seiner Begrüßung über Lautsprecher nur von vereinzelten Schauern und späterem Aufklaren. Selbstbedienungsrestaurant höchstwahrscheinlich, denn ich habe noch - in aller Bescheidenheit natürlich - ein paar Dänische Kronen auszugeben, außerdem das Ende des Heerwegs und den Beginn meiner Zeit in Norwegen zu feiern. Zum Schluss meiner Erkundungstour finde ich noch ein lauschiges und windgeschütztes Plätzchen mit Polstersesseln, also alles bestens. Ich hole mir noch einen Kaffee und die Überfahrt kann beginnen. 


Zwei Stunden lang sehe ich durch die Panoramascheibe dem Regen beim Regnen zu, dann klart es - wie angekündigt - wieder auf und der Himmel wird blau. Wie lange bzw. wie oft werde ich blauen Himmel über Norwegen erleben? Werde ich weiterhin mit ihm solches Glück haben wie in Deutschland und erst recht in Dänemark? Es kann auch anders kommen. In Berichten anderer Pilger habe ich schon von wochenlangem Dauerregen gelesen, sogar von Schneefall. Besonders in den Höhenlagen des Dovrefjells muss man selbst im Juni noch damit rechnen. Wie sind die Pilgerunterkünfte auf dem Olavsweg? Muss ich wieder mit kalten Abenden und Nächten rechnen oder doch mit uriger Behaglichkeit? Werde ich andere Pilger in diesen Herbergen antreffen oder muss ich mich wieder hauptsächlich mit mir selbst unterhalten? Wie anstrengend wird der Weg? Bin ich durch die lange "Anreise" ausreichend auf ihn vorbereitet? Sind Kleidung und Ausrüstung für die anstehenden Bedingungen richtig gewählt? Fragen über Fragen, aber die Antworten kann nur der Weg selbst bringen.


Die Pilgerroute des Olavsweges verläuft in der Nähe zur heutigen E6, der Verbindungsstrecke von Oslo zu den Lofoten und zum Nordkap. Er war schon früher der Weg des Volkes, der Post, der Könige, der Händler und der Pilger. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich kaum vom Ochsen- oder Heerweg, nur dass hier keine Ochsen im großen Umfang getrieben wurden. Nidaros, das heutige Trondheim, war im Mittelalter ein bedeutsames Pilgerziel. Pilger aus ganz Europa pilgerten zum Wallfahrtsort, dem Dom zu Nidaros, um Buße zu tun, um Heilung zu erfahren, denn der Dom wurde auf dem Grab des heiligen Olav errichtet.

Wer war eigentlich dieser Olav, nach dem man einen Pilgerweg in Norwegen benannt hat. Nicht nur einen, sondern genau genommen DEN Pilgerweg in ganz Skandinavien. Wer war der Mann, dessen Name noch heute der am häufigsten vergebene Vorname in Skandinavien ist.


Olav II. Haraldson wurde im Jahr 995 geboren und entstammte dem wikingischen Königshaus des Harald Silberhaar (Ich finde, die hatten früher wirklich schöne Namen: Blauzahn, Silberhaar...). Nördlich von Kristiania, dem heutigen Oslo, wuchs er auf und ging schon in jungen Jahren auf die durchaus bekannten wikingischen Eroberungsfahrten. Warum, wie und wann Olav zum Christentum konvertierte, ist heute nur schwer nachvollziehbar, und so bemüht man die Sagen und Legenden um ihn, die allesamt von seiner Taufe im Rahmen einer Eroberungsfahrt im französischen Rouen ausgehen. Schon kurz danach kehrte er zur Thronbesteigung nach Norwegen zurück und brachte erstmals in der Geschichte des Landes katholische Bischöfe mit, ein sicheres Zeichen seiner Absichten. Mit seiner Inthronisierung hatte er sich die Christianisierung Norwegens zur Aufgabe gemacht. 

Aber nicht nur das macht Olavs Popularität im heutigen Norwegen aus, denn neben seinen vielen Missionsreisen durch das ganze Land gelang es ihm auch, das Land zu einen und zu vereinheitlichen, eine nationale Identität zu schaffen, den Weg von der Stammesgesellschaft zur Nation zu beschreiten. Ein steiniger Weg und nur der Anfang, wie sich später erst zeigte, denn der Widerstand gegen seine Herrschaft wuchs unter den Stammesfürsten schneller als seine Reformen griffen. Am Ende musste Olav fliehen und ging ins Exil nach Kiew. 1030 kehrte er zurück, um seinen Machtanspruch erneut geltend zu machen, fiel aber in der sagenumwobenen Schlacht von Stikklestad am 29. Juli desselben Jahres, dem Tag, an dem heute noch in Trondheim das Olavs- oder Nidarosfest gefeiert wird.


Seine Anhänger bargen den Leichnam vom Schlachtfeld und bestatteten ihn am Fluss Nidelven, der Stelle, an der später der Nidarosdom errichtet wurde. Es dauerte nicht lange bis von wundersamen Dingen berichtet wurde. Eine Sonnenfinsternis, die als göttlicher Zorn gedeutet wurde, spontanes Genesen schwer Erkrankter und die Heilung eines alten Leidens einer derer, die Olav getötet hatten und mit seinem Blut in Berührung gekommen waren. Der Weg zur Heiligsprechung war geebnet. Die Folge war eine ungeahnte Popularität Olavs. Ein wahrer Pilgerstrom setzte seinerzeit ein, ließ erst spät nach und verebbte schließlich, als im Zuge der Reformation das Pilgern zwischen 1537 und 1953 (!) unter Androhung von Strafe im protestantischen Norwegen verboten wurde.


Nicht alle Teile des Olavsweges entsprechen heute mehr genau den Routen, die die Pilger in all den Jahrhunderten zuvor zurückgelegt haben. Genau lässt sich heute über weite Strecken einfach nicht mehr nachvollziehen, wie der damalige Pilgerweg verlief. Einiges ist im Lauf der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, anderes hingegen genau dokumentiert und dort, wo der Wegverlauf eindeutig bestimmbar ist und heute auch noch benutzbar, geht man auf den Pfaden wie einst die Pioniere vor nunmehr fast tausend Jahren. Überall dort, wo es ging, benutzten sie die sogenannten "Tjodveien", die öffentlichen Wege, die heute nicht mehr in dieser Form bestehen, weil sie - entweder vergessen und nicht mehr benutzt - wieder zu Feldern oder Wiesen wurden oder aber weiter ausgebaut wurden und heute Bestandteil des modernen Straßennetzes sind.


Zuverlässig überliefert ist, dass es schon zu damaliger Zeit eine gewisse Dichte von Unterkünften am Weg gab: normale Herbergen, Gasthäuser und vor allem die Saelehuseter, die Glückshäuser, Herbergen der einfachsten Art und ohne jede Versorgung der Reisenden. Häuser dieser Art werden auch zum Teil meine Quartiere sein.


Wird vom Olavsweg gesprochen, ist in aller Regel der Hauptweg, der sogenannte Gudbrandstalweg gemeint. Dieser ist der längste der Olavswege in Süd-Nord-Richtung oder, wenn man so möchte, als Fortsetzung der Pilgerwege aus Dänemark und aus Schweden. Er beginnt in Oslo, führt später durch das romantische Gudbrandstal und folgt dem Lauf des Flusses Lagen über Ringebu, Vinstra und Otta. Dann durchquert er die weiten Hochebenen des Dovre Fjells und führt über Oppdal entlang der Orkla, um dann durch ausgedehnte Moore und Wälder in Trondheim zu enden.


So viel zur Einstimmung auf das, was in den nächsten Wochen vor mir liegt. Doch erstmal kommt jetzt Oslo. Sobald die Fähre in unmittelbarer Zentrumsnähe angelegt hat, werde ich in aller Ruhe zu meiner Unterkunft im Norden der Stadt schlendern. Vier-Bett-Zimmer in einem Hostel. Treffe ich hier schon auf andere Pilger? Man sagt aber, dass kaum ein Pilger vor Anfang Juni in den Olavsweg einsteigt. Werde ich also den meisten anderen Pilgern "vorauseilen"? 


Heute ist eigentlich mein dritter Ruhetag. Zur Ruhe gezwungen sozusagen. Morgen noch ein Tag in Oslo - und ich kenne mich, auch da werde ich einige Kilometer "machen". 


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Dänemark: Check!!!

Der letzte Tag auf meinem Weg durch Dänemark fängt gut an. Zunächst das Wetter: allererste Sahne! Ich kann schon im Hemd vom Nebengebäude, wo ich untergebracht war, ins Haupthaus zum Frühstück gehen, morgens um 7.30 Uhr. Beim Verzehren der frischen Brötchen sitzt der Herbergsvater neben mir, und nachdem wir bereits gestern bei meiner Anmeldung eine Zeit lang über meine Tour gesprochen haben, möchte er jetzt nochmal alles ganz genau wissen. Dabei kommt auch die Spendenaktion für Michelle zur Sprache und er zeigt sich sichtlich betroffen. Als ich unmittelbar vor meinem Abmarsch zum Bezahlen in die Rezeption komme, erlässt er mir das Geld für das Frühstück - und für die ausgeliehene Bettwäsche. "Mein kleiner Beitrag für Michelle!", sagt er mit einem Lächeln. So klein ist dieser Beitrag nicht, er hat immerhin einen Gegenwert von etwa 15 €.


Mein Wheelie ist heute etwas schwerer. Meinen Rucksack habe ich ihm auf den Rücken geschnallt und den restlichen Inhalt des Pakets zusätzlich in seinem Inneren verstaut. Ich glaube, so recht weiß er jetzt nicht, was das soll. Eigentlich müsste ich jetzt nochmal drei Kilometer denselben Weg von gestern zurückgehen, um wieder auf den Heerweg zu kommen, aber das geht mir fürchterlich gegen den Strich. Denn erstens mag ich so Doppelbegehungen überhaupt nicht, zweitens hätte ich von Saeby nicht mehr gesehen als die Jugendherberge und drittens möchte ich gerne - und wenn es nur für ein paar Kilometer sind - ans Ostseewasser. Also Karte ansehen - umdenken - machen! 


Viele dieser nicht allzu großen Städte an Dänemarks Küsten sind ähnlich: gepflegte Wohngebiete mit flatternden Nationalfahnen, überschaubare Einkaufszonen, je näher man dem Wasser kommt die kleineren Gassen und ehemalige Fischerhäuschen, der Sportseglerhafen und dann der Strand. Genau diese Reihenfolge durchlaufe ich und von allem Aufgezählten ist der Strand am schönsten. 

Genauer gesagt: die Strandpromenade. So nennt sich jedenfalls der mit Betonplatten ausgelegte schmale Weg hinter den kleinen Dünen, der sich eine Weile zwischen Wasser und weißem Strand und den Campingplätzen und Ferienhaus-Parks entlangzieht. Wie herrlich bei diesem tiefblauen Himmel, der ruhigen See, bei im Sand spielenden Kindern, Spaziergängern und Radfahrern, die fast alle ein Lächeln im Gesicht haben. Viele Menschen sitzen noch beim Frühstück auf den Terrassen ihrer Ferienhäuser oder vor ihren Wohnwagen, Hunde tollen auf den Wiesen herum und einige Väter spielen auf dem Strand mit ihren Söhnen Fußball. 


Die Stimmung ist entspannt, noch nie haben mich so viele Menschen auf einem sechs Kilometer langen Abschnitt angesprochen. Natürlich immer auf Dänisch, sobald ich sie aber bitte, sich um etwas Englisch zu bemühen, klappt das Frage- und Antwortspiel ganz hervorragend. Eine Frau um Mitte 40 strahlt mich schon von Weitem an: "Ist das herrlich heute? Gerade jetzt, wo es noch so ruhig hier ist?" Und dann platzt es nahezu aus ihr heraus: "Meine Mutter heiratet heute!! Und sie ist 73 Jahre alt! Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben und jetzt will sie einen ganz lieben Mann heiraten. Wir sind alle so glücķlich darüber. Heute gibt es eine ganz tolle Party! Und das bei solch einem Wetter!" Ehe ich mich versehe fällt sie mir um den Hals und tanzt dann weiter die Promenade hinunter. Ich glaube, so etwas nennt man glücklich.


Wanderzeichen weisen aus, dass ich hier immer weiter bis Frederikshavn am Strand entlang gehen könnte, aber das geht nicht. Für die letzten Kilometer gehöre ich zurück auf den Heerweg, das ist Ehrensache. Durch ganz Dänemark hat er mich geführt. Okay, ich gebe zu, unterwegs habe ich ihn auch mal verlassen, um kurzfristig - ich sag es mal, wie ich es sehe - sinnvollere Streckenverläufe zu nehmen, auch um Unterkünfte überhaupt erreichen zu können oder zwischen Wander- und Radvariante zu wechseln. Aber so war das auch früher: Es gab nicht den einen Heerweg, sondern mehrere nebeneinander, damit Ochsenherden sich überholen konnten, Pilger oder Händler diesen mal ausweichen konnten. Ich mache nichts, was früher nicht auch gemacht wurde.


Ich löse mich also vom Weg am Wasser entlang, überquere einen Campingplatz und steige einen Hügel hinauf, nochmal von Meereshöhe auf etwa 80 m üNN. Immer wieder drehe ich mich um und freue mich über den immer besser werdenden Ausblick auf den Kattegat. Nach einem Schwenk auf einen Höhenweg komme ich gar nicht mehr richtig voran. Immer wieder muss ich anhalten und zum Wasser hinuntersehen. Gerade hier erinnert mich Vieles an schöne Tage auf meinem Nordseeküstenweg in Schottland im vorigen Jahr. Blicke hinaus aufs Meer haben etwas Magisches.


Der Höhenweg geht immer noch leicht bergauf, aber dann stehe ich auf dem Oksnebjerg. "Oksne" ist eine alte Pluralform des dänischen Wortes für Ochse. Der Name "Oksnebjerg" legt also die Vermutung sehr nahe, dass die Anhöhe eine der Stellen war, an denen die Ochsen vor ihrer langen Reise auf dem Ochsen-/Heerweg zusammengetrieben wurden. Viele Gutshöfe und Herrensitze in dieser Gegend - wie auch in anderen Gebieten entlang dieser alten Route - entstanden einst aufgrund des Reichtums, den der Ochsenexport mit sich führte. Fantastisch ist die Aussicht, die sich hier in nahezu alle Richtungen bietet. Im Südosten sehe ich noch Saeby, im Osten die Insel Laeso, im Westen eine herrliche Hügellandschaft im Landesinneren und im Norden die Albaek Bucht und ganz hinten Skagen, da wo Dänemark wirklich zu Ende ist.


Am Beginn des schönen Tals der Bangsbo A steht ein Straßenschild: Frederikshavn 5 km. Eine Stunde noch, dann ist mein Weg durch Dänemark und auch der Heerweg für mich zu Ende. Doch die Stunde wird lang. Es ist sehr warm, nur drei Kilometer sind es durchs schattenlose Tal, die restlichen zwei durch ebenso schattenlose Wohngebiete. Doch dann sehe ich am Ende der Straße Schiffsrümpfe aufsteigen, dort muss der Hafen sein. Und ganz in der Nähe des Hafens und in unmittelbarer Nähe zum Fährableger der Stena-Line, keine drei Steinwürfe entfernt, steht mein kleines Hotel, das ich mir aus Ermangelung preisgünstigerer Möglichkeiten leisten musste. Am Fährableger ist auch die Touristen-Info, und genau dort an der Hauswand steht die erste Markierung für den Heerweg, für mich ist es die letzte. 


Mein kleines weißes Männlein..., treuer Gesell..., auf dich konnte ich mich jederzeit verlassen, du hast mich durch Jütland geführt, einen Weg entlang, von dem ich viel lernen konnte und der mir viel gezeigt hat. Die Landschaften waren bestimmt nicht spektakulär, aber genau richtig, um mich auf die zukünftigen Anforderungen auf dem Olavsweg vorzubereiten. Meine "Anreise" habe ich nach 1.276 km geschafft, jetzt beginnt der Hauptteil. Olav, ich komme!


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Rucksack angekommen!

Meine beiden Pilgerherbergen-Beauftragten kommen tatsächlich einigermaßen pünktlich, um sich den Herbergsschlüssel wieder abzuholen. Er spricht mit mir, sie hält sich stark im Hintergrund, weil sie offensichtlich nach dem Zähneputzen wieder mit Wodka gegurgelt hat. Was sie sich nicht verkneifen kann, ist die deutliche Ermahnung, dass ich für den weiteren Weg doch lieber die Radroute nehmen sollte, denn mit meinem... (Fingerzeig auf meinen Wheelie) käme ich wohl auf der Wanderroute nicht weit. Er ergänzt brav, auf der Wanderroute ginge es wirklich schwer rauf und runter und der Weg sei manchmal vielleicht nicht breit genug und alles wäre wohl zu anstrengend für mich ... und überhaupt. Ich antworte zwar, dass ich noch drüber nachdenke, weiß aber schon, dass ich die Radroute gar nicht nehmen kann, da sie auf Frederikshavn zuhält und nicht auf Saeby. Ich muss aber nach Saeby, weil da ein Bett und vor allem mein Paket in der Jugendherberge auf mich warten. Der Strom wird wieder abgestellt, lüften ist auch nicht nötig, der nächste Pilger wird seine Freude haben.


In gewisser Hinsicht hatten die beiden Recht. Der Weg für die nächsten zwei Stunden ist so anstrengend wie keiner vorher in Dänemark: Schluchten hinauf und hinunter, Hangwege mit Baumwurzeln durchsetzt, die kaum für zwei Wheelieräder Platz bieten, Matsch und sumpfige Feuchtwiesen, Holzgatter auf und zu, Treppen rauf und runter. Es waren aber auch die schönsten zwei Wegstunden in Dänemark: eine fast verwunschene Atmosphäre in einem schattigen Wald, wo nur manchmal die Sonne bis auf den Waldboden durchkommt, Baumwurzeln, die an Trolle erinnern, vermooste Baumstümpfe, große Farne, Schlingpflanzen an den Baumstämmen, ein gurgelnder Bach, über den manchmal schmalste Brücken ohne Geländer hinwegführen, Bohlenstege, die vor dem Versinken im Matsch helfen, schräg einfallende Sonnenstrahlen und Vogelgesang über Vogelgesang. Ich keuche und schwitze, habe aber meine Freude an diesem Stück Natur. Mein Wheelie rumpelt und ächzt hinter mir und was er denkt, kann ich nur vermuten: "Jetzt macht der auf den letzten Metern in Dänemark noch so'n Mist mit mir!"


