Warum pilgern? Was ist Pilgern?

Warum steigen Menschen auf hohe Berge? Gefährden manchmal Leib und Leben? Da hört man die Antwort: weil sie da sind. Warum laufen Menschen auf alten historischen Pfaden? Durch menschenleere Landschaften? Bei brütender Hitze oder peitschendem Regen? Über zwanzig Kilometer am Tag. Die Antwort ist einfach: Weil es die Pfade gibt. Weil sie da sind. Als Wege, die Regionen in Europa verbinden. Und als Zeichen. Zeichen für ein Leben jenseits dessen, was vertraut und bekannt ist. Zeichen für ein Leben, von dem Mann und Frau noch etwas erwartet.

 

Seit Jahrhunderten brechen Menschen auf. Früher noch mehr als heute. Sie nehmen eine Auszeit. Unterbrechen ihren normalen Alltag. Und nähern sich einem bedeutenden Ort zu Fuß. Mit Rucksack und eventuell auch Pilgerstab. Voller Hoffnung auf ein Gelingen. Schinderei und Qual denken die einen. In-Sich-Selbst-Hineinhorchen-Können die anderen. Heute noch zur Vergebung der Sünden? Als besonderes religiöses Erlebnis? Oder doch mehr als sportliche Herausforderung? Oder als Kulturtripp für diejenigen, die sich's leisten können? Ist die Antwort so wichtig? Muss das wirklich ganz geklärt sein? Kann es das überhaupt?

 

Jakobsweg. Eine Wanderung auf alten Pfaden. Auf den Spuren der Pilger aus längst vergangenen Zeiten. Gemeinsam Unterwegs-Sein mit anderen Pilgerinnen und Pilgern. Sich  unterhalten. Freundschaften schließen. Übernachten in den Herbergen am Weg. Zusammen essen, lachen, Wäsche waschen, Route planen, Infos austauschen. Menschen unbefangen begegnen. Sich gegenseitig unterstützen. Oft über Hunderte von Kilometern dem Wind und Wetter ausgesetzt. Und auf die Gastfreundschaft der Menschen am Wege angewiesen.

 

Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen. Keine Hetze. Kein Getrieben-Sein von Terminkalender und Telefon. Nicht auf der Überholspur. Nur am Abend die Unterkunft erreichen. Pilgern bedeutet, sich für Dinge um sich herum Zeit nehmen. Beobachten und Bewahren. Die Landschaften in sich aufsaugen. In fremde Gesichter schauen. Sich in einer anderen Sprache verständlich machen. Und Bauwerke voller Geschichte besuchen und studieren. Pilgern ist laufen, den Kopf leeren, zu sich kommen, zur Ruhe kommen, den Alltag loslassen, Stille aushalten.

 

Sagen uns nicht renommierte Geistes- und Naturwissenschaftler seit Langem, dass unsere gestresste und von Burnout-Syndromen geplagte Gesellschaft nichts dringender braucht als Entschleunigung? Es ist dieser Entschleunigungsaspekt. Die Welt zieht langsam an mir vorbei, das lässt die Gedanken ebenfalls zur Ruhe kommen. Schon nach wenigen Tagen schalte ich den daheimliegenden Alltag ab.

 

„Ist das nicht langweilig?“, wurde ich schon mehrmals gefragt. Pilgern ist Achtsamkeitstraining im Selbstversuch. Manchmal fällt Regen, ein Wald nimmt dich auf, dicke Wolken ziehen vorüber, dann scheint von einer Minute auf die andere die Sonne, ein anderer Pilger schließt sich an und plötzlich bist du im spannenden Gespräch, die Flechten strahlen ginstergelb, raus aus dem Wald, rauf auf den Berg, hinunter ins Tal, und dann denkst du plötzlich daran, dass diesen Pilgerweg Tausende vor dir gingen. Von Langeweile keine Spur.

 

Auf dem Weg kommen Pilger in Kontakt mit den Fragen, die sie unsichtbar im Gepäck haben. Es sind Fragen nach dem bisherigen Lebensweg und Fragen an die Zukunft. Wie soll ich mein Leben gestalten? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr im Beruf bin? Bin ich noch was wert, wenn die Kinder aus dem Haus und mein Lebenspartner mich verlassen hat? Soll ich mich trennen oder haben wir zwei noch eine Chance? Gibt es Heilung für mich? Existiere ich auch jenseits der Pflichten und Rollen? Manche haben diese Fragen im seelischen Gepäck und wissen nicht darum, wenn sie starten.

 

Das Ankommen in der Pilgerherberge oder einer anderen Unterkunft wird wieder wie ein täglicher Siegeszug sein. Ob ich aber heute Abend ein Bett haben werde und wie es aussieht, ob ich in Gesellschaft netter Menschen sein werde oder alleine, das weiß ich den ganzen Tag über nicht, bis ich ankomme. Ich packe meinen Rucksack und reduziere mich für eine begrenzte Zeit auf das Wesentliche. Statt in den vier Wänden meines Autos, meiner Wohnung oder meines Büros zu sitzen, bewege ich mich ganztägig unter freiem Himmel. Nicht die Termine, E-Mails und Telefonate bestimmen meinen Rhythmus, sondern das Wetter, meine körperliche Konstitution, Stimmung und – wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin – meine Mitmenschen. Das Gehen entschleunigt und weitet meinen Blick für den Augenblick, die Wahrnehmung und das (Mit)gefühl für mich und meine Umwelt.