Erst beim Gut Ormholt Hovedgard, das im Mittelalter dem Bischof von Borglum gehörte und als Gutshof mit besonderen Privilegien an der Ochsenzucht verdiente, lege ich am Hang des Gutsteiches relativ platt eine Rast ein. Sie fällt länger aus als sonst. Nicht weil ich etwas mehr Erholung als sonst brauche, sondern weil mich ein kleines Schauspiel auf dem Teich erfreut. 


Ein Schwanenpaar ist mit seinen acht Jungen mitten auf dem See unterwegs. Während sich die Mutter rührend um sieben Junge kümmert, die sich kaum von ihr wegbewegen und der Vater sich mehr um das Globale kümmert, wie viele Väter dieser Welt, reißt ein Junges permanent aus und erkundet die Welt. Dann paddelt Papa doch mal hinterher, fängt es wieder ein und spricht wohl ein paar warme Worte ("Wir sind doch eine Gemeinschaft, Kind!"). In einem unbeobachteten Moment ist der Lausebengel aber wieder weg, mal sehen, was im hohen Schilf so los ist. Es dauert keine Minute, da kommt er so laut piepsend, wie er es eben erst kann, aus dem Schilf wieder rausgeschossen, verfolgt von einem Entenpaar, das ihm laut quakend auf den Fersen bleibt. Kurz darauf kommt eine "Perlenkette" von sieben Entenküken ebenfalls aus dem Schilf umd schimpft wahrscheinlich (für mich nicht hörbar) hinter dem Zankapfel her: "Jetzt haben es dir unsere Eltern aber mal gegeben, Kevin!" Natürlich kann sich das der Schwanenvater nicht bieten lassen und jagt die ganze Entenfamilie zurück ins Schilf. Ja und was ist mit Kevin? Der kommt wieder ungeschoren davon...!


Ich hätte noch länger sitzenbleiben können, aber ich habe noch 15 km vor mir, und das bei Temperaturen, die jetzt immer weiter ansteigen. Ich will bzw. ich sollte bei solch einer Hitze nicht zu schnell gehen, auch wenn mir das nicht leichtfällt. Es geht wieder an Straßen entlang, die ganze Zeit über. Liegt eine Straßenhälfte im Schatten, kann man es aushalten, nur leider gibt es ausgerechnet heute in der zweiten Tageshälfte kaum Bäume, die Schatten werfen könnten. So trabe ich denn dahin, lasse den Schweiß fließen, trinke mehr als sonst, was für meinen Wasservorrat nicht schlimm ist, weiß ich doch, dass ich noch zwei Mal an einer Kirche mit Friedhof vorbeikomme und da gibt es ja immer frisches Wasser.


In Horby fährt ein vollbepacktes Motorrad an mir vorbei, dreht, kommt wieder zurück umd hält vor mir an. Der Biker möchte sich einfach nur mit mir unterhalten. Der Impuls ging mal wieder von meinem Wheelie aus. Was er alles von mir wissen will, ist klar. Das habe ich schon oft genug gehabt. Mindestens genauso interessant aber ist, was der ungefähr 40-jährige Franzose vorhat. Er kommt aus der Nähe von Lyon, will gleich von Frederikshavn aus nach Göteborg übersetzen und dann weiter bis zu den Lofoten fahren. Anschließend möchte er über Finnland, die baltischen Länder, Polen und Berlin wieder zurück in die Heimat. Bis September hat er sich eine Auszeit genommen und knattert jetzt durch Europa. Herrlich!


Je näher ich Saeby komme, desto mehr muss ich an mein Paket mit meinem Rucksack u.a. denken. Wird es da sein oder nicht? Ich brauche den Rucksack einfach in Norwegen! Aber wie komme ich an ihn dran, wenn er noch nicht angekommen ist? Meine Fähre fährt übermorgen! Ich weigere mich aber auch, über einen Plan B überhaupt nachzudenken. 


Als ich in der Jugendherberge an der Rezeption stehe, strahlt mich hinter der Theke Björn (so steht es auf seinem Namensschild am Hemd) an und ruft mir zu: "Für dich habe ich glaub ich was!" Ich bin wahrscheinlich heute - oder auch nach langer Zeit - der erste Wanderer, und für den heute angemeldeten Wanderer ist das Paket bestimmt, das er nun... naaa... naaa... jaaa... aus dem Zimmer nebenan herausholt und mir auf die Theke knallt. Bingo! Er trägt es mir sogar, zusammen mit meiner Bettwäsche, die Treppe zu meinem Zimmer rauf. Na, das lässt sich doch ganz anders an als gestern.


Sogar das Wasser funktioniert hier. Ich habe eine Glückssträhne! Ich dusche besonders ausgiebig. Zum heutigen Schweiß kommt ja noch die Kruste vom gestrigen hinzu. Jetzt, wo alle Voraussetzungen für eine gute Fortsetzung meiner Wanderung gegeben sind, gehen mir die Pilger-Erkenntnisse vom Jakobsweg und von meinem Weg nach Rom auf der Via Francigena so durch den Kopf, die ich mir jetzt wieder, wo ich bald wahrscheinlich auf mehr Pilger treffen werde, zu eigen machen muss. 

1. Nie zu viele Kilometer gehen, nie übertreiben.

2. Ein gut sortierter Rucksack verhindert langes Suchen.

3. Immer schön die Stempel für den Pilgerpass abholen. 

4. Genügend Pausen am Tag machen - der Körper dankt es einem.

5. Da die Sonne in Norwegen lange scheint - nicht hetzen, es bleibt hell, auch wenn man schlafen will.

6. Grüße jeden freundlich, der dir begegnet - es ist so schön, wenn dir ein Lächeln geschenkt wird.

7. Supermärkte sind extrem wichtig - immer frühzeitig für ausreichend Proviant sorgen.

8. Pilger reden manchmal viel. Einige zu viel, andere zu wenig, wieder andere nur von sich selbst.

9. Die Füße sind immer Thema. Geht's ihnen gut oder schlecht? Wer hat wie viele Blasen und was war am besten, sie wieder loszuwerden.

10. Die Hauptthemen des Pilgers sind: das Wetter, Essen, wo gibt's den nächsten Supermarkt? Dann weiter Füße und sonstige Beschwerden und Auas. Und ganz wichtig: Wer sind die anderen Pilger? Wer hat wen schon getroffen und wo könnte er oder sie nun sein? Vor uns? Hinter uns? Will man ihn treffen oder lieber einen Zahn zulegen?

11. Hat man eine Herberge erreicht, ist der erste Gang zum Bett. Ist die Matratze ok? Zweiter Gang in die Küche. Was gibt's Leckeres in den Schränken - leider sind sie oft leer. Dritter Gang ist ins Bad und zum Klo. Ok? Oder bähh? Licht anlassen beim Duschen oder lieber "Ich will's nicht so genau sehen". Vierter Gang, richtiges Begrüßen der anderen Pilger - vorher muss ein Hej reichen.


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Schaum in den Mundwinkeln

Beim Wachwerden um 6.15 Uhr scheint mir die Sonne schon direkt ins Gesicht. Eigentlich könnte ich aufstehen, aber Frühstück gibt es erst um 8 Uhr. Also nochmal rumdrehen, Schäfchen zählen..., Schäfchen zä..., Schäfch... - der Wecker klingelt, es ist 7.30 Uhr, jetzt darf ich! Kurz nach dem Frühstück schon der erste Vatertagsgruß aus der Heimat. Sohn Florian macht in aller Frühe mit seiner Tochter eine Radtour. Von der ersten Raststation auf einer Bank in unserem nahegelegenen Naturschutzgebiet schickt er ein Foto. Hach, ich liebe sie, alle meine Kinder und Enkelkinder, welch ein Reichtum! 


Erinnerungen an dieses Naturschutzgebiet in der alten Siegschleife kommen in mir hoch. Vier Hektar Feuchtwiesen hatte ich zu pflegen, dazu eine alte Streuobstwiese mit über 30 Bäumen. Mit einem Balkenmäher bin ich Reihen rauf und runter marschiert, um alles zu mähen. Ein Trecker durfte auf die Fläche nicht drauf, wäre auch stellenweise eingesunken. Nach dem Mähen dann alles mit der Hand zusammenrechen, Kilometer kamen da zusammen. Je nach Alter und körperlichem Vermögen haben die Kinder auch mal die Rechen geschwungen, natürlich mit "größter Begeisterung". Eine Zeit lang war dieses Naturschutzgebiet mein Garten, immer noch ist es Anlaufstation bei Spaziergängen, wenn die Familie mal zusammen ist, und oft heißt es dann "Weißt du noch... ?" Bestimmt hat Florian seiner Amelie heute Morgen bei der Rast auch davon erzählt. Das Naturschutzgebiet war und ist ein Stück Familienleben.


Die langen Reihen geschnittenen Grases, die ich auf den ersten Kilometern bis Orum vor mir ausgebreitet sehe, möchte ich allerdings nicht mit der Hand zusammenrechen müssen. Hier haben schon die landwirtschaftlichen Maschinen genug zu tun. Aber erst muss die Sonne ihren Teil der Arbeit leisten und alles trocknen. Auch etwas Wind ist gefordert. Auch hier wieder die Erinnerung: Beim Heumachen für unsere Pferde musste alles klappen. Das Wetter musste passen, mindestens drei Tage, besser vier Tage mussten vom Mähen bis zum Einbringen verlässlich trocken und am besten sonnig sein. Zum selben Zeitpunkt mussten aber auch all diejenigen, die uns mit ihren Maschinen, Hängern und Treckern dabei halfen, zur Verfügung stehen. Wurden die Ballen gepresst und anschließend eingebracht, musste alles ran, was Arme und Beine hatte. Freibad war gestrichen. Und wehe ein Gewitter zog auf... , dann aber Knallgas! Was einem so unterwegs nicht alles wieder einfällt.


Bezüglich des Wetters brauchen sich die Bauern im Moment hier keine Sorgen zu machen, aber für mich meint es die Sonne fast zu gut. Aber nein, ich sollte mich nicht beklagen. Ich weiß ja fast nicht mehr, wie das Wort für dieses vom Himmel fallende Wasser heißt, geschweige denn geschrieben wird. Wie lange mag das noch gutgehen? Selbst für die ersten Tage in Norwegen sagt der Wetterbericht meines Vertrauens keine Veränderungen an der gegenwärtigen Wetterlage voraus. Ja, immer mehr denke ich jetzt schon an Norwegen. Drei Tage nur noch werde ich in Dänemark unterwegs sein, dann ist eine wunderbare Zeit auf dem Heerweg zu Ende. Vor allem beschäftigt mich die Sorge, ob ich morgen das Paket mit meinem Rucksack und noch einigen anderen wichtigen Ausrüstungsgegenständen, das Anni vor ein paar Tagen Richtung Saeby aufgegeben hat, in der Jugendherberge von Saeby auch ja in Empfang nehmen kann. Wenn nicht, sehe ich lecker alt aus. Ich will gar nicht darüber nachdenken...


Im kleinen Ort Orum zieht es mich direkt wieder in die kleine Kirche. Ich mag diese kleinen Kirchen eher als die Kathedralen. Mit den großen Kirchen sollte geistliche Macht gezeigt werden, das Volk sollte sich vor diesem Prunk ducken und klein gehalten werden. In den kleinen Kirchen war das Volk seinem Gott näher. Ich betrete die Kirche durch das "Waffenhaus", diesem seitlichen Anbau, durch den die Männer früher die Kirche betraten und ihre Waffen ablegen mussten. Das einzige, was ich hier "ablege", ist mein Wheelie. Zu meiner Freude liegt auf einem Tisch ein Pilgerstempel griffbereit. Na also, es gibt sie also doch noch in der ein oder anderen Kirche. Neben dem Stempel liegt ein Zettel, auf dem die Gemeinde zur Teilnahme an einer Himmelfahrts-Pilgerwanderung eingeladen wird. Ich glaube, das kann ich so dem Dänischen entnehmen. Um 9 Uhr wollte man sich vor der Kirche treffen und ich gehe davon aus, dass das geklappt hat. Jedenfalls scheint jemand seinen kleinen Rucksack mit Verpflegung, der hier neben dem Tisch steht, vergessen zu haben. Dann wird eben christlich (oder brüderlich?) geteilt, keiner soll darben. Weiter drinnen eine kleine Besonderheit: Die spätromanische Orum Kirke hat ein großes romanisches Granittaufbecken. Neben zierlich gehauenen Arkaden und Friesen hat ihr Erschaffer seine Signatur mit einer Runeninschrift hinterlassen: "Nikolaus hat mich gemacht". Ich nehme an, die geraden und schrägen Striche, die ich ganz unten sehe, sind die Runen. Lesen kann ich natürlich nix!


Im nächsten Ort Klokkerholm die nächste ähnlich kleine Kirche, Hallevard Kirke. Neben der Bank am Waffenhaus, die selbstverständlich wieder meine Sonnen-Rastbank ist, liegt ein romanischer Grabstein mit dem Text: "Tyge starb am 5. April". Ein Kreuz und ein Schwert könnten andeuten, dass Tyge ein Kreuzritter gewesen ist. Also das Schwert kann ich so gerade noch ausmachen, bei der Todesanzeige hört es aber schon wieder auf. Woher ich von ihr überhaupt weiß? Steht in dem kleinen Faltblatt auf dem Tisch im Waffenhaus, sogar auf Englisch. Und neben dem Faltblatt liegt sogar der nächste Pilgerstempel. Donnerwetter! 


An weiten, hügeligen Feldern entlang ziehe ich weiter, genieße diesen (mal wieder) sonnigen Tag, lasse mich einfach treiben, merke meine Füße kaum, nur den leichten Wind und die Wärme der Sonne in meinem Gesicht. Mehrere Lerchen scheinen einen internen Gesangswettkampf zu veranstalten und ein Kuckuck gibt wohl aus der riesigen Kastanie, die sich etwa hundert Meter von der Straße entfernt aus der Wiese erhebt, die Bewertung dazu ab.


Auf einem erhöhten Standort direkt neben der Straße wiedermal Hügelgräber, Kvindberg Hoje. Gleich eine Anzahl von acht dieser Grabhügel liegen wie an einer Perlenkette aufgeschnürt hintereinander. Bei einer von ihnen kann man mit einiger Fantasie eine ehemals tiefe Schneise erkennen, die von einer Schatzsuche 1873/74 stammen soll, wo zwei Personen beim Einsturz des gegrabenen Schachtes ums Leben kamen. Von einem der Hügel geht mein Blick hinüber zur Jyske As, was "jütländischer Landrücken" bedeutet, obwohl man auch bei dem zweiten Teil des Wortpaares eine andere Erklärung vermuten könnte.


Jyske As ist die letzte Eiszeitmoräne, die ich noch überwinden muss, bevor es morgen an die dänische Ostküste geht. Mit tiefen Schluchten, hohen Hügeln und Wäldern schlängelt sie sich als 28 km langer Höhenzug durch die Landschaft und erhebt sich an manchen Stellen mehr als 100 Meter über dem Meeresspiegel. Für Dänemark eine ganze Menge.
Ohne große Anstrengungen gehe ich aufwärts, spüre wieder die Kühle des Waldes, Baumwurzeln lassen meinen Wheelie schaukeln und die Vögel scheinen mich anzufeuern. Ab und zu geben Lücken im Wald weite Blicke frei, dorthin, wo ich herkomme und wo ich morgen noch hin will - und plötzlich stehe ich bei einer Waldlichtung vor meiner Pilgerherberge Lunken. Wie mir bei meiner telefonischen Anfrage vor ein paar Tagen bereits mitgeteilt wurde, ist die Tür verschlossen, doch die Telefonnummer einer Ansprechperson steht mal wieder auf einem Zettel, der an der Glasscheibe der Tür klebt. Also alles kein Problem, denke ich.


Oh doch! Eine geschlagene Dreiviertelstunde renne ich draußen rum, um einen ausreichenden Empfang zu erhaschen. Es gelingt mir schließlich auf dem Angelsteg am gegenüberliegenden Ufer des benachbarten Teiches. Nur dort toben sich gerade Myriaden von Mücken aus. Mir gelingt zwar endlich eine Verbindung zu einer Dame, die mir verspricht, in wenigen Minuten vorbeizukommen, dafür habe ich aber auch mindestens zehn Mückenstiche an den Händen und im Gesicht. Vielleicht sendet mir der Hl. St. Olaf aber auch nur schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf Norwegen. 


Nach zehn Minuten kommt die Dame mit dem Schlüssel, begleitet von ihrem Mann. Ich hoffe, dieser hat den Wagen gefahren, denn sie ist - sternhagelvoll. Ich versuche ihr nicht zu nahe zu treten, denn sonst droht mir allein von ihrer Fahne noch das gleiche Schicksal. Sie schafft es aber immerhin - nachdem ihr Mann die Tür aufgeschlossen hat - mir mitzuteilen, dass ich in diesem Jahr der erste Pilgergast sei und bisher also noch niemand hier gewesen sei. Das rieche ich auch, als mir die muffig, klamm-feuchte Luft von drinnen entgegenschlägt. Und das in meiner letzten Pilgerherberge auf dänischem Boden! 


Was aber noch nicht alles ist. Es gäbe noch kein Wasser, das müsste ich mir nebenan im Gebäude der Naturschule holen, die Toilette sei da immer auf. - Ah ha, also gibt es hier in der Toilette auch kein Wasser!? - Nein! - Das heißt, Duschen geht auch nicht!? - Nein! - Ruhig, Reinhard, ganz ruhig! - Wir haben hier aber einen Ofen, da können Sie Holz verbrennen! - Und wo ist das Holz? - Unten am See ist etwas gestapelt! - Ich soll nochmal zu den Mücken? Never, lieber friere ich! Aber so richtig, Decken sehe ich nämlich keine. 


Madame Alkoholika überreicht mir den Schlüssel und bittet mich, ihn morgen nach dem Abschließen bei ihr zu Hause vorbeizubringen. - Und wo ist das bitte? (Bei mir bildet sich Schaum in den Mundwinkeln!) - Einen Kilometer da vorne die Straße runter! (Verzögerter Augenaufschlag) - Ggrrrrmmmpppff (Höchste Beherrschung!) - Das bedeutet für mich einen Kilometer hin und einen zurück, denn Ihr Haus liegt für mich am Weg. - Ja! - Der Ehemann merkt anscheinend, wie mir ganz langsam der kalte Wutschweiß ausbricht, und erklärt sich schnell bereit, den Schlüssel morgen früh hier abzuholen. - Macht hundert Kronen!, nuschelt Frau Spirituosa. (In allen Pilgerherbergen kostet es 100 Kronen, ABER HIER???) - Ihr Mann formuliert mit den Lippen ein "Fifty" und ich gebe sie ihm. Ich habe immerhin eine Matratze in einem kleinen Raum.


Ich stehe nun in der Herberge und will das irgendwie nicht fassen. Locker atmen, Junge, bringt nix! Ich beziehe das Zimmer, packe meine Sachen aus und überlege, wie ich am besten überlebe. Zunächst mal mit einem guten Kaffee! Verdammt, dazu muss ich ja das Wasser aus dem Toilettenraum von nebenan holen. Ich hole gleich die große und die kleine Flasche voll, ich werde viel Warmes zu trinken brauchen. Einen Wasserkocher gibt es in der Küche auch nicht, also nehme ich den kleinen Kochtopf, schütte Wasser rein, stelle den Kochtopf auf die Herdplatte, drehe den Schalter. Ich gehe zurück ins Zimmer und breite schon mal alle Schlafsäcke, die ich dabei habe, auf der Matratze aus. Jetzt müsste das Wasser kochen... Häää??? Es ist genauso kalt wie vorher. Ganz hinten in meinem Kopf kommt eine leise Ahnung auf... Ich fasse auf die Herdplatte... eiskalt. Ich drehe den Lichtschalter. Nix! Gleicher Versuch im sog. Aufenthaltsraum (der mit dem Ofen). Nothing! Ich rase in mein Zimmer. Niente! Die Lampe bleibt dunkel. Ich habe hier nicht nur kein Wasser, sondern auch keinen Strom!!! 
So, ich gehe jetzt erstmal an meinen Rucksack und schnappe mir die Prinzenrolle. Süßes beruhigt! Dann gehe ich wieder runter an den Teich zu den Mücken und bitte am Telefon, DOCH BITTE mal nach dem Strom zu sehen. Eine Viertelstunde später ist der Ehemann da und ich bin um weitere fünf Mückenstiche reicher. In einem abgeschlossenen Raum dreht er die Sicherung rein und gibt mir wortlos auch die 50 Kronen zurück. "Bis morgen früh um 8.30 Uhr", sagt er nur mit einem Achselzucken, "ich hole dann den Schlüssel ab." Der nachfolgende Kaffee schmeckt, aber ich hätte jetzt auch einen Schnaps getrunken! 




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Kreuzfahrt-Touristen

Da kann sich die Sonne tagsüber die größte Mühe geben, um erste frühsommerliche Temperaturen zu zaubern, am Wasser wird es gegen Abend und erst recht in der Nacht ordentlich frisch. In so einer nur halb gut isolierten Campinghütte schlägt das natürlich sofort durch. Da war ich gestern am späten Abend doch froh, dass ich unter dem Tisch eine kleine Heizung fand, die ich ein wenig aufdrehen konnte. So habe ich beim Aufstehen wenigstens etwas Wärme, denn der heiße Frühstückskaffee fällt in Ermangelung eines Wasserkochers leider aus und daher gibt es zum Käse-Roggenbrot mal wieder erfrischendes kaltes Wasser. Das würde meiner Tochter nicht passieren, denn die würde jetzt schnell zu ihrem Kocher greifen. Vater schleppt aber so wenig wie eben möglich mit und das hat er nun davon!


Als ich die Hüttentür zum Abmarsch aufmache, wird sie mir direkt aus der Hand geschlagen. Es ist ordentlich windig. Der Limfjord, der gestern Abend noch spiegelglatt vor mir lag, schlägt ordentliche Wellen. Im Yachthafen hüpfen die Boote und zerren an den Tauen. Ihre Leinen schlagen an die Masten und machen eine nervende Musik. Die Wolken sind wieder dicht und grau und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in ein, zwei Stunden besser aussieht.


Doch trotz des Windes ist es nicht kalt, meine Fleecejacke ist, wie bereits in den letzten Tagen, im Wheelie verpackt. Den Weg ins Zentrum von Aalborg kann ich immer in Schlagdistanz zum Fjord nehmen und brauche mich nicht durch öde Vororte zu quälen. Doch besonders attraktiv ist es erstmal auch nicht. So viele Bootsfriedhöfe habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Aufgebockt stehen sie da in den eingezäunten Arealen: die kleinen Motorboote, Fischerboote, auch größere sind dabei, dazu die abgetakelten Yachten. Alle haben sie mal bessere Tage gesehen, waren der Stolz von Freizeitkapitänen oder Fischern. Geschichten könnten sie erzählen, heute liegen sie "beim alten Eisen ". Ich habe wirklich das Gefühl, hier wird nicht mit Schrott gehandelt, sondern das hier ist ein riesiger Friedhof, man respektiert diese Bootsleichen. 


Im Anschluss kommen die kleinen Häfen, wo kleine und größere Schiffe liegen, die diesen Status noch nicht erreicht haben. Zwar alles keine Vorzeigeobjekte mehr, aber noch im Einsatz. Je näher ich aber der Limfjordbrücke komme, die direkt von der Altstadt aus den Fjord zur anderen Seite hin überspannt, desto mehr verändern auch die Boote und Yachten ihr "Gesicht". Jetzt liegt alles da, was gesehen werden will und soll, Restaurantschiffe dümpeln vor sich hin und warten auf die Mittagsgäste, Boote werben für eine Rundfahrt und zur Krönung vom Ganzen hat das Kreuzfahrtschiff "Viking 2" am Kai festgemacht, unmittelbar am Zugang zur Altstadt.


So ein Kreuzfahrtschiff gibt ja schon ein imposantes Bild ab, das Problem ist nur, dass da auch jede Menge Menschen drauf sind. Und diese Menschen fallen jetzt auf ihrem morgendlichen Landgang wie ein Bienenschwarm über die kleine Altstadt her. Besser gesagt: Am Anfang laufen Gruppen von jeweils etwa 30 Menschen der Ü-70er-Generation hinter jungen Damen her, von denen jede mit einem roten Schild mit den Nummern 1, 2, 3 usw. bestückt der Gruppe vorwegläuft, anhält, Vorträge hält, weiterläuft etc. Bei den Mitgliedern der Gruppe gibt es die Interessierten, Erduldenden, Gelangweilten und Ignorierenden, wie bei einer Schulklasse (und keinen Deut besser!). Auch das sollte mich im Moment nicht stören, aber dass ich mich überall mit einem (immer piefiger werdenden) "Excuse me!" durch die Meute schlängeln muss, nervt schon. 


Das Wetter hat sich mittlerweile - welch ein abermaliges Wunder! - zum Besten gekehrt. Die Sonne scheint und für den zweiten Teil des Kreuzfahrt-Rundgangs werden überall Vorbereitungen getroffen. Nach der geführten Sightseeingtour ist wahrscheinlich Freigang angesagt, denn alle Restaurant-, Eisdielen-, Boutiquen- und Souvenirlädenmitarbeiter wuseln hastig vor und in ihren Geschäften, um sich auf den erhofften Einfall der Schiffsreisenden vorzubereiten.
Bis es so weit ist, trete ich bald überall auf diese Reise-Spezies, auf dem Gammeltorv (Alter Marktplatz) mit dem alten Rathaus der Stadt von 1762, dem Heiliggeistkloster (als mittelalterliches Pflegeheim und Krankenhaus 1431 errichtet und eine der wenigen noch erhaltenen Klosteranlagen Dänemarks) und in den kleinen Gassen. Nur in der 800 Jahre alten Budolfi Kirke, dem Dom von Aalborg, habe ich noch für einen Moment meine Ruhe, bevor sich auch hier das Portal öffnet und die Menschenmenge hineinströmt. Ich wollte Aalborg in der morgendlichen Frühe genießen, aber irgendwie klappt das nicht. Ich mach mich mal weg.


Über die lange Limfjordbrücke gehe ich hinüber zum nördlichen Teil Aalborgs, auf die "schäl Sick", wie man bei uns zu sagen pflegt. Der Gang über die Brücke ist dann aber auch das Beste, was Aalborg noch zu bieten hat. Segelboote kreuzen unter mir (Wer hat eigentlich um diese frühe Uhrzeit schon die Zeit und Möglichkeit dazu? Ach so, es gibt ja Rentner...), die Viking 2 liegt wie ein dicker Mops am Kai und verdeckt mit ihrer Größe die gesamte Skyline der Altstadt inkl. Dom. 


Doch dann wird es öde. Kilometerlang geht es an Industrieanlagen, langweiligen Vorortssiedlungen, Bürohäusern und Gewerbegebieten vorbei und ich frage mich manchmal: "Warum steigst du nicht einfach in einen Bus ein?" Und ich glaube, würden Bus und ich bei einer Haltestelle zufällig aufeinanderstoßen, würde ich einsteigen. So spiele ich dieses Spiel: Entweder der Zufall will es oder du gehst! - Der Zufall will es nicht. 


So habe ich bereits 15 km hinter mir, als es um mich herum wieder grün wird. Gerastet habe ich bisher noch nicht. Dazu brauche ich angenehme Umgebung und die könnte jetzt kommen. Wie ein riesiger Maulwurfshügel liegt mitten in einem absolut flachen Umfeld der Hammer Bakken, eine mit Wald und Heide bewachsene ehemalige Eiszeitmoräne, wo Wege und Pfade über Hügel und durch Täler ihre Bahnen ziehen und ich schon sehr genau auf die Markierungen achten muss, damit ich mich nicht verlaufe. Es ist so schön, hier herzugehen, nach jeder Kurve etwas anderes zu sehen, Harz und Blumen zu riechen, die Vögel zu hören, im Schatten des Waldes die Kühle zu spüren und dann in der Wärme eine Wiese zu überqueren, dass ich meine angedachte Rast einfach vergesse.


Erst bei der Hammer Kirke, die mit ihrem wunderschön gepflegten Friedhof mitten im Wald liegt und wo mein geschultes Auge sofort die Bank erblickt, die in der Sonne an der Kirchenwand steht, wird mir mein Pausenbedürfnis wieder deutlich und ich lasse mich - mit einem wonnigen Stöhnen - auf ihr nieder. Nur zwei Dinge stören: Die Kirche ist verschlossen und zwei Friedhofsarbeiter sitzen auf ihrem Minibagger und blicken so teilnahmslos, wie man nur teilnahmslos blicken kann. Da bin ich von Friedhofsarbeiterinnen anderes gewohnt, meine Herren! 


Ich genieße die Zeit auf der Bank, aber nach etwa zehn Minuten muss ich weiter. Es wird mir vor der wärmereflektierenden Kirchenwand eindeutig zu warm, ich brauche meinen "Fahrtwind". Ich nutze noch die angenehme Randerscheinung aller Friedhöfe, nämlich dass es auch hier an mindestens einer "Zapfstelle" herrlich kaltes Wasser gibt, fülle mir meine Flasche damit ab und ziehe weiter. 


Eine Viertelstunde später gehe ich wieder durch absolut flaches Land, der Hammer Bakken liegt hinter mir. "Flaches Land" gleich lange Straßen, Raps, (inzwischen) wogende Getreidefelder, Bauern mit ihren Traktoren, Raps, Getreidefelder, Hofzufahrten, Windräder, gemähte Wiesen, große Höfe, Raps, Kühe, Getreidefelder, Pferde, Wiesen etc.
Einer dieser Höfe - nach einer langen Hofzufahrt, inmitten großer gemähter Wiesen und einer Kuhherde auf der Weide hinter dem Hof - ist meine Unterkunft heute: B&B Kraghede. 


Niemand ist zu Hause, aber die Tür ist nicht abgeschlossen. Ich kenne das inzwischen. Man darf eintreten, wenn man angemeldet ist. Ein Zettel klebt im Türrahmen: "Hej, Reinhard! My very welcome! Feel at home! I'm back at 5 pm. Your room is No. 1. Feel free to make a coffee or tea in the kitchen! See you soon!" Genau so mach ich es - und dann ein Nickerchen... Der Tag war lang!




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Wieder auf Meereshöhe

Alice ist eine Seele von Frau. Bereits gestern Nachmittag, als sie vom Besuch einer Freundin in Aalborg wieder nach Hause kam, begrüßte sie mich überaus herzlich und fragte immer wieder, ob es mir auch an nichts mangele. Anschließend erzählte sie mir die Geschichte, wie sie und ihr Mann Mitte der 60er-Jahre diesen ehemaligen alten Bauernhof gefunden, ihr Herz dran verloren, gekauft und dann von Grund auf umgebaut haben. Alle Innenwände hatten sie niedergerissen und mit aufgekauften alten Ziegelsteinen wieder hochgezogen. Wo ehemals die Kühe standen, ist jetzt das Wohnzimmer, wo die Schafe waren, ist der Speiseraum usw. Alte Möbel gepaart mit moderner Kunst geben diesem Haus eine ganz besondere Note. Als ihr Mann starb, haben viele ihr angeraten, das Haus zu verkaufen. "Aber hier liegt mein Herz, hier gehe ich nicht weg. Hier ist Frieden. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich diese Wiesen, wo unsere Kinder gespielt haben, unsere Obstbäume. Ich bleibe hier, bis zum Ende."


Beim Frühstück sitzt sie bei mir und fragt viel zu meinen Wanderungen und Pilgerwegen. Dann kommt sie nochmal auf ihr Haus zu sprechen. Sie erzählt von den Fasanen, die oft bei ihr vorbeischauen, von den Rehen, aber auch von den Spinnen und Mäusen, von den Wespen und Hornissen und auch von dem Marder, der es sich im Moment auf ihrem Dachboden bequem gemacht hat. Gäste hätten ihr schon mal gesagt, dagegen müsste sie doch was unternehmen. "Was soll ich ihnen antworten? ", sagt sie zu mir. "Diese Tiere gehören genauso hierher wie ich. Ich respektiere sie. Mich haben auch schon viele gefragt, ob ich nicht Angst habe, hier so ganz alleine zu leben. Ich sage denen nur, dass ich meine Türen, wenn ich zu Hause bin, nie abschließe. In der Stadt hätte ich vielleicht Angst, alleine zu leben, hier nicht."


Als ich mich vor ihrem Haus von Alice verabschiede, nimmt sie meine beiden Hände in ihre und meint lächelnd: "Komm gut in Trondheim an. Es ist eine schöne Stadt. Und wenn du vor dem Dom stehst, schicke mir eine SMS. Ich würde mich freuen." Auch Hojdalen gehört zu diesen Orten, wo man länger bleiben möchte.


Ab Oster Hornum ist es wieder für mich da, das kleine weiße Männchen, mein ständiger Begleiter auf dem Heerweg (Wandervariante). Ich habe es ja länger nicht gesehen. Und dennoch zeigt es mir nichts wesentlich Anderes als das weiße Fahrrad auf blauem Grund, welches - verbunden mit einer roten "3" (steht für "Nationale Fahrrad-Route Nr. 3") - mir immer auf der Rad-Variante den Weg wies. Wenn man nicht vom Badeland an der Nordseeküste spricht, ist Dänemark eben Dänemark: Landwirtschaft, große Bauernhöfe, flaches oder hügeliges Land, manchmal Heide, manchmal Wald, kleine Dörfer, viele Bäche, breite, gerade Straßen und schmale, kurvige Straßen. Auch heute ist von jedem wieder etwas dabei. 


In Godthab treffe ich bei einer Bushaltestelle auf einen etwas dickleibigen Jugendlichen, vielleicht ist er 13, der gerade dabei ist, mit einer gewissen Inbrunst seine Chipstüte zu leeren. Weil ich kurz in meiner Karte vertieft bin, bietet er mir kauend seine Hilfe an. Da er das natürlich auf Dänisch tut, versuche ich, ihm etwas Englisch zu entlocken. Und zu meiner Verblüffung gelingt das sogar sehr gut. Er fragt mich, was ich da hinter mir her zöge und woher ich käme und wo ich noch hinwolle. Nach meinen Antworten schaut der Wohlgenährte in Jogginghose und Gummistiefeln ungläubig - Bewegung scheint nicht sein größtes Hobby zu sein - von seiner Chipstüte auf und fragt mich: "Warum?" - "Hä?", ist alles, was mir darauf einfällt. - "Ja, warum machst du das?" - "Weil es mir Spaß macht und ich Dänemark sehr schön finde und bald Norwegen auch." - "Zieh doch hierher, dann must du zum Wandern nicht immer nach hier oben reisen und brauchst dir jetzt keinen Stress zu machen!" - "Das wäre aber nicht dasselbe, ich will ja gerade diese lange Tour wandern, mich anstrengen, etwas erleben. Darin besteht doch der Reiz!" Der Junge ist sichtlich irritiert, nimmt die Finger aus der Chipstüte und wischt sie sich langsam an der Jogginghose ab. "Ach so..." Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber ich klopfe ihm kurz auf die Schultern - und gehe dann weiter.


Im Moment habe ich eine wirklich gute Phase. Selbst bei einer Strecke von mehr als 20 km nehme ich mir nicht mehr als eine Rast. Ich brauche sie einfach nicht. Die Strecke fordert keine großen Anstrengungen und die Füße schmerzen kaum. Als ich aber bei einem besonders stillen Abschnitt auf einem schmalen Pfad einen Hügel hoch an einer Pferdeweide vorbeikomme, wo mich alle sechs Pferde nahezu dazu auffordern, ein klein wenig bei ihnen zu verweilen, tue ich ihnen den Gefallen. Ich lege mich ins Gras, ziehe mir meine Schuhe aus, hole die Prinzenrolle aus dem Rucksack und mache mich lang. Die Pferde kommen zögernd, aber doch getrieben von Neugierde bis zu mir an den Zaun und gucken... gucken... schnauben... gucken... Es ist so ruhig hier. Ich schließe die Augen und vernehme nichts anderes als das Singen der Vögel, das Summen von Insekten, manchmal das Stampfen von Pferdehufen und vereinzeltes leises Schnauben. Es ist warm, der Keks schmeckt - alles passt.


Kaum 200 m nach meiner Rast habe ich den Hügel erklommen und sehe - fast etwas unerwartet - die Häuser von Aalborg und den Limfjord unter mir liegen. Während der Heerweg den direkten Weg ins Zentrum von Aalborg nimmt, muss ich bald wieder von ihm abzweigen. Meine Unterkunft, eine Hütte bei der Jugendherberge der Stadt, liegt weit außerhalb am westlichen Stadtrand direkt am Fjord. Wenn ich dem Heerweg ins Zentrum folgen würde, müsste ich gute fünf Kilometer praktisch wieder zurück, um zur Jugendherberge zu kommen, nur um morgen denselben Weg wieder in die Stadt hineinzugehen. Mache ich natürlich nicht. Ich suche (und finde) jetzt selbst eine Route am westlichen Stadtrand entlang und stehe am frühen Nachmittag an der Rezeption der Jugendherberge. Die Herberge ist voll belegt, deshalb atmet der junge Mann hinter der Theke auf, als ich ihm sage, ich hätte schon vor langer Zeit eine Hütte gebucht. Hütten gehören hier mit zum Angebot, nur etwas weiter draußen, direkt am Limfjord und am Yachthafen. Na, das ist doch mal eine Lage! 


Abgesehen von meinem einstündigen Erholungsnickerchen sitze ich den ganzen Nachmittag auf einer Bank vor meiner Hütte, schaue einigen Seglern zu, wie sie sich bereitmachen zum Auslaufen, sehe einige Kinder mit ihren kleinen Olympiajollen aus dem Hafen hinausfahren in den Fjord und Frachtschiffe mittlerer Größe dort entlangtuckern, die sich den Weg um Skagen, der Nordspitze Dänemarks, herum sparen und stattdessen durch den Limfjord abkürzen. Das erste Mal stehe ich jetzt seit der Weser und der Elbe auf Meereshöhe. Im Limfjord fließt schon Ostseewasser. In wenigen Tagen werde ich dort, wo Ost- und Nordseewasser sich begegnen, mit der Fähre unterwegs sein nach Norwegen. 




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Kleine Wäsche

Die Jugendherberge in Rebild hat im Moment keine Gäste, jedenfalls keine wandernden oder Rad fahrenden, und Schulklassen erst recht nicht. Doch bereits gestern Abend fiel mir auf, dass in einem Seitenflügel der Herberge sehr wohl Betrieb war. In der Selbstversorgerküche, die nur einen Außenzugang hat, roch es nach Essen, als ich mir zum Abendbrot einen Tee kochte, und überall sah es etwas unaufgeräumt und schmuddelig aus. Als ich dann heute Morgen meine gebrauchte Tasse abspülen wollte, war in der Küche Gedränge. Ungefähr sechs Polen, die in der Nähe arbeiten, bereiteten sich das Frühstück vor. Bis jetzt war mir unbekannt, dass Bereiche einer Jugendherberge auch als eine Art Monteurunterkunft genutzt werden, aber irgendwie muss das Geld wohl reinkommen. 


In dem kurzen Moment meines Tassespülens versammeln sich alle im kleinen benachbarten Speiseraum, um unter großem Palaver ihr üppiges Frühstück zu verdrücken - und der Kühlschrank bleibt sperrangelweit offenstehen. Mehr zufällig werfe ich einen Blick rein. Es ist momentan gar nicht viel drin - das meiste steht oder liegt jetzt wohl gerade auf dem Frühstückstisch -, und da wo jetzt Platz ist, sieht es gar nicht so sauber aus. Wahrscheinlich hat das einfach was mit Männern zu tun und weniger mit Nationalitäten. Jedenfalls wird der Kühlschrank wohl grundsätzlich nicht saubergemacht. Die Herbergsleitung packt ihn vielleicht nur alle zwei, drei Jahre in einen Karton und schickt ihn zum Institut für Seuchenbekämpfung nach Kopenhagen mit einem Begleitschreiben, man möge sich mit allem bedienen, was wissenschaftlich verheißungsvoll aussieht. Ich jedenfalls bin froh, dass ich meinen Käse die Nacht über nicht dort gelagert habe.


Der Tag heute beginnt, wie schon der gestrige angefangen hat: Wolken hängen tief und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein bis es regnet. Dann reißen sie auseinander, verflüchtigen sich immer mehr, bis nur noch ein strahlend blauer Himmel übrig bleibt. Im Laufe des Tages kommen Schäfchenwolken dazu, aber die tun ja bekanntlich nichts. Heute nehme ich mir mehr Zeit als gestern, trödle direkt bis zu meinem Abmarsch. Vielleicht sind es gerade mal 20 Kilometer, die mir bevorstehen, das schaffe ich spielend bis zum frühen Nachmittag. 


Von der weiten Moränenhochfläche bei Rebild geht es durch schönen Wald hinunter ins Tal. Jede Menge Vögel haben zum Konzert geladen und ich kann manchmal nicht anders als stehenzubleiben und zu lauschen. Wenn ich doch nur einmal die Sommer-Fünf-Uhr-morgens-Volkshochschul-Vogelstimmenexkursion mitgemacht hätte... Aber wer weiß, ob ich die Stimmen im Moment auseinanderhalten könnte, ich bezweifle das. Trotzdem ist es schön. Ein Hase hoppelt mir mal wieder über den Weg und etwas links von mir knacken zwei Rehe durchs Gehölz.


Heute wechsle ich von einer Heerweg-Variante auf die andere. War seit Viborg in den letzten Tagen die Rad-Variante meine Leitschnur, so gehe ich heute die etwa 20 km hinüber zur Wander-Variante, auf die ich aber erst am heutigen Etappenziel Oster Hornum treffen werde. Der Grund ist eigentlich nur, dass ich hier eine Unterkunft bekomme, die meinen Preisvorstellungen entspricht und ich nicht das Gefühl habe, dass man mir die Hosen auszieht. Außerdem ist sie eine der neuen Herbergen, die vor noch nicht langer Zeit für den nördlichen Teil des Heerweges zwischen Viborg und Frederikshavn eingerichtet wurden. 


So tippel ich wieder durch die dänische Landschaft, die sich in den letzten Tagen kaum wesentlich geändert hat. Die Frage ist nur jeden Tag: Geht es heute meist geradeaus oder sind auch Kurven dabei? Wird es heute flach sein oder hügelig? Gibt es heute außer den unvermeidlichen Äckern, Äckern, Äckern und Wiesen, Wiesen, Wiesen auch noch Wälder, die keine zu hoch gewachsenen Weihnachtsbaumplantagen sind? Gibt es schöne Plätze, wo ich rasten kann oder gehe ich in Ermangelung derer einfach durch? Heute kommt noch eine andere wichtige Frage hinzu: Werde ich einen Laden zum Einkaufen finden? Doch die Antworten gibt schon meine Karte, daher weiß ich, dass von allem was dabei ist.


Meinen "Brugsen" finde ich ganz schnell auf der Durchgangsstraße von Stovring. Dort weiß ich inzwischen ganz genau, welche Regale ich anlaufen muss, so dass mein Minieinkauf in der Regel in einer Viertelstunde erledigt ist. Mit meinem Wheelie schlängle ich mich nicht durch die Regalgänge, der bleibt vertrauensvoll im Eingangsbereich stehen, und auf meinen Rucksack passe ich auch schön auf, denn so eine Nummer, dass ich damit wieder ein Ananasdosen-Regal umwerfe, passiert mir auch nicht nochmal. Hundert Meter nach dem Supermarkt steht am Straßenrand eine Bank, ich sehe die Menschen und Autos an mir vorüberhasten, während ich vom Prinzen ein paar Rollen verdrücke.


Die zweite Hälfte der Strecke ist nicht viel anders als die erste und kurz nach 13 Uhr bin ich in Oster Hornum und damit am Ziel. Meine ich. Meine Karte umfasst den Ort nicht mehr so ganz, aber die Straße "Nihojevej" habe ich auf meinem Handy bereits gefunden. Bis zur Nummer 30 kann es nicht mehr weit sein. Denke ich. Die Straße finde ich auch in der Realität sehr schnell, dann muss ich ja gleich da sein. Glaube ich. Am Anfang der Straße auf der rechten Seite die Nr. 2, das ist normal, 20 m weiter die Nr. 4. Dann kommt erstmal gar nichts. Nach 200 m die Nr. 6. Danach Wiese, Acker, Wiese. Nach weiteren 300 m Nr. 8. Es geht bergauf, um zwei langgezogene Kurven... machen wir es kurz: Nach geschlagenen 2 km geht rechts ein Schotterweg ab, ein Briefkasten steht an der Ecke, auf dem Briefkasten eine fette "30"! Na also, da bin ich ja! Hoffe ich. Nochmal sind es etwa 500 m, bis hinter einer Hügelkuppe das Dach eines kleinen Hauses erscheint - und dann öffnet sich vor mir ein grandioser Blick über Wiesen, Wälder und blühende Obstbäume. Ich bleibe einen Moment stehen und genieße diesen Ausblick. Dann gehe ich zum Haus, klopfe an der Vordertür, an der Hintertür, versuche, mich mit einem "Hallooo!?" bemerkbar zu machen, doch nichts außer den Bäumen bewegt sich, alles bleibt ruhig. Dann fällt mein Blick auf die Tür der ehemaligen Scheune und unten, auf einem kleinen Baumstumpf, steht ein Schild an der Wand gelehnt: "Haervejs Herberg". Ich bin angekommen.


Auf eins kann man sich in Dänemark verlassen: Auch wenn die Türen der dazugehörigen Privathäuser oder Bauernhöfe vielleicht verschlossen sind, die Herbergstüren sind immer auf oder werden nach einem kurzen Telefonat innerhalb von Minuten geöffnet. Anders als manchmal die Türen von Jugendherbergen. Auch hier bei der Herberge Hojedalen kann ich problemlos eintreten. Drinnen ist es urgemütlich. Kleine Zimmer, kein Schlafsaal, kleiner, feiner Gemeinschaftsraum, eine Küche mit allem, was man braucht, Dusche und Toilette sauber und - ganz wichtig - die Heizung springt sofort an und schafft in kürzester Zeit eine behagliche Wärme. Der Pilger ist zufrieden!


In der Küche steht ein Wäschetrockner... ich meine jetzt so ein Ding, wo man gewaschene Wäsche dran aufhängen kann. Draußen scheint immer noch die Sonne, der Wind weht, damit wird die gewaschene Wäsche rubbeldiekatz trocken. Also los! Der Waschvorgang läuft, indem ich während des Duschens kräftig mit den Füßen auf den verschwitzten Klamotten herumtrample und es mit dem von meinem Körper abfließenden Shampoo durchwalke. Dann nur noch Auswringen bis zur Sehnenscheidenentzündung - und fertig! und ab damit an den Wäschetrockner. 


Erinnerungen kommen wieder hoch an meinen Jakobsweg nach Santiago de Compostella und meinen Weg nach Rom, alles wärmere Gegenden als Dänemark, ich gebe es zu. Wenn Pilger dort nach einem langen Tag sich ungeduscht begegnen, halten sie unbewusst Distanz. Der Mief des anderen macht ihnen bewusst, dass sie Gefahr laufen, indiskret zu werden. Zwei Schritte mehr, und sie treten bei jemandem ein. Doch nahezu jeder Pilger ist ein gewissenhafter Besucher der Duschen in den Herbergen. Die wenigen Kleidungsstücke, die er im Allgemeinen mit sich trägt, zwingen ihn zu nahezu täglichen Waschgängen. Dieser Pflicht kommt er nach, sobald er das Etappenziel erreicht hat. Doch beim Betrachten der Sachen, die in unmittelbarer Nähe der Unterkünfte zum Trocknen aufgehängt sind, begreift man, dass sich jeder seine eigenen Vorstellungen von Hygiene macht und dass diese selten alles einschließen. Dem T-Shirt wird gemeinhin fast tägliche Pflege zuteil. Es ist das Banner, das am häufigsten an den Leinen flattert. An zweiter Stelle folgen die Strümpfe. Andere Kleidungsstücke finden sich seltener, woraus man vielleicht schließen kann, was mehrere Tage hintereinander ungewaschen getragen wird. Oder beginnt bei der aufgehängten Unterhose schon die unüberwindbare Schamgrenze?


Bei mir flattert jedenfalls alles nebeneinander am Wäschetrockner, aber ich bin ja auch wieder alleine hier.




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Durch Dornendschungel

Der Wecker verrichtet heute Morgen sein Werk früher als an normalen Tagen. Ganz normal ist der Tag heute nicht, weil er von mir mal wieder etwas mehr Einsatz fordert als an den vergangenen. An die 30 km können es heute werden, und wenn ich dann trotzdem nicht so spät ankommen möchte, muss ich eben eher losgehen. 


Das junge Mädchen aus der Jugendherbergsküche schaut etwas irritiert, als ich tatsächlich schon um kurz nach 7 Uhr am Frühstücksbuffet stehe. Zwar soll ab 7 Uhr alles bereit sein, aber so ernst sollte man das wohl nicht nehmen. Schnell entfernt sie noch die Frischhaltefolie von den Wurst- und Käsetellern und schüttet die Brötchen aus der Tüte in den Korb. Glücklicherweise ist der Kaffeeautomat schon im Gang, denn während das Mädchen sich sputet, habe ich schon die erste Tasse Kaffee getrunken. 


Ich sitze noch keine Viertelstunde am Tisch, da kommt die Folklore-Tanzgruppe durch die Tür, allesamt in ihren Trachten und offenbar etwas aufgeregt. Ich meine aus ihren Worten und Gesten heraushören zu können, dass sie bereits um 9 Uhr nebenan in der Veranstaltungshalle beim Dance-Contest ihren ersten Tanz aufs Parkett legen müssen, dementsprechend hoch ist wohl ihre Nervosität. Die Dame, die mir gestern nach meiner unfreiwilligen Nacktszene ein erschrockenes (erschüttertes, erfreutes, begeistertes o.ä.) "Halloooo!" (Betonung auf der zweiten Silbe!) schenkte, kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Ich will nicht hoffen, dass es sie hingestreckt hat. Ausfälle kurz vor einem Auftritt sind immer schwer zu ersetzen.


Um exakt 8 Uhr klicke ich vor der Hosteltür meinen Wheelie an. Ich weiß gar nicht, ob ihm eigentlich bewusst ist, dass er mir bei dieser Tour nur noch eine Woche lang zu Diensten sein darf. Eine Woche noch rollt er mit mir durch den Norden Dänemarks, dann ist erstmal Schluss. Für Norwegen erscheint er mir für einige Passagen nicht geeignet zu sein und deshalb steige ich auf meinen großen Rucksack um. Der ist schon per Post auf der Reise nach Saeby, wo er auch hoffentlich früh genug ankommt, damit ich ihn dort in der Jugendherberge in Empfang nehmen kann. Willi, mein Wheelie, darf dann wegen seiner ehrenvollen Verdienste zur Belohnung noch die Schiffsreise nach Oslo mitmachen, bevor ich ihn dort im Pilgerzentrum lagere. Am Tag vor meinem Rückflug nehme ich ihn wieder in Empfang. Doch gute 160 Kilometer wird er noch mit mir - schweigend und ohne Wehklagen, wie ich es so an ihm liebe - über die Straßen und Wege des Heerweges ziehen und mir zu Diensten sein.


Die Frische des Morgens und der Sonnenschein schicken mir sofort eine gehörige Menge Energie in die Blutbahnen und trotz der bei 30 Kilometern zu erwartenden brennenden Füße stampfe ich mit bester Laune von der höhergelegenen Jugendherberge ins Zentrum von Hobro hinunter. Im Hafen (Hobro liegt an einem Ostseefjord) ist zu dieser Zeit nichts los und auf der Einkaufsstraße ist noch weniger als nichts los. Aber auf welcher Einkaufsstraße ist das an einem Sonntagmorgen um kurz nach 8 Uhr anders. An einer Tankstelle versorge ich mich noch mit einer Prinzenrolle (Ich habe noch nie so viel Prinzenrolle gegessen!) und auch meine geschätzte quadratische Vollnuss-Schokolade darf nicht fehlen, denn sie soll heute für eine vermehrte Ausschüttung von Glückshormonen sorgen.


Seit Viborg ist die reine Wandervariante des Heerweges aus dem Blickfeld geraten. Sie verläuft wesentlich weiter im Westen. Bis Aalborg gehe ich im Prinzip nur auf der Radvariante, wo diese auch wieder mit der Wandervariante zusammentrifft. Der Begriff "im Prinzip" lässt aber schon vermuten, dass es außer Wander- und Radvariante noch eine dritte gibt, nämlich Reinhards Variante. Die kommt immer dann zum Tragen, wenn ich das Schild mit meinem Motto "Umwege? Besser nicht! Pausen? Gerne!" hochhalte. Der Radweg macht zwischen Hobro und Rebild zwei dermaßen große Schleifen, dass ich die Sinnhaftigkeit darin nur schwer erkennen kann. Müssen es denn unbedingt 38 statt 30 Kilometer werden, nur damit man ein Stück (vielleicht) häufiger befahrener Straße vermeidet? Mit mir ist das nicht zu machen, deshalb habe ich mir meine eigene Strecke auf der Karte markiert und laufe die nun ab. Außerdem ist heute Sonntag und damit die größere Straße sowieso vom Berufsverkehr entlastet.


Ich lasse also die typischen Industrie-und Gewerbegebiete von Hobro hinter mir und begebe mich mit einer gehörigen Portion Phlegmatismus auf den Randstreifen der Landstraße 180, die für knapp 10 km schnurstracks nach Norden führt. Ich setze mir Zwischenziele: übernächste Kreuzung, nächste Stromleitung, der kleine See rechts, die Windradreihe links. Immer wieder beliebt auch die Frage: Wo bist du, wenn du das Bonbon weggelutscht hast, das du dir jetzt in den Mund steckst? oder: Wo bist du, wenn du 500 Schritte gezählt hast? Und vor allen Dingen: Immer sich umschauen, es nie zum "Tunnelblick" kommen lassen! So tipple ich dahin und lächle viel. Meine Beine sind auf Autopilot geschaltet und streben vorwärts. Wo ich eigentlich Pause machen wollte, gehe ich einfach weiter. Ich trotte dahin und bin glücklich. Endorphinausstoß - Hiker's High? Oder bin ich einfach nur übergeschnappt? Keine Ahnung, aber es ist ein schöner Zustand.


Nach 15 Kilometern taucht wie aus einem inneren Nebel in meiner Vorstellung auf einmal eine eiskalte Coladose vor mir auf. Normalerweise trinke ich kaum Cola, aber jetzt will ich eine, umd zwar möglichst sofort. Es gibt sogar eine Chance! Auch wenn Kneipen oder Ähnliches in Dänemark auf dem Lande kaum vorkommen, gibt es vielleicht im vor mir liegenden Vebbestrup die Möglichkeit, im Supermarkt eine eiskalte, wunderbar erfrischende, zuckersüße Cola zu kaufen. Brugsen macht's möglich! Der Supermarkt, der auch sonntags geöffnet ist. Und richtig! Kaum habe ich das Zentrum von Vebbestrup erreicht, prangt mir das Werbeschild entgegen. Ich rein, Cola gekauft! Jetzt aber ein wenig Anstand! Die Cola wird sich nicht auf dem Brugsen-Kundenparkplatz oder an der nächsten Ecke in den Hals gekippt, sondern dort, wo man sich in Ruhe und vielleicht auch in netter Umgebung für ein Viertelstündchen hinsetzen kann. Nur... diese Stelle kommt nicht! Ich laufe weiter, weiter, fünf Kilometer wieder weiter... dann kommt die schöne Bank bei der kleinen Kirche von Arden - und meine ehemals eiskalte Cola ist lauwarm. Dazu die halb geschmolzene quadratische Nuss-Schokolade - ein aufschäumendes Erlebnis im Mund. 


Aber egal ob eiskalt und hart oder lauwarm und weich, der Zucker tut seine Wirkung und treibt mich regelrecht voran. Das riesige Waldgelände von Rebild, meinem heutigen Zielort, liegt jetzt vor mir. Mittendrin ein malerischer See, mit Badestelle, Kinder und Väter mit Neoprenanzügen toben im Wasser, Hunde holen die reingeworfen Stöckchen raus, Liebespaare liegen auf der Wiese und interessieren sich überhaupt nicht für Hunde und Neoprenanzüge, sondern nur für sich. Ein Stück gehe ich auf dem Uferweg entlang, der herrlich gesäumt ist von Buchen mit ihren frisch getriebenen hellgrünen Blättern, dann biege ich wieder in den Wald ein.


Der Wald wird dichter, der Weg schmaler, viel schmaler. Bin ich hier noch richtig? Mir fällt auf, dass ich länger die Radweg-Markierung nicht mehr gesehen habe. Kann man, sollte man hier überhaupt noch mit einem Rad fahren? Ich komme zu einer etwas größeren Lichtung. Das ist kein Weg mehr, auch kein Pfad, nur noch eine längliche Mulde im kniehohen Gras, die andeutet, dass hier vor Jahrtausenden schon einmal Menschen gegangen sind. Mein genetisch bedingter Widerwille gegen jede Form des Umkehrens treibt mich weiter. 


Um mich herum wuchert mittlerweile der undurchdringliche Dschungel, Brombeerranken greifen nach mir, kratzen mir Wunden in die Arme und lautstark am Regenschutz meines Wheelies, werfen sich in seine Radspeichen. Immer wieder konsultiere ich Karte und GPS. Das gibt es doch gar nicht! Beide Quellen sind sich sicher: Ja, wir sind richtig, weiter so! Also reiße ich meinen Wheelie von den Schlingpflanzen los, die mein kurzes Anhalten genutzt haben, um sich vielarmig um Räder und Deichsel zu wickeln, und kämpfe mich weiter voran. Der Schweiß läuft mir in die Augen, überall kleben Pflanzenreste an mir, die Mücken, die auf einmal da sind, haben einen Festtag. Ich schiebe meinen Wheelie als eine Art Bulldozer vor mir her, um mir einen Weg zu bahnen umd hoffe, dass keine Kinder in der Nähe sind, die meine Flüche hören.


Nach einer gefühlten Stunde stehe ich urplötzlich wieder auf einer kleinen Straße, die mir im ersten Moment wie eine Autobahn vorkommt, und ich widerstehe dem Impuls, niederzuknien und den Asphalt zu küssen. Ich pflücke Blätter, Ranken und Dornen von mir und meiner Ausrüstung, und mit einem Blick auf die zerrupfte Botanik in meiner Hand weiß ich jetzt, woher der Ausdruck "sich verfransen" kommt.


Das Schönste an der Straße kurz darauf: "Rebild 2 km"! Zwanzig Minuten später stehe ich vor der Tür der Jugendherberge. Vor der verschlossenen Tür! Leute, das ist jetzt Zankerei! "Wir sind heute nicht im Haus, aber zögern Sie nicht uns anzurufen unter...! "Natürlich zögere ich nicht. Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung, die glücklicherweise gut Englisch spricht, sagt mir, ich möge doch bitte hinten in den Hof gehen und dort den Eingang für Zimmer Nr. 1 suchen. Dort sei alles für mich vorbereitet. Ist es auch! Ein intensiver Wandertag ist zu Ende. Jetzt wird relaxt!




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In verschiedenen Kostümen

Du lieber Himmel, acht Wochen bin ich jetzt schon wieder auf meinem Weg - und es war doch erst kürzlich, als ich mich von meinen Lieben, von Nachbarn und von Michelle mit ihren Eltern und ihrer Schwester verabschiedet habe, alles unter den (Kamera-)Augen von WDR-Lokalzeit Bonn. Selbst wenn ich versuche mich zu konzentrieren, fallen mir nicht spontan in Mengen Erlebnisse von unterwegs ein, Eindrücke von Landschaften und Orten, Begegnungen mit Menschen. Die Festplatte ist wieder so voll, nichts ist in Ordner sortiert, alles ist gequirlt, alles ist nur wieder eine wunderbare Zeit, die ich in vollen Zügen genieße. Ich bin froh, dass ich mir jeden Abend aufschreibe, was passiert ist, was ich sehe, was ich fühle. So kann ich mir einiges retten, was sonst verloren wäre. Nur noch eine Woche werde ich in Dänemark sein, dann fängt wieder ein neuer Abschnitt an, der letzte, Norwegen. Ich freue mich jetzt schon auf dieses Land, habe jetzt schon deshalb Flugzeuge im Bauch.


Der Campingplatz von Vammen fällt wieder in die Kategorie "Hier möchtest du nochmal hinkommen". Eben weil er nicht in den Dünen der Nordsee liegt, kein Event-Center ist, sondern weil hier die Natur noch das Haupt-Event ist, weil hier Menschen zusammenkommen, die sich schon lange kennen und den besonderen "Geist" dieses Ortes pflegen, das gemeinsame Musikmachen. Die aber auch offen sind für jeden, der neu hinzukommt. Wo sich abends alles trifft, die Alten, die Jugend und die Kinder, nicht nur bei der Musik, sondern auch beim gemeinsamen Gespräch, beim Spiel. Ich bin unendlich froh, dass ich mir genau diesen Ort für einen Ruhetag ausgesucht habe. Wahrscheinlich habe ich schon geahnt, dass das hier für mich das Richtige ist, als ich im Internet zufällig darauf traf. Ich habe nur einen kleinen Teil davon erlebt, doch was ich erlebt habe, hat mich sehr beeindruckt. 


"Du musst unbedingt wiederkommen und bring deine Familie mit! Im Juli und August erlebst du den Platz nochmal ganz anders", sagt Harm-Wulf am Morgen zu mir, als ich mich von ihm verabschiede. Den Mann aus der Lüneburger Heide habe ich gestern Abend selbst nochmal ganz anders erlebt. Die anderen Gäste bitten ihn, doch nochmal seine Lieder vom Talentwettbewerb zu singen. Natürlich stehen mir erstmal Fragezeichen auf der Stirn, was Olga, die ältere Holländerin sofort bemerkt. "Harm-Wulf hat 2010 im dänischen Fernsehen am Talentwettbewerb 'Talent 2010' teilgenommen und dort mit Jodelliedern (!) sogar gewonnen. Google mal im Netz unter 'Harm-Wulf 2010', dann wirst du sehen." Natürlich lässt Harm-Wulf es sich nicht nehmen, alle Lieder, die er damals durch die diversen Qualifizierungsrunden gesungen hat, nochmal zum Besten zu geben. Verblüffend für mich, fast alle konnten mitsingen.


Ich verspreche, eine eventuelle Rückkehr in einem Sommer ernsthaft in Erwägung zu ziehen und ebenfalls, den Platz mit seinem "Spirit" weiterzuempfehlen, was ich hiermit an euch, meine lieben Kinder und liebe Freunde, die Ihr euch eventuell für so eine Art von Urlaub interessieren könntet, sehr gerne tue. Dann gehe ich los, etwas traurig.


An meinem gestrigen Ruhetag schien wunderbar die Sonne (auch das hat geklappt!), heute hüllen dichte Wolken den Himmel ein. Es windet wieder recht ordentlich, aber der Wind kommt, wie schon seit einigen Tagen, eher von hinten. Selbst Dieter könnte damit, glaube ich, leben. Dunkle Wolken bringt dieser Wind aber auch heran und ich rechne eigentlich fest damit, dass irgendwann mal die Schleusen aufgehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein gehöriges Tempo vorlege und die Kilometer zügig an mir vorbeirauschen. Vielleicht war es aber auch der Ruhetag, der mir wieder gut getan hat. Jedenfalls gehe ich 19 km auf der kleinen Landstraße durch, bis ich mich dann doch zwinge, (wieder) auf einer Friedhofsbank im Windschutz einer kleinen Kirche für eine Viertelstunde zu verschnaufen. 


Dabei geht mir die Frage durch den Kopf, die mir der ein oder andere Blogleser seit ein paar Tagen stellt: Wie sieht es eigentlich unterwegs mit meinem Bemühen um die Spendenaktion für Michelle aus? Bis vorgestern prangte mein Spendenplakat auf meinem Wheelie. Es war das zweite, seit der deutsch-dänischen Grenze in dänischer (und englischer) Sprache. Sowohl das erste Plakat, das ich durch Deutschland spazierengefahren habe, als auch dieses zweite haben mich mit vielen Menschen ins Gespräch gebracht, in Deutschland natürlich etwas einfacher als hier in Dänemark. Einige haben spontan ihr Portemonnaie gezückt und gespendet, andere haben es zwar auch gezückt, aber dann wieder geschlossen. Vielleicht war der Geldschein darin doch etwas groß und ausreichend Münzen nicht vorhanden. Ein bedauerndes Schulterzucken war meist die Folge. Andere haben nach dem Spendenkonto gefragt und wollen direkt überweisen. In Dänemark ist alles etwas schwieriger, aber damit habe ich gerechnet, in Norwegen wird es nicht viel anders sein. Wo es sich anbietet, bringe ich das Thema an. Je nach Situation gibt es meine Kurzfassung oder meine ausführliche Version. Manche sind sehr betroffen, manche schieben das Thema schnell beiseite ("Schlimm, schlimm, schlimm!"). Ab und zu klingelt oder raschelt es bei mir im Bauchgurt, wo alle kleinen Spendenbeiträge in einem Seitenfach landen. Die Bemühungen werden also auch in den nächsten Wochen nicht erlahmen. Allerdings klebt das Plakat seit heute nicht mehr auf meinem Wheelie. Es haftet einfach nicht mehr. Im Laufe der Zeit löste es sich immer wieder vom Regenschutz, weil Wind und Regenfeuchtigkeit an ihm "nagten" und schon zwei Mal konnte ich es von einem Acker wieder einsammeln. Aber ich weiß, dass die gesamte Aktion in den letzten Wochen sehr, sehr erfolgreich war und das macht mich stolz und glücklich. Vorausgesetzt ich schaffe die Strecke und alle, die mir Spendengeld versprochen haben, auch zu ihrem Wort stehen, können Michelle und ihre Familie so langsam ans Kofferpacken denken.


Auch heute ist die Strecke wieder so, wie sie schon oft in Dänemark war. Die Straßen schlängeln sich durch die Felder, Hügelgräber stehen immer wieder am Rand. Heerweg, Ochsenweg und Hügelgräber sind sich in der Landschaft immer wieder begegnet. Sie folgen den Höhenrücken und dienten daher schon im Mittelalter als Anhaltspunkte für die Reisenden. Der Raps steht in voller Blüte und taucht ganze Streckenabschnitte zumindest auf einer Seite der Straße in ein Meer aus Gelb. Wo vor drei Wochen noch erste zarte Pflanzen in den Ackerfurchen sprossen, steht hier mittlerweile manche Ähre schon auf dem Halm. Lange Baumalleen führen zu imposanten Bauern- oder Pferdehöfen, von deren Leben ich so gut wie nichts mitbekomme, weil sie meist weit ab von der Straße liegen. Kurz vor Hobro kreuze ich über eine Brücke die Autobahn E45 (Europaweg). Hier trifft Altes auf Neues. Via Autobahn reisen die Händler und Waren von heute, Heiden und Gläubige, Kampflustige und Friedenswächter von Nord nach Süd - und umgekehrt. Der Geist des Heer- oder Ochsenweges lebt weiter - nur die Geschwindigkeit hat sich verändert.


Ohne nach Hobro hineinlaufen zu müssen, zweige ich kurz vorher von der Heerweg-Rad-Variante ab und steuere auf die Jugendherberge zu. In der unmittelbar benachbarten Veranstaltungshalle findet, wie mir bald der Herbergsvater erzählt, ein großes überregionales Showtanz-Turnier statt. Über hundert Gruppen nehmen daran teil: von der Kindertanzgruppe über die Jazz-Dance-Halbprofis und Cheerleader-Truppe bis hin zur Folklore-Tanzgruppe der Ü-Siebziger-Generation in Trachtenkleidung. Und Letztere übernachten, da sie aus Viborg kommen und morgen noch Auftritte hier haben, allesamt mit mir in der Jugendherberge.


Nun wäre das alleine vielleicht noch nichtmal so erwähnenswert, wenn mir nicht folgendes widerfahren wäre: Ich habe mein Zimmer Nr. 1 im Erdgeschoss und blicke aus meinem Zimmerfenster, welches keine Gardinen, sondern nur nicht zugezogene Vorhänge hat, auf eine große Wiese hinaus, die zum Jugendherbergsgelände gehört. Spielwiese könnte man auch dazu sagen. Nach jedem Ankommen ist - wie auch jetzt - Duschen angesagt. Da sich keiner auf der Wiese aufhält - die Folkloregruppe sitzt in ihrem Tagesraum beim Käffchen - entledige ich mich meiner Kleidung und hänge sie über die Stühle, die bei dem Tisch unmittelbar beim Fenster stehen. Ich dusche ergiebig, öffne danach wieder die Badezimmertür - und erblicke draußen vor meinem Fenster die Tanzgruppe nach flotten Melodien aus dem Ghettobluster ihre Tanzschritte in die Wiese ziehend. Und angelehnt an die äußere Fensterbank meines Fensters: drei Frauen! Äääh..., wat denn nu? Die haben zwar alle Kostüme an, aber ob die für mein Kostüm, mein "Adamskostüm", Verständnis hätten, sobald sie sich zufällig umdrehen, wenn ich zum Fenster eile, um die Vorhänge zu schließen, kann ich nicht abschätzen. Was soll ich machen? Mich auf die Knie begeben und so zum Fenster krabbeln? Und wenn sie mich dabei dann sehen, kommen zehn Minuten später garantiert die Männer im weißen Kittel... 


Ich atme also tief durch - und gehe hastig und auf Zehenspitzen (So ein Quatsch! Die würden mich draußen auch so nicht hören.) zum Fenster, bin keine zwei Meter mehr von den rettenden Vorhängen entfernt - als sich eine der Frauen just in diesem Moment nach ihrer Wasserflasche umdreht, die auf der Fensterbank steht. Ich reiße die Vorhänge zu. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob und - wenn ja - was sie gesehen hat. Ich höre nur ein "Halloooo!!!" (Betonung auf der zweiten Silbe!), einige dänische Worte und Gekicher, aber das reicht mir schon. Für den Rest des Tages werde ich genau lauschen, ob sich auf dem Flur oder im Tagesraum was tut, bevor ich mich in die Selbstversorgerküche wage. Ist das peinlich!!!




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Zweiter Ruhetag

Kleiner Rückblick auf gestern Abend: Harm-Wulf hatte mir ja die Anwesenheit aller Menschen angekündigt, die schon auf dem Platz sind. Dazu muss man wissen, dass weder in Holland und Deutschland noch in Dänemark schon Ferien sind, noch kann man bei einem Donnerstagabend bereits von einem Wochenende sprechen. Deshalb hielt sich der Teilnehmerkreis etwas in Grenzen, aber die Mischung war ganz nett. Zunächst mal gab es da zwei ältere deutsche und ein holländisches Ehepaar sowie eine Mutter aus Osnabrück mit ihrer erwachsenen Tochter (Lehrerin) nebst Freundin. All diese kommen seit über 20 Jahren immer hierher, sind sozusagen hier gemeinsam groß bzw. alt geworden. Die Alten sind schon mal locker 10-12 Wochen hier, die Jungen nicht nur in den Ferien, sondern auch zu verlängerten Wochenenden. Mit um das offene Feuer in der Mitte des Raumes saßen auch ein junges Ehepaar mit ihren drei nicht schulpflichtigen Kindern, ein langhaariger blonder Däne mit Motörhead-T-Shirt und Sonnenbrille sowie zwei junge Damen, die ich am Nachmittag mit ihren Rädern habe ankommen sehen.

 
Die Stimmung war bereits ganz schön aufgekratzt, Harm-Wulf unterhielt die ganze Gesellschaft mit deutschem Volksliedergut und traf dabei offensichtlich exakt den Nerv der älteren Ehepaare. Das holländische Paar scheint auch nicht weit weg von der deutsch-holländischen Grenze zu wohnen, jedenfalls war es absolut textfest. Vom jungen Ehepaar konnte man das nicht sagen, dafür marschierten aber die Kinder im Gleichschritt bei "Hoch auf dem gelben Wagen" ums Feuer herum. Der blonde Dänenhüne schaute interessiert, die beiden jungen Damen etwas gelangweilt. Solveig und Kristin (ihre Namen habe ich immerhin aus ihnen herausgekriegt), die direkt neben mir saßen, waren überhaupt mehr als schweigsam - oder besser gesagt: sie redeten, als hätten sie gehört, dass man ihnen eines Tages eine Rechnung für die Anzahl ihrer Sätze präsentieren werde.


Nach "Wir lagen vor Madagaskar", "Wenn die bunten Fahnen wehen" und "Jenseits des Tales" sah sich Harm-Wulf genötigt, mich der Runde genauer vorzustellen und meine Pilgerwanderung zu preisen. Ergebnis: Kjeld, der Hüne, stimmte - weiß der Teufel, warum das zu seinem Liedgut gehört - begeistert "Das Wandern ist des Müllers Lust" an und ging zum Kühlschrank. Dort holte er zwei große Dosen Bier heraus, eine für sich, eine für mich. Er übergab mir die Dose in einer so feierlich lässigen Art, wie das eben nur tätowierte blonde Dänen mit Sonnenbrille und ärmellosem Motörhead-T-Shirt hinbekommen. Ab sofort waren wir Freunde.


Dies war auch der Moment, in dem die junge deutsche Mutter für ihre drei Kleinen - wenn eben möglich - Kinderlieder einforderte. Da Harm-Wulf an dieser Stelle passen musste, drückte er mir wie selbstverständlich die Gitarre mit den Worten "Du warst Grundschullehrer!" in die Hand und schulterte sein Akkordeon. Unter Aufbringung all meiner Konzentration und mit Hilfe von Mama, Papa und den Kleinen selbst bekam ich "Wie schön, dass wir beisammen sind", "Nackidei" und "In meiner Badewanne bin ich Kapitän" hin und hatte von da an im Wechsel die Kinder auf dem Schoß. Die Kinder störte dabei überhaupt nicht, dass ich von Kjeld die nächste Dose ungefragt überreicht bekam. Dänen? Find ich gut.


Nach einer längeren Phase angeregter Unterhaltung (nur die beiden Mädels schwiegen weiterhin still vor sich hin) und meinem Retour-Bier an Kjeld, wurde der Abschluss des Abends eingeläutet. Die ältere Holländerin setzte sich ans Klavier, Harm-Wulf und ich standen mit Akkordeon bzw. Gitarre daneben und bei "Der Mond ist aufgegangen" und "Auld lang syne" rückten nochmal alle enger zusammen, während Paulchen, der Jüngste von den Kleinen, bereits auf Papas Arm eingeschlafen war. Und nachdem Dose leer - Reinhard auch müde. Während wir alle vom Gemeinschaftsraum aus auf verschiedenen Wegen den Hang zu unseren Hütten bzw. Wohnwagen hinaufgingen, stimmte irgendjemand nochmal "Auld lang syne" an. Einer der schönsten Momente meiner Wanderung!


Ab 9 Uhr gibt es unten an der Rezeption frische Brötchen. Einige, so wie ich, holen sich welche ab, andere, wie Kjeld und meine beiden Stillen, checken gerade aus. Die älteren Ehemänner sind bereits unten am See und angeln, ihre Frauen decken gerade vor einem der Wohnwagen draußen in der Sonne den Tisch für das gemeinsame Frühstück, und der junge Vater tollt mit seinen Rangen auf der Wiese herum. 


Ich lasse es gaaaanz ruhig angehen, trinke drei Tassen Kaffee zu meinen zwei Brötchen (mit Käse), führe Telefonate mit der Heimat, flicke meinen Wheelie-Regenschutz, der sich mal nicht gegen einen Stacheldraht wehren konnte, habe große Wäsche, spaziere hinunter an den See und lasse mich dort für einige ruhige Minuten auf einer Bank auf dem Badesteg nieder - und greife zum Rasierapparat. Ich muss mich nämlich um alle Bereiche meines Körpers kümmern. Um die Füße, um schmerzfrei lange Strecken meistern zu können, und um eine ästhetische Gesichtspflege, damit auch junge Damen keine Angst vor einem Gespräch haben. Es gibt halt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.


Harm-Wulf dreht gerade seine Platzrunde und kommt bei mir vorbei. "Heute Abend 9 Uhr!", ruft er nur und geht weiter. Ich werde wieder runtergehen, obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass manche schönen Sachen nicht zu wiederholen sind. Aber probieren kann man es...




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Camping mit Musik

Als ich mich heute Morgen beim Zähneputzen so im Spiegel betrachte (das tut man ja dann immer zwangsläufig mit Hingabe) muss ich feststellen, dass ich ganz schön vom Fleisch gefallen bin. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass sich bei solch einer Tour höchst überflüssiges Fett verabschiedet, aber ein paar Muskeln können manchmal schon sehr hilfreich sein. Diese waren sonst eigentlich ganz gut auf meinem Körper verteilt, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass sie sich jetzt auf die Oberschenkel und Waden reduzieren. Ich bin wirklich neugierig, was eine Waage dazu sagen würde. Wird Zeit, dass ich nochmal in irgendeinem Badezimmer so ein Ding finde. 


Wenn die Kilos jetzt schon so auf Talfahrt sind, wie soll das in Norwegen erst werden, wenn die körperliche Beanspruchung noch größer wird. In Deutschland ging das Gewicht noch recht piano bergab. Mit Dieter unterwegs immer in die Backstuben-Cafés, abends meist lecker Essen gegangen, das ein oder andere Bier getrunken - da wird manche Kalorie wieder eingefahren, die man zuvor auf der Strecke gelassen hat. Aber hier in Dänemark...? Backstuben-Cafés gibt es gar nicht, jedenfalls nicht am Heerweg. Kneipen oder Restaurants (Kros) kann ich bisher an zwei Händen abzählen. Nur Viborg war da eine kleine Ausnahme. Kneipenkultur gibt es wohl in Dänemark nicht. Die Nachfahren der Wikinger essen und trinken (das vor allem) zu Hause. Also lebe ich aus dem Rucksack. Und da ich nicht viel mit mir rumschleppen will, besteht meine Nahrung aus..., na..., wer weiß es noch...?: Roggenbrot und Käse, Instant-Kaffee und - zum Verwöhnen - aus Prinzenrolle, Studentenfutter und Nuss-Schokolade. Da setzt nicht viel an. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Norwegen verpflegungsmäßig viel anders aussehen wird. Wahrscheinlich kann man mich nach meiner Rückkehr zu Hause unter der Tür durchschieben. Wichtig aber ist, denke ich mir, dass ich mich wohlfühle, und das tue ich wahrhaftig. Ich fühle mich fitter als zu Beginn der Tour, nur mein Fuss macht mir erwartungsgemäß etwas zu schaffen, aber damit kann ich gut leben. Wenn also alles weiterhin so rund läuft, habe ich gute Aussichten, mein Ziel auch zu erreichen. 


Heute will ich erstmal den Campingplatz von Vammen erreichen. Die erste Stunde lang gehe ich am langgestreckten See entlang, der zu Füßen Viborgs liegt, nur unterteilt durch den langen Damm, der in die Stadt hinüberführt. Die etwas Begüterten scheinen sich hier mit ihren Häusern niedergelassen zu haben, denn in mehreren Reihen erheben sich wahre kleine Paläste den Seeuferhang hoch. Die riesigen Fenster, durch die man hier über den See zum Dom hinübersieht, möchte ich nicht putzen müssen. Aber ich glaube kaum, dass hier auch nur eine(r) seine Fenster selbst putzt. Dann schon eher die Nobelschlitten, die vor den Garagen stehen oder die Motorboote, die direkt gegenüber der kleinen Uferstraße am Seeufer vor sich hindümpeln. 


Sobald der See endet und die noble Besiedlung aufhört, müsste ich auf die Heerweg-Radroute einschwenken. Mach ich aber nicht! Erstens zweifle ich daran, ob damals die Reisenden diese Streckenführung durch ein früher wahrscheinlich recht feuchtes bis sumpfiges Flusstal genommen haben, zweitens ist es ein recht erheblicher Umweg und drittens werde ich auf der direkt verlaufenden kleinen Straße, die sich zu einem ausgesprochenen Höhenweg entwickeln wird, keine weniger reizvolle Landschaft sehen. 
Der Roddingvej führt direkt in den kleinen Ort Rodding und ich brauche noch nichtmal den Straßenrand zu nehmen. Ein vorbildlicher Radweg (mit Mittelstreifen!) führt mich etwa zehn Meter parallel neben der Straße entlang, erst ganz langsam bergauf bis auf die Höhe, mit weiten Blicken nach rechts und links über die Felder, dann wieder langsam nach Rodding hinunter. Die Sonne erwischt mich unterwegs voll, allerdings macht auf der Höhe ein leichter Wind die erneut feuchte Wärme einigermaßen erträglich.


Dennoch bin ich froh, in Rodding wiedermal einen meiner Lieblingsrastplätze ansteuern zu können: den Friedhof bei der kleinen, alten Kirche. Immer gibt es an diesen Örtlichkeiten mindestens eine schöne Bank, einen Wasserkran für frisches Wasser und in der Regel sogar eine Toilette. Ja, fast jede Kirche in Dänemark kann mit einer Toilette aufwarten, entweder in einem kleinen, benachbarten Gebäude oder im Eingangsbereich der Kirche selbst. Das macht doch solch einen Kirchenbesuch direkt etwas entspannter...! 


Was mir außerdem bei diesen kleinen Friedhöfen auffällt, die mit Feldsteinmauern umgeben sind und auf denen sich die Gräber rings um die Kirche scharen: Immer arbeitet beruflich jemand an der Pflege. Entweder werden die Grabsteine geputzt, die Blumen gewässert, die kleinen Hecken geschnitten, die jede Gruft umfassen oder die Kieswege gerecht. Und dieser "Jemand" ist meistens eine Frau. Und immer kommen sie auf mich zu, begrüßen mich freundlich und fragen nach dem Woher und Wohin. Mit allen kann ich mich auf Englisch unterhalten, viele bemühen sich sogar um ein sehr akzeptables Deutsch. Alle versprechen mir auch, auf meinen Wheelie aufzupassen, wenn ich mal kurz einen Blick in die Kirchen werfen möchte. So auch jetzt bei der Rodding Kirke.


Als ich durch das offene Holztor eintrete, empfängt mich sofort wieder Klaviermusik. Keine ehrwürdige, geistliche Musik, sondern eine recht... wie soll ich sagen..., poppige Weise, die die Klavierspielerin, eine kleine Frau mittleren Alters, gerade komponiert. Immer wieder wiederholt sie, unterbricht, trägt mit ihrem Bleistift etwas in das Notenblatt ein, blättert zurück, wiederholt einen längeren Abschnitt, lächelt mich zwischendurch an, singt immer wieder dazu. Ich setze mich ein Weilchen in eine der Holzbankreihen und lausche. 
Sie haben was, diese alten, kleinen Kirchen hier in Dänemark. Die großen hölzernen Altaraufsätze, die Kanzeln mit den mittelalterlichen Schnitzarbeiten, die Kronleuchter an den Decken, die mächtigen Taufbecken aus Granitstein, die Bankreihen mit ihren kleinen, aufschwingbaren Törchen, an deren Rahmen am Mittelgang wechselweise Kerzen oder kleine Blumenvasen mit einer frischen Blume befestigt sind. Manche dieser Kirchen haben eine kleine Empore, worauf sich eine bescheidene Orgel befindet, oder sie haben eben keine, dann steht irgendwo ein Klavier.


Mitten in ihrem Komponieren unterbricht die Frau, um mich auf die Besonderheit dieser Kirche hinzuweisen. Über den Kirchenbänken nahe dem Ausgang hängt in einem Rahmen eine zunächst unscheinbare Stickerei. Mir ist sie zuvor gar nicht recht aufgefallen. Es handelt sich aber um so etwas Seltenes wie ein mit Seidenfaden auf eine Flachsleinwand gesticktes Werk, das einen mittelalterlichen Altartischvorhang darstellt, der Ende des 15. Jahrhunderts produziert wurde und die Dreieinigkeit sowie 32 Heilige zeigt. Nur schemenhaft sind die Personen auf dem Stück Textil klar auszumachen, bei einigen ist die Seidenstickerei kaum noch zu erkennen. Wer weiß, wo man dieses Tuch gefunden und wann unter diesem Glasrahmen geschützt hat.


Die nette Friedhofsangestellte ist gerade dabei, mit einer elektrischen Heckenschere an den Gruften entlangzugehen, als ich ihr zuwinke und mich verabschiede. Vorhin hat sie mir noch gesagt, dass sie selbst in Vammen wohnt und der Campingplatz unten am See sehr schön sei. Dann schauen wir mal - ich mache mich wieder auf den Weg. 


Die Strecke wiederholt sich fast 1 : 1. Weiter geht es - jetzt wieder als Rad-Variante des Heerwegs markiert - an derselben Straße entlang. Wieder führt der zweispurige Radweg erst langsam auf die Höhe, dann sanft abfallend nach Vammen hinein. Weite Blicke wieder über die Felder, große Höfe links und rechts. Am Wegrand blüht noch ein wenig der Löwenzahn, aber langsam geht seine Zeit zu Ende und er wird zur Pusteblume. Einige Hügelgräber stehen eng bei der Straße und haben wohl schon im Mittelalter als Wegmarkierung gedient.


Am Ortseingang von Vammen ein Kaufmann, nicht viel mehr als ein Tante-Emma-Laden, aber immerhin. Dann ein Hinweis auf einen Kro links die schmale Straße rein, der beste Hinweis darauf, dass Vammen an einer alten Handelsstraße liegt. Hundert Meter weiter dann ein Wegweiser zum Campingplatz. Einen Kilometer liegt er etwa von Vammen entfernt, hoch am Hang über dem langgezogenen Tjele Langso. Bald taucht er vor mir auf. Terassenförmig fällt der Platz etwas zum See ab, aber die Wiesen der Terrassen sind noch so gut wie leer. Wie in den Pilgerherbergen hat auch hier die Saison noch nicht richtig begonnen, nur vereinzelt steht mal ein Wohnwagen mit einem Vorzelt auf dem Grün.


Doch im Internet habe ich viel Schönes von diesem Campingplatz gelesen und ihn nicht umsonst für einen Ruhetag ausgesucht. Erstens beschrieb die Homepage die Lage des Platzes sehr positiv. Erster Eindruck: stimmt absolut! Zweitens wäre er sowas wie ein Musik-Campingplatz. Als ich das große Blockhaus betrete, in dem die Rezeption, die sanitären Anlagen und ein Gemeinschaftsraum untergebracht sind, bin ich sofort begeistert. Vom Gemeinschaftsraum aus blickt man weit über den See hinaus, mitten im Raum bildet eine offene Feuerstelle einen tollen Blickfang, von schweren Holzmöbeln umgeben, an den Wänden alles, was einem Heimatmuseum zur Ehre gereichen würde und - an einer Wand bereitgestellt, als solle man sich nur bedienen - jede Menge Musikinstrumente: Klavier, Gitarre, Geige, Trompete, Horn, Akkordeon. Sogar zwei Mikrofone stehen daneben. 


Ich stehe ganz in mich gekehrt und andächtig in diesem Raum, da kommt der offensichtliche Campingplatz-Besitzer durch die Tür, schaut mich lachend an und spricht mich direkt auf Deutsch an. "Du bist Reinhard aus Deutschland, oder?" Ich nicke nur verblüfft und er lacht lauter. "Dann können wir uns ja auch auf Deutsch unterhalten!" Bei unserem Gespräch, das wir in Folge über etwa eine Viertelstunde führen, stellt sich heraus, dass Harm-Wulf aus der Lüneburger Heide kommt, vor Jahren habe ihn seine Anine hierher "abgeschleppt". Musiklehrer war er, jetzt ist er Besitzer eines Musik-Campingplatzes. "Das hat sich herumgesprochen. Viele Leute kommen alleine oder mit ihrer Familie im Sommer hierher, um abends gemeinsam Musik zu machen. Von Volksliedern bis zur Folk-Musik. Dann musst du mal kommen, da ist hier eine besondere Atmosphäre. Kein Remmidemmi, eher so ein wenig irische Pub-Stimmung. Viele Leute spielen ein Instrument, viele singen dazu. Spielst du auch ein Instrument? " Da ist die Frage, die ich fast ein wenig befürchtet habe. Ich winde mich, murmele etwas von Ein-wenig-Gitarre, aber nichts auswendig, nur mit Textvorlage und dazu vermerkten Gitarrengriffen, also nicht so richtig, ein bisschen vielleicht... "Kannst du singen?", kommt seine nächste Frage wie aus der Pistole geschossen. Kaum hat er sie gestellt, hat er auch schon die Gitarre in der Hand und stimmt "Horch, was kommt von draußen rein" an. Ich falle in Text und Melodie ein, er wechselt bald in die zweite Stimme, lächelt mich an, ist scheinbar zufrieden. Es hört sich sogar sehr gut an, wie die Windecker Herzbuben. Nach der zweiten Strophe hängt er die Gitarre wieder auf und sagt energisch: "Heute Abend um neun Uhr musst du hierher kommen. Da treffen wir uns alle, die schon auf dem Platz sind und machen etwas Musik. Du bist herzlich eingeladen. Und jetzt zeige ich dir deine Hütte!" So schnell ist man engagiert...!


Harm-Wulf bringt mich zu "Onkel Alfreds Hütte". "Alfred war mein Onkel und Schreiner und hat diese Hütte während eines Besuchs hier selbst gebaut. Jetzt ist er schon lang nicht mehr, aber seine Hütte wird gerne gemietet. Jetzt richte dich mal schön hier ein - und wir sehen uns heute Abend!" Widerrede zwecklos! Ich verstaue meine Sachen, sortiere alle meine Habseligkeiten überall schön hin, wie man das so macht, wenn man am nächsten Tag einen Ruhetag hat und sich unheimlich darauf freut, genau wie bereits auf den heutigen Abend.


Als alles seinen Platz gefunden hat, ich mir gerade mein Kaffeewasser aus dem Wasseranschluss holen möchte und dazu meine Hütte verlasse, kommt im selben Moment ein stolzer Fasan aus dem Gebüsch und schreitet - keine zwanzig Meter von mir entfernt - majestätisch über die Wiese. Er gibt mir sogar die Zeit, in die Hütte zurückzugehen, um meine Kamera zu holen, stellt sich dann in Positur und lässt sich ablichten. Irgendwie lässt sich hier alles gut an. ..!




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Heerweg in Zeitraffer

Feucht ist es heute Morgen. Es nieselt, als ich die Herberge verlasse, aber es ist draußen wärmer als es drinnen war. Der Betreiber der Herberge, den ich gestern nicht angetroffen hatte, sieht mich an seinem Bürofenster vorbeilaufen, klopft an die Scheibe, grinst und winkt mit seinem Herbergsstempel. Er weiß wohl, dass viele Pilger sich gerne einen Stempelabdruck in ihren Pilgerausweis verpassen lassen und ich muss gestehen, ich bin da keine Ausnahme. Also gehe ich zu ihm rein und rede ein paar Worte mit ihm. Als er mitbekommt, wie lange ich schon unterwegs bin, lädt er mich spontan zu einer Tasse Kaffee ein. Er will mehr erfahren. So wird aus einem Stempel-Abholen ein gemütlicher Plausch, und da der Wissbegierige gebürtiger Schweizer ist, geht das Gespräch auch noch flüssig vonstatten. Erst eine Stunde später als gewollt mache ich mich wirklich auf den Weg. 


Die nördlichste und für mich die letzte Herberge sollte Hald Hovedgard auf dem Heerweg gewesen sein - so hieß es noch Anfang des Jahres bei meinen Planungen. Heute Abend bin ich schlauer. Die kleine Unterhaltung mit dem Herbergsverwalter hatte außer der Begegnung mit einem netten Menschen noch etwas Gutes: Der Nieselregen hat aufgehört, dafür wird es immer wärmer. Als würde jemand Waschküchenluft vor mir her auf den Weg pumpen. Schon nach zwei Kilometern fühle ich mich unter meinem Anorak wie in einem Bratenschlauch. Was ist das denn jetzt auf einmal für ein Wetter? Ich hätte gerne so etwa 12 °C zurück - mit etwas Wind! 


Glücklicherweise hat sich der Streckenverlauf dem angepasst. Da ich nicht im Zickzack auf der Wanderroute ohne besondere Höhepunkte durch eine Plantage laufen möchte, folge ich der Fahrradstrecke, die eine ehemalige Bahntrasse, den Alhedestien, bis nach Viborg hinein nutzt. Ohne Höhenunterschiede wahrzunehmen, schlendere ich also nahezu Viborg entgegen. Die Trasse führt auf einem recht hohen Bahndamm dahin, der mich weit über die Felder und bei einigen Häusern bis ins erste Stockwerk schauen lässt. Nett wird es bei einer Schule, an der ich vorbeikomme. Eine Schülerin sieht mich mit meinem Wheelie auf der Trasse munter drauflosschreiten, lächelt, winkt mir zu und macht ihre ganze Klasse wohl auf mich aufmerksam. Es dauert jedenfalls keine 10 Sekunden und alle Schüler stehen an den Fenstern, klopfen und winken. Oh ohoo, denke ich mir, das gibt Gemecker vom pädagogischen Personal, aber nichts da. Einen Moment später steht eine ältere Lehrerin am Fenster, öffnet dieses, winkt und ruft mir ein "God tur!" zu. Eine nette Geste im Moment, ein großer Moment zur Förderung von guter Laune!


Am Stadteingang von Viborg möchte ich eine Kirche nicht verpassen, die etwas abseits meines Weges liegt. Doch genau da, wo sie auf meiner Karte vermerkt ist, sehe ich sie auch neben mir auftauchen. Ein modernes Gebäude, die Sondermark-Kirche. Hier möchte ich den Heerweg nochmal im Zeitraffer erleben. Wie das gehen soll? Zehn Frauen aus der Region haben vor einiger Zeit fünf Jahre lang an einem 10,5 m langen und 1 m breiten Bilderteppich gestickt, der die wechselvolle Geschichte dieses für Dänemark so geschichtsträchtigen Weges in fortlaufender Landschaft aufzeigt. Als ich dieses Werk in der Kirche suche, finde ich es erstmal nicht. Dafür höre ich wunderbare Klaviermusik aus dem Kirchensaal, wo sich - zu meiner Verblüffung - etwa zehn Muttis mit ihren Babys auf Decken über den Boden bewegen (deshalb die vielen Kinderwagen im Gebäude-Vorraum). In einem Nebenraum sitzen einige ältere Herrschaften beim Kaffee zusammen, während in einer Küche zwei schnatternde und lachende Frauen offenbar weiteren Kaffee nachkochen. Erst um zwei Kurven herum (dieses Haus hat nur Kurven, keine Ecken!) stoße ich in einem Flur auf den Bilderteppich. Und bin platt! 


Mit feinsten Nadelstichen haben damals die Frauen auf dieser Länge von über 10 m die Geschichte des Heerwegs erzählt. Die Geschichte der Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten im Süden, der Könige, die diesen Weg nutzten, um sich in Viborg huldigen zu lassen oder ihr Land fortlaufend zu kontrollieren, der Händler, Kaufleute und Handwerker, die ihre Waren oder ihre Arbeitskraft anboten, der Krieger, die entlang des Weges ihre Schlachten schlugen, der Bettler und Räuber, die den Vorbeiziehenden auflauerten, der Viehtreiber, die ihre Ochsen von den dänischen Wiesen zu den deutschen Märkten bis an die Elbe trieben und mit getauschten Waren wieder zurückkamen, der arbeitenden Menschen entlang des Weges und der Wirte in den Herbergen und Schänken, die die meisten von diesen allen aufnahmen und bewirteten. Wieviele Geschichten habe ich von ihnen allen gehört und gelesen und hier bekomme ich sie auf diese Weise nochmal vor Augen geführt. Unterhalb der fortlaufenden Landschaft im oberen Teil gehört zu diesem Kunstwerk auch die Darstellung von markanten Wegpunkten in aufgereihten Einzeldarstellungen: die alten Brücken, Wegsteine, Runensteine, Kirchen, Kros, Landschaftsausschnitte. Fast alles davon habe ich gesehen und erinnere mich. Erst jetzt, bei dieser "Zusammenfassung", wird mir klar, welchen besonderen Weg ich in den letzten Tagen gegangen bin. Ein würdiger Abschluss!


Doch was heißt "Abschluss"? Zunächst einmal ist ganz offiziell der Weg erst an der Kathedrale von Viborg für mich zu Ende, dort wo viele Pilger des Mittelalters ihren langen Weg nach Santiago de Compostella oder Rom begannen. Auch die ersten Viehtreiber machten sich erst ab hier mit ihren Ochsen auf den Weg in die Elbmarschen. Und doch - Pilger kamen auch aus dem noch höheren Norden, legten nach ihrer Überfahrt von Norwegen oder Schweden im heutigen Hirtshals oder Frederikshavn an, um weiterzuziehen. Händler hörten nicht bei einer Stadt auf, Handel zu treiben und Könige konnten es sich gar nicht leisten, nur einen Teil ihres Landes zu kontrollieren. Dem hat man Rechnung getragen und einen Weg weiter nach Norden als "Heerweg" markiert, eben bis Hirtshals oder Frederikshavn, auch um die "Pilger-Lücke" bis Oslo zu schließen, wo der seit einigen Jahren "wiederentdeckte" Olavsweg beginnt. 


Und das ist auch der Grund, warum die Pilgerherberge Hald Hovedgard nicht mehr die nördlichste auf dem Heerweg ist. Davon erfahre ich drei Meter vom Bilderteppich in der Sondermark-Kirche entfernt. In einer Ablage liegt ein kleines Faltblatt. Inhalt: die neuen Pilgerherbergen des Heerweges zwischen Viborg und Hirtshals bzw. Frederikshavn für die neue Pilgersaison Juni - August 2017. Bei meinen Planungen Anfang des Jahres gab es diese eigentlich sehr interessante Neuigkeit noch nicht. Schade - oder nicht schade? Schade, weil ich richtig Geld gespart hätte. Hinter Viborg bezahle ich wieder B&B- und Hostel-Preise, die hier in Dänemark auch nicht so ohne sind. Nicht schade, weil ich in den letzten Nächten genug gefroren habe, da ist ja gegen ein wenig Kuscheligkeit auch nichts einzuwenden... Hape Kerkeling hat - als er dann mal weg war - in Spanien auch schon mal in Paradors übernachtet. Jaaaa..., ich bin nicht Hape Kerkeling...!


Die alte Bahntrasse Alhedestien bringt mich nun schnell - wie sollte es auch anders sein - zum Bahnhof von Viborg, wo mein Bummel durch Viborg, einer der ältesten Städte Dänemarks, beginnt. Der älteste Teil des Ortsnamens "Vi" ist das altdänische Wort für Heiligtum und weist darauf hin, dass Viborg schon in vorgeschichtlicher Zeit ein heiliger Berg war. Der neue Christenglauben bemächtigte sich des Ortes, er wurde 1060 Bischofssitz und war in den folgenden Jahrhunderten das Zentrum der kirchlichen Macht. Neben dem Dom entstanden 12 Gemeindekirchen und 4 Klöster. Dann wurde Viborg Ausgangspunkt der Reformation in Dänemark - mit erheblichen Konsequenzen für die kirchlichen Einrichtungen der Stadt. Bürger rissen alle Gemeindekirchen ab, die Klöster wurden geschleift, und Mönche und Nonnen mussten mehr oder weniger freiwillig die Stadt verlassen. Viborg war gleichzeitig die Hauptstadt Jütlands und während des Mittelalters ein Machtzentrum mit Sitz des Landthings für Jütland und Schauplatz der Königshuldigungen sämtlicher dänischer Könige von 1027-1665.


Auf meinem Weg vom Bahnhof durch die Stadt komme ich in der Fußgängerzone aber erstmal dort vorbei, wo die heutigen Dänen zu allererst dem König Konsum huldigen. Warm ist es jetzt hier zwischen den Häusern, aber nicht nur warm, sondern irgendwie unerwartet schwül. Nicht nur ich schwitze elend vor mich hin. Ich sehe auch viele andere Menschen, die nach den letzten kühlen Tagen heute Morgen noch nicht den richtigen Griff in den Kleiderschrank getan haben, um sich für die Shopping-Tour angemessen zu kleiden. Viele, die aus den Läden und Boutiquen mit den Klimaanlagen wieder herauseilen, erleben wohl binnen zwanzig Sekunden etwas, was man Schweißdrüseninkontinenz nennen könnte. Ich glaube, es ist so warm und feucht, dass selbst die Schaufensterpuppen in den Schaufenstern Viborgs Schwitzflecken unter den Armen bekommen.


Am besten entgehe ich dieser Schwüle in einer Kirche, und da ist die Domkirche genau die richtige Adresse. Jenseits der Einkaufsstraßen, im mittelalterlichen Altstadtbereich, erhebt sich der Dom mit seinen beiden Türmen als Wahrzeichen über die Skyline der Stadt. Dies war schon so für die Reisenden auf dem Heerweg früherer Zeiten. Der Grundstein für den Granitdom wurde bereits um 1130 gelegt. Von der ersten Kirche ist heute aber nur noch die Krypta erhalten. Sie ist gleichzeitig Dänemarks ältester romanischer Raum, wo früher viele Kranke an einem Brunnen Heilung suchten. Mehrere Brände haben im Laufe der Jahre die Kirche verwüstet, das letzte Mal 1726. Aufgrund einer sehr schlechten Renovierung nach dem letzten Brand - Pfusch am Bau also - wurde der Dom komplett niedergerissen und in den Jahren 1863-1876 in seiner ursprünglichen romanischen Bauweise wiedererbaut. Nur die Krypta konnte bewahrt werden. Ungewohnt in der Ausgestaltung sind die Kalkmalereien, die alle Wände einnehmen und einer Bilderbibel gleichkommen. Sämtliche Propheten und alle entscheidenden Geschichten des Alten und des Neuen Testaments von Adam und Eva bis zur Himmelfahrt Christi, alles ist großflächig vertreten. Dass es außerdem beim Andenkenstand - oder soll ich es protestantischen Devotionalienhandel nennen? - auch noch einen Pilgerstempel gibt, ist klar.


Die schönste Begegnung heute habe ich nebenan - im Dom-Café. Auf ehrenamtlicher Basis ist es wohl organisiert, zwei nette, ältere Damen stehen an der Minitheke und freuen sich offenbar riesig, dass ich eintrete. Nur noch ein weiterer Tisch ist von zwei Frauen besetzt, die sich angeregt unterhalten. Das Angebot ist bescheiden. Außer Eis am Stiel, Kaffee, Tee und Keksen gibt es - Mini-Frikadellen mit Kartoffelsalat. Ja, dat isset doch! Nachdem Kaffee, Frikadellen und Kartoffelsalat vor mir stehen, gibt es für das Bedienungspersonal kein Halten mehr. Beide setzen sich zu mir an den Tisch und fragen mir Löcher in den Bauch. Dies gestaltet sich sehr lustig, aber auch etwas langatmig, da nur eine von ihnen des Englischen mächtig ist und daher immer hin und zurück übersetzen muss. Zwei Mal wird mir Kaffee nachgeschüttet und erst als fünf neue Gäste auf einmal hereinkommen, fühlen sie sich gezwungen, sich um diese zu kümmern. Doch eins lassen sie sich nicht nehmen: 50 Kronen landen in meiner Michelle-Kasse!


Durch enge mittelalterliche Gassen verlasse ich die Altstadt von Viborg und mache mich auf den Weg zur etwas außerhalb gelegenen Jugendherberge. Am Sonder See entlanggehend - und wieder schwitzend - erfreue ich mich nochmal eines schönen Blickes auf die Häuser von Viborg mit seinem erhabenen Dom und habe nach einer halben Stunde die Herberge erreicht. Doch diesmal kein kalter Schlafsaal, kein Massenwaschraum mit Kabinentoiletten, keine blanken Matratzen mit der Suche nach Decken, sondern ein warmes Doppelzimmer zur Einzelbelegung mit Bad en suite!




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Tropfnasser Pilger Jorge

Heute ist "Bergfest", d.h. die Hälfte meiner Zeit auf dem Weg Richtung Trondheim ist rum. Gefühlt geht die zweite Hälfte ja immer schneller vorbei. Mal sehen, ob es diesmal wieder so ist. Kilometermäßig dürfte ich die Hälfte schon seit einiger Zeit überschritten haben. Doch erst beim großen Finale, dem letzten Drittel meiner Tour in Norwegen, geht es richtig zur Sache. Bisher ist das alles nur "Warmlaufen ", den Körper an die Strapazen gewöhnen, die noch kommen werden. Ich hoffe, meine Fitness verläuft bis dahin weiterhin positiv aufwärts. Wäre ja noch schöner, wenn ich zum Schluss abbaue. Ich will in Trondheim ankommen, das habe ich mir versprochen - und vor allem, das habe ich Michelle versprochen. Das Spendengeld muss zusammenkommen, dafür werde ich sorgen!


Als ich mich auf den Weg mache, schläft Österreich noch. Im Zimmer neben mir rührt sich nichts - aber es röhrt jemand gewaltig. Ich muss gestehen - oft ist der Schnarcher ein Mann, oft von beachtlicher Korpulenz und tagsüber so still und diskret, wie er, sobald das Licht ausgeht, geräuschvoll wird. Aber ich habe auch schon kleine Frauen kennengelernt, die zwar zerbrechlich und zart erschienen, aber gleich nach dem Einschlafen ihren Rachenraum zu Jagdhörnern umfunktionierten, denen sie mächtige Töne entlockten. Und wenn das schon bei zerbrechlichen und zarten Frauen vorkommt, dann kann sich jeder vorstellen, was das bei dieser voluminösen Österreicherin bedeutet. Wie Tochter Lissy daneben existieren kann, ist mir schleierhaft. Wie gut, dass die Beiden den Heerweg von Norden nach Süden gehen. Bei einer längeren Wanderpartnerschaft, zumindest abends und nachts in den Herbergen, hätte es zwischen uns sehr wahrscheinlich zu erheblichen Krisen kommen können, trotz ihrer... , ich nenne es mal... schmachtenden Blicke. Mit manchen Frauen hat man eben keine Zukunft.


Vom ersten Schritt an muss ich heute meinen Schirm aufspannen. Mhm..., nach Schauern sieht das nicht aus, eher nach einem gepflegten Landregen. Kein Wind, der die Wolken verjagt. Na gut, dann richte ich es mir mal unter dem Schirm schön gemütlich ein und trotte dahin. Wiedermal liegt weites Agrarland vor mir, Höfe links und rechts, Schilder weisen auf Rinderzucht hin, aber auch auf "Schweineproduktion" (schreckliches Wort!). Nach langen, geraden Straßenabschnitten zum Waldrand, hinein in die Stendal Plantage, dann in die Havredal Plantage. Die Bäume der Plantage, die Ende des 18. Jahrhunderts und die darauf folgenden 50 Jahre angepflanzt wurden, bedecken heute eine Vielzahl von Grabhügeln, die fast auf einer geraden Linie nahe am Weg liegen und früher als Wegmarkierung benutzt wurden. Nur an einer Stelle, wo wohl vor nicht langer Zeit mal Rodungsarbeiten stattgefunden haben, sind drei bis vier Hügel in einer Reihe zu erkennen. 


Regen, Nebel und Feuchtigkeit enthüllen ihre Schönheiten. Es ist fast etwas verrückt, es regnet in Strömen und ich gehe hier durch diese Plantagen seit mehr als einer Stunde einem Uhrwerk gleich "meinen Weg". Wechselnde Lichtverhältnisse lassen das Unterholz mal hell-, dann wieder in einem satten Dunkelgrün erscheinen. Das gleichmäßige monotone Prasseln auf das Blätterwerk und auf meinen Schirm über mir ist wie der Grundton einer meditativen Musik. Düfte, die bei dieser Witterung besonders intensiv hervortreten, vervollkommnen die erhabene Stimmung. Manchmal ist genau solch ein Weg derjenige, den man sich wünscht, um abzuschalten oder in sich zu versinken. Die Gedanken wirbeln umher, springen von Erinnerung zu Erinnerung. Es ist als ob das Gehirn die Puzzleteile meines Lebens wild aufzeigt, um sie danach neu geordnet wieder zusammenzufügen. Ganz große Gedanken auf der Pilgerreise? Erkenntnisse und Weisheit schöpfen wie am Fließband aus dem grenzenlosen Quell des Seins? Na ja... ! Die Füße schmerzen, das ist es, und die Knie, der Rücken und die Beine. Das ist die Wirklichkeit des Pilgerns. Blasen vielleicht noch und geschwollene Knöchel. Gehen, den Körper beanspruchen, manchmal bis an die Grenze. Aber sonst... ? Ich bin im Moment ziemlich froh, einfach so umherzuziehen. Nur das, was ich tragen oder in meinem Wheelie hinter mir herziehen kann und vor allem will, umgibt mich. Mein gewohnter Alltag zu Hause ist ganz weit weg. Ich muss mich um keine selbst auferlegten Verpflichtungen kümmern. Es ist die totale Entschleunigung, und ein herrliches Gefühl der Ballastlosigkeit stellt sich ein. Kann es Schöneres geben?


Gerade als ich die Havredal Plantage verlasse, kommt mir ein Mann unter einem Poncho und mit einem großen Stock entgegen, zweifellos ein Pilger. Als er auch mich erkennt, strahlt er mich unter seiner Kapuze an und streckt mir die Hand entgegen. Er ist klein, sein Gesicht recht dunkelhäutig und seine Augen blitzen vor Freude. Schnell merke ich, dass ich mit Englisch bei ihm nicht ankomme, mit Deutsch erst recht nicht. Er fragt nach Französisch oder Spanisch - Fehlanzeige. Aber mit Händen und Füßen und von jeder Sprache etwas erfahren wir vom andern doch, was wir wissen wollen. Er heißt Jorge, ist Portugiese, hat an der Nordspitze Dänemarks seinen Pilgerweg begonnen und will monatelang weiter. Zunächst einmal auf all den Wegen, die ich schon hinter mir habe: den Heerweg bis zur deutschen Grenze, auf deutschen Jakobswegen über Hamburg, Bremen, Münster, Dortmund, Köln bis Trier. Dann nach Frankreich hinein, über Metz und Cluny bis Le Puy und weiter die Via Podiensis entlang bis nach Jean-Paul-Pied-de-Port an die Pyrenäen. Von dort will er über Irun in Spanien den Camino del Norte bis Santiago nehmen und von da auch noch bis nach Lissabon nach Hause laufen. Meiner Schätzung nach sind das ca. 5000 Kilometer. Ich treffe ihn also am Anfang einer langen Pilgerreise. Ich hoffe nur, dass er richtig dafür ausgerüstet ist. Gegen Regen ist er es jedenfalls nicht. Was ich da vorhin als Poncho benannt habe, ist nichts weiteres als eine dünne, durchsichtige Plastikhaut, die auf seinem Anorak klebt, und dieser ist offensichtlich klitschnass. Die Kapuze erfüllt ihren Zweck offenbar auch nicht, denn das Wasser läuft ihm an den Haaren und an der Stirn hinunter und tropft in seinen Kragen. An seinen klappernden Zähnen erkenne ich sehr schnell, dass er erbärmlich friert. Da nützt das südländische Blut auch sehr wenig. Au Mann, ich möchte Jorge in dieser Aufmachung nicht bei Regen und Wind auf dem Elbdeich sehen... ! Da kommt mir eine Idee! Dieter hatte vergessen, seinen Schirm, den ich immer brav mit meinem Wheelie transportiert habe, wieder mit nach Hause zu nehmen. In einer E:mail bedauerte er das nicht sonderlich und empfahl mir, ihn irgendwo zu entsorgen, da er ja sowieso nicht mehr in Ordnung sei. Wie ich nun mal so bin, konnte ich ihn aber nicht einfach so wegschmeißen. Vielleicht geht meiner ja bei irgendeinem Sturm richtig kaputt und dann habe ich einen zur Reserve, dachte ich mir. Vielleicht ist das für Jorge (zumindest vorübergehend) die Lösung eines "kleinen" Problems. Ich biete ihm den Schirm an. Er nimmt ihn begeistert und bedankt sich überschwänglich. Als ich mich nach unserem Abschied nochmal umdrehe und ihn so im Regen davonmarschieren sehe, habe ich irgendwie ein gutes Gefühl.


Keine Viertelstunde später hört der Regen auf. Das nächste Dorf ist unscheinbar - und doch etwas Besonderes. Genau hier, wo heute das Dorf steht, stießen die mächtigen Gletscherzungen aus Norwegen und der Ostsee in der letzten Eiszeit zusammen. Aus einem gewaltigen Gletschertor am südwestlichen Ende des heutigen Hald-Sees ergossen sich Kaskaden von Schmelzwasser, Kies und Sand über die Heideebene im Westen. So entstand eine markante Landschaftsgrenze. Gegen Osten erhebt sich heute eine hügelige Moräne, und im Westen breitet sich die flache Schmelzwasserebene aus, durch die ich die letzten beiden Tage gegangen bin. Fast schlagartig stehe ich in einer anderen Landschaft. Soeben war ich noch in einer landwirtschaftlich geprägten Ebene und auf einmal stehe ich - ohne groß aufgestiegen zu sein - auf der mächtigen, von knorrigen Eichen, Wacholder und Heide bewachsenen Moräne Dollerup Bakken und schaue über Hänge und tiefe Schluchten hinunter auf den Hald-See, den ersten Teil einer langen ehemaligen Schmelzwasser-Abflussrinne, die sich von hier bis an die Ostsee bei Hobro erstreckt. Eine Landschaft ändert sich total innerhalb weniger Meter. Ich bin beeindruckt.


Bei meiner nächsten Unterkunft, der Herberge bei dem großen Gutshof Hald Hovedgard, gibt es eine ehemalige Scheune, in der die historischen Veränderungen der Landschaft, ihre Flora und Fauna sehr anschaulich dokumentiert werden. Für eine halbe Stunde gönne ich mir das. Die Herberge ist weniger beeindruckend. Halt so, wie so oft: großer Schlafsaal mit Küchenzeile, ich bin (wiedermal) alleine, es ist - vorsichtig ausgedrückt - nicht warm, aber es gibt heißes Wasser zum Duschen und im Wasserkocher für den Kaffee, es ist sauber und es gibt Decken. Also bitte!




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Von Schlachten und Bergvölkern

Der Rotwein, von dem vielleicht ein Schnapspinnchen Inhalt fehlte, war gestern Abend recht vollmundig. Ich glaube, nach Leerung der Flasche habe ich zwischen den Stockbetten ein wenig getanzt - natürlich nur, um mich warm zu halten. An diesem Morgen mag ich gar nicht so gerne aus dem kuschelig warmen Schlafsack steigen, wenn da nicht ein dringendes menschliches Bedürfnis wäre, welches sich spätestens jeden Morgen nach dem Ausschlafen ankündigt.


Auf dem Pastoratshof ist es schon angenehm warm, als ich mir meinen Wheelie anklemme. Der Pastor kommt gerade aus seinem Büro - im Arbeitsoverall. "Die Büroarbeit muss warten. Ich muss jetzt erstmal den Rasen hinter dem Haus mähen", erklärt er mir lachend und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Und... hat der Rotwein geschmeckt?" Ich kann das nur bestätigen und mit einem erhobenen Daumen schwingt er sich auf einen kleinen Sitzmäher und kurvt damit tuckernd hinters Haus. "God tur!", höre ich so gerade noch und er winkt, ohne sich nochmal nach mir umzudrehen.


Kaum hundert Meter gegangen, schnalle ich auch schon wieder ab. Ich schau nochmal eben bei "Brugsen" rein, dem dänischen Discounter, der siebenmal die Woche von 8 bis 20 Uhr geöffnet hat. Ich könnte mal wieder einen gepflegten Camembert vertragen, in den Herbergen bin ich ja sowieso allein. Außer mir ist zu dieser frühen Zeit nur eine Angestellte im Laden, die gerade einige Regale mit frischer Ware befüllt. Ich eile durch die Gänge (warum überhaupt?) auf der Suche nach dem Camembert, drehe mich suchend um die eigene Achse - da passiert's! Ich weiß nicht wie, aber wahrscheinlich mit der Schnalle meines Tagesrucksacks bleibe ich an dem Gestänge eines Angebotsständers mit Ananasdosen hängen. Selten hat sich von mir etwas so mitreißen lassen wie dieser Angebotsständer. Jedenfalls kippt er erfolgreich um und befördert mindestens zehn Ananasdosen auf den Boden. Von der Angestellten kommt ein "Huch!" und ich tauche schnellstens auf den Boden ab, um vier Dosen unter den Auslagetischen hervorzuholen, bevor sie noch weiter davonrollen. Erst nachdem ich die eingefangen habe, kümmere ich mich um die anderen, die schon eine gewisse Strecke im Gang hinter sich haben. Das Ganze muss einer Slapsticknummer sehr nahe gekommen sein, denn die junge Angestellte, zu der ich mich jetzt etwas verschämt umdrehe, kann sich vor Lachen offenbar nicht mehr halten. Das befreit und ich lache mit. Als ich meinen Camembert bezahle, lachen wir immer noch.


Gutgelaunt und in der stillen Hoffnung, dass man mir nicht nochmal so einen Ananasständer in den Weg stellt, marschiere ich in den Morgen. Weiterhin ist für mich der Weg die Radvariante, d.h. kleine Straßen, auf denen ich kaum mal einem Auto begegne, bringen mich durch die Landschaft. Flach geht es daher, nur selten deuten sich bewaldete Hügel an. Kühe mit ihren Kälbern verlieren sich auf weiten Wiesen, bronzezeitliche Grabhügel tauchen immer wieder wie aufsteigende Blasen aus den Äckern auf und über die neongelben Rapsfelder flattern die Feldlerchen und singen ihr aufgeregtes Lied. Nichts deutet darauf hin, dass ich mich etwa acht Kilometer nach Kragelund einem nahezu blutgetränkten Areal nähere. Als ich die kleine weiß-rote Grathe Kirke vor mir sehe, weiß ich, dass ich mittendrin stehe.


Die einst so weitläufige Grathe-Heide (Grathe Hede) war Schauplatz mehrerer Königsfehden. Sie spielten sich natürlich hier ab, weil die Gegend einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der damaligen Zeit war. Heute kann ich mir das mörderische Schlachten nur schwer vorstellen, wenn ich in einer Kulisse von Lerchengesang und friedlich grasendem Vieh in der Kulturlandschaft stehe. Die Schlacht in der Grathe Heide am 23. Oktober 1157 bedeutete das Ende des Bürgerkrieges um den Königsthron zwischen Svend lll., Knud V. und Valdemar dem Großen. 1146 wurde Svend König von Seeland (den dänischen Inseln) und Schonen (dem heutigen Süden Schwedens) und Knud König von Jütland. In mehreren Feldzügen versuchte Knud, Seeland zu erobern, wurde jedoch vertrieben und flüchtete nach Deutschland. Valdemar hatte sich zunächst Svend angeschlossen, der ihn zum Herzog von Schleswig ernannt hatte, wechselte aber die Seite, was er durch seine Verlobung mit Knuds Halbschwester unter Beweis stellte. Die drei Bewerber einigten sich schließlich darauf, die Macht untereinander aufzuteilen. Valdemar erhielt Jütland, Knud die Inseln und Svend Schonen (Skane). Daraufhin fand am 9. August 1157 in Roskilde ein Versöhnungsfest statt, auf dem Svend jedoch - der Lümmel - die beiden anderen Könige von seinen Männern überfallen ließ. Knud wurde getötet, aber Valdemar gelang es, verwundet nach Jütland zu fliehen, wo er, auf Rache sinnend, ein großes Heer aufstellte. Ende September war er so stark, dass er den Kampf gegen Svends Truppen wagte, und am 23. Oktober kam es zur Schlacht auf der Grathe Hede, die mit der Flucht Svends endete. Dabei geriet er in einen Sumpf und verlor seine Waffen und seine Rüstung. Später wurde er gefangengenommen und durch einen Axthieb getötet.


Nach meiner Rast an der Grathe Kirke komme ich nur einen Kilometer weiter beim Hof Gragard an einem fünf Meter hohen schlanken Gedenkstein vorbei, der - ein in den Boden gerammtes Schwert symbolisierend - genau an der Stelle stehen soll, an der Svend durch den Axthieb starb und den der dänische Dichter Thor Lange zur Erinnerung an dieses Ereignis hat aufstellen lassen. An der Mordstätte wurde eine Bußkapelle errichtet und König Svend etwas nördlich dieser Kapelle begraben. Nach der Reformation wurde die Kapelle abgerissen, die letzten Reste verschwanden 1864-65 und sollen beim Fundament der neuen Grathe Kirke verarbeitet worden sein. Nördlich der ehemaligen Kapelle wurde tatsächlich das Skelett eines 30-40-jährigen großen Mannes gefunden, der an einem Axthieb an der linken Seite des Kopfes gestorben war. Man vermutet, dass es sich um die irdischen Reste von König Svend handelte. Valdemar war die folgenden 25 Jahre alleiniger König in Dänemark. Bei seinem Tod 1182 hinterließ er ein blühendes Reich - und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Der Beiname "der Große" war wohl verdient.


Bis nach Thorning, meinem nächsten Etappenziel, ist es nicht mehr weit. Weit war es die ganzen letzten Tage nicht - aber kraftsparend. Außerdem habe ich mir ja nicht extra Vormittagsspaziergänge zurechtgelegt, weil ich mir nicht mehr weitere Strecken zumuten möchte. Da ich in Pilgerherbergen übernachten wollte und die eben in diesen relativ kurzen Abständen liegen, gab es keine andere Wahl. Doch - ich hätte jede zweite nehmen können! Aber wiederholt 32-35 km "zu machen", muss nun auch nicht sein. Ich bin schließlich auf einer Pilgerwanderung und nicht auf der Flucht.


Die Tür der Pilgerherberge, einer alten ehemaligen Schule direkt neben der Kirche, ist abgeschlossen, aber ein Zettel weist freundlich darauf hin, dass nur ein Anruf bei der angegebenen Nummer notwendig sei, und schon käme jemand zum Öffnen vorbei. So ist es auch. Tom muss im Ort wohnen und fährt fünf Minuten später mit dem Auto vor. Er weist mich in alles ein, macht mich auf die vollen Bierflaschen im Kühlschrank aufmerksam (kein Rotwein!) und ist auch schon wieder weg. 


Das Haus hat eine gewisse Gemütlichkeit. In verschieden großen, mit Teppichen ausgelegten Räumen stehen jeweils zwei bis vier Stockbetten, ergänzt durch Couchen, Sessel, Tische, Stühle. Alle Betten haben Klemmleuchten und es gibt verschiedene kleine Schränke mit Büchern, Broschüren und Prospekten. Zu meinem Zimmer gehört ein eigenes Bad und in der Küche fehlt es an nichts, wie gesagt, sogar nicht am Bier. Nur die Heizkörper lassen sich nicht aufdrehen.


In dieser meiner vorletzten Pilgerherberge auf dem Heerweg kommt es zur Premiere. Gegen Ende meines Relax-Nickerchens höre ich vor der Außentür Stimmen, Frauenstimmen. Eine davon etwas piepsig, die andere mehr männlich angehaucht. Vom Klang her sind sie eindeutig den Bergvölkern der Alpen zuzuordnen. Ich eile zu der verschlossenen Tür, damit Tom nicht erneut - diesmal von den Frauen - antelefoniert wird, und öffne. Vor mir steht eine monumentale Österreicherin (wie sich später herausstellen wird) mit ihrer erwachsenen Tochter, die ihr aber nur knapp bis an den (ebenso monumentalen) Busen reicht und schwer humpelt. Mutter spricht mich auf Englisch an, was ich zunächst nicht korrigiere. Kann ja auch mal ganz spannend sein. Beide haben große Entscheidungsschwierigkeiten, welches der Zimmer sie denn nun belegen möchten. D.h. Mama hat diese Probleme, Tochter humpelt immer nur wehklagend hinterher. "Mama, ist doch egal! Ich will jetzt sitzen!", jammert sie. "Schleich di!", ist Mamas einziger Kommentar. Ich beobachte das alles unter innerlichen Lachkrämpfen, während ich mir in der Küche einen Kaffee koche, mich damit in den Aufenthaltsraum setze und im Gästebuch blättere.


Dann beginnt die Zeit (ich habe mich inzwischen als Deutscher geoutet), wo diese gewaltige Frau, die schon bei ihrer Ankunft sich ihres riesigen Rucksacks so mühelos entledigt hatte als sei er ein kleines Kissen, auf mich Blicke wirft (bitte, ich bilde mir nichts ein!), als hätte sie einen Leckerbissen vor sich. Ohne mir Illusionen über meinen Charme zu machen, spüre ich doch, dass es der Mann in mir ist, der da seine Wirkung tut - und das macht mir ein wenig Angst.


Hinzu kommt ein anderes Thema: die Füße von Lissy, der Tochter. Ja, ja, die Füße der Pilger! Ein albernes Thema, das jedoch auf einem Pilgerweg beachtliche Ausmaße annehmen kann. Jede Etappe ist eine Gelegenheit, diesen Extremitäten, deren Wichtigkeit man im Alltagsleben gar nicht ermessen kann, besondere Pflege angedeihen zu lassen. Manche Pilger durchleben mit ihren Füßen einen Albtraum, aber vor allem bescheren sie ihren Mitmenschen manchmal einen solchen. Denn nur wenige behalten ihre Martern für sich. Anders als die intimeren Körperteile werden die Füße recht gern in der Öffentlichkeit gezeigt. Man hält sie den Gesunden unter die Nase, um von ihnen eine Meinung einzuholen, und hofft vielleicht, dass ihr mitleidiger Blick auf die Blasen, Abschürfungen und Sehnenentzündungen lindernd wirkt. 


Als ich beim Abendessen am großen Küchentisch sitze - es gibt Roggenbrot mit Camembert - sitzen Mutter und Tochter mir gegenüber. Mutter fördert step by step ein halbes Krankenhaus samt Notfall-Operationsbesteck aus ihrem Rucksack. Bis auf eine mobile Krankentrage ist offensichtlich alles dabei. Sie erklärt, dass sie nicht nur mit den klassischen schulmedizinischen Versorgungsartikeln, sondern auch homöopathisch, nämlich mit Aroma-Ölen, perfekt ausgestattet sei, und lächelt mich dabei gewinnend an. Sie versorgt Töchterchens Blase, die inzwischen ziemlich eklig mit Blut vollgelaufen ist und sich mit rund fünf Quadratzentimetern am Fuß ausgebreitet hat, mehr als fachfrauisch. 


Mir reicht es jetzt. Ich ziehe mich mit meinem Roggenbrot und einer Flasche Bier auf mein Zimmer zurück und überlege einen Moment ernsthaft, ob ich die Tür abschließe.




